Flamboyant 3: Wir haben ein Date

»Ich fühle etwas Großes, Chef«, sagte er jetzt, während Ulrich ihn bitter anblickte und eine Antwort erwartete, die es ihm ermöglichte, seinem heißspornigen Volontär nicht fristlos zu kündigen. Solange er selbst mit den Leuten sprach, um seine Spinnereien zu kultivieren, von Angesicht zu Angesicht, vielleicht über den zwischen den Parteien stehenden Bierschaum hinweg, wollte er gerne derjenige sein, der es ertrug, von Zeit zu Zeit mit verblüffenden Analogien konfrontiert zu werden, die so oft zum Brüllen komisch waren. Als Chefredakteur, der das Heft in der Hand behalten musste, war es ihm allerdings unmöglich zu dulden, dass der gute und langweilige Ruf der Zeitung auf das Niveau des San Francisco Examiner hinuntergezogen wurde.

»Willi … ich will ehrlich mit dir sein. Dieser Brief, der den offiziellen Anschein besitzt, ist eine Katastrophe. Du tust nie, was man dir sagt, hältst Ella von ihrer Arbeit ab und machst alle anderen Mitarbeiter mit deinen Geschichten verrückt. Und jetzt betreibst du auch noch deinen eigenen Boulevard.«

»Aber es ist wahr!«

Trübselig nahm Ulrich das kindlich-beleidigte Gesicht zur Kenntnis, das seinem entgegentrotzte. »Wahrheit, mein lieber Willi, spielt doch überhaupt keine Rolle. Jeder interpretiert sie auf seine Weise. Wir sammeln Nachrichten und geben sie weiter, wir führen sie nicht herbei.«

Als Willi einige Minuten später aus dem Büro trottete, winkte ihn Ella zu sich und gab ihm einen Zettel. »Von Malte. Er lädt dich zum Essen ein. Ist alles in Ordnung?«

Willi nahm den Zettel ohne Schwung an sich, betrachtete ihn nicht weiter und stopfte ihn die die Hosentasche, wo er zwischen zerknüllten Geldscheinen und Münzen seinen Platz in der Dunkelheit einnahm.

»Hältst du mich für verrückt, Ella?«

»Auf jeden Fall!«

»Gut. Dann wirst du es mir nicht übelnehmen, dass ich dich bitte, mich zu heiraten?«

Ellas an sich große, runde Augen, schrumpften etwas, als würde ein geheimer Mechanismus im Innern ihres Gesichtes nicht zulassen, dass ihre Gedanken durch die Iris nach draußen drangen. »Ich … also … Willi, das überrascht mich jetzt etwas …«

»Warum nennst du mich nicht einfach Bill?« Er seufzte. »Ulrich hat mich rausgeschmissen. Er meint, ich solle Wahrheit abbilden und nicht generieren.«

»Meine Güte, Will … das tut mir Leid.«

»Mir auch. Naja, und ich dachte, wenn ich eh schon dabei bin, alles in den Sand zu setzen, hole ich mir von dir gleich die nächste Abfuhr ab.« Er grinste säuerlich und Ella dachte, dass dies ein raffinierter Schachzug war. Sie mochte Willi, so, wie man einen nervigen Bruder mag. Er war lustig, gebildet, was Comics und Rockmusik betraf, aber leider völlig ungepflegt und außerdem zu jung. Seine Avancen hielt sie für so zufällig und unbewusst wie Nasenbohren. Seinen Arsch, der einzige Anhaltspunkt, den es bei Männern gab, konnte man in seiner Hose nicht einmal erahnen. Es kam ihr etwas merkwürdig vor, dass sie an Hintern dachte, während dieser arme Tropf verzweifelt versucht war, seinen Tag zu retten. Aber Hintern, das ließ sich nicht leugnen, waren mit ihren beiden Schinkenkolben die wichtigsten Teile der Dampfmaschine …

»Du denkst darüber nach!« Beinahe wieder der alte.

»Ich dachte gerade an eine Dampfmaschine.« Sie schüttelte ihren hinreißenden Kopf, dann korrigierte sie sich und sah offenherzig zu ihm auf. »Ich dachte an Maltes Eisenbahn. Wir könnten zusammen hingehen.«

Ähnliche Beiträge

  • Der Elvegust

    Das Aufblitzen der Scheinwerfer eines sich nähernder Knudson-Taunus fräst für kurze Zeit einen gespenstischen Schein in die Nacht. Die Häuser entlang der Schlossstraße wirken wie übriggebliebene Kulissen aus Alain Resnais ›Letztes Jahr in Marienbad‹, wo die Komposition stets wichtiger ist als die Aktion, die Sinneseindrücke persönlicher als die Interpretation. Ansaugen, Verdichten, Arbeiten, Ausstoßen. Ein Schattenregister.

    Gitternetz der Beobachtung: Verschwunden ist das, was die Pupille nicht streift, ein ungesehener Winkel, möglicherweise ein Scheunentor, ein Stein unter der Brücke, ein Grashalm im Wasser neben dem eigenen Gesicht.

    Mehr lesen „Der Elvegust“
  • Hagazussa

    Geschrieben von A. Anders

    Wir hatten nie wirklich zueinander gefunden. Ich konnte weder mit ihr, noch ohne sie leben. Ihrer jedoch mir mittlerweile schmerzhaften Abwesenheit wegen, hatte ich versucht, sie mir lebendig zu erhalten: Ich schnitt aus den Bildern ihrer Ahnen, die ich längst auf den Dachboden gebracht hatte, um sie dort zu lagern, Teile ihrer rosigen Gesichter, die, sobald ich sie befeuchtet hatte, sich wie feine Hauttücher Schicht für Schicht auf den von mir zu diesem Zwecke geschnitzten und geschliffenen Puppenkopf aus Holz modellieren ließen. Für ihre Wimpern verwendete ich die Beine der unzähligen toten Fliegen, die sich im Laufe der Jahre auf meinem Fensterbrettern gesammelt hatten und die ich in leeren Streichholzschachteln verwahrte. Ihre Augen aber ließ ich geschlossen. Denn keines der Inkarnate der Iriden ihrer Ahnen schien die Farbe ihrer Iriden zu haben. Wie nahe oder fern ich ihrem Antlitz dabei kam, konnte ich nicht sagen, zu starr und unbewegt bot es sich mir dar. Weshalb ich die Inkarnate immer mal wieder vorsichtig löste und sie auf dem Gesicht der Puppe neu anzuordnen versuchte. Ihr Körper sollte noch folgen.

    Ich verließ nur noch selten das Haus. Wollte mich schützen, vor dem, was man über sie erzählte. Man berichtete sich, sie hätte schon als junges Mädchen, als sie noch in einem der Ställe gearbeitet hatte, die Pferde verrückt gemacht. Weshalb man es ihr zuschrieb, als am 13. August sämtliche Pferde, die die Bauern des Dorfes auf ihren Gehöften beherbergten, wild, mit einem weißen Schleier, der in ihre Mähnen gebunden war, die Hauptstraße hinunter schossen, um in alle Himmelsrichtungen zu fliehen. Es hatte mehrere Tage gedauert, sie wieder einzufangen. Sie, deretwegen man nun Grund hatte, sich die Mäuler zu wässern, um zu fabulieren, lebte, allein mit ihren Hühnern, in einer kleinen modrigen Holzhütte am Rande des Birkenhains. Ihr Alter vermochte niemand zu schätzen. Viele Jahre schon hatte sie niemand mehr gesehen. Eine der häufigsten Verwünschungen, die in den Stuben des Dorfes ausgesprochen wurde, war diese: Den Eiern ihrer Hühner solle der Dotter fehlen, statt der Schalen sollen sie schlangenartige, verdrehte Häute haben. Kinder unterdessen flüsterten anderen Kindern zu, sie hätten sie, als sie am Randes des Birkenhains spielten und in der Erde nach Stinkmorcheln suchten, von einem Schleier verhängt, an einem ihrer Fenster stehen sehen. Man hatte ihnen erklärt, dass die Leichenfinger, die aus der Erde über manchen Gräbern des hiesigen Friedhofs wuchsen, eben diese Stinkmorcheln waren, die die Kinder zum Platzen bringen wollten, um die schwarzgrünen Sporenwolken aufsteigen zu lassen. Nur dass die Alten sie als Hexeneier bezeichneten. Doch noch bevor sie sich zu weißen schlaffen Leichenfingern wandelten, deren Kuppen recht bald zur Erde hin zeigten, ragten die Fruchtkörper, aus dem Ei hervorkommend, wie Phalli mit schwarzgrünen Hüten, die von Myriaden von Fliegen umschwärmt wurden. „Unzüchtiges Teufelszeug“, hatte man gerufen, als man sie das erste Mal auf den Gräbern erblickte. „Das ist ihr Werk! Wo Fliegen sind, da ist der Teufel nicht weit!“

    Ich hatte es damals gehört. Weshalb ich mich endgültig entschieden hatte, in das verlassene Haus meines verstorbenen Mannes, den ich am 13. August 1947 geheiratet hatte, am Eingang des Dorfes zu ziehen und meine kleine Hütte am Rande des Birkenhains zu verlassen. Ihren fertig modellierten Körper jedoch hatte ich in mein zurückgelassenes Heim gebracht. Meinen Schleier behielt sie bei sich.

  • Verdrehte Nacht

    Heute Nacht schlief ich zum Beispiel erst ein, als ich bereits wieder aufstehen wollte, gegen vier Uhr. Das sind ziemlich extreme Verlagerungen, und dementsprechend bin ich heute auf den Beinen. Aber die Sonne scheint gerade zum ersten Mal auf diese Weise durch die Fenster und kündigen den baldigen Frühling an. Zumindest ist das der Plan.

    Verblüfft bin ich gegenwärtig von der baskischen Schriftstellerin Eva García Sáenz, deren „Stille des Todes“ von 2016 ich gerade lese, aber dazu werde ich gesondert noch kommen.

    Mehr lesen „Verdrehte Nacht“
  • Der Hexenschuss am Abend

    Es ist die dritte Nacht, in der mich die Poltergeister drangsalieren. Heute war es die Hexe mit ihrem Hexenschuss (wahrscheinlich habe ich mir einen Nerv im Steiß eingeklemmt), so dass ich bei jeder Drehung aufwachte. Als ich schließlich den Abort aufsuchen musste – ein Drang, der weißgott nicht zu ignorieren ist, will man überhaupt noch ein Auge zutun – kam ich nicht in die Höhe. Nach einer Viertelstunde hatte ich mich zumindest an der Bettkante aufgesetzt. Es gelang mir, mich in die Küche zu schleppen, um etwas Voltaren aufzutragen und siehe da, es wurde zumindest in der Weise erträglich, dass ich mich Bewegen konnte.

    Tagsüber war davon überhaupt nichts zu spüren, das Flanieren über den Flohmarkt an der Allgäuhalle war sogar wieder sehr ertragreich. Drei Plattenstände abgegrast und bei jedem fündig geworden. Selbst Raritäten wie Larry Coryells The Restful Mind waren zu finden. Eine wirklich erstaunliche Entwicklung für Kempten.

    Selbst ein kleines Spitzweg-Gemälde fand seinen Umschlag. Der gute alte Biedermeier-Stil – hier der „ewige Hochzeiter“, was ja nun wirklich kein unbekanntes Gemälde ist. Interessant ist die Rahmung, die aus alten österreichischen und schweizer Abbruchhäusern aus dem 16ten bis 19ten Jahrhundert rührt und zusammengesetzt wurde. Leider ist das Gemälde nicht komplett gefasst, sondern nur die Blumengabe an der Treppe. Natürlich ist ein Begriff so gut wie der andere; wenn man bedenkt, dass der Biedermeier vor dem „Realismus“ angesetzt war – eine Epoche, die im Grunde zur Verlogensten überhaupt gehörte (was der Name „Realismus“ ja schon aussagt), ist es kein Wunder, dass in permanenter Unstetigkeit ein Elysium aus Behaglichkeit auch heute noch bei empfänglichen Menschen durchschlägt, vor allem deshalb, weil sich heute mehr das Irrationale und völlig Menschenverachtende des Realismus durchgesetzt hat.