Flamboyant: 4 Maltes Eisenbahn

Hier wurde bereits viel gesehen. Gespenster blicken aus allen Fenstern, in den Kaminen hängen die Laken der Steckengebliebenen, die Keller überlaufen von dunklen Obsessionen, die ihr Geheimnis ablegten in den Ecken, den Spalieren, unter den Dielen, in einer Truhe unterm Dachgebälk oder im Gedächtnis der Ortschaft. Viel gesehen, viel geschwiegen, vergraben – ausgemerzt. Keiner weiß mehr.

Malte glänzt in der geöffneten Tür mit einem goldenen Morgenmantel, dessen Kragen bis zu den Ohren hochgeschlagen einen ägyptischen Herrscher persifliert, der seinen Hals ebenso wenig der Öffentlichkeit präsentiert wie sein Geschlecht. Gut behütet wird er von einer Baskenmütze, zu poltern erlauben ihm schwere Narbenlederschuhe. Die Schritte dröhnen mächtig und erschüttern zumindest den ersten Stock, aus dem sich niemand herauswagt, um der Wanderung der Titanen Einhalt zu gebieten. Die Wände, hoch und im Hausmann’schen Stil, waren schon vor den Göttern erschaffen, Stuckarabesken falten sich in ein verblasstes Deckengemälde hinein. Eine Jagdszene ist dort zu sehen, Hunde mit Menschenaugen, Jäger, die sich mit lilaschwarzen Trauben mästen, während ein Hirsch in ihrer Mitte zufrieden dreinblickend verblutet.

»Aber Malte, Sie haben uns doch gestern eingeladen!«

Der stand reichlich verblüfft darüber, Ella und Willi gemeinsam vor seiner Tür stehen zu sehen, für Momente wie eine goldtriefende Kleiderpuppe auf der Schwelle zu einer anderen Welt. Den Randgebieten seines Königreichs war leicht anzusehen, dass sich hier der Herrscher des Raums, den er durchmisst, mit demselben zu vereinigen wusste. Die Ausdehnung seines Körpers fand hier statt, und indem man Maltes Wohnung betrat, betrat man ihn selbst.

Die Würze ist das Rätsel, geheimnisvoll wie Safran und Curcuma. Das Rätsel ist die Würze in einer unendlich dahinschwebenden, sich beständig ausdehnenden Welt. Wir alle werden größer, aber wir bemerken es kaum, wir werden durchlässiger, durch uns mäandern Gezeiten.

»Das stimmt nicht ganz, junge Dame – ich ging von zwei unterschiedlichen Situationen aus.«

Geheimnisvoll (seine Stimme sank dahin) raunte er: »Ich fürchte, jetzt müssen wir alles zusammen erledigen.«

Er hielt weiter die Tür auf, machte aber keine Anstalten, sie einzulassen. Sie hörten das Rauschen der Miniatureisenbahn aus einem der Zimmer dringen, die von einem langgezogenen Korridor links und rechts abzweigten, ohne dass man hineinsehen hätte können. Geradeaus schien der Flur in eine Küche zu münden, Töpfe, Zuber und Schüsseln standen auf dem nackten Boden herum, halb von einer alten Kellertür verdeckt. Ella war jetzt doch froh darüber, Willi dabei zu haben. Sie glaubte zwar nicht, dass ihr wirklich etwas Schlimmes in dieser Wohnung zustoßen könnte, aber wenn sie darüber nachdachte, dürften selbst ihre hypothetischen Schreie völlig uninteressant für die Nachbarn sein, sollte sie je in die Lage geraten, überhaupt schreien zu müssen.

»Was machen Sie mit Ihrer Eisenbahn, wenn der Strom ausfällt?« Willi kratzte die Straße seines Scheitels entlang, an dem die Haare besonders stark zogen.

»Oh!« Malte trat beiseite. »Das müssen wir ja auch noch klären. Kommt rein und helft mir, mein Leben sinnvoll zu gestalten.«

Rumpelnden Schrittes führte er sie in ein Zimmer, das wie ein Warteraum in einem kleinen Bahnhof eingerichtet war. Bänke an die Wände geschraubt, Auskunfts- und Ankunftstafeln, stank es nach Bohnerwachs und kalten Kohlen. Die Glasfront eines Fahrkartenschalters (mit einem Sprechfenster in der Mitte) führte in einen anliegenden Raum hinüber und in der Mitte zischelte eine Lokomotive mit drei Waggons durch eine kunstvoll gestaltete Landschaft.

»Abgedreht!«

Ella glaubte, dass Willis Spleen sich nicht so sehr von Maltes unterscheiden konnte, wenn sie sein begeistertes Zwinkern nicht falsch deutete. Okay, jetzt befand sie sich also mit zwei Verrückten in einem subversiven Bahnhof, der so ziemlich alles vermissen ließ, was eine gute alte Wartestelle in der Wirklichkeit auszeichnete, vor allem aber: Öffentlichkeit.

»Wartet hier«, Malte deutete auf eine angeschraubte Holzbank, »der nächste Zug fährt erst in zwei Stunden.« Er trampelte zum Fahrkartenschalter hinüber und kam mit zwei Billetts wieder zurück, die er ihnen in die Hand drückte. Als er ihre fragenden Gesichter sah, sagte er: »Wir müssen die Form wahren. Es ist verboten, sich ohne Fahrkarte hier aufzuhalten.« Der ehemalige Chefredakteur der Frankenpost war nicht wiederzuerkennen. Sein Gesicht hing wie mit Steinen beschwert nach unten. Wackersteine, dachte Ella. Warum hast du so ein sackähnliches Gesicht? Damit du dich besser fürchten kannst! Gestern hatte dieser Mensch so überaus fidel gewirkt. Ella bemerkte die Unsicherheit, die von Willi ausging, als ob er es jetzt endlich ebenfalls wahrnahm, dass hier etwas nicht stimmte. Das machte sie derart nervös, dass sie am liebsten aufgestanden und aus dem Haus gelaufen wäre, im Grunde hinderte sie nur ihre Höflichkeit daran.

»Achtet auf den Widder!«, gurgelte Malte und speichelte seinen Goldkragen voll.

»Was?!« Jetzt war sich Ella sicher. Malte war nicht mehr Malte. Ein schabendes Geräusch ging von ihm aus, die Luft roch nach absonderlichen Dämpfen und er bewegte sich nicht mehr.

Ähnliche Beiträge

  • Vergangene Weihnacht

    Ich würde gerne hineingleiten
    in eine Spukhütte an unbenennbarer Stelle
    fern jeglicher Beschreibung
    nicht dem Wetter ausgesetzt
    nicht der Zeit ausgesetzt
    und dort die Gestalt der vergangenen Weihnacht
    am Kamin stehen sehen
    diese Hand wäre es mir wert
    geschüttelt zu werden

  • |

    Die Tigerin von Schächtitz

    Im Abendlicht bog sich das nur schemenhaft zu erkennende Gebäude in die Länge. Das im Nebel liegende Anwesen selbst verlor sich im Nichts der Karpaten. Der Horizont wurde beherrscht von einer drohenden, schwerfälligen Masse unbestimmter Formen, die kaum mehr von einer vergeblichen Sonne durchdrungen werden konnte. Jahrmillionen alte Berge bissen in das weiche, fahle Himmelsfleisch und bildeten einen Klumpen konzentrierter Bösartigkeit.

    Durch das darunter liegende Schloss zog die Karawane der Träume, angeführt von allerlei absonderlichen Gestalten, Gauklern und Scharlatanen in dunklen Kleidern.

    Mehr lesen „Die Tigerin von Schächtitz“
  • Wo die Wissenschaft versagt hat

    Bis zum heutigen Tag hat uns die Wissenschaft noch nicht mitgeteilt, wie viel Gummischnuller nötig sind, um einen Körper von 90 Kilo damit an einer Gardinenstange zu befestigen, und wie lange es dauert, bis der Körper dann voraussichtlich doch runter kommt, weil so ein Schnuller ja schneller ermüdet als ein Pfund Hack, das man in ein Kopfkissen stopft, denn da ist ja noch der Bezug außen rum. Bevor jetzt jemand sagt: Gute Renate, warum sollte so ein verrücktes Zeug denn jemand tun?, dann will ich in meiner Instanz als kluge Hausfrau darauf hinweisen, dass es ja möglich sein könnte, dass man sein Federkissen irgendwo verloren hat. So ein Pfund Hack hat man aber doch wohl immer parat, oder etwa nicht? Und wenn Sie sich scheuen, ihr Fleisch ins Bett zu tragen, denken Sie daran, dass Sie das im Grunde täglich tun, nur fressen Sie’s nachher nicht auf, weil Sie dann ja immer weniger würden, während so ein Schweinchen immer nachzuwachsen scheint, was den lieben Bauern zu verdanken ist, die die Tierchen mit Schlamm und Scheiße begießen, auf dass sie sich so freudig vermehren.

    Mehr lesen „Wo die Wissenschaft versagt hat“
  • Phantom

    Eines Abends, als der Regen in feinen Fäden vom Himmel fiel, saß ich wieder in einem dieser anonymen Cafés. Die Wände waren grau, das Licht zu schwach, um Schatten zu werfen, und die Luft war erfüllt von einem dumpfen Summen, das keinen Ursprung erkennen ließ. Es war die Art von Ort, in dem alles bedeutungslos wurde, weil nichts genug Substanz besaß, um Bedeutung zu erlangen.

    Mehr lesen „Phantom“
  • Ist das nicht ein Lied für dich?

    Die Türen klappern und die Eulen kauzen, sie erledigen ihr finsteres Mahl. In den Katakomben wären sie die Herrscher der klandestinen Welt, auf den Bäumen sind sie die Augen der Nacht, denen das Flirren der vom Irrlicht angestrahlten Insekten die Straße in den Nebel ist.

    Aus den Schornsteinen schälen sich die Gespenster der Holzrinde in hellgraue Mäntel. Ihr Ziel ist, wie so oft, das Nirgendwo.

    Nur mich treibt es über das unebene Plastrum hinaus, und ich wundere mich, dass ich unbehelligt fliehe, ohne ein forsches Tempo anzuschlagen, ohne die unzureichenden Sinne auszufahren, um die Schatten zu deuten, die gemütlichen Gerüche, die aus schlecht schließenden Fenstern schleichen, von den ätzenden Salben der Gefahr zu unterscheiden. Das stille Wunder der Nacht verschluckt mich an Ort und Stelle, unsichtbar, weil ich mich unsichtbar denke. Nur die Arglosen sowie Kinderseelen könnten mich jetzt noch entdecken, wie ich mich aufmache in die jenseitige Welt, die für mich nicht schwer zu erreichen ist durch das Pfand, das ich bei mir trage.

    Aber auch die würden mich nur in einem Traum wie ein Schemen finden, das Grauen in ihnen auslöst ohne Grund, so dass sie sich weigern, allein zu schlafen und darum bitten, es möge eine Kerze scheinen, ihren Atem bewachen, die Tür angelehnt, die Schränke verschlossen, denn vielleicht kröche ich aus dem Gewühl des Unaufgeräumten.

    Ohne Grund, nur aus der tiefen Ahnung des Todes heraus, den sie in Gedanken vorwegnehmen und sich damit Zeichnen all ihr Leben lang. Es wird dieses Bild sein, das sie auf ihrem Sterbebett imaginieren, das ihnen sagt: »Alles ist bar jeder Hoffnung. Kein Licht wird dich erretten, wenn du fällst in meine dunklen Schwingen!«

    Nichts Sensationelles gebührt mir, keine Chronik verbindet meinen Namen mit Papier, ich fürchte gar, man sieht mich an und vergisst mich gleich beim nächsten Augenniederschlag. Wie schwarze Materie vermutet man mich in leeren Häusern, verlassenen Orten; man spricht mit mir über die Wunder dieser Welt, als wäre ich ihnen näher. Doch ich bin nur der Wanderer, der flieht, auch wenn niemand sich hinter mir zeigt.

    Der Mensch und die Paarung ertragen Intensität nicht lange; wie aber steht es mit dem Gedankenerwecker?

    Ich folge den orphischen Vasallen, die in ihrer Sangeskunst Melodien aus Gedanken formen, die ein tanzendes Wort ergeben. Aus der Höhle erster Dunkelheit heben vergessen Zorn und Sein, Gespenster, die im Geisterrauch den Mund nicht brauchen. Da bist du, trägst uns durch dein Flötenspiel dem Hafen entgegen, den flaschengünen Nixen zu, den sonnenlosen Reichen, die keine Formen missen lassen.

    Man weckte den Toten, der schlief. Ist das nicht ein Lied für dich?

  • Die Veranda: 6 Ich rippte in der Buck’s Row

    Übersetzt man ›Veranda‹, ist eine mögliche Bedeutung: ›Der sehende Junge‹. Willi kommt zu seiner Veranda während des Vögelns. Diejenige, die da unter ihm zappelt – nicht weil es ihr gefällt, sondern weil sie keine Luft mehr bekommt (so fest hat er sich in sie gekrallt), heißt Ella. Ein wirkliches Abenteuer ist das nicht, sieht man einnmal davon ab, dass man der Dame in die Brustwarzen zu beißen hat, will man sie zum Klimax führen. Der kündigte sich mit einem »jetztjetztjetzt« an. Der so über ihren Leib Gestülpte, der nichts von ihrer erotischen Absonderlichkeit weiß, mag sich da bereits heroisch bestätigt fühlen, das Ziel ist erreicht, der Hengst gießt sich selbst aus und wälzte sich runter, um noch eine Mütze voll Schlaf zu erhaschen, bevor der Morgen wieder klingelt, der Leib zur niederen Tätigkeit geschunden wird. Die Mademoiselle macht Mathemusik, eine Muse der mathematischen Zufälle auf der Geige, die Pausen singen von dem, was die Materie auseinandertreibt.

    Mehr lesen „Die Veranda: 6 Ich rippte in der Buck’s Row“