Flamboyant: 5 Zeitschaltung

»Was machst du da? Du durchwühlst doch nicht etwa Schubladen?« Ella stand an der Tür und hatte festgestellt, dass sie verschlossen war, dass Maltes Eisenbahner-Wohnung einer Festung glich, denn auch die kleinen Fenster ließen sich nicht dazu bewegen, eine Verbindung nach draußen herzustellen.

»Nur in außergewöhnlichen Situationen, und ich glaube, wir befinden uns in so einer.« Willi riss eine Schublade nach der anderen auf, während Malte vor ihnen stand und sich bereits in einen Stein verwandelt hatte. Willi war kein Petrologe, aber die offenkundige Metamorphose fand schließlich vor ihren Augen statt. Als sie Malte berührten, stellten sie die massive Dichte fest, sie hatten eine Statue in Kleidern berührt.

Außer Bastelutensilien für Dioramen, verschiedenen Klebstoffen, Zeitschriften und Batterien fand Willi nichts, mit dem sie der Tür zu Leibe rücken konnten. Ella probierte es mit einem Stuhlbein, das sie durch eine Scheibe stoßen wollte. Ein elastisches und seltsam dumpfes Geräusch bedeutete ihr, dass dies wohl nur der Akt der Verzweiflung war, oder hatte sie im Ernst daran geglaubt …

»Du sprichst, als hättest du das schon öfter erlebt.«

»Wenn du in der Redaktion etwas aufgepasst hättest, wüsstest du es«, sagte Willi.

»Ja, aber du warst doch immer so …«

»Was? Kindisch? Meine Güte, Ella! Ich bin ein reisender Enthusiast. Es gibt mehr Dinge zwischen San Francisco und Hof, als sich die Frankenpost träumen lässt.«

»Siehst du – schon wieder!« Sie verdrehte die Augen und ließ sich auf die Holzbank fallen. »Was tun wir jetzt?«

»Wenn wir nur wüssten, was Malte von uns wollte.«

»Er hat uns doch gar nicht zusammen erwartet.« Ella vergrub ihr Gesicht in kalten Handflächen, die ihre glühenden Wangen herunterkühlten.

Willi klopfte die Statue von oben bis unten ab, kam dann aber auf die Idee, deren Taschen zu durchsuchen und fand schließlich einen Schlüsselbund. Als Ella das vertraute klirren des Metalls hörte, sprang sie auf, als würde sie durch die Decke fahren wollen.

»Ich habe dich nie geliebt, Willi, aber jetzt in dieser Situation siehst du … nun, du siehst verdammt gut aus!«

»Nenn mich doch einfach Bill«, sagte er und grinste so sehr, dass sein rundherum dämliches Gesicht völlig aus seiner Vorgabe gerissen wurde, zumindest wie ein Gesicht auszusehen. Die zahlreichen Schlüssel zappelten an einem Ring wie ein Klangspiel.

»Malte sagte etwas von zwei Stunden. Erst dann würde wieder ein Zug fahren, erinnerst du dich?«

»Ja, aber willst du nicht die Tür aufschließen und dann darüber reden?«

Willi ging nicht darauf ein. »Hat er dir gegenüber die Kinder erwähnt, die seine Kunstbahn sabotieren? Wie sie durchs Schlüsselloch kommen und ihm zusetzen?«

»Willi, nein … ja … ich weiß es nicht. Lass uns verschwinden, ja?«

Das Elfenklingeln der Schlüssel verstummte.

»Du verschwindest. Ich habe noch etwas zu erledigen. Andererseits könntest du kopflos werden und jemanden herschicken, um sich Malte mit eigenen Augen anzusehen.« Willi spielte jetzt den Teilnahmslosen. Sein Grinsen war wieder in seinem Kuriositätenladen verschwunden. Er benötigte seine ganze Energie, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Ella dachte darüber nach, ihn einfach zu überrumpeln, bevor er auf dumme Gedanken käme, und zwar jetzt, jetzt gleich, solange er noch dastand wie ein Schlafwandler. Es macht nichts, dass sich Malte in eine Statue verwandelt hat, es macht nichts, dass wir hier in eine völlig unkontrollierte Situation geraten sind, dass Willi eine gewisse Verhaltensauffälligkeit zeigt. Es macht jetzt nichts, jetzt im Moment ist das alles völlig bedeutungslos. Sie würde erst dann die Fassung verlieren, wenn sie sich in Sicherheit befand, wenn sie mit einer Tasse Grog in der Redaktion saß, zitternd und schluchzend. Erst dann würde sie einen Nervenzusammenbruch bekommen, nicht früher.

»Die zwei Stunden sind gleich um. Ich glaube, dann werden sie kommen. Ich bitte dich also nur, solange mit mir zu warten, bis ich weiß, was ich wissen muss. Kannst du das?«

»Kannst du nicht zumindest die Tür aufsperren? Vielleicht funktioniert es nämlich gar nicht, aber ich will es wissen«

Dann sagte Willi etwas, das ihren Nervenzusammenbruch etwas früher auf die Reise schickte: »Tut es auch nicht.«

Zunächst hörte sie diesen einfachen Satz gar nicht. Ihr war, als hätte Willi gar nichts gesagt, als hätte er nur laut Luft geholt oder geseufzt. Trotzdem begann ihr Gesicht zu prickeln. Ihr Blut haute ohne sie ab, ließ sie hier im Stich.

»Geht’s dir nicht gut?« Erschrocken sah er aus, der Hippie ihrer Alpträume. Kurz bevor sie umkippen wollte, kam er auf sie zugeeilt und pflanzte sie sanft wieder auf die Wartebank. Sie wollte etwas sagen, aber ihr Speichel, der Schmierstoff ihrer Kehle, war wohl mit dem Blut zusammen getürmt. Sie fühlte sich wie eine Mumie, ausgetrocknet, ledrig, ließ sich aber von ihrem fürsorglichen Irren eine Jacke unter den Kopf legen.

»Hör mal, die Tür wird gleich von selbst aufgehen, der Schlüssel nützt da nichts. Vertrau mir.« Als er ihren fragenden Blick richtig deutete, fügte er hinzu: »Zeitschaltung« – und begann augenblicklich wieder dämlich zu grinsen.

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