Dunkel gefärbte Töne

Eigentlich sollte ich dunkel gefärbte Töne finden, um diese Pest um uns herum zu beschreiben, aber ich verstumme im Angesicht einer solchen Katastrophe. Zu viel wird gesagt, aber kaum etwas bringt uns in irgendeine Richtung. Dabei ist es nicht so, dass ich in Lethargie verfalle, ich arbeite ununterbrochen, aber die Substanz ist mir abhanden gekommen. Man bereitet sich unbewusst auf ein mögliches Ende von allem vor. Natürlich kann man das von sich schieben – das gelingt eine Zeitlang, aber die Präsenz ist überwältigend. Mir ist in dieser Zeit sogar meine Trauer abhanden gekommen, sie ist einer Gleichgültigkeit gewichen. Der Tod als einzige Gewissheit untergräbt nicht den großen Reichtum an Unsicherheiten, die uns das Leben mit auf den Weg gibt. Mehr als flimmernde Eindrücke von der Welt bleiben uns nicht, vor allem kein Kontinuum.

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  • Ich kam an und es war dunkel

    Ich kam an und es war dunkel, alles war in leblose Schatten gehüllt und die Fenster waren geschlossen; es war, als ob hier nie jemand gelebt hätte, und wenn ich nicht da war, lebte hier auch niemand, aber diesmal war man nicht vorbereitet, man hatte die Fenster nicht geöffnet, die Gardinen nicht zurückgeschlagen, den Kuchen nicht gebacken, die Post nicht aus dem Briefkasten geholt, man war nicht rechtzeitig zurück aus dem Nirgendwo, um mir meine Kulisse zu stellen.

    Es fehlte das, was nicht mein Leben war, wo wir an der Kreuzung unterschiedlich abbogen. Ich war jetzt mit diesem stillen Anblick konfrontiert, und ging die Stufen zum Garten hinunter, ich hakte ein Fenster aus und schlüpfte in den Raum, ich musste zum ersten Mal die Erinnerung tragen, und ich steckte sie schnell in meine Tasche, um sie an einem anderen Ort ausgiebig zu betrachten.

  • Morena

    Morena erschien mir von unserer ersten Begegnung an als eine überirdische Schönheit, und es darf nicht verwundern, dass sie, die auf einen uralten Stammbaum zurückblicken konnte, im besten Alter für eine Frau, noch nicht geehelicht wurde. Merkwürdig waren die Geschichten, die man sich über ihre Schönheit erzählte, und erste ernstgemeinte Avancen kamen wohl aus Furcht nicht zustande, denn man wusste in den sie umgebenden Kreisen sehr wohl, dass man sich immer auch den Ahnen zu stellen hatte, die das Geschlecht einst groß gemacht. Wehe dem, der sich nicht als würdig erweisen sollte, der zögert, wenn es gilt, nach vorne zu stoßen, oder der, andersherum, voller Übermut eine ganze Bresche allein zu füllen versucht. Ich war weder von der einen noch von der anderen Sorte und wurde wohl von ihr angehört, weil ich weder stürmte und drängte, noch die übliche Furcht vor ihrer Aura zeigte. In ihrer Nähe wurde ich stets von einer Kraft erfasst, die mir ermöglichte, philosophische Höhen zu erklimmen und etwa über Jakob Böhme, der bei diesen Gesellschaften zu dieser Zeit gern diskutiert wurde, zu parlieren, als wäre ich je ein Studiosus gewesen und hätte die Aurora nicht nur gelesen, sondern verstanden. Morena bedachte mich dann mit Blicken, die mich aufforderten, nur weiter so kühn von der alchimistisch-poetischen Machart zu sprechen und gerade den Gedanken vom Widerspruch als ein notwendiges Moment weiter zu verfolgen. So sprach ich oft vor ihr und ahnte nicht, dass ich gerade das, wovor sich die meisten fürchteten, heraufbeschwor.

    Auf dem aus der Wand gewölbten Spiegel stand die Rechtfertigung gegenüber meines Verdachts, den ich vielleicht erst etwas später hätte äußern sollen.

    »Ich habe nie …« Dabei war dieser Gedanke nie ausgesprochen worden, meine hängende Mundpartie hätte sich gar nicht um die vorgesehenen Worte wölben können. Also schwieg ich.

    Ich hatte sie im Raubvogelgehege stehen lassen, konnte mich nicht dazu entschließen, auf sie zuzugehen, beobachtete sie dabei, wie sie einen verbrannten Engel küsste. Aber das war es nicht, was mich veranlasste, ihr zuzusehen und mich dabei hinter einem gefiederten Baum zu verstecken. Meine Augen wären ihr dabei vielleicht nicht willkommen, und wenn nicht meine Augen, dann vielleicht ihr Blick.

    Es waren ihre bandagierten Arme, die mich neugierig machten (den Engel erkannte ich, um die Wahrheit zu sagen, auch erst viel später), und nicht zuletzt ihr Atemgerät, das ihr aus dem Gesicht ragte wie eine Radarfalle. Da kannte ich sie noch nicht.

    Später traf ich sie noch einmal, sie fiel mir durch ihr verräterisches Kleid auf. Ihre Maske hatte sie nicht mehr bei sich und auch ihre Arme waren ohne Wunden, die eine Verhüllung erforderlich gemacht hätten. Nur ihr Kleid und die Brandflecken darauf. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Teller mit in Öl zerlassenen, kleinen Fischen – Sprotten, um es genau zu sagen. Der Ausgang war nicht weit, aber man wurde stets durch ein Schnellrestaurant geschleust, bevor man nach draußen kam. Die Tür öffnete sich erst, wenn man etwas verzehrt hatte (oder wenn man etwas zu Verzehrendes gekauft hatte; ob man es dann liegen ließ oder in den Papierkorb warf – es war pures Kalkül, dass es nur einen Papierkorb gab, so wurde an das moralische Empfinden appelliert – blieb der eigenen Strategie überlassen).

    Ich sprach sie natürlich nicht an, aber ich schlenderte hinüber zu ihrem Tisch und grapschte nach jener Brust, die auf meiner Seite lag. Hätte sie die Maske noch getragen, hätte ich es nicht gewagt.

    Ihr Teller zerbarst auf dem kargen Boden und die Fische schlitterten über die Fließen, als hätten sie es eilig, wieder zurück ins Meer zu finden. Aber sie fanden es nicht, verteilten nur das Öl und blieben liegen, wo sie waren.

    Ich kann nicht genau sagen, was dann geschah. Erst jetzt erinnere ich mich an die krümeligen Reste ihrer Wimpern, die sie im Waschbecken hinterließ, an eine gesalzene Seezunge im Kühlschrank. Ich schaue mir ihre Handschrift auf dem Spiegel noch einmal an: »Ich habe nie …«
    Was wollte ich sie fragen?

  • Was es ist

    Haben wir keine Stadt, vielleicht weil wir
    die konzentrischen Kreise noch nicht bilden können,
    müssen wir den Grundstein ausgraben. Kabel
    Fernsehen kostet Aufpreis, Ventilator, Hand
    Tuch, Bettzeug sind umsonst. Willkommen!

    Das Unmenschliche besteht im Schein der
    Freiheit; nur wenn du glaubst, bist du
    wirklich ein Gefangener. Sie machen dich
    glauben, darauf wette ich

    an ihr Geld an dich als Individuum. An

    deinen Nutzen außerhalb der Sklaverei, die
    so kompliziert ist, dass du dir nichts dabei
    denken musst, wenn du ihnen auf den Leim gehst.

    Wir haben eine Sprache, aber keine Sprache
    allein taugt dazu, die Welt zu verstehen. Ent
    weder du benutzt alle Sprachen oder du erfindest
    das, was an einer einzigen Sprache fehlt :
  • Berenice Trica

    Von der Lederjackenjagd abgerieben
    ein Dazumal=Gestern anberaumt,
    wie Hirtenbiere vernommen und
    mit Hut; und dich schaut sie an
    als hätte sie noch nie ein
    rebellisches Reh erblickt; wie ist
    die Sensation geglückt, von der sie
    träumt, sie wäre doch du, sie wäre
    doch etwas wie du sie nicht lässt.

    Ein Haufen verwirrter Haare; auch : Ultha
    oder ein Bündel Holz und Früchte
    oder einfach ein Sternhaufen, Berenice Trica,

    Form eines Efeublattes. Es ist kalt
    in den Monstern, aber auch
    außerhalb der Berge.

  • Labium Oris

    tanzen wir auf der lippe des anderen
    hören stimmen und sie sagen
    komm näher ins warme moos des gaumens