Diese Alpträume reisen viel

Verfaulende Hände in einem gelben Gras, bunte Goldfliegen herbeigelockt und untergemischt und in der wimmelnden Schar versteckt: die Totenfliege, Cynomyia mortuorum, metallisch glänzend, eine surrende Insekten-Maschine, verstärkt durch verschränkte Echos, die aus der Doline dringen, die man als Fundort wird angeben können, kraxelt jemand hinunter, um im Morast zu wühlen, vielleicht um sein verlorengegangenes Versprechen dort aufzuspüren, oder es dort erst zu verbergen, wie der Mann, der seinem Schatten gleicht und von dem Sie natürlich noch nichts wissen können, es sei denn, Sie hätten mich beim Schreiben beobachtet, was ich nicht ausschließen will, jemandes Anwesenheit irritiert ständig das Fleisch meines Nackens, immerso, immerdar.

Im Traum ist alles Gegenwart. Jedes Erwachen zieht fürchterliche Konsequenzen nach sich. Die Elemente des Traumes pressen sich zu einem verschwindenden Punkt zusammen, drücken von innen gegen die Augäpfel, bevor sie, von Blutkörperchen aufgegriffen, in den Verdauungstrakt befördert werden, als wolle sich der Körper augenblicklich von aller Illusion befreien, so gering sie auch immer scheinen mag. Es sind nur Bruchteile von Sekunden, die darüber entscheiden, wo und wie man aufwachen wird, langgestreckt oder kauernd. Jede Nacht verändert die Struktur des Denkens.

Ich will dich sehen in Gesichten. Was geschieht hat einen Namen nicht, die Linie ungezogen, kein Farbmuster begrenzt das Gewagte, Wagnis des Lebens : ich verlasse dich, trunkene Stille, illusorische, mächtige, waghalsige, gefährdete! Was dich berührt, verdient dich auch (wieviel Zeit benötigt man, um einen Blick zu beschreiben?). Der kleine Kuss räuspert über Kuhlen, Hautkruppen, bevor er sich niederlässt, ein Haus dorthin baut, sein Wappen hisst, blutrot, lipplappig; aus der Mitte strömt der Hauch eines vergessenen Wortes. Der Zaun, den Schenkeln gleich, die Umfriedung, Einfriedung; aus den Moosen hämmert es schattig, meist morgens, ab Mittag dann heiß wie gekochter Schnee, bitter wie destillierte Tränen, die jetzt nicht mehr nötig sind, ihr Salz für die Flora

»Das Meer ist unbekannt«

                das Wasser, der Schweiß, eine Sekunde Vergangenheit, eine zweite, vielleicht noch eine dritte, die stolpert. Abstrahlendes Herz; die Entzündung verlässt das Haus, sucht sich andere Nachtmahre, die verbrannt werden können. Diese Alpträume reisen viel und stoppen nur vor einer Wand, gebildet von Händen, die nur leicht streifen, was andere Hände packen, zerfetzen, klammern, greifen. Ephialtes ist der Dämon, der die Alpträume eingibt, die Stute der Nacht aber, das ist die Dichtung.

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  • Es geht noch ein Zug von der Garre du Nord / Fred Vargas

    Es geht noch ein Zug von der Garre du Nord ist der erste Roman, in dem der berühmte Kommissar Adamsberg 1991 auftauchte. Im Original deutet der Titel bereits auf das Thema hin: L’homme aux cercles bleus (Der Mann mit den blauen Kreisen). Wie so oft bei Übersetzungen ist kaum nachvollziehbar, warum man hier etwas völlig anderes aus dem Ärmel zieht, auch wenn der Übersetzer sich hier zumindest auf die poetische Seite des Buches verlagert hat, nämlich auf Adamsbergs merkwürdige Beziehung zu Camille, die er am Ende des Romans für zwei Stunden im Zug von der Garre du Nord nach Lille noch einmal wieder sieht. Zu behaupten, das hätte mit der Handlung des Romans gar nichts zu tun, stimmt nur insofern, wenn man ausklammert, dass Adamsbergs ganzes Wesen durchaus von Camilles Abwesenheit entscheidend mitgeprägt wird.

    Fred Vargas und Jean-Baptiste Adamsberg

    Jean-Baptiste Adamsberg ist ein nonchalanter, seltsam verträumter und scheinbar ungeordneter Mann, der sich auf den ersten Blick durch einen Mangel an Methode auszeichnet; er ist unfähig, eine längeren Beweiskette zu analysieren oder überhaupt erst aufzustellen. Dennoch erzielt er dank seiner Intuition und vor allem dank seiner großen Sensibilität, die anderen nicht immer geheuer ist, spektakuläre Ergebnisse. Letztere erlaubt es ihm, sich in die Lage der Menschen zu versetzen, auch wenn er manchmal ziemlich weit von ihnen entfernt ist. Als visuelles Vorbild schwebte Fred Vargas der Zeichner Edmond Baudoin vor, und es schadet nicht, sich den Mann einmal anzuschauen, um sich mit den ungewöhnlichen Beschreibungen, die Vargas für ihn findet, vertraut zu machen. Wenn der Winter des Commissario Richiardi ein durch und durch italienischer Roman ist, dann trifft das hier aus französischer Warte zu. Es lässt sich nicht verbergen, dass Vargas, die mit bürgerlichem Namen Frédérique Audoin-Rouzeau heißt, die Tochter von Philippe Audoin ist, der zum surrealistischen Kreis um Andrè Breton gehörte und später einige wissenschaftliche Texte über diese Bewegung verfasste (sowie eine Biografie über Breton selbst). Es ist völlig verständlich, dass eine wie auch immer geartete Begegnung mit dem Surrealismus nie wieder verschwinden wird (wie ich aus eigener Erfahrung weiß). Doch das darf man nicht falsch verstehen, Vargas bedient sich keineswegs der Techniken jener Zeit, sondern liefert hier den Erstling einer der originellsten Kriminalromane nicht nur der 90er Jahre ab (auch wenn sie selbst den Roman nicht für besonders gut hält), der das Unterbewusstsein herausfordert.

    Bevor er zur Polizei geht, ist Adamsberg fast ein Wolfskind, das barfuß durch die Pyrenäen streift, bevor er seine Berufung bei der Polizei findet, ein wahrer Außenseiter, dem Wald mehr verbunden als irgendeiner Stadt. Aber schlussendlich landet er aufgrund seiner spektakulären Erfolge als Kommissar in Paris, einer Stadt aus Stein. Aber Adamsberg weiß, dass auch die mineralische Existenz in ihm ein Tor zu öffnen vermag.

    Als Archäologin fasziniert die Autorin das Auffinden von Wahrheiten, und das ist im Grunde das, was auch das Handwerk des Kriminalschriftstellers erfordert. Mythen, Märchen und Legenden werden dann auch später in der Reihe eine große Rolle spielen. Bei all der dargebotenen Melancholie, die diese Buchreihe so besonders macht, ist es nicht zuletzt aber auch der Humor, der die Autorin berühmt gemacht hat. Es ist ein besonderer Humor, der kein Interesse daran hat, albern oder lächerlich zu sein und er entsteht aus den Kontrasten innerer und äußerer Ansichten, unterschiedlicher Wahrnehmungen und gedanklicher Freiheiten. Tatsächlich ist einer von Adamsbergs Inspektoren, Danglard – ein organisierter und enzyklopädischer Mensch immer wieder überrascht von Adamsbergs intuitiven Fähigkeiten, was manchmal nicht nach seinem Geschmack ist, weil er diesen Vorgang nicht versteht und ihm auch nicht vertraut. Vargas steigt dabei tief in ihre Figuren hinein, und das hat nicht selten etwas philosophisches, das aber nie zur wissenschaftlichen Musterung verkommt. Danglard ist manchmal erschüttert von Adamsbergs Gleichgültigkeit gegenüber seinen Nächsten, die er als Grausamkeit bezeichnet, die aber gar nicht da ist, weil Adamsberg auch der Grausamkeit gegenüber kein Interesse hegt. Er denkt über das nach, was in ihm ist, und selbst das ist, wie er oft genug sagt, eigentlich nichts. So ist er ein großes Mysterium, das sich selbst nicht zu erklären weiß, wie folgendes Beispiel zeigt:

    „Also setzte er sich ins Café, zog ein Notizbuch heraus und wartete. Er überwachte die Gedanken, die sich in seinem Kopf bewegten. Sie schienen ihm schon eine Mitte zu haben, aber weder Anfang noch Ende. Wie also sie niederschreiben? Unwillig, aber noch immer gelassen, schrieb er nach einer Stunde: Ich habe nichts zu denken gefunden.“

    Der Mann mit den blauen Kreisen

    Seit vier Monaten zeichnet ein mysteriöses Individuum in den Straßen von Paris blaue Kreise auf den Bürgersteig. Dreiundsechzig, um genau zu sein. Diese mit Kreide gezeichneten Kreise umgeben immer ein Objekt, ohne dass sich daraus eine Hypothese ableiten ließe, da die Liste dieser Objekte völlig willkürlich ist; und immer steht ein Kommentar in diesem Kreis: „Victor, sieh dich vor, was treibst du jetzt noch vor dem Tor?“ Aber Kreise um verlorene oder unbedeutende Gegenstände zu ziehen, ist kein Verbrechen, sie mit einem Sinnspruch zu versehen, ebenfalls nicht.

    Doch parallel zu einer eher klassischen Strafverfolgung interessiert sich unser Kommissar aus irgendeinem Grund für diesen Mann, der die blauen Kreise zieht. Eines Tages kommt dann die große Überraschung. Plötzlich befindet sich eine Leiche mit durchgeschnittener Kehle in einem dieser Kreise. Von diesem Zeitpunkt an erlebt der Leser den Rausch der Ereignisse, die durch Adamsberg hindurchwandern und wie er die Wahrheit quasi erschnüffelt, um alles um sich herum zu sondieren. Danglard gehorcht seinen Befehlen fast mit Bedauern, denn er versteht sie einfach nicht. Abgesehen davon, dass es ihn ärgert, dass Adamsberg verkündet, was geschehen wird, ärgert es ihn noch mehr, wenn diese Ereignisse auch eintreten.

    Die Geschichte ist komplex, und auch wenn wir ständig daran zweifeln, dass der Mörder überhaupt gefunden wird, lassen wir uns von dem skurrilen und speziellen Kommissar mitreißen, auch wenn wir nie wissen, wohin Adamsberg uns führt. Sein Vorgehen verwirrt Danglar und den Leser gleichermaßen. Besonders herauszuheben sind auch die Dialoge, die sich durch ein wahrlich hohes Niveau auszeichnen. Man kennt sie auch aus guten französischen Filmen, wenn sie sich zufällig einmal nicht in bloßer Masse erschöpfen.

    Auch die anderen Charaktere sind hervorragend gezeichnet, ob es nun der blinde Zyniker Charles Reyer ist, die seltsame Mathilde Forestier oder eben der rätselhafte Mann mit den blauen Kreisen selbst. Vargas setzt sie ein, um durch sie hindurch ein Porträt von Paris zu malen, wo nach Einbruch der Nacht alles möglich ist.

    Kurz gesagt, dieses erste Buch der Reihe ist ein wahres Wunderwerk, sowohl in Bezug auf Handlung und Spannung als auch in Bezug auf den Stil und die Charaktere.

  • Die Passage über die Art

    Eine Recherche funktioniert auf die unterschiedlichste Art; und wenn ART wirklich eine Kunst ist, ist sie bereits eine Herausforderung. Man könnte doch weiterdrehen: Art – als Kunst gemeint –, stammt natürlich vom Lateinischen ars, und es verwundert nicht, dass die Brite schnell das s durch das t tauschten – es ziemt sich nicht für ein Empörium, den Allerwertesten mit dem angeblich Erhabenen zu kombinieren. Unsere Art und Weise hingegen stammt von der Erde ab, die im altenglischen noch eardian genannt wurde, zumindest, wenn man sie pflügte, Man braucht also durchaus eine Art, muss von einer bestimmten Erde sein, um das Leben auch in Art zu verschwenden, es artig zu vergeuden mit der nutzlosesten aller Fragen, was denn das Leben überhaupt sei.

    Jeder, der sich als Eremit erkennt, weiß, dass er gemeint ist. Es ist ein Paradox, die Menschen tunlichst zu meiden, aber an ihren Abenteuern interessiert zu sein. Man will, dass das Ei zu Boden platscht, sobald man eintritt, aber man kann nicht ständig fallende Eier suchen, obwohl das Streben danach charakterlich sehr prägnant wirken würde.

    Die Kunst, in diesem beklemmenden Gestade die Wirbel so zu koordinieren, dass ein Muttergesicht daraus wird, wo vorher nur helle und dunkle Schlieren saßen, hat zwar viel damit zu tun, den Traum von einer Wasserblase endgültig platzen zu lassen, aber die kurzen Stumpen, die aus einem herausragen, sind ganz nützlich, wenn es darum geht, den sommersüßen Saft gegen gefangene Haarbüschel zu tauschen, die auch noch Laute von sich geben.

  • Die Fliegenpilzin

    Anders als ein Pfad ist die Straße stets nur eine Schneise und führt in die Städte, die sich wie ein Geschwür auf dem Fleisch des Landes ausbreiten, hinein oder aus ihnen heraus. Der Pfad hingegen kreuzt geheimnisvolle Orte, so dass man irgendwann das Gefühl hat, angekommen zu sein, auch wenn man mitten im Nirgendwo steht, ein Teil der Vollkommenheit wird, die nur aus Nichts bestehen kann.

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  • Die Wünscheltruhe

    Das kalte Gemäuer hat den Vorteil,
    auch die Helligkeit davon abzuhalten,
    kleine Unebenheiten in jeder Ritze
    ins Rampenlicht zu treten. Auf dem
    Boden steht – ganz plump – eine Truhe.
    Aber sie birgt nur den Wunsch,
    den du in ihr hast. Ein Vorher wird dich
    nicht retten, keine Erfahrung klafft hinter
    dir auf. Das Holz dringt in dich und
    schlägt dir viele Dinge vor – allesamt nutzlos
    und trocken – ein Kamin, der
    nicht nach Asche riecht.

    Es ist nur der Gedanke einer
    langen großen Überfahrt, ein Verschwinden
    und ein beinahe-verschollen-sein.
    Eine reisende Truhe nimmt stets ein wenig
    Luft der alten Welt mit sich, und dadurch
    auch ein Stück unerzählter Geschichten, die
    sich mehr und mehr auflösen – es verdünnisiert
    sie der Trubel, manuell und ohne große
    Maschinenträume.

    Ein weißer Schutz gegen die noch heißeren
    Sommernachtsträume. Es geht wohl überall hin
    mit dieser Barke – ein Drops auf steiler Bahn. Doch
    der Standort verändert sich nicht, er hat den Anspruch
    der Ewigkeit, konserviert durch das Vergessen
    monumentaler Merkwürdigkeiten.

  • Das Geistermädchen

    Die Schupfentüren knarren auf und zu, die
    Bienen schlafen, die Gänse schlafen, die Häuser schlafen,
    nur ich schlafe nicht

    und so stampfe ich in die fette Dunkelheit des Kellers hinunter
    und bilde mir ein, hier sei die Nacktheit eine Präsenz, die nicht nur
    vom Lummerlicht der Glühlampen repräsentiert wird, vom kalten, grauen Betonboden,
    den Gattern der Parzellen. Sondern von der Vorstellung, dass jeder
    einen solchen Keller auch in sich trägt

    die Verwandtschaft des Körpers mit einem Haus ist nicht nur
    sprichwörtlich als solche zu nehmen. Es spielt keine Rolle, wie viel Uhr es ist,
    denn draußen prasseln die Jahreszeiten vorbei,
    alles ein dunkelgrüner Fleck, dann Lichtung, dann Rhode, dann Dorf und Feld.

    Als erster Mensch (oder letzter Überlebender) nehme ich mir ein Stück Seife
    auf die nächtliche Straße hinaus, um mich, im Regen stehend, abzureiben,
    während ich das schattige Schloss beobachte, ob es sich vielleicht bewegt. Natürlich
    hätte ich auch unten im Fluss baden können, dort aber stank es abscheulich

    Die schlafenden Vögel werden nass, aber ich sehe sie nicht, sie schlafen
    und machen sich nichts daraus. Feine Nadelstreifen in der Nacht. Im Haus
    ist es ruhig, und auch das Schloss bewegt sich nicht. Unvorstellbar ist mir der Gedanke,
    dass in seinen zahlreichen Räumen die Zeit gefangen ist, ohne sich auch nur
    ein einziges Mal bemerkbar zu machen, am Fenster zu winken, Luft durch den Schlot zu jagen, die Türen zu schlagen.
    Lavendelwasser rinnt an mir herunter und verschwindet nur schwach schäumend im Gemenge der flüssigen Massen.

    Ein Geistermädchen entschwindet in die Wälder,
    morgen werde ich ihr folgen, um ihr zu erzählen,
    dass eine Dusche unter freiem Himmel sie wieder lebendig machen kann.

  • Kettengespinst

    Die ganze Nacht polterte das Kettengespinst auf den ausgedehnten Treppenstufen, ging auf, flog mit Stufenberührung ab, harrte – ob sich etwas außer ihm bewegte – (Atem wie ein Unimogmotor bei Seilwinde in Betrieb) – und begann von vorne bei einer violetten Stunde. Es wollte eine Ruhe nicht ohne sein Gesäß an einer Tafel, die ausgeschmückt zur winterlichen Zeit mit Kuchen um Kuchen aus der Küche schellte. Da dies nicht infrage kam, besann es sich auf seine Nachttöpfe – in der richtigen Reihenfolge aufgestellt ergaben sie die Skyline einer Blechstadt, in der die Fassaden die einzigen Fluchten waren, die es sich entlang zu flanieren lohnte. So einen schönen Glühbirnenaufgang am Abend, eingewickelte Bonbons in den Backentaschen, Rotz am Ärmel, die Gemeinheiten einer Schlagzeile in den vorgeblichen Schaufenstern einer Besserungsanstalt: Herr Mutter erschlägt Frau Vater; da überkam den Flaneur der eigene Brechreiz von oben, der sich rotmeerisch spreizte, um die Ziehwägen zu locken und mit Brocken dann – die Geschichte ist ein Kreis – in den Schlampampel zu stoßen. Die lautere Absicht zu leugnen hieße, alles zu leugnen. Alles zu leugnen wiederum beträfe auch den eigenen Schlaf zwischen den Scharten ausgewählter Zinnen.