Ödium des Verrats

An den Türen Kräuterwuchs, im Garten schwarzer Stein, ein Talisman des Untergangs. Die Haube des Frühlings verdorben, Gesichter in der Nacht in Rauten, befächert von schwelender Vergänglichkeit. Die Türme aus dem Lot, gefallen jeder zweite. Der Kranz der Hierophanten belebt Stufen und Brocken, das Beben an einer langen Tafel der Kadaver, das Ödium des Verrats. Das Röndelrad erklommen, Riß, der durch die Speisenden fährt, aufschreckendes Gemäuer entmörtelt sich schaudernd entlang des ganzen Saales Breite. Die vorhersagbare Furcht in schalem Wein erkannt.

Als hätte ich jemals einschlafen können, schlief ich ein, muss wieder eingeschlafen sein, denn ich kann mich an eine kurze Phase des Wachseins erinnern, die mir die Konturen näher brachte, große graue Brücken, von denen nur die Pfeiler zu erkennen waren, die mein Domizil stützten. Dies sind die Nägel, die durch Kronkorken getrieben das Äußere der Hütte bilden, in der Schweiß produziert wurde; wie es der Hopfen zu etwas bringt, war hier ganz genau zu beobachten. Hier fand sich der Magnetismus des vorbeiströmenden Wassers, in dem sonntags die Fische fehlten. Den Mund offen gehalten, die Sensation im Luxus gefangen, aber Einfachheit kennt viele Namen. Iriswelten, wenn man das Auge so ansieht. Das Tremolo auf die Seite gerutscht, aber vorhanden. Dort trieben die Genüsse ein Spiel mit Haselnusszweigen. Da bist du hin, da bist du gewesen. Dort befindet sich Rost an den Klinken und auf den Flaschenhälsen. Dürre stoppt das Auslaufen einiger Stunden. Auch die Tauchbecken wurden mit einem unsichtbaren Milieu befüllt. Du treibst Blüten, ein Ausnahmebezirk, Kreis der Geschehnisse in der Nähe des Apfelbaums, der Kerbe, zugeheilt in Gedanken. Wohin mit der Streuung? Sie erteilt Aufmerksamkeit, hinterläßt von ihrer Hingabe das Besondere.

Eines Tages wurde einem Engländer das Zuckerbrot schlecht, besser gesagt, es wurde hart, dann steinhart, dann Keks. Es beginnt stets reizvoll der Tag, man erwacht und hört die Vögel, sieht nach den Blumen, die jetzt allmählich ihre Blüte austreiben und man trinkt den ersten Kaffee und man hört die Musik durch lichte Räume schallen und denkt, man wäre auf der Welt.

Ich wäre gerne wieder dort in diesem Zimmer, klein, mit einer Nische, ein Einzelbett hat darin Platz. Zur Hälfte reicht es in den Raum hinein, das Fenster liegt ebenerdig, vorüber führen breite Schieferstufen von einem hängenden Garten hinauf zu einem Weg, der damals noch nicht geteert war. Ich hatte Tapeten ausprobiert und es wieder verworfen (das Sehen liegt dem Schreiben, dem Malen zugrunde).
Figuren, Formeln, Farben, Muster wirbeln um ein ertrinkendes Auge, waagrecht streift der Horizont, sich bedeckend, Fügungen hervor. Die Ebene mit Blumen baumgroß, blumgroß, Bäume, Stich ganz frischer Narben, so voller Röte, die an den Türen des Tages Zwielicht heißen. Viele Paare wilder Tiere, die im Flug, zu Land, im Staub sich paaren, Wiesenteppich einer Sehnsucht nebenan.

Weder das Wort, noch der Satz sind das Ergebnis, oder machen die Daseinsberechtigung der Literatur aus, alles ordnet sich auf einem großen Bildschirm (das Sichtbare ist jeglicher Funktion entbunden), ihre technè, wie die Philosophen sagen würden, die zu viel denken, um zu sehen, um sehen zu können; und erneut ist es das kolossale Eingreifen des Un-Nützen, des Un-Geheuerlichen. Nykia, verfielfachte Leuchtfigur des Feuerwerks im Gartenteppich auf einem Kissen (ich muss ja nur aus dem Fenster sehen). Zeichen halb verdeckt und so pechschwarz. Dein öliges Haar, Rubin, Ringe aus Gold (Diadem); ganz unter Diamanten, Bändern und Ketten: solche Bäche der Reife. Die Brüste groß und spitz und nackt, vom Nabel abwärts schneeweiß, die Schenkel, der Bauch, rosig rasierte Pubis, schwellende Vulva, Handteller und Fußsohlen
(rot)
gefärbt. Da schleppt man einen Beutel Biologie durch die Zeit
(die Zimmer der Zeit)
um lange lange zu suchen, wo man ihn vergraben wird.
Rätsel sind ein Antrieb, eine Idee ohne den vom Verstand geforderten Abschluß, die Klammer schließt nicht. Was wird von diesem Satz übrigbleiben? Das Zeichen bleibt eine Irritation.

Die Würze ist das Rätsel, geheimnisvoll wie Safran und Curcuma. Das Rätsel ist die Würze in einer unendlich dahinschwebenden, sich ausdehnenden Welt. Wir alle werden größer, aber wir bemerken es nicht, wir werden durchlässiger, durch uns mäandern Gezeiten.
Wo das Rätselhafte herrührt? Es ist doch überhaupt kein ernsthafter Gedanke zu formulieren, ohne auf den Urgrund aller Miracel zu stoßen, ein Schiff, aufgerissen vom Bug bis zum Heck, unabpumpbar das Wasser, gefüllt mit Schlick, in dem schon neues Leben tobt : das Leben, das Miracel, das Sein, wahrnehmbar unser eigener Körper, die anderen Körper, die Bewegung, das Brausen des wilden Windes, der geheimnisvoll die Worte formuliert, die kein einziges Buch je fassen kann.

Der Horror, wenn man das mal sagen darf, begann auf einem gut gelüfteten Fußboden, dem man ansah (wenn man etwas intus hatte), warum er so hieß. Zum Beispiel stand es an der Türglocke in lauten Buchstaben geschrieben : ein Name wie Weltenbrand, eine unaussprechliche Notiz hinter einem Klingelschild, für manche bereits einer Schatzkarte würdig. Onduliert das Haar, das O, ein Traum in einem Kreis. Die Krise – ausgelöst durch neue Fußmatten. Schleim, der das Weiberbein hinauf kriecht, ein Pilz versteckt im Wandschrank.

Ähnliche Beiträge

  • Der Hexenschuss am Abend

    Es ist die dritte Nacht, in der mich die Poltergeister drangsalieren. Heute war es die Hexe mit ihrem Hexenschuss (wahrscheinlich habe ich mir einen Nerv im Steiß eingeklemmt), so dass ich bei jeder Drehung aufwachte. Als ich schließlich den Abort aufsuchen musste – ein Drang, der weißgott nicht zu ignorieren ist, will man überhaupt noch ein Auge zutun – kam ich nicht in die Höhe. Nach einer Viertelstunde hatte ich mich zumindest an der Bettkante aufgesetzt. Es gelang mir, mich in die Küche zu schleppen, um etwas Voltaren aufzutragen und siehe da, es wurde zumindest in der Weise erträglich, dass ich mich Bewegen konnte.

    Tagsüber war davon überhaupt nichts zu spüren, das Flanieren über den Flohmarkt an der Allgäuhalle war sogar wieder sehr ertragreich. Drei Plattenstände abgegrast und bei jedem fündig geworden. Selbst Raritäten wie Larry Coryells The Restful Mind waren zu finden. Eine wirklich erstaunliche Entwicklung für Kempten.

    Selbst ein kleines Spitzweg-Gemälde fand seinen Umschlag. Der gute alte Biedermeier-Stil – hier der „ewige Hochzeiter“, was ja nun wirklich kein unbekanntes Gemälde ist. Interessant ist die Rahmung, die aus alten österreichischen und schweizer Abbruchhäusern aus dem 16ten bis 19ten Jahrhundert rührt und zusammengesetzt wurde. Leider ist das Gemälde nicht komplett gefasst, sondern nur die Blumengabe an der Treppe. Natürlich ist ein Begriff so gut wie der andere; wenn man bedenkt, dass der Biedermeier vor dem „Realismus“ angesetzt war – eine Epoche, die im Grunde zur Verlogensten überhaupt gehörte (was der Name „Realismus“ ja schon aussagt), ist es kein Wunder, dass in permanenter Unstetigkeit ein Elysium aus Behaglichkeit auch heute noch bei empfänglichen Menschen durchschlägt, vor allem deshalb, weil sich heute mehr das Irrationale und völlig Menschenverachtende des Realismus durchgesetzt hat.

  • Empfang der Varietät

    Spuren treten auf, wenn der Wille,
    Spuren zu gestalten, überhandnimmt.
    Das Zeichen ist sich stets der Welt
    gewahr, die unsichtbar, aber nahe,
    einen Zugang sucht, einen Begriff

    meist, handelbar, abnorm in seinem
    Abbild. Eine Antenne, die sich wölbt,
    keine Zuneigung kennt, keine Eignung
    des Verständnisses zulässt. Das ist eine
    Bankrotterklärung, die an allen

    Impulsen vorbeiläuft, die überhaupt
    empfangen werden können. Fortan
    verbleibt die Kümmernis hinter einer
    stacheligen Einfahrt, die der Geburts
    Schleuse so exakt gleicht, dass eine

    Verwechslung unwahrscheinlich, aber
    Möglich erscheint. Der Alleingang
    bleibt stetes Streben, Bottiche entleeren
    sich in den Sand, was bleibt, ist nicht
    mehr als eine matte Scheibe, deren

    Qualität Unendliches birgt. Der Winkel
    Gesteht dem Beobachter zu, sich irren
    Zu dürfen. Eine Frage von Präsenz und
    Absenz. Das Unikat dreht seine biederen
    Runden. Sind wir uns einig, bleibt

    Zumindest die Stille trocken. Ich dachte
    Tatsächlich, das habe nichts zu bedeuten,
    bis mir jemand das Maul auswusch.
    Also biss ich auf Granit
    und schmeckte schlanke Brüste.
  • Lebensgeister

    Es ist da, das absolute Wagnis, alle sich überschlagenden Ereignisse miteinander zu verweben. Zeitturbolenzen treten an verschiedenen Stellen des Lebens gehäuft auf.

    Ich passiere Sandbänke, die wie Walrücken aus dem Ozean stechen, ruhigere Gewässer waren das, als ich noch mit mir selbst Karten spielte, das Würfelglas hob.

    Jetzt schreckst du aus dem Schlaf. Dir gilt das Hochzeitslied, dir gilt der Riß, dir gilt das zertrümmerte Türchen, macht hoch das Tor, das Tor mach weit; struwelpeterst im Bett, beginnst betäubt von Liebesträumen wie wild geworden zu schreien, gehst mühelos über das hohe c hinweg. Die menschliche Stimme, welch Zauber, der Einbruch in eine sichere Umgebung.

    Ich ziehe es vor, eine Skulptur zu formen, nehme mich der Salzsäule an, Sodom und Gomorrha im Schlafzimmer. Wie klar ich sehe, als würde ich träumen. Das enthauptete Huhn flattert noch einmal auf und davon.

  • Steinerner Garten

    Wir hatten dich herausgeholt aus dem Nichts, dem steinernen Garten, die Dunkelheit zwischen zwei Schatten, trügerische Schönheit, die man erblicken will, dorthin sich retten mit letzter beeindruckender Kraft, liegenbleiben, außen herum versinkt die Welt im Chaos, aber dieses Idyll ist das Brandmal auf schwarzem, wissendem Papier, in Hügelketten wellend – eine Sekunde des persönlichen Empfindens, hier spricht die Erde, nichts ist erschaffen, alles entwachsen aus dem Spiel der Gewalten; das Leben kein Spiel – was dann?

    Man will seinen Körper schützen, man lässt nicht ab davon, ihn zu erhalten, aber man geht stumm ins Verderben, weil man aus irgendeinem Grunde annimmt, der Stärkere zu sein, jeder Makel muss erst bewiesen werden, in seinem eigenen Körper vermutet man nur sich selbst, die Gedanken hält man für unhörbar, für ein solides Geheimnis, wer immer weiter läuft, bekämpft die eiserne Hand in der Brust, sie wird sich nicht um das rasende Herz schließen können, die Tat rettet vor der Resignation.

  • Domizil im Wachgras

    Dies sind die Nägel, die, mit
    Kronkorken vernetzt, die Hütte bilden, in
    Der Schweiß produziert werden kann; wie es
    Der Hopfen zu etwas bringt, ist hier gewahr,

    Ist hier ein Magnet für das vorbei
    Kommende Wasser, in dem sonntags die Fische
    Fehlen. Der Mund offen gehalten, die
    Sensation im Luxus gefangen, aber Einfachheit

    Kennt viele Namen. Iriswelten, wenn man
    Das Auge sieht. Das Tremolo auf die
    Seite gerutscht, aber vorhanden. Dort
    Treiben die Genüsse ein Spiel mit

    Haselnußzweigen. Da bist du hin, da
    Bist du gewesen. Dort befindet sich Rost
    An den Klinken & auf den Flaschenhälsen.
    Dürre stoppt das Auslaufen einiger Stunden.

    Auch die Tauchbecken wurden mit einem
    Unsichtbaren Milieu gefüllt, um gemeinsam
    Auf die Sonne zu warten. Du treibst Blüten,
    Ein Ausnahmebezirk, Kreis der Geschehnisse

    Am Apfelbaum, der Kerbe, zugeheilt in
    Gedanken. Wohin mit der Streuung? Sie
    Erteilt Aufmerksamkeit, gibt von
    Ihrer Hingebung das Besondere aus.
  • Dorothea

    Als Dorothea das Zeitliche segnete, fielen in der Küche die Schöpfkellen und Siebe mit irrwitzigem Getöse von der Herdklappe, an der sie gewöhnlich an einem Haken hingen, weil in den Schubladen des Küchenschranks kein Platz mehr war.
    In diesem Augenblick kam es mir so vor, als hätte jemand die Tür zum Fluss hin geöffnet und mit nebligen Geisterfingern in der Luft herumgetastet. Die Temperatur in der Wohnung fiel merklich, sodass wir alle fröstelten. Selbst die Möbel zitterten und drängten sich wie Schafe dicht aneinander.
    Carlos und Noob saßen am Wohnzimmertisch und rauchten. Sie sagten kein Wort, aber ihre Augen rollten in ihren wässrigen Höhlen und waren gespannt auf das nächste Ereignis.
    Ich saß nicht weit von ihnen entfernt auf dem Boden und lauschte den Fledermäusen, die den Wagen des Psychopompos zogen, um Dorotheas Seele zur letzten Fähre zu bringen. In die Stille, die stets einem lauten Knall folgte, mischte sich das Geräusch nahender oder sich entfernender Schwingen, das für gewöhnliche Menschen unhörbar war.
    In unserer Familie war der Tod ein ungewöhnlich massiver Einbruch, womöglich der Preis für die Langlebigkeit, die neben der Unsterblichkeit, die kaum je zu erreichen ist, sämtliche Übergänge in ein anderes Stadium zu einem Gewaltakt herabwürdigte.
    Diese Kommunikation mit dem Jenseits, die nicht über gewöhnliche Kanäle stattfand, widersprach der physikalischen Logik, mit der ich mich beispielsweise in unserer institutionellen, erlebnisarmen Schule auseinandersetzen musste. Ich hätte mich nie getraut, dort von gänzlich anderen Wahrnehmungen als den hinlänglich akzeptierten zu sprechen. Wenn ich mich über den Animismus ausgelassen hätte, dem ich in meinen jungen Jahren bereits häufig als Zeuge beiwohnte, hätte mich das in große Bedrängnis gebracht. Meine Mitschüler waren allesamt wahre Erben und zukünftige Säulen unserer fehlerhaft eingerichteten Welt. Ihre Naturgesetze waren wie ein loses Sicherheitsnetz angelegt: nicht zwingend falsch, aber unzulänglich und oft genug fadenscheinig.

    Mehr lesen „Dorothea“