Dreh- und Engelpunkt

Das Bett ist der Ort, an dem man liebt und träumt, die wahre Werkstätte der Literatur, des Dichters eigentliche Heimat, oh Hesperos, Sohn der Eos, sanft und bescheiden und errötend wie ein junges Mädchen, dein Renaissance=Bett im wunderbaren Drang der Liebe, Trank der Liebe, graublaue Augen, oh Mensch, so graublaue Augen, ich kann doch kaum aus meinen Tagen heraus=sterben in die Nächte hinein, Wollust nämlich, Hort der Auflösung, ich kam nackt aus meiner Mutter und trat der Göttin vor den Schoß, steige herab in meine grünen Auen, direkt hinein in mein Gebett im Beet von Aprikosen und Nelken, der Erkenntnisquelle Tod und Thor Geburt und Thor, hold Kreuzungspunkt der Sinne. Sie hat immer da gestanden, am Brunnen. Sie hat dann immer gewunken, am Stall, ging wieder ins Haus und erschlug heimlich Fliegen. Die legte sie in Reih und Glied neben ihre Groschenromansammlung, gegenüber polterte die Tür in den Engeln (Dreh- und Engelpunkt).

Standort : Selb-Plößberg 1981, in einem fremden Garten traf ich Knabe eine junge Frau.

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  • Spintisera

    Zunächst war es nur seine rechte Hand, die in einem Buch verschwand, und er dachte sich nichts dabei, da er übermüdet und unkonzentriert las. Es musste ihm also nur so vorgekommen sein, als wäre die Hand beim Umblättern verschwunden. Im nächsten Augenblick war alles wieder wie gewohnt und er fühlte das raue Papier mit seinen Fingerkuppen. Doch blieb das eingenartige Gefühl zurück, für kurz eine Reise unternommen zu haben, und der Holzgeschmack auf seiner Zunge sprach ebenfalls dafür, dass etwas anders war als zuvor. Plötzlich glaubte er die Worte schmecken zu können, die er gerade gelesen hatte oder im Begriff war noch zu lesen, er wusste, wie vergänglich die Eindrücke von einer festen und gelehrigen Sprache waren, und wie es im Buch selbst aussehen musste, so beladen zu sein, übervoll an Bedeutung; und das alles nur wegen einer kaum zu bemessenden Zeitspanne, während der er sich eingebildet hatte, er griffe in den Kern der fremden Existenz, die er bisher nur als Fetisch oder Nutzobjekt verstand, als Medium, das den Geist in einer Trance badete, die selbstverständlich war und darüber hinaus voller merkfähiger Gedanken, aus der Gruft der Vergangenheit herangeweht, aus den Nischen der Körperlosigkeit und des bloßen Einfalls. Er versuchte es erneut, bei vollem Bewusstsein, aber das Buch, das wieder Gegenstand geworden war, wies seine erwartungsvoll tastende Hand zurück. Die Verhältnisse waren geklärt; und er konnte zwar tun, was immer mit einem Buch anzufangen ihm in den Sinn kam, das metaphysische Momentum jedoch schien verloren. Während er weiterlas,um zu erahnen, welche Zaubersprüche seine Hand durch Materie gezogen und seinen Geschmack entfacht hatte, bemerkte er, wie die Oberfläche des Blattes in eine Dreidimensionalität glitt und dahinter sich Buchstaben drehten und verrenkten wie im Veitstanz. Ein ganzes Alphabet an dicken Bäuchen und schlanken Hälsen räkelte sich auf einem gepflegten Rasen, zum Turnsport versammelt, bis er erkannte, dass es sich um Fracks und Ballkleider handelte, die um Leiber geschlungen waren, die geschnitzten Figurinen ähnelten. Ihre Bewegungen blieben abstrakt und im Grunde nicht nachvollziehbar. Außer diesem beweglichen Tableau sah er nichts, denn er wusste ja dass er las und sich die Zeichen in seinem Schädel eine merkwürdige Pläsanterie erlaubten. Auch schmeckte und roch er wieder Holz, zu dem sich Gallussäure und Speck gesellte, denn natürlich hatten seine unvorsichtig unsauberen Finger seit der letzten Mahlzeit kein Handwasser gesehen und etwas Fett auf die Kanten und den Umschlag übertragen. Doch das Atmen fiel ihm leichter in seiner ungelüfteten Stube, denn hier stand, dass jeder, der sich bewegte, auch etwas Luft zugefächelt bekam. Er sah, wie die Buchstaben atmeten, wie sie groß wurden und wieder in ihre ursprüngliche Form zurückfederten, wie sie Lerchenstimmen lauschten, um dann die Bedeutung für ihn zu turnen, weshalb er überhaupt wusste, dass es sich eben um diesen Vogel handelte.

    Die Domäne der heißeren Zerstörung hatte das Land ergriffen, in das er jetzt hineintrat und ihm war es, als fiele er von einem heißen Sommermonat in ein kaltes Kneippbecken, um ihn vom Leben selbst zu kühlen, denn als er gerade noch das Grün einer wilden Botanik durchstreifte, war er von einer Sekunde zur nächsten der blühenden Pflanzengesellschaft verloren. Noch dachte er, dass sich das Land schnell verändert haben musste, während er in Gedanken war, denn der Keim aller Trostlosigkeit steckte in diesem abrupten Wechsel, und es wollte ihm gar nichts nützen, dass er zunächst instinktiv zurückschreckte und überrascht hinter sich blickte: der Eindruck blieb nämlich bestehen, so als habe er sich mit der Vorstellung des Üppigen selbst getäuscht. Er war wie so oft an eine Seifenblase gekettet, die von innen unzerstörbarer anmutete als das von außen der Fall war. Diese zerstobene Blase ließ ihn jetzt die Wahrheit erkennen und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich, wo er war und wie er dort hin gekommen sein konnte. Seine Vergangenheit war ein plötzlicher Morast, bestehend aus Winkelzügen einer unzuverlässigen Erinnerung, die ihn bedrängte und zur Selbstbefragung nötigte, ob er sich nicht ebenfalls seine Wanderungen eingebildet haben könnte, ob er nicht wie im Traum nur durch Fassaden eines Gedankenpulvers gefallen war, dessen Millionen Körner ihm eine feste Welt vorgegaukelt hatte. Womöglich war er farbenblind geworden, oder war er es schon immer gewesen? War denn die Erinnerung überhaupt in einer Strecke zu fassen, im Vorbeigleiten der Geschehnisse, die wie Gebäude in Reih und Glied am Saum einer Straße aufgeknüpft standen, einer Trabantenstadt so ähnlich wie er selbst der fernen Beschreibung eines nur vage wahrgenommenen Tiers?

  • Indem das Wunderbare und Übernatürliche genügt

    Todorov, dem ich einige Dummheiten unterstelle, zählt Kafkas „Verwandlung“ zum Beispiel nicht mehr zur Phantastik, weil hier das Übernatürliche von Anfang an vorgesehen sei. Es geht ihm hier um das fehlende Überraschtsein angesichts der phantastischen Ereignisse. Dass die Psychoanalyse die phantastische Literatur ersetzt habe, ist eine weitere Merkwürdigkeit; doch angemerkt werden muss, dass aus heutiger Sicht selbst die Psychoanalyse ein überholtes Modell darstellt. Längst hat sich alles den Neurowissenschaften zugewandt. Es gibt natürlich andere Kandidaten, die Todorov widersprechen, aber auch sie überzeugen letzten Endes nicht. Hans Richard Brittnacher ist so jemand, wenn er behauptet, dass das Phantastische im Grunde kein ästhetisch innovatives Potential mehr entwickeln könne. Das Problem der deutschen Phantastikforschung wird da schon mitgeschrieben, denn sie stecken diese Begrifflichkeit einfach zu eng, weshalb unbedingt angeraten ist, den germanistischen Ansatz völlig hinter sich zu lassen und sich der angloamerikanischen Literaturwissenschaft anzuvertrauen. Es mag manchen staubigen Backen nicht gefallen, dass hier Phantastik und Fantasy im Grunde auf das gleiche abzielen, indem das Wunderbare und Übernatürliche genügt, um einen Text als phantastisch erscheinen zu lassen, denn „im Laufe des Jahrhunderts ist das Phantastische selbst zur Dominante des modernen Romans geworden“, wie Bernhard Cornwell feststellt.

  • Die Kammer und der Teekessel

    Ich sehnte mich nach Ruhe, doch die Sterne
    hielten mich wach. Ihr Licht galoppierte
    an meinem Augenkranz entlang und verfing sich
    dort in meiner Realität, die nicht selten zerbröselte
    wie trockener Sandstein. Eine Burg, ja,
    wenn man die Regeln der Zeit beachtet. Jedes Konstrukt
    haucht sich selbst das Leben ein durch seine Form. Auch
    wenn ich versucht war, dem ganzen zu entschwinden,
    gehörte ich doch den gesetzlosen Schimären an, die nicht
    wissen, was sie tun und deshalb das richtige tun. Ein Entzug
    des Beinahen, ein Entzug vom Beinahen,
    vom Nahenden, dem Nahenden also auszuweichen –
    das alles tat ich, indem ich mich nach Ruhe sehnte.

    Doch die Sterne hielten mich wach. Sie glitzerten
    wie feuchte Augen, und einem solchen magischen Blick
    konnte ich mich noch niemals entziehen.
    Wer mag da draußen seine Runden drehen,
    ungesehen in der Dunkelheit, der Tiefe von Kavernen?
    Man sieht ihn nicht, sieht nicht, was sich unsichtbar
    bewegt. Etwas bewegt sich unablässig um das Haus. Es
    poltert nicht oder knurrt. Kein Gras knickt unter Hufe, kein
    Atem bräst über fremde Lippen.
    Nichts.

    Ich erhob mich von der Chaiselongue und sah mich
    in der Kammer um, in der alle Dinge tanzten. Sie
    bewegten sich nicht, aber sie vibrierten, wie alle
    Dinge, die eine Nachricht brachten. Auch sie
    zog es zum Sternenlicht, von dem sie munter und
    halbschattig begünstigt wurden. Nun war der Teekessel
    auf meinem Stövchen das einzige Ding, mit dem ich
    ein Gespräch beginnen konnte, vor allem
    um diese Uhrzeit, wo mir doch alle anderen Utensilien
    versuchten, einen Bären aufzubinden.

    Du reflektierts den Schein, sagte ich. Wie
    meine Augen auch. Glaubst du
    denn nicht auch, das Licht sei gekommen,
    um uns einen Weg zu bahnen in
    unbekanntes Territorium?

    Ich würde etwa fünf Minuten warten müssen,
    bis sein Wasser kochte und er eine
    pfeifende Antwort geben konnte. Derweil
    zählte ich die Schnecken in meinem Gesicht, die dort
    nach etwas suchten, das ich unter dem Teppich
    versteckt hielt. Ich hielt es vor ihnen geheim,
    denn falls sie auf die Idee kamen, unter den Teppich zu schlüpfen,
    um danach zu suchen, bestünde die
    Gefahr, dass ich sie zertrat.

    Als das Pfeifen den Raum erfüllt und Dampf aufwallte,
    stellte ich mein Gehör etwas nach rechts, fand
    erst nicht die korrekte Frequenz, konnte dann
    aber die Antwort meines Kessels klar und schwebend
    in diesem kargen Zimmer vernehmen, indem ich nun
    seit neun Jahren darauf wartete, dass
    sich ein Weg zurück fand. Das Sternenlicht war
    sicher ein neuer Hinweis, doch der Kessel spottete nur.

    Ich koche und kühle ab. Was außen schimmert
    erblickt in mir nur verkalkte Reste, so wie du. Ich
    kann dir dienen, du mich wienern, du trinkst Tee und
    ich pfeife dir die Bereitschaft einer Jahrhunderte alten Gabe.
    Aber im ausgeschenkten Wasser
    steckt immer auch ein Teil von mir selbst. Mit
    Lichtern bin ich weniger vertraut.

    Nun stolperte ich über die Heringe eines Zeltes,
    das nie aufgebaut worden war. Ich ließ sie liegen,
    damit ich mich daran erinnerte, dass es einst eine
    Welt gab, die ein Draußen kannte. Schwimmende Räume
    ohne Wasser sind instabile Gefährte, sie navigieren
    auf unbekannten Bahnen. Der Tee
    schmeckte wie Stroh, alt und trocken.

  • Stund um Stund



    Wenn /
    sie es überhaupt erwähnte, setze sie hinzu,
    / dann
    weil sie betrunken sei. Ihre bloßen
    Fußrücken waren so weiß wie ihre jungen Schultern,
    Kissen und Aschenbecher eingerechnet.

    Hier ist sie,
    rief ein anonymes Mädchen
    und setze sich schnell hin.

    Das Doppelbett war gemacht,
    aber innendrin nicht frisch.

    Maskierte ihr Gesicht, bedeckte ihre Flanken,
    beschürzte ihren Bauch mit Küssen -
    alles durchaus hinnehmbar, solange sie trocken blieb.

    Sie, die alles verlegte,
    wählte flüssig eine lange Nummer.
    Das wäre erledigt.

    Die Straßenlaternen gingen in
    versetzter Reihenfolge aus. Um ihr
    einen leichten Stupser zu geben,
    wurde drei Tage später
    ein Bote bei ihr vorstellig.

    Wie oft waren diese akribischen Meisterwerke
    in Kunstbänden abgebildet? Was gibt es
    Traurigeres? Diese

    automatischen Bilder
    seiner letzten Augenblicke
    sowie
    die Löwentatzen eines Tisches.

    Sie wagte nicht, ihre Arme
    ziellos hängen zu lassen,
    das gleiche Haar, ins Blonde gehend
    oder vielmehr palominofarben,
    auf einer Landstraße von einem
    zurücksetzenden Lastwagen erdrückt.

    Seine dicke Schuhsohle
    mit einem Muster im Teppich
    in Übereinstimmung.

    Fieber indessen verwandelt Denksport
    in Stoff für Albträume.
    Blindekuh wurde nackt gespielt,
    manchmal schüttelte die Polizei
    einen Voyeur aus einem Baum.