Ach, so ein Revier! Habichte klimben beflügelt über den Tellerrand, zucken rostrot von den Bänken, der Horizont erschallt in butterweichem Gelb. Ist die Falle gestellt, ist es leicht, darauf zu warten. Kuseln ploppen auf den übersäuerten Waldboden nieder, hie und da ein salopper Wanderer, der seinen aus- gewürgten Spazierstock streichelt, dann sich Blaubeeren ansieht. Hochgeschossenes Lilablau, Lippen violettschwarz, und Teekessel, die keine Ruhe geben. Hübsch am Ofen den Arse gewärmt. Einer, der Pferde stiehlt, seziert jetzt Schafe, rankende Kühe, bespannt Äpfelkörbe, schießt scharf mit Vogelbeeren. Ein stummer Gruß bleibt zu lokalisieren, so ein Abendlicht, wie er dir schenkte.
Ich muß erneut eingeschlafen sein. So viele Schlafe, da mag ein Schlaf getrost kein Schlaf sein. Schlaff natürlich wird der Körper, daher kommt’s; aufstehen, erschlaffen und so fort. Ich stecke im Hotelzimmer meiner Chimären fest, das vorzeitige Erwachen betrifft nur meine doppelte Existenz. Jede der beiden will die Oberhand gewinnen. Das könnte sich als wichtig erweisen, wenn es einmal darum geht, wer ich bin, wer ich heute bin, wer ich gestern war. Der Ausschluß anderer Existenzen ist der konsequente Wegfall vieler alternativer Möglichkeiten, aber die Existenz selbst ist so schwammig, daß jedes Philosophieren darüber nur ein weiteres Spiel bleibt, ein Zeitvertreib; jeder Gedanke an ein anderes Leben ein Schatten, der nie wirklich da ist, aber auch niemals ganz verschwunden; mauvaise foi.
Unter verklebten Lidern befindet sich noch ein Rest der wirklichen Umgebung, eine dampfende Laterne, von Faltern umschwärmt. Da ist keine Erinnerung, nur eine trockene Kehle. Körperfunktionen halten inne, der Puls ist ein kleinwüchsiges Klopfen, die Säfte sind erstarrt, tief ins Gewebe zurückgezogen; die letzten Inseln lauernder Funktionslosigkeit. Bilder kehren mit dem Blut zurück zum Herzen, reisen mit Transferrin im Eisenbahnwaggon, Schubtore geschlossen, damit während der Langsamfahrt niemand aufspringen kann, Rucksack in die Ecke, Guitarre raus (ein Hobo!). Nichts gegen den King Of The Delta Blues Singers oder Steve Earle, wir aber reden hier von Gedanken, von Geschehnissen. Das ist kein Swamp-Soundtrack, das ist eine Geige, die sich Ritzen sucht. Da fällt durch, was sie ausscheidet, klagende, kratzende Diarrhoe.
Das Licht spielt, wie es von jeher mit der Welt spielte. Planetenstaub, angebumst von koronalen Massenauswürfen, Tiktaalik rosea, der dann Affe wurde. Bettzeug, das nach barocken Liebeslagern muffelt. Die Zunge der Zeit hat hier mit fetten Zotten den frischen Geschmack in den Rachen befördert. Der Eindruck ist nur noch ein finsteres, oxidierendes Relief. Wo bin ich? Ich will nur meine Stimme hören, die mir der Katzenjammer zugesteht. Es gibt Märchen, da antwortet der Teekessel überschwappend der magischen Brühe : »Rauss mitt diiir, bevor man die Prinsesssin skalpiert!«
Und ein Pferd tritt ein (Ah! es ist ein Friesenhengst, mit Hafer in den Ganaschen!), der junge Held von burlesker, ganymed’scher Schönheit tränkt seinen Körper im jetzt golden dahinfunkelnden Sonnenschein, der durch die Risse der garstigen Schwiegermutterscheiben taumelt. Dann ein recht merkwürdiger Name, sagen wir, Behroka, sagen wir, Behroka Espenlauba, die zitternd mit noch blonder Mähne im Turmzimmer zu Karstenfels ganz oben unterm Dach dem Einen harrt, der eine sehr, sehr durstige Kehle hat. Das Märchen beschreibt das runde, zugige, und von außen abgeriegelte Zimmer mit ein, zwei romantischen Paradesätzen, verschweigt die Bettpfanne, den stinkenden Essenstrog, erwähnt allerdings die Unmöglichkeit, das Gemäuer zu erklimmen. Viele haben’s schon versucht, hört man da, alle sind sie schauerlich deformiert und zerbreit an ihrem Leib ins Geisterreich gefahren.
Eigentlich sollte ich dunkel gefärbte Töne finden, um diese Pest um uns herum zu beschreiben, aber ich verstumme im Angesicht einer solchen Katastrophe. Zu viel wird gesagt, aber kaum etwas bringt uns in irgendeine Richtung. Dabei ist es nicht so, dass ich in Lethargie verfalle, ich arbeite ununterbrochen, aber die Substanz ist mir abhanden gekommen. Man bereitet sich unbewusst auf ein mögliches Ende von allem vor. Natürlich kann man das von sich schieben – das gelingt eine Zeitlang, aber die Präsenz ist überwältigend. Mir ist in dieser Zeit sogar meine Trauer abhanden gekommen, sie ist einer Gleichgültigkeit gewichen. Der Tod als einzige Gewissheit untergräbt nicht den großen Reichtum an Unsicherheiten, die uns das Leben mit auf den Weg gibt. Mehr als flimmernde Eindrücke von der Welt bleiben uns nicht, vor allem kein Kontinuum.
Wenn aber ich die Erde abwärts streife der Kleider lose, nackt und bloß mich lege in den Wiesengrund da alles in sich Kosmos ist erspähe ich ein Wunder gebäre ich mich selbst
auf die Frage
Was ist zu tun, der Wurzel Tiefe zu begreifen der Wurzel Festigkeit zu hören der Wurzel Durst allzeit zu stillen
Ich trample auf den Nerven deiner Ahnen Genien und etruskische Todesdämonen Menschen tragen Flügel dort die Welt weit ist dort die Welt versteckt ist
Wenn etwas aus der Tiefe fragt:
Was ist das für ein Mund der dort hinunterführt?
Antwortet etwas darüber:
Der Zivilisationengrund ist Armengrab Ein offener Mund
Der hält den Rachen auf Der frißt sich durch den Bauch Der Erdenkinder Untergang Der Menschenfeind im Überschwang Danieder speichelt er und frißt Es ist der Mund, der niemals küßt
Aber höre auch dies: (Es sind die Gesänge der Vril)
Siehst du dich in Farben voller Flieder (aus dem Meer der Blüten) voller Duft von all den Blumen (die nicht immer Flieder sind) die erhoben hoch (so hoch der Grenzen Unwahrscheinlichkeit) dort enden wo du lebst? (Doch nur, falls du verstehst) Heißt man dich willkommen (denn ein Gast bist du schon längst) wo der Tod nur Wächter ist (und wo die Welt findet ihr Ende) wenn du längst vergessen bist? Es sind Sonnen die nie strahlen (die nie dort sind, wo du warst)
Hörst du diese Klänge (wie von Tausenden von Chören) die dich rufen, dich begleiten (in der Welt, die fremd dir ist) Fühlst du, wie der Wind der dich berührt (der dich begleitet) der dich zähmt (der dich umnachtet) weise kreist, geheimnisvoll?
Ich habe mich wirklich an all das erinnert, und während ich hier stehe, springt mir ein Teufel ins Genick. Er meint es gut – Teufel meinen es gut, sie wollen ja alle nur, dass wir begreifen. Adam bin ich – einz’ger Mensch.
Der Winter schnitt mir Scheiben aus dem Geist und legte Erinnerungen hinein. Wollte ich diese Geschichten erfinden, ich hätte es nicht gekonnt. Michels traf ich nie, aber Hohenner schnürte meinen linken Daumen wieder zusammen, als ich im Rattensteinbruch in eine kaputte Colaflasche fiel. Er musste bereits als Greis aus seiner Mutter evakuiert worden sein. Ich hatte mich gegen die Spritze direkt in die Wunde gewehrt, mit kläglichem Erfolg. Ein andermal schnitt mir die Brotmaschine einen anderen Finger beinahe ab. Aber jetzt kannten wir uns. Ich wusste nicht, dass er mir lieber die Augen verarztet hätte (oder war das Einbildung?), einer, der den Perlen verfallen war, die in Gesichtern glänzen. Garn – Garn – Garn – ist alles was ich habe. Garn – Garn – Garn – ist alles, was ich brauchʼ! Die Tore nach Raha waren nie ganz geöffnet, aber auch nie ganz geschlossen. Wenn die Geschwindigkeit stimmt, sieht man die Zukunft nahen. Es ist ein Spiel der Philosophen. Bin ich am einen Ort, will ich zum anderen.
Ein Schneedämon, der sich von Fleisch ernährt, um danach in die Wälder zu verschwinden, um sich das eiskalte Schnütchen mit jungen Fichten zu putzen, quergelegt und weich. Die Förster hielten das abgescherte Bäumelein für Windfraß, das Schneelager für Holles Bettenzelt, das Bluträtsel für füchsisches Treiben, das Kochfeuer für Magie. Man erzählte es nicht in der Kneipe, sagte nicht: Ich habe heute im Wald einen Herd entdeckt, Nierengulasch war noch übrig, aber ich wollte nicht riskieren, dass dieser weiße Riese erwacht und mir vielleicht Lungen und Herz abfrühstückt.