Flamboyant: 6 Zurück im Paradies

1967 fiel es Willi Kreutzmann nicht schwer, das ganze Leben als eine Folge von Zufällen zu betrachten, die schließlich auch den Reiz eines Glücksspiels ausmachten. Er fühlte sich ganz und gar wohl in seiner Zeit. Mit seinen langsam aber stetig wachsenden Haaren, den unmöglichen Koteletten, brachte er zwar die anständigen Bürger gegen sich und seine Familie auf, aber niemand versuchte, ihn zu steinigen oder an einem Ast aufzuknüpfen. Der ein oder andere mochte sich fragen, was er denn daran fand, ein Gammler zu sein, wo es doch keine Veranlassung dazu gab. Soweit er wusste, hatte sich nur Wilme Penning, die unter ihnen im Parterre mit zwei plüschähnlichen Hunden lebte, dazu durchringen können, sich zumindest darüber zu informieren, ob es denn nicht strafbar sei, sich … nun, eben … wie ein Gammler herumzulaufen, ob es denn nicht ein Gesetz gegen diese Zumutung gab. Selbstmord sei ja schließlich auch nicht erlaubt, argumentierte sie, fand aber kein Gehör, obdoch sie ihr Anliegen recht sachlich hervorzubringen wusste. Als sie bei der Polizei abgeblitzt war, versuchte sie es beim Gesundheitsamt. Läuse und Ungeziefer wollte sie aus der Kreutzmann-Wohnung herauskrabbeln gesehen haben und selbst ihre Strick-und Häkelfreundin Lore könne bestätigen, dass es neuerdings Mäuse im Haus gab, was ja nicht von ungefähr kommen könne. Sie bedaure es bisweilen, keine Katze halten zu können, wegen der Hunde doch!

Der Summer of Love, den Allan Ginsberg zwei Jahre zuvor Flower Power getauft hatte, erreichte am 18. Juni seinen Höhepunkt in Monterey, aber auch die Porzellanstadt Selb hielt in diesem Jahr neben dem berühmten Wiesenfest ein Human Be-In ab, obwohl es sich dabei in Wirklichkeit um ein Wandervogel-Treffen auf dem Goldberg handelte.

Willi trägt ein künstliches Bärenfell, kaum zu unterscheiden von einem Migranten im Lapedo-Tal oder im böhmischen Mladec. Mit der Unruhe des Sehnsüchtigen betrachtet er verwilderte Rebstöcke, Weinbergtulpen, Enziane. Weiter hinten zwischen den rastenden Felsen leuchten Lichtnelken, Fuchsschwanz und Sonnenröschen um die Wette. In den Boden gebettet versteinerte Muscheln, Quarzkristalle, Ammoniten, das Zirpen der Heuschrecken erfüllt die Luft, Eidechsen tarnten sich steinfarben.

Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, sich mit einem gekauften Zelt zu begnügen. Das sollten jene tun, die sich als Freizeit-Hippies hier eingefunden hatten. Im Innern seines Dreckberges besitzt Willi den Komfort des fahrenden Volkes, die Ruhe auf Wolldecken. Es riecht nach Erde und er riecht das gern. Wo die Menschen in ihren Träumen sitzen, begegnen sie sich im Schlaf der Zeit, denn alles schläft in dieser aus goldenen Brunnen schöpfenden Nacht, die nichts sagt, die es dem Schläfer überlässt, zu erfinden, was es noch nicht gibt.

Während er wartet und das Werden eines Phänomens beobachtet, auf das die Geschichte niemals verweisen wird, tritt Madeleine vor sein Blickfeld, setzt sich nicht weit von ihm entfernt auf eine Bierbank und lächelt ihn an. Im Hintergrund wird das Bierzelt gerade fertig, der Grill angestellt. Frisch geschnittene Zwiebelringe verschwenden ihren scharf-feuchten Geruch. Pflöcke treibt man tiefer in die Erde, über allem senkt sich bereits die Glocke einer Marihuana-Epidemie. Musik, dieses ekstatische Bräu, wird in alle Himmelsrichtungen entsendet. Gerade fegt Eric Burton durch das Kassettendeck, erzählt von San Francisco. Distanzen spielen kaum mehr eine Rolle. Fällt man in die Musik hinein, verspricht sie, dass hinfort keine Zeit mehr sein soll, Jahrzehnte, Äonen, Feuergericht. Warum hat uns die Erde erst so spät hervorgebracht?

Madeleine setzt sich, angetan mit einem bunten Sommerkleid und den Sandalen in der Hand in diese fröhlich hektische Betriebsamkeit des nahenden Festes. Ihre Kupferhaut weist das Sonnenlicht in seine Schranken.

Das Nachher bestimmt das Vorher, brütend über ornithologischen Gebietskarten im Dinarischen Tannen-Urwald, den Schlangenhaut-Kiefern, im tropischen Auslauf, Schaumnest, Spinnennetz, nackt und blind, konvulsivisch zuckend, schleimbadend, sekretabsondernd. Die großen Geheimnisse treten durch die Tür, man probt für den Tod in einer täglichen Pflichterfüllung, der Arbeitsraum der eigenen Körperwärme unter Tierdecken, Daunenmull, in diesem Klima beginnt die steinerne Wirklichkeit immer enger zu werden, die große Wirklichkeit streckt ihre Ammenarme aus. Du hast es erreicht für wenige Stunden, du hast es erreicht für ein begrenztes Immer!

In einem Garten explodieren alle anderen Gärten, den Blick hinunter zu den Mufflons, die wir ritten, wenn wir über den Zaun kamen, mit Epinephrin angereichert in den Schlamm stiegen, wenn der Widder mit dem grauen Vlies sich um die Mittagsstundʼ nicht sehen ließ, sein Arkadien war dies.

In ihrem Garten regnete es unter dem dunklen Dach, Schatten sind nie einsam, das lichtlose Schwitzwasser von Objekten, die Kirsche wirft eine Kirsche, der Apfelbaum nimmt das Licht, knorzt sich vor das Auge, mein eigener Schatten wirft ein Notizbuch, Momente flüchten zu anderen Momenten, die Worte, hinterhergetragen, werden flüchtig, aber sie sind dort zu lesen: Einsam wie ein Schatten komm ich an über die Dächer. Wer kommt über die Dächer? Ich komme über die Dächer, als Schatten ohne Objekt, das mich wirft, das pure Funkeln des Obsidians in seiner dunklen Dämonie. Es gab keine Kleiderordnung und jeder hielt sich daran. Sie war die einzige bepelzte Schrittmacherin wo das Feld sich um das Tunnelsystem herum auszudünnen begann. Es ist das unentschiedene Glück, das ein Wechselspiel einleitet, die Finesse, nicht zu verweilen, sich nichts vom Leib zu halten was auch nur eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Geheimnis aufweist. Für jede neue Tätigkeit müsste man sich einen neuen Namen ausdenken, Bacchanal auf der Heide, in jeder Situation wäre ein numerologisches Gleichgewicht wieder hergestellt, das Summen, Singen, Brummen, Raunen der Ekstase angepasst. Denn diese fleischige Orchidee ist nicht identisch mit ihrem hingehaltenen Rostellum, dem Schnäbelchen Labellum.

Oh Lene, Lene, Lethe – ich vergesse mich, weiß doch nur deinen Namen, im süßen Tod gebrabbelt zerfällt er zu einem bilabialen Frikativ (schnüffeln, starren, kratzen, beißen, spucken). Die Natur hält sich nicht mit unserem Verständnis auf, reagiert aber auf die Vorstellung von Welt und Zusammenhang.

Ich zog die eigentlich schwere Haut an, den Mantel der Jahre, die ich noch kannte. Ich kann Lippen abwarten, ich kann langsamen Duft verstehen; kann auch von einem Fieber überrascht werden, das in einem Gegenüber Furchen zieht.

Du (und ich sage: »Du …«) weißt nichts von meiner wahren Gestalt, bleibst auf der Spitze der Couch sitzen, lehnst dich nicht zurück, bleibst dem Abgrund nahe. Kommt der Tag, dann will ich sagen, was ich noch an Worten weiß. Du (und ich sage : »Du …«) hältst jetzt die Augen gesenkt, weil dich ein Fleck hypnotisiert, der deinen Schatten imitiert. Dein Lippen-Netz ist spröde, dein Unglück eine Wüste. Ich bewege mich, wie es Alpträume tun, bevor sie tiefen Schlaf aufschrecken; ich kann außerhalb in Räumen sein. Du (und ich sage: »Du …«) zitterst; aber warum zitterst du? Ich vollbringe dich : ein Werk, das deine Lippen wässert. Am Portal verschwimmen Sprachen; wir sprechen über nichts.

Wir sind zurück im Paradies, Verzeihung für all diese Mühen und Überraschungen, die Entbehrungen, die Gewalt. Jetzt sind wir wieder beisammen, das Lamm liegt endlich wieder bei dem Löwen. Es ist 1967 und wir haben es fast geschafft.

Ähnliche Beiträge

  • Die entblößten Träume

    Ich bin auf der Suche nach dem Seltsamen.
    Das Leben, die entblößten Träume…
    oder mehr noch : der fehlende Sinn, der nur dann fehlt, wenn er wirklich fehlt
    und nicht etwa wenn es ihn gar nicht gibt.

    Dieser Baustein, der beweisen könnte
    dass die Schöpfung eine runde Sache ist, alles
    eingerastet und läuft wie geschmiert, wir haben
    die Vernunft doch tatsächlich als solche erkannt, hurra.

    Die Gebäude und Räume können nur von einer Seite aus betreten werden,
    eine Auswahl fällt daher leicht. Im Innern aber
    stecken die Möglichkeiten
    einer ausgedehnten Traumwanderung, die

    – wie eine gute Geschichte – irgendwo anfängt
    und irgendwo aufhört. Das Vorher und Nachher ist nur
    als Potenz vorhanden, aber es wiegt schwer
    in seiner Nichtausgesprochenheit.

    Das Leben, die entblößten Träume…

    Das Seltsame hat einen anderen Grund als das Gewöhnliche zu konterkarieren,
    es führt seinen Tanz in Stille aus und ist
    präsent wie ein Bild, das von einer ruchlosen Hand
    überpinselt wurde, in der Annahme, niemand würde kratzen
    oder schaben oder sich fragen, warum die Farbe
    derart monströs aufgetragen wurde,
    ob sich da nicht ein Geheimnis finden ließ bei der Entscheidung :

    Welches der beiden Kunstwerke soll dem Vergessen
    in den Rachen geworfen werden? – von denen eins vielmehr
    ein quasi-Kunstwerk ist, mit einem quasi-Dasein.

    Zerstören wir das Sichtbare für etwas, das wir nicht kennen –
    und wäre ein Vergleich nicht ohnehin töricht? Eine Skizze
    ist der erste Beleg für die Dauer,
    denn solange immer alles möglich ist,
    vergeht kein Gedanke ungedacht.

  • Wäscheboden

    Manchmal setze ich mich auf dem Dachboden in den Sessel, der in der Wohnung seinen Platz für ein freies Teppichfeld räumen musste. Die Geruchsmischung aus altem Gebälk, weichgespülter Wäsche und der gewaltigen Enzyklopädie mit vergoldeten Schnittkanten, die ebenfalls vorerst aus meinem Arbeitszimmer verschwunden ist, weil sie einen ungemein bibliothekaren Duft verströmt, oder besser und wahrer gesprochen, weil ich in diesem Zimmer sonst nicht mehr treten kann, verleitet mich dann dazu, eine Pfeife anzustecken. Ich sitze da und betrachte die vertraute Wäsche. Wie wäre es, wenn ich unter dem Dach leben würde? Das ginge nicht ohne Hut. Ich gehe also hinunter in die Wohnung und wähle einen, den ich selten trage, schließlich sitze ich auch selten unter der Wäsche; wieder oben angekommen, finde ich das Tableau, das ich mit mir darin selbst nicht sehen kann, perfekt vor. Vielleicht aber habe ich die falschen Schuhe an, weil man das, was ich anhabe, nicht Schuhe nennen kann. Morgen aber, wenn ich die Wäsche abnehme, werden es die richtigen sein.

  • Rokokoernte

    Geschrieben von A. Anders

    Wie es in Frankreich Tradition ist, knüpfen sie hinten auf,
    um die grelle Glühbirne zu verstecken und das Licht zu erweichen.
    Besonders nützlich, wenn ihr Schatten über einem Bett oder Stuhl liegt.

    Sehr hübsch! So feminin!
    Diese weißen Netzhandschuhe
    fügen diese heidnische Anmut hinzu,
    wenn Sie den Kuchen schneiden.

    Ein echtes Gesprächsstück,
    das jedem Zuhause ein Kuriositätengeheimnis hinzufügt.
    Sie könnten aber auch auf einem Doppelbett mit den Rüschen arbeiten,
    die zur Seite des Bettes laufen.

    Es gibt einige Risse und Reparaturen.
    Es gibt auch etwas Schmutz.

    Eine blasse Schale Rosa
    kommt wie alle Zigeunerartikel
    in einer schönen handgefertigten Stofftasche.

  • Sequena

    Eine neue Poesie breitet ihren Mantel über den Strom : Rhythmus ist Maschinentakt; Inhalt ist Arbeit, Melodie vielleicht, Akkordeonklang zum Sonntagstanz, lotrechte Kurven, aufrechter Untergang. So bannt Honoré Daumier mit flinkem, sicherem Stift die Badenden, Pudelscherer, Angler an den Kais in sein Sketchbook. Der Bouquinisten-Tratsch – und ich erstand Arthur Schnitzlers ›Der Schleier der Pierette‹ mit Autograph des Verfassers und seines Illustrators für 20 Francs. Hier ist keine Zeit, hier ist Allzeit, das leichte Grau, das allen Dingen unendliche Zartheit verleiht. Keine schönere Stadt als der graugoldene Seine-Nebel von unten heraufwabern lässt. Heloise und Hugos Zigeunerin Esmeralda treffen sich hier, Voltaire ging durch diese Gassen, aber auch Mimi Pinson (oder Hauffs ›Bettlerin von Pont des Arts‹), von niemand geliebt, von allen erbeutet. Meine ersten Gedichte von Paris brechen in der Mitte ab. Ich bin dieser völlig versonnene Nymphen-Lecker; vorzüglich, wie du schmeckst, Sequena – und wie Jouffroy dich schuf : ruhend, halbnackt, mit Seerosenblättern gekrönt, streng deine Gesichtszüge. Wasser fließt aus einem Krug, den deine linke Hand hält, die andere verharrt über dem Knie. Ein großes Bündel Trauben, Früchte, Korn. Doch nur Sequenas, der jungen Seine Bild, ruht hier einsam hinter Gittern in einem feuchten Kerker. Sie selbst durchläuft schlank die Wiesen der Champagne.

  • Lars von Triers Antichrist

    Lars von Triers 2009 erschienenes Psychodrama, das sich dem Publikum – schaut man es unter dieser Prämisse – auch in Form einer pathologischen Studie darbietet, setzt dem Horror in ganz eigener Weise Hörner auf. Es ist nicht allein nur eine Studie, die sich die uns hier gezeigte Paarbeziehung zum Gegenstand genommen hat, um einen abnormen Verlauf nachzuzeichnen, es ist auch eine, die sich die nach und nach offenbarte und somit festgehaltene Krankheitsgenese der beiden zum Anlass nimmt, das womöglich eigentliche Thema von Interesse herauszupellen. Und zwar beim Zuschauer. Der vielleicht, wie ich es tue, nach dem Wissensstand der medizinischen Psychologie von heute fragt, vor allem aber nach ihrer Praxis und Anwendung. Eine Studie also, die sich den Patienten anschaut, der ihre heutigen Dienstleistungen in Anspruch nimmt.

    Antichrist
    Mehr lesen „Lars von Triers Antichrist“
  • Das Kriegspferd (erste Skizze)

    In den ersten Jahren lebte ich mit einem Kriegspferd in der weiten Ödnis, das sich von fauligen Äpfeln ernährte, die aus allen Richtungen gekullert kamen, so die Zeit es für gut befand, von Insekten auf ihren Tanzbällen belagert und dem Conqueror Worm befallen. Außerdem verstand sich das Pferd ausgezeichnet auf Leichenfledderei, biß die Knöpfe der strengen Uniformen ab und gestattete mir so den Zugriff auf gelbstichige Fotografien und Briefe mit bereits verblassenden Handschriften. Ich verzeichnete alle Örtlichkeiten, aus denen die Briefe stammten und steckte auch die Bilder in meinen Ranzen. Es konnte durchaus sein, dass sich überhaupt kein Muster ergab, wenn aber doch, wollte ich vorbereitet sein und über die Schwelle treten. Die Randbezirke waren voller Geröll und so saßen wir noch ein wenig im Löss, natürlich stand das Pferd, senkte jedoch seinen Kopf in eine für mich angenehme Position, bis die Steinflut vorbeigezogen war. Die Steine wanderten wie Kröten, verharrten aber meist dann, wenn man es eilig hatte. Deshalb hatten wir es nicht eilig, das Pferd und ich, wir verharrten schottergleich und ab und zu kam ein weiterer Apfel angerollt, so dass wir zufrieden waren.

    Mehr lesen „Das Kriegspferd (erste Skizze)“