In Heidelberg

Deutschlands berühmteste Ruine

Am 24ten packten wir uns früh morgens von Mannheim nach Heidelberg; das verzögerte sich bereits, die Bahn fiel dann ganz aus, weil sich jemand über die Gleise in eine andere Welt empfahl. So wurden die Verbindungen erst einmal unterbrochen und wir mussten mit der Straßenbahn tuckern, die erheblich länger unterwegs war, aber ich konnte dadurch auch etwas in die Stadtplanung hinein glubschen. Tatsächlich bietet die ganze Region in diesem Dreiländereck eine höchst interessante Konstellation, die ich all die Jahre aus unbestimmten Gründen links liegen ließ, im Grunde seit ich nicht mehr reise. Diesmal gestaltete sich meine Beobachtung der modernen Wuselei als zahnlos, ich entdeckte keinerlei Angriffe auf meine Hypersinne, erst später sollte sich mein Speicher als übervoll erweisen, aber mein passiver Zustand verschärfte sich dadurch nicht.

Der Meister vor der „Blume 2000“

Das Interesse der Welt an Heidelberg ist mir stets schon verdächtig gewesen, selbst als ich noch hier lebte. Andererseits fällt es der Stadt nicht schwer, ihre Besonderheiten einträchtig nebeneinander zu präsentieren. Es war war vielleicht nicht die grandioseste Idee an einem heiligen Abend hier aufzutauchen, um stapelweise Bücher zu kaufen, wofür früher immer das Antiquariat Hatry in der Hauptstraße herhalten musste, das sich heute geschlossen präsentierte. Der Regen strümte mittlerweile beinlang die Beine lang. Nun flüchteten wir uns in eine ehemalige Kultstätte, das älteste Café Heidelbergs, das wegen seiner „Studentenküsse“ berühmt wurde und seit 1902 als Konditorei Knösel geführt wurde, obwohl das Gebäude selbst viel älter ist, nämlich schon 1863 als Café geöffnet hatte, in einer Zeit also, als die romantische Schule längst dem Vormärz und dem „Realismus“ gewichen war. Mir selbst macht es nichts aus, Heidelberg als Verbindungsknoten durch die Zeiten hindurch in Beschlag zu nehmen, eine Illusion aufrechtzuerhalten, denn Heidelberg war stets Wahl und selten Heimat der Dichter.

Die Strophe 8 für „Das forschende Licht blinder Augen“ wurde im „Vittoria“ fertig, nachdem ich 6 und 7 im „Knösel“ schrieb.

Die Idee war ganz einfach: Albera hatte einst fast exakt zur selben Zeit hier studiert, als ich mit meiner Lärmenden Akademie hier aufschlug. Die Mission war ein Zentrum der dichtenden Zunft zu errichten, hierfür ein Gebäude auszuwühlen und dann die nötigen Symposien zu organisieren. Wie man heute weiß, geriet alles außer Kontrolle, die Lärmende Akademie versank (nicht gar so malerisch wie die Titanic) und lebt bis zum heutigen Tag nur noch als ein weiteres Gespenst in meinem Kopf. Gemeinsam waren wir noch nie in dieser Stadt gewesen, in der ich allerdings die letzten Strophen eines neuen Tableaus (das für mich eine ganz andere Bedeutung als in der Literaturwissenschaft üblich hat) fertigstellen konnte, nachdem Albera die ersten drei nicht genug waren (womit sie recht hatte).

Schschlozz

In Mannheim selbst, das ich keineswegs als so hässlich wie meist beschrieben wahrnahm, musste an diesem Tag zumindest noch das Barockschloss ins Bild. Ein ungünstiger Tag natürlich auch für diesen Besuch. In der Bahn spotzte das Ansageband das Wort „Schschlozz“, welches das imposante Bauwerk nur unzulänglich beschrieb, aber freilich ging es bei diesem Gespucke lediglich um die Haltestelle. Es wird ein anderer Tag nötig sein, einen Blick ins Innere zu kegeln, aber schließlich waren wir schon mal da – und der Bahnhof liegt gleich um die Ecke. Leider war ich zu dieser Zeit bereits etwas in der Kategorie unter ferner liefen zu finden und sehnte mich nach meinem obligatorischen Mittagsschlaf.

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