Mistsudel

Neben den Bachrunsen biegen sich bucklig die Zweige der Lärchen mit ihrem Säbelwuchs. Sie bedecken mit ihrer Dachung das Blattgefieder, vernähen anhand ihrer grünen Nadeln den blauen Himmel mit dem Ende ihres dreckigen Saums. Und der Ort erscheint mir wie mit Schritten abgemessen, zurückgelassen für ein anderes Ziel vor Ewigkeiten. Für das Ziel, zu bleiben. Endet der Horizont, weicht man aus in ein nächtliches Dasein, beendet den Mistsudel der Realität mit der einfachen Gabe, sich ausknipsen zu können.

Ähnliche Beiträge

  • An einem weinroten Tag

    Wie ein überraschendes Paket hatte sie Platz auf einem Sofa genommen, das aus einer geknickten Matratze bestand, über die eine Wolldecke kaschiert für eine optische Täuschung sorgte, als du durch die Tür mit der profilierten Friese tratst.
    Der Umbau von einem romantischen Loch zu einer Schüssel; gepriesen sei der Fortschritt vom Erdloch über die Kastenkloake zur gemauerten Grube.
    (Wer Unrat vor seine Tür oder auf die Straße wirft oder schüttet, also nicht in den Bach trägt, gleichgültig, ob es bei Tag oder Nacht geschieht, der zahlt in jedem einzelnen Übertretungsfall dem Richter 24 Pfennig, der Stadt 1 Pfund und den Schergen 8 Pfennig.)
    Man könnte ja weder klöppeln, kloppen, noch rasten, säße man nicht am Rande der Weltscheibe und ließe sich von dem zur Mitte fließenden Blut besingen. Daß es dort draußen noch etwas gäbe, singt der Song, etwas außerhalb der Blödmuckelei, terra incognita, so weit man überhaupt möchte, und wo ein Punkt gemacht werden soll, entspringt sogleich ein Gut, auf dem man seiner Ruhe beipflichtet und bleibt. Sollte alles nur rund sein, werden wir uns nicht entkommen und schließlich aufessen müssen.
    Er hinterlässt Zeichen wo er geht und steht, glaubt, niemand folge ihm: das ist wirkliche Isolation, niemand ist ihm nachgegangen, alle Momente waren Momente seines Wollens, er führte sie herbei, begattete sie, erinnerte sich daran; als er eines Sommers den Zurückgekehrten spielte, Kerben in den Bäumen, den Bänken, vergrabene Zigarrenkisten, ähnlich den Spuren im Schnee, die nur noch in der Erinnerung existieren: ihre verrätselten Augen glimmerten, der Maibaum hing voller Monate.

  • Das Geistermädchen

    Die Schupfentüren knarren auf und zu, die
    Bienen schlafen, die Gänse schlafen, die Häuser schlafen,
    nur ich schlafe nicht

    und so stampfe ich in die fette Dunkelheit des Kellers hinunter
    und bilde mir ein, hier sei die Nacktheit eine Präsenz, die nicht nur
    vom Lummerlicht der Glühlampen repräsentiert wird, vom kalten, grauen Betonboden,
    den Gattern der Parzellen. Sondern von der Vorstellung, dass jeder
    einen solchen Keller auch in sich trägt

    die Verwandtschaft des Körpers mit einem Haus ist nicht nur
    sprichwörtlich als solche zu nehmen. Es spielt keine Rolle, wie viel Uhr es ist,
    denn draußen prasseln die Jahreszeiten vorbei,
    alles ein dunkelgrüner Fleck, dann Lichtung, dann Rhode, dann Dorf und Feld.

    Als erster Mensch (oder letzter Überlebender) nehme ich mir ein Stück Seife
    auf die nächtliche Straße hinaus, um mich, im Regen stehend, abzureiben,
    während ich das schattige Schloss beobachte, ob es sich vielleicht bewegt. Natürlich
    hätte ich auch unten im Fluss baden können, dort aber stank es abscheulich

    Die schlafenden Vögel werden nass, aber ich sehe sie nicht, sie schlafen
    und machen sich nichts daraus. Feine Nadelstreifen in der Nacht. Im Haus
    ist es ruhig, und auch das Schloss bewegt sich nicht. Unvorstellbar ist mir der Gedanke,
    dass in seinen zahlreichen Räumen die Zeit gefangen ist, ohne sich auch nur
    ein einziges Mal bemerkbar zu machen, am Fenster zu winken, Luft durch den Schlot zu jagen, die Türen zu schlagen.
    Lavendelwasser rinnt an mir herunter und verschwindet nur schwach schäumend im Gemenge der flüssigen Massen.

    Ein Geistermädchen entschwindet in die Wälder,
    morgen werde ich ihr folgen, um ihr zu erzählen,
    dass eine Dusche unter freiem Himmel sie wieder lebendig machen kann.

  • Daphne

    Geschrieben von A. Anders

    Manchmal Wurzeln
    Das Haar

    Manchmal Rinde
    Das Gefühl

    Manchmal Blätter
    Die Organe

    Das Rauschen

    Manchmal Äste
    Die Arme

    Das Knarzen
    Der Wille zu dir

    Manchmal wie Harz
    Das Blut

    Die Möse
    Der Schwanz
    Das Aufbrechen der Borke

  • Die Strophen der Glocke

    Das Dorf war voller Figuren, die sich aus dem Schatten wölbten.
    Damals konnte ich sie nicht sehen, erst sehr viele Jahre später
    fiel es mir wieder ein. Es fiel mir zum ersten Mal ein, als ich
    eine gedankliche Reise unternahm, um zu sehen, ob sich
    meine Erinnerung schon verändert hat. Es war also immer
    etwas da draußen, der Sommer stets nur eine Erwartung.

    Einst ein Läuten, gar nicht fern vom Standort
    des großen Klangspektrums; ein Ritter könnte klirren, aber
    er könnte nicht seinen Kopf abnehmen
    wie der Hesse im schläfrigen Dorf, dem der Lehrer die Leviten las –
    oder etwas anderes las, das die Strafe bedingt. Ein
    Landstrich der Feen, menschenschlächterisches Nichtmenschengeschlecht,
    blutsäuferische Bluttäufer, rotgestrickt und ohne Ort.

    Wir haben unsere Sicheln abgeschliffen, ein warnendes Syndrom,
    um die Glocke zu begleiten durch den Lehm.
    Ein festsitzender Strunk wird uns die Ausrede sein,
    verzögert anzulangen. Die Schattengesichter federn
    ihre fragilen Züge durch eine Reihe unüberlegter Handlungen.

  • Trolle & Barstukken

    Die Erinnerung ist aus den Gegenständen herausgeblasen, ihre Be­ deutung leer. Es scheint für alles einen Zwilling zu geben, jeder real existierende Gegenstand ist gleichzeitig das Requisit eines Traumes. Diese Regale hier unten sind müde Bretter, aus einem toten Forst gebrochen, verwandelt, unseren Knochen so ähnlich, wenn sie zerstoßen, zermahlen, genagelt oder verschraubt die Flaschen Wein umkrallen, im Kellerstaub auf Nachschub warten, denn es sind noch Plätze frei.

    Der Mond leuchtet den Wichteln, Trollen, Barstukken, leuchtet je­ nen, die selbst nicht glühen und in ihrer hölzernen Hand keine La­ terne mitspazieren lassen. Stock und Stein, Wurzeln, Farne: leuch­ tet der Prozession hinunter ins Dorf! Wölfe küssen feucht.

    »Was ist mit den Räubern?« Sie lercht, lächelt nicht in ihren Gum­ mistiefeln, die ihr bis knapp unter die Knie reichen; sie bie­ gen sich noch kaum, starren um ihr schmales Gesöck herum, stempeln die halbtrockene (halbnasse) Erde, ritzen Dagewesenes hinein.

    Und dann gibt die Erde nach; sie stampft noch etwas tiefer, blickt mit gemarterten Augen auf zu den Gesichtswipfeln, die vor einem aschfahlen Himmel wippen, Bärte daran gekauert.

    In der Nacht wollte sie die Erinnerungen zähmen. Am Tage, sagte sie, gelänge ihr das nicht, weil sie ständig in die Einsamkeit hin­ einsehen müsse, die sie zwischen zwei Menschen entdecke. Sie sagte, sie suche gern Dinge oder Orte, mit denen sie einen Pakt zur Animation ihres persönlichen Dramas geschlossen habe, wieder auf.

  • Schemenform (Proto)

    Wieder lief ich des Weges, den ich einst nahm.
    So oft warf ich meine Hände dabei ins Feuer.
    Und jedes Mal in jeder Mitte dieses Waldes ließen
    sie mein Haus, auf das sie mit ihren nachtlangen Fingern zeigten,
    erneut in diesem großen Kessel versinken.
    So lange habe ich dich hier nicht mehr gesehen.
    Die Bäume brachen ihre Borken durchgehend stumm auf.
    Fleischweiß ist es hier geworden. Einzig hinter der Tränenmauer
    gingen Wölfe auf Zehenspitzen auf und ab.