Quellen aus Mondlicht

Quellen aus Mondlicht, ein Splitter der Vergangenheit. Hier wurde weder Licht noch die Luft selbst gelüftet, die Gäste sprachen Double Dutch, flüsterten laut, hatten sich nichts zu sagen und sagten sich nichts zum tausendsten Mal. Das Strandgut eines Sommerplatzes: den Elenden gab man gastfrei. Sie stand in der Ecke und sah mich früher als ich sie, stand in meinem Rücken, dieser weiten Fläche, ein Fächer für Blicke, weder die Kleidung, die man trägt, noch die Haut widersteht dem Stechen eines in Gedanken arrangierten Blickes. Sie stand da und stand verborgen, karge Mauern hüllten sie ein, Gedanken ohne Gestalt, ohne ein Wort, ein Bild. In der Mitte flackerte ein entsetzlich funzeliges Licht, das sich für eine Sonne hielt. Im Keller siechte das Wasser eines Brunnens, darin keimte die Erinnerung wie in einem Aquarium eschericha coli, geisterhaft tauchte aus der Tiefe all das empor, was man längst kannte: selbst zu fassen bekam man sich nicht.

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  • In der Gesellschaft von Bildern

    Wenn ich Bilder vorgesetzt bekomme und mich nicht gleich sehen kann, weil ich so erschreckend verzaubert dreinsehe, so als wäre ich gar nicht vorhanden, durscheinend, obwohl alle Glieder vorhanden sind.
    Ich verschmelze mit den Hintergründen, die Hintergründe haften nahezu an mir, ich könnte selbst ein Hintergrund für etwas sein (und bin es auch, bin der Hintergrund für so manchen Blick, der nicht auf dem Bild haftenbleibt).
    Man erkennt neuerdings alles in seinem eigenen Gesicht, was noch vor einem liegt. Wie eine geheimnisvolle Schrift ragen die Augen aus dem Kopf (woher stammt diese Lebendigkeit?), so als wäre das nicht nur ein Bild, sondern eine Begegnung.
    Hallo!
    und ich auch:
    Hallo!
    Kennst du mich?
    Und ich muss ehrlich sagen : nein, ich kenne dich nicht mehr, du bist schon weit entschwunden, ich kann dich nicht erreichen, nicht so, wie du mich erreichen kannst, das steht fest. Aber wenn du mich jetzt sehen kannst, wie ich dieses Bild betrachte, du mehr siehst, als ich sehen kann, dann kann ich mich vielleicht an den Tag erinnern, als mir plötzlich einfiel, dass es dich da draußen gibt und dass du einen weiten Weg gegangen bist.

  • Überschüsse im Gesicht eines Mannes

    Die Natur spuckte aus, es war Stille im Universum.
    Nur die Steine sprachen miteinander. Fünfzehn Stufen
    lagen vor mir, und die erste fand ich hell erleuchtet.

    Nebel, die Stufen aus Knochenmark geformt, in der Mitte schwielig,
    Braun zurückgelassener Fußabdrücke, Dornenstaub darüber,
    Gestalt des Wahnsinns.

    Hört auf, mich zu halten, Skelette!
    Würmer kriechen aus euren Mündern, an den Kiefern kleben
    niemehrkauend gelbe Zähne, Knochenhälse recken aus dem Morast,
    Mooszyrrhose. Man krönte mich zum König,

    man hängte mir geräucherte Würste um den Hals,
    man baute mir ein Bett aus Gammelmais und Daunen,
    dreizehn Nymphen, kleiner als ein Daumennagel, putzen meinen Körper.
    Prinzessinnen wollen saubere Kandidaten.

    Kraft meines Amtes
    darf ich entscheiden, wem man heute die Augen aussticht,
    ich entscheide mich für einen Bankier,
    der Augensaft, die Tränke der Nymphen;
    das Geschrei des Sterbenden wird untermalt von Pauken,
    bucklige Glöckner schwingen den Klöppel.

    Ich bin der König der Skelette, ich bin
    der gesäuberte, bezirzte neue König, werde in Plasma gebadet
    und besteige hierzu eine gusseiserne Glocke,
    meine Augenbrauen verfärben sich rot.

    Der Fremde blieb fremd, tastete nach seinem Hals:
    »Verzeihen Sie mir, ich suche eine Inspiration und weiß nicht, wo ich suchen soll!«

    Sitzt an meinem Tisch und beobachtet mich
    mit Zonulafasern, Linse, Augenstiel.
    Beinahe hätte ich ein Lied daraus gemacht: Oh Zonula Augenstiel,
    Netzhaut, Binde-hau-tsa-hack!

    Er beugte sich über die Schreibmaschine (Hermes Baby),
    roch nach Moschusdrüsen und Schweiß, und bellte,
    die Lippen straff geöffnet,
    künstliches Loch, die Zunge wie ein Rollmops;
    als wisse der, wer ich bin.

  • Nekyia

    Tausend Jahre der Nacht. Die Sonne ist nicht mehr zu sehen. In dieser stahldunklen Umgebung wird alles zu Stein; die Sinne der Menschen und Tiere mutieren. Die Ultraschalljäger dominieren. Licht wird künstlich hergestellt.Sie sitzt in einer Höhle und näht ihr Hochzeitskleid. Er schläft bei ihrem Grab.

    Ach was ist sie für ein wundervolles Wesen, unreduzierbar auf Geschicke. Sie fliegt und schwebt. Wenn sie will, kann sie die Erde berühren, lebt aber anderswo; und sichtbar ist die Wolkenburg, durch die ich manchmal schreite ohne jemals drin gewesen zu sein.
    Wie in der bezaubernden hemimetabolen Metamorphose, wenn aus dem Ei die Nymphe wird, aus dieser die Imago; dann steigt sie auf über die Pflaumen von Damas, dann schwebt die Libelle über ihre efeuumwundenen und solemnen Kranzgesimse.

    Tatsächlich bin ich beherrscht von einem unglaublichen misstrauen. Das Verstehen ist nicht zu erlernen, Visionen nicht handelbar. Ich verhandle nicht, ich teile Visionen. Das Schleichen in den Schlangengruben – ein unentrinnbares Gewirr. Auf diesen Feldern verharren. Die Rosen schneiden. Für immer verschwunden sein. Immer weiter die Blaue Blume suchen.
    Hellgolden erreicht deine Haut ein Schüttern. Du bist gewarnt durch deinen Instinkt. Ich könnte einmal der gewesen sein, der Dich band an Leib und Seele, den wildesten Tiefen hold, den wildesten Tiefen heil.

    Du bist gewesen mein Brauenschlag, mein Narbengezeter, mein loderndes Selbst, bist gewesen mein Acker der Lust. Perle deiner Gestalt, deiner großen Höfe; nähere dich, nähere dich, Perle, nähere dich dem Velours der Noppenzunge, gestalte mir ein Sinnenreich, ein Xanadu, erzähle die Geschichte weiter!

  • Unter der Chamäleon-Sonne

    Im Traum kam ich jedes mal ein bisschen südlicher der dampfenden Lichter heraus, aber immer in der Wüste. Das Schillern und Glimmern vor mir war unermesslich; als wäre der Sternenhimmel auf die Erde gefallen loderte die Atmosphäre wie mit Gold-, Silber- und Diamantenstaub erfüllt. Natürlich war es nur ein Traum, zu jener Serie gehörend, die ich seit meiner Kindheit fantasierte. Ich überflog aus großer Höhe ein farbenprächtiges Gebiet, das sich ausdehnte und verwandelte. Der Traum schien ein Verbindungsstück zu allen möglichen Welten zu sein, also nicht von jener Art, wie er den Rationalisten so viel Rätsel aufgab, dass sie darüber verrückt wurden. Ich betrat ihn wie einen Flur, dessen Wände hin und her zucken, auf- und ab schwirrten. Von dort aus konnte ich überall hingelangen. Dieser Traum-Flur erinnerte an ein Intestinum mit lichtdurchfluteten Wänden. Man gab hier seinen Körper ab, hängte ihn entweder selbst an den Haken der Somnium-Garderobe, oder man übergab ihn der Garderobiere, einer Dame mit langem, beweglichem Hals, bekam dann eine Nummer zugewiesen, die man sich leicht merken konnte, weil man selbst von der Art dieser Nummer war. Während also der Körper hier hängt wie ein Mantel, liegt er in Wirklichkeit irgendwo herum, eingemummelt in Decken, schnarcht oder atmet nur ganz leicht.
    Wegweiser gibt es dort nicht. Das ist der Grund, warum man sich allzuleicht verirren kann. Abertausend Türen locken mit überirdischen Farben, manche sogar mit Musik oder Gerüchen, mit Bildern aus der Vergangenheit oder dem Unterbewusstsein, dem man ja augenblicklich sehr nahe ist. Es ist oftmals schwer, zu widerstehen, denn manche Dinge sind für unseren befreiten Geist zuckersüß, und doch so ungeheuerlich gefährlich. Solange man den Traumkorridor jedoch nicht eine Richtung verlässt, die nichts mit der Form der eigenen Nummer zu tun hat, gelangt man durch das Erwachen des Körpers binnen des Augenaufschlags wieder in die Wirklichkeit zurück. Es fühlt sich an wie das Absinken einer Schwingung, durch die wir schließlich auch die ganze Materie geschaffen haben.
    Geht man jedoch einem Ziel entgegen, das der eigenen Nummer widerspricht, wird es kompliziert, weil man dann die ›falsche‹ Zahl zur eigenen hinzuaddieren muss, um zurück in den Flur zu gelangen, manchmal aber muss man eine Subtraktion anwenden, womit das Glücksspiel beginnt, weil es keinen Hinweis darauf gibt, was das Richtige ist. Folgt man jedoch stets nur seiner eigenen Nummer, ist die größtmögliche Sicherheit gewährleistet, ganz egal, wie viele Türen man hinter sich lässt.
    Ich selbst kannte meinen Weg, ich war seit langem darauf vorbereitet, aber ich traf auch jene, die irrsinnig waren vor Angst, die in einer Ecke saßen und wie Kinder, wenn sie zu rechnen beginnen, Finger hoben und wieder fallen ließen. Ihr Blick sprach dabei Bände.

  • Ludus

    Jeder geht seinen eigenen Weg des Verstummens.
    Ich kam aus der Tiefe eines verdichteten Meeres,
    Urgrund schwarzleuchtender Schlacke,
    trat flackernd an das Ufer,
    den dunklen Reptilien gleich,
    um wieder in die Schwärze hinabzusteigen,
    die niemanden kennt, die niemand kennt.
    Ich war so unbedeutend
    nur einen Atemzug ich selbst.

    Aus den Kelchen zusammen mit den Bienen
    in den Nektar verbissen, abschüssig das Bad,
    die Pfütze kleine luftschnappende Hälse,
    blaue Lippen.
    Aufragend die zerfallenen Pfeiler, Vasen aus Gips.
    Die Nymphen, nass, wogen in künstlichen Wellen,
    sehen den Bock unbehaart, sein Fell über einem Stuhl.
  • Fleisch der Gefallenen

    Kein Hungerkünstler wird sich hinsetzen und
    von einem Gedicht träumen, das er in kühlen
    Nächten in einer Art Rodeo mit dem Minotaurus
    von einer abwesenden Dame um den Bauch
    gebunden bekam : ein Stück Labyrinth, in dem
    er bleibt, gerade weil die Wände sich verschieben.
    Er kann sich nicht immer vom Fleisch der Gefallenen
    ernähren, auch wenn diese ewig sind.