Zu spät gekommen

Wie schön der Ort war, an dem du einst gesessen bist; Fliegen gab es kaum – überhaupt hatten sich die Insekten zurückgezogen, obwohl doch alles in fetter Blüte vegetierte. Die Bank stand noch, sonst wüsste ich es nicht. Man hat wohl vergessen, sie abzumontieren, denn den Weg zu ihr hat sich die Natur – sie benötigt dazu ja niemals lange – zurückgeholt (wie man diese Tatkraft bezeichnet), macht aber, ich möchte es nicht Wunder nennen und lasse die Sache als denkwürdig stehen, vor den Rippen, den Querstreben, vor den beiden Zementsockeln bereits halt, sendet dorthin nur kümmerliche Brennesseln, die sich erst noch zu beweisen haben, und denen man es innerhalb der Familie der Rosiden nicht übelnahm, dass sie hier versagten oder noch nicht wussten, wie denn vorzugehen sei, um das menschgemachte Bauwerklein in Besitz zu nehmen, als hätten sie Furcht davor, denn der Sichler besäße dann einen Grund, sie hinzumähen, gäbe es dort noch Wanderer, die nicht hierher kämen, weil sie sich verirrt hatten, sondern weil sie ganz gezielt – sei es ihrer täglichen Runde geschuldet oder ein sonnachmittäglicher Spaziergang – diese Bank für einen Ruheposten nähmen.

Nachdem ich mich durch das satte Grün gewunden, über zahllos abgefallen, abgefaulte Äste gestiegen, mich so manches Mal bücken musste, um herabhängende Zweige nicht in mein Gesicht schlagen zu lassen, und nachdem ich mich derart gymnastisch bereits am Rande der Anhöhe fortbewegte, zweifelte ich für einen Augenblick, der durchaus etwas länger anhielt als es der kurze Wimpernschlag meint, an meinem Vorhaben, nach Jahren der Abwesenheit erneut aufgebrochen zu sein, um dich nicht zu sehen, das heißt, dich nicht zu sehen als die, die du heute vielleicht bist. Nein, ganz und gar die Erinnerung – so liegt es mir im Gemüt – wollte ich suchen und aufsuchen, nicht dich, die du heute nichts mehr von dieser besonderen Stelle weißt, die du weit entfernt in einem Haus, das ich nie betreten habe, lebst und eine andere bist als zu dieser Zeit, zu der ich aufbrach, um durchaus darüber nachzudenken, was wohl aus dir geworden sei.

Der Zweifel aber galt nicht dir und nicht der Bank, auf der du die Beine untergeschlagen gesessen und ins tiefe Tal hinunter geblickt, er galt nicht mir, der ich im Gegenzug zu dir derselbe geblieben bin über all die Jahre, die wir uns nicht begegnet sind, er galt einzig und allein der Zeit, die mir in Form des Wildwuchses ihr Lauern auf einen Fehler bezeugte, einen Fehler, der mir, dem Erinnerungskünstler zum Verhängnis würde, so dass dieser Teil meiner Existenz für immer verloren wäre; so sehr ich mich auch mühte, zur Bank zu gelangen, in das dazugehörige Jahr zu pilgern, nichts fände ich vor als makabres Grün, das aus Gräbern sprießt oder das man an ungepflegten Ruinen aufzufinden sich gestattet, aber nicht in der Illusion von einer Begebenheit, die dem Sänger Lieder, dem Dichter Worte eingibt, die so lieblich in ihrer Art, dass man, pflückte man sie, einen schweren Wein davontrüge.

Die Zeit – ich bin aus ihr gefallen und kenne sie gut, weil ich sie aus der Ferne vermag zu betrachten – ist ein windschiefes Gebäude von einer unbestimmbaren Größe, ein Hexenhaus fürwahr, eine Kaserne für das, was man sich nicht entblödet Fortschritt zu nennen, aber sie ist nur augenscheinlich ein Haus, in Wirklichkeit ein Geist, der mit Schlangengift durchtränkt durch die uns bekannte Materie zieht. In diesem Gifte, so ging mein Gedanke, in dem auch du jetzt wie in einem Bade liegst, könnte auch mein Ziel, das ich bange ansteuerte, verödet und für keinen Traum mehr zu erreichen, haltlos schwimmen, ausgefressen der archivierten Bilder. Doch nichts dergleichen! Mein Dünkel zeigte sich alsbald als unbegründet, denn obwohl die Natur immer weiter vorgedrungen ist, lässt sie mich neben dir Platz nehmen, lässt mich erneut die Worte sprechen, die ich schon damals zu dir sagte: »Verzeih … verzeih, dass ich so spät gekommen bin.«

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    Dieser Gedanke machte mich rasend, ebenso rasend wie sich mir die Vegetation des Nebels anpasste. Ich wusste nicht, ob ich es war, die sich dabei schnell bewegte, obwohl ich keinen einzigen Schritt tat, oder ob es diese fließend dickichte Landschaft war, die mich umgab, mich in sich hatte, so sehr war ich mit ihr verbunden, dass ich mir das nicht beantworten konnte, dass ich das Gefühl hatte, dass meine Haut nun ganz mit ihrer verwoben war. Es war ein von Anfang an warmes waberndes Empfinden. Klimatisch feucht. Doch jetzt, obwohl ich noch immer die Taucherglocke trug, hatte ich das Gefühl, dass es mir meinem Atem raubte, ich immer weniger Luft bekam, mich erdrückte, meinen Brustkorb fasste und engte. Ich blieb am Boden, versuchte mich zu sammeln, zu beruhigen, um erfassen zu können, was um mich herum passierte. 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Aber sogleich sie mir wie eine erlösende Fatamorgana erschienen war, wurde sie vom Kondenswasser meines Atems verdeckt, das sich an meinem, so dachte ich mittlerweile: kleinen Seelenfenster sammelte. Ich entschied mich auf allen Vieren zu ihr vorwärts zu krabbeln. Zu weich waren meine Beine vor Angst. Nur woher sollte ich wissen, dass ich mich immer noch in der richtigen Richtung befand. Ich kam mir vor wie eine heillose Eva in der grünen Hölle. Einzig der moosartige Boden unter meinen Händen und Knien blieb mir als etwas Reales, das mir Orientierung gab, mir versicherte, dass noch etwas außerhalb dieser Glocke, die nun die sichtbare Welt um mich herum bedeutete, existierte. Das war ein beklemmendes, kaum auszuhaltendes Gefühl, mit dem Körper in einer zu sein, die außerhalb derjenigen lag, die ich sehen konnte. Diese Zweiteilung: Der eigene Körper, der sich in einer für mich nicht (mehr) sichtbaren Welt die fortdauernde Existenz erkrabbelt, während mein Kopf, meine Gedanken in einer kleinen Taucherglocke festsaßen. Knie um Knie, Handfläche um Handfläche krabbelte ich voran. Der moosige Boden wuchs mich ein, mit jedem Zentimeter, den ich mich weiter traute, mich von ihm umschließen zu lassen. Näher den Umrissen der Stadt zu. Ich bewegte mich, je mehr es mich in sich nahm, weich und weicher werdend, spürte meine Kniescheiben, die Knochen und Muskeln meiner Hände kaum noch. Kam aber dennoch weiter, denn ich verlor auch an Gewicht, das ich zu tragen hatte. Ich wurde leichter und leichter. Bis keines mehr da war. Nur mein Kopf blieb durch die Taucherglocke unverändert schwer. Bald war nur noch er es, in dem ich mir bewusst war. Die inneren Ränder der Glocke wurden mir zum letzten Raum, in dem ich mir noch gewahr wurde. Das aber wurde mir im Nichts, in dem ich mich ansonsten befand, zuviel. Noch immer, das Fenster war weiterhin beschlagen und beschlug auch weiterhin, atmete ich. Was mir aus mehreren Gründen ein Rätsel war, da ich meinen Brustkorb nicht mehr spüren konnte, und auch nicht das Gefühl hatte, dass der Schlauch mich weiterhin mit Sauerstoff versorgte. Ich war einfach nur noch. War nur noch in dieser Taucherglocke. Sah weiter nichts als meinen eigenen Atem, der sich an dem kleinen Fenster zu Wasser kondensiert hatte. Ich ertrank an meinen eigenen Gedanken, die diese Hölle mir machte, die kein Mensch auszuhalten fähig wäre. Und so stieg das Wasser in ihr. Es wurde dunkler und dunkler. Ich sank. Erinnerte mich sogar mich noch dankbar empfunden zu haben. Doch je mehr ich sank, umso mehr spürte ich einen stärker werdenden Sog, der mir meinen Körper wieder ins Bewusstsein gab. Mit einer Gewalt, die zur Folge hatte, dass ich ihn wie ein tonnenschweres Gewicht wahrnahm, das mich in meiner Taucherglocke rasant in die Tiefe zog. Mir wurde kalt und kälter, umso mehr sich mein Körper rekonturierte. Mein kleines Seelenfenster gefror zunehmend bis es schließlich sprang und ich mich in vielen kleinen Spiegeln im Dunklen als ganzes Wesen sah: Nackt und klein. Ich versuchte die Spiegel mit den Händen aus meiner Glocke zu lösen. Einen nach dem anderen. Und mit jedem einzelnen, den ich löste, legte ich ein sonderbares Wesen frei, das sich hinter diesem Seelenfenster schon die ganze Zeit verborgen hielt. Ein Wesen in Nacht, das über mir beugte wie ein riesiger Falter. Das mich mit großen grotesk runden Augen puppig betrachtete, dessen Körper ich mit meinen Händen als einen männlichen tasten konnte. Es war als blickte ich in das personifizierte Kindchenschema der Natur, das den Blick nicht von mir nahm, mich ansah als würde es in mich hineinsehen, und je länger es schaute, desto mehr nahm es in seinen Gesichtszügen, ja gar in der Farbe seines Haaransatzes meine Erscheinung an. Es, dieser Scheme, verpuppte sich durch mich. Durch mein offenes Fenster muss er wohl eingedrungen sein. Oder war ich es mit fellnen Flügeln, die seine Gestalt annahm?

    Amor und Psyche von Johann Heinrich Füssli (um 1810)

    Ich kann es nicht sagen. Ganz grün die Lippen.