L´amour gout

Es kränkt sich Stufen aufwärts, es kränkt sich Stufen abwärts. Es schlurft in einer Tour, schlappt halbfüßig, zu faul, ganz bar zu gehen auf kaltem, abgewetztem Stein. Der soll sagen, dass sich Stein nicht wandelt, der das meint. Der ewig gleiche Schritt nutzt die Mitte ab, drückt seine Dauer hinein und schreibt der Zeit ein kosmisches Epos. Ein Loch ist im Eimer, eine Scharte im Getrepp.

Draußen ist es heiß und ich bin noch keinen Deut älter geworden. Die Wirklichkeit sieht genauso aus wie auf diesen alten Fotos, die einen weißen Rand haben. Selbst die grellsten Farben entwickeln sich seltsam, ihnen fehlt etwas um die Nase herum, aber ich kann nicht sagen, was es ist. Das Gras wächst hoch, es wird nur um die Haustür herum gemäht. Ich kann mich an kaum etwas anderes als die Einsamkeit erinnern. Wenn ich im Nachthemd umher torkle, fühle ich mich frei. Dieser Körper ist gut für die Dreidimensionalität, ich bin einverstanden mit ihm.

L´amour gout; sie ähnelt einem Gemälde von Caracci, auf dem alles, selbst die Schatten in rosigen Farben gehalten werden. Nichts Unvorhersehbares geschieht. Nimmt man dieser Liebe die Eitelkeit, bleibt nichts mehr von ihr übrig.

Die Welt der dunklen Fische, schwarzes Loch auf sumerischen Amuletten, voluptuose Mutter. Das Wasser schwappt ein, überall treiben Zehennägel wie kleine Kähne herum, ich – eins, zwei, drei – schlief ein, schlief so lange, bis das Wasser kalt, die Haut nur noch Zellgewebe war. Draußen das Zwielicht zwischen zwei Welten, der zentrale Lichtpunkt, die schöpferische Kraft, ein Augenblick der Ewigkeit, ein immerwährender Prozess, der keinen Anfang, kein Ende kennt. Der Traum legt sich wie ein Marienkäfer auf die Hand.

Die Feuerstelle in einem Land, das sich räkelt, üppig schmatzt, wo Bäume erregt nach oben ragen, Wolken die Eichel umrunden, den Schaft entlang die Wurzel suchen, sie finden, rosettenumrankt. Die Geschichte fließt wie ein schlanker Sturzbach auf die Handteller. Ich lecke die Tropfen der Jahre ab; Jahre, jedes einzelne länger als ein Leben. Ich finde mich ein an roten Tischen, gedeckten Stühlen, Pflanzen auf Tellern. Unter der Chamäleonsonne. Dein Atem schmeckt wie deine See. Zungen kleiden die nackten Körper an, in unsichtbarem Samt erhebt sich die Landschaft der Haut, fordert die Wetter der Anatomie, die Reise per Zunge, per Fingerkuppe, die weite Reise von oben nach unten, Antipode eines Arsches, einer Brust. Die Füße küssen, die auf der Erde wandern und in der Luft Abdrücke hinterlassen. Von der Welt singen: ein rosarotes Lied des Schweigens. Die Lust, sich in die Lust zu schmeißen, in diesen kochenden Kessel, tanzend an der Oberfläche. Ein Ritual. Die eigenen Geschmacksknospen öffnen, Sekret der Wonne sein, ausgekocht und dampfend darniederliegen, still, wieder Form annehmen, schön fertig, mundgerecht sein.

Ach, ich lebte, ich aß, von allen Kirschen behielt ich nur den Kern. Schluckt man den Kern mit der Kirsche hinunter, beginnt unweigerlich der Wurzelschag des jungen Obstbaumes, die große schwarze Knorpelkirsche trägt sehr festes saftiges, rotbraunes Fruchtfleisch, die geotrope Pflanze bewegt ihre Wurzel auf den Erdmittelpunkt zu, damit sie aufrecht aus mir herauswachsen kann. Ich möchte noch tiefer hinabsteigen. Erinnerung, was bist du?

Diese Schritte schlurfen von selbst; er, ich schlurfe in den zu großen Latschen. Mehr noch als alles andere interessiert mich, dass ich in etwas stecke, das Mein Körper genannt wird, etwas, das ich mir angeeignet habe, das dem, was ICH ist, zur Verfügung steht oder ihm sogar zeitweilig gehört.

Die Treppe auf und ab: die Treppe. Ein steinernes, graues Gebilde, bemalter Klinkerboden, vom Flur in den Keller. Dieser Stein existiert auch heute noch, obwohl ich ihm fern bin. Ich sehe mich, wie ich mich damals nur ahnte, an einem anderen Ort kaleidoskopierend in Erinnerungen wühlen. Es kränkt sich Stufen aufwärts. Ein Gefühl wie Koffein nach purem Schlaf, wie ein Stromimpuls, ein Sheldrake-Gefühl, während ich über Raum und Zeit hinaus mit mir kommuniziere. Es spielt keine Rolle, wie alt ich bin, wie alt ich war. Ich bin noch nicht einmal eins allein, teile mich auf; doch bin ich ein ICH von erstaunlicher Eigenheit. Ich könnte kaum vollkommener sein. Ich interessiere mich für Mädchen (es ist egal, welches Bezugssystem wir akzeptieren, wir nehmen einen festen Punkt an, hier: Mädchen. Das Mädchen muß eines dieser Mädchen sein.). Ich möchte sie sehen und ablecken, um zu schmecken, was ich an mir nicht schmecken kann, weil ich kein Mädchen bin. Ich könnte also doch vollkommener sein. Ich müßte das Mädchen sein und das Mädchen müßte ich sein. Wenn ich nun schon so definitiv ICH bin, könnte es kein beliebiges Mädchen sein. Es müßte jenes Mädchen sein, das ICH sein kann und umgekehrt. Dies ist die Liebe aus Leidenschaft, Lʼamour passion des Abelard zu seiner Heloise, die nicht umhin konnten, sich zu gehören. Aber der erfüllt Liebende hat kein Bedürfnis mehr, sich etwa in Kunst auszudrücken, weil er zur Gänze damit beschäftigt ist, zu lieben und innerhalb dieser Liebe gar nichts anderes mehr wünscht.

Vielleicht aber müßten es alle Mädchen sein und dann wäre es unmöglich, als ICH vollkommen zu werden. Dennoch müßte ich es versuchen. Ich müßte versuchen, so vollkommen wie möglich zu werden, während ich durch die Nacht streife, innerhalb eines Körpers, der friert, weil es draußen heiß ist. Wie sich das Draußen an die Sonne des Tages erinnert. Oder während ich hier sitze, mich im Damals bewege, das vielleicht niemals existiert hat. Die Gedanken eines sterbenden Schwans, das Leben in einem Paradoxon.

Niemand konnte mich beobachten in diesen viel zu großen Schuhen, auf dem Weg in die Vergangenheit, die ich im Keller zu finden hoffte. Ich bin eins; nicht älter oder jünger; eins, ein ganzes Leben in einem und gleichzeitig. Was ich denke, existiert, wenn ich mich denke, existiere ich. Weiter hinunter, tiefer hinein. Der Körper sitzt hier und schreibt. Wie viele Körper habe ich bisher besessen? Wie viele Momente habe ich zustande gebracht? Zeitmomente, Raummomente, Bewegungsmomente. Manchmal scheinen mir die Tage aus der Hand zu gleiten wie billige Butter, die sich ranzig durch meine Finger schiebt. Die Nächte sind dann nicht mehr als leere Hüllen, gespickt mit jeder einzelnen Stunde.

Nachts: Ich mag den Duft der Nacht, wenn sich die Sonne nicht mehr sehen lässt, aber die Luft von ihrer Einwirkung steht und vibriert. Die Körper schlafen und dünsten aus, Schweiß stinkt nach Hopfen. Jeder Schritt kommt dem Einschlag eines Meteoriten gleich. Aber vielleicht existiert die objektive Realität nicht und es ist für uns bedeutungslos, von Dingen oder Objekten zu sprechen, als hätten sie über den Verstand des Beobachters hinaus irgendeine Realität.

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    Standort: Baden – CH 2006, Flueholz, eine Lichtung dort, die Geräusche der Fortuna.

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    ein Tropfen
    Flammenhaar

    ich sah
    ein Knirschen folgte mir
    zerbrochen
    und dann dir

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    und Elegien pfeift
    wer diesen Ort benennt