Fetisch

Die bunte Substanz war nun überall auf
der Chaiselongue verschmiert; eine Folge
falscher Fragen, in alle Himmelsrichtungen
treibend. Mitunter ist der Kopf eine
wässrige Melone, die sich hinter halb
geöffneten Türen daran erfreut, die
abgelegten Strümpfe der Putzfrau unter
die Lupe zu nehmen.

Zwischenspiel:

Beschnüffle sie, ringle sie,
tanze nach dem Timbre,
deinem wonnevollen Plaisir,
schultere, dem Atlas gleich, dein
kleines bisschen Welt, für die du
keine zwei Tüten benötigst. Hab und gut
stört nicht den Zweifel.

Die Straße ist frei, die Überquerung kostet
nur den Zufall. Die Grenze ist ein
Schlachtfeld der Gedanken, die von diesem
Sendemast in die ganze Welt
getragen werden, Frachtpaket
geheimer Lüste, verborgener Bewegungen,
Herbstlaub schützt dich nicht vor Hallu-
zinationen.

Es könnte eine neue Erfahrung bergen,
sich den Laufmaschen zu nähern, sich damit zu
bewaffnen, um gefährlich zu wirken, wenn der
Garten voller Leute ist, die ein Bus mit
unidentifizierbarer Graffiti an der Flanke,
ausspuckt und einsaugt.
Ausspuckt und einsaugt.

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    Geschrieben von A. Anders

    Es ist nicht sicher, Schwester,
    dass wir uns erinnern,
    wie wir uns fanden.

    Es ist nicht sicher,
    dass wir uns wiedererkennen,

    die wir uns suchen
    auf nunmehr anderen Wegen
    anderntags.

    Es ist nur sicher,
    dass wir sie gehen.

    Nicht sicher

    Es ist nicht sicher Bruder
    daß wir uns finden
    die wir uns suchen
    daß wir uns sehen
    wenn wir uns begegnen
    daß wir uns erkennen
    wenn wir uns lieben
    daß wir uns wiedererkennen
    anderntags

    (Hanna Leybrand)

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    Eine neue Poesie breitet ihren Mantel über den Strom : Rhythmus ist Maschinentakt; Inhalt ist Arbeit, Melodie vielleicht, Akkordeonklang zum Sonntagstanz, lotrechte Kurven, aufrechter Untergang. So bannt Honoré Daumier mit flinkem, sicherem Stift die Badenden, Pudelscherer, Angler an den Kais in sein Sketchbook. Der Bouquinisten-Tratsch – und ich erstand Arthur Schnitzlers ›Der Schleier der Pierette‹ mit Autograph des Verfassers und seines Illustrators für 20 Francs. Hier ist keine Zeit, hier ist Allzeit, das leichte Grau, das allen Dingen unendliche Zartheit verleiht. Keine schönere Stadt als der graugoldene Seine-Nebel von unten heraufwabern lässt. Heloise und Hugos Zigeunerin Esmeralda treffen sich hier, Voltaire ging durch diese Gassen, aber auch Mimi Pinson (oder Hauffs ›Bettlerin von Pont des Arts‹), von niemand geliebt, von allen erbeutet. Meine ersten Gedichte von Paris brechen in der Mitte ab. Ich bin dieser völlig versonnene Nymphen-Lecker; vorzüglich, wie du schmeckst, Sequena – und wie Jouffroy dich schuf : ruhend, halbnackt, mit Seerosenblättern gekrönt, streng deine Gesichtszüge. Wasser fließt aus einem Krug, den deine linke Hand hält, die andere verharrt über dem Knie. Ein großes Bündel Trauben, Früchte, Korn. Doch nur Sequenas, der jungen Seine Bild, ruht hier einsam hinter Gittern in einem feuchten Kerker. Sie selbst durchläuft schlank die Wiesen der Champagne.

  • Der Scherenschnitt als Okkupator

    Das Haus stand vermutlich deshalb leer, weil keine Straße hinführte. Es
    gab einen Trampelpfad, von Felberich überwuchert, aber mehr Annehmlichkeiten
    hatte es nie gegeben, auch wenn die asphaltierte Straße, die in Schlangenrhythmen
    durch das langgestreckte Dorf führte, nicht weit entfernt lag. Das Haus hatte
    keine Interessenten, weil es niemand zu Gesicht bekam
    so verborgen zwischen Gestrüpp und komplizenhaften Bäumen. Auch schien es
    niemandem zu gehören und wirklich keiner wusste zu sagen, wer zuletzt darin
    gelebt hatte. Man erinnerte sich an ein, zwei vage Bewegungen,
    die man einst sah, vergaß aber schnell, was man eigentlich sagen wollte.

    Das Haus sah nicht etwa unheimlich aus, eher traurig,
    wie alle schon seit langem leerstehenden Häuser. Wenn es Nacht wurde,
    wurde es auch im Haus Nacht, und wenn es Tag wurde, wurde es auch im Haus Tag.

    Um die leicht offenstehende Haustüre, ganz aus durchweichtem Holz,
    huschten Distelsträucher, die aus dem Innern zu strömen schienen. Nicht alle
    Doppelglasfenster waren eingeschlagen. Tatsächlich glaubte ich ohnehin
    nicht daran, dass jemand hier vorbeigekommen wäre, um auch nur einen Stein
    gegen das Haus zu erheben. Die Scheiben waren von unbekannten Kräften
    eingedrückt worden, das Alleinsein der verlassenen Räume wird auf diese Weise bestraft.
    Damit hätte der Wüterich Anteil am Verfall des kleinen Häuschens in der Mühlgasse.

    Alles befand sich an seinem Platz in der Natur, als ich den Schwarzen Mann sah,
    wie er dem Haus erst zu nahe kam und dann, die Disteln zerstampfend,
    hinter der Tür verschwand, ohne sie ganz zu öffnen. Er hatte nicht
    das geringste Licht abbekommen, blieb auf diese Weise zweidimensional
    wie ein Scherenschnitt, nur an den Rändern die Konturen gefräst, den
    Hut an der Stirn fetstgetackert und schwarz übermalt, damit auch hier
    keine Reflexion zu erwarten war. Als ich mich bückte, um die Disteln zu untersuchen,
    stellte ich fest, dass sie eben nicht zertrampelt waren. Die geheimnisvolle Erscheinung
    war demnach wirklich ein Scherenschnitt, also folgte ich ihm.

    Die Tür wollte ich nicht anfassen,
    deshalb zwängte auch ich mich durch den offenen Spalt in die
    dunkle Kühle eines gemörtelten Flurs hinein. In den einzelnen Zimmern
    gab es nichts außer einer vergangenen Möglichkeit. Die Wände wollten sprechen,
    aber sie fanden ihre Worte nicht; das verschweißte Atmen ihres Halses
    sagte mir, es ist Zeit zu gehen. Ich vermutete, dass sich
    der Scherenschnitt in einer der Schubladen versteckt hielt, die noch
    zu einem Schrank gehörten. Auch wenn ich blieb, war das Haus allein;
    wenn ich aber ging, blieb nur der Schwarze Mann,

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    Als ich sie besuchte, fuhr ich mit der Bahn in den Norden. Zwölf Stunden lang konnte ich keinen Platz ergattern und lümmelte auf dem Boden mit jenen, die ihre mit Bier gefüllten Rucksäcke langsam und beständig leerten. Als ich sie das letzte Mal gesehen hatte, lag sie betrunken und nackt im Garten meines dreißigsten Geburtstagsfestes, sehr blass, wie aus Marmor geschlagen. Jemand trug sie die Stufen nach oben und legte sie in ein Bett. Der Retter wusste nicht, wer sie war, aber das wusste sie ja selbst zu keinem Zeitpunkt.

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    Danach fuhren wir ins Krankenhaus, um ihre Schnitte nähen zu lassen.

    Gestern zur Geisterstunde sah ich mich erneut in diesem Zug, der nach Gefängnis stank, fahren. Solange man unterwegs ist, kann man sich nicht auf die Festigkeit des Körpers verlassen. Alles ist vage, und die vorbeirauschende Landschaft zeigt, wie Veränderung aussieht.