Am Brunnen vor der Lore

Wir schmierten Welpenbutter auf ein schornsteindunkles Brot
Nichts kann uns die Nacht erklären, die im Eise schwelgt
Und sich im Fieder wiegt wie leise auch die Motten
Von Firsten bluten Hirschdämonen ihre Kabel-Adern leer
Walmblechuhren schnabeln turteltaub auf diesem Dach
An einem garngesprenkelt kühnen Silberknauf, das Tor, das Tor
Ahndungsgepeitscht, Du Miozän, goschen mundlos sich die Jäger wach
Tragen Aschefleisch durch Schimmelstein
Aus Pferdenüstern steingeworden Atem pumpt hinauf

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  • Trolle & Barstukken

    Die Erinnerung ist aus den Gegenständen herausgeblasen, ihre Be­ deutung leer. Es scheint für alles einen Zwilling zu geben, jeder real existierende Gegenstand ist gleichzeitig das Requisit eines Traumes. Diese Regale hier unten sind müde Bretter, aus einem toten Forst gebrochen, verwandelt, unseren Knochen so ähnlich, wenn sie zerstoßen, zermahlen, genagelt oder verschraubt die Flaschen Wein umkrallen, im Kellerstaub auf Nachschub warten, denn es sind noch Plätze frei.

    Der Mond leuchtet den Wichteln, Trollen, Barstukken, leuchtet je­ nen, die selbst nicht glühen und in ihrer hölzernen Hand keine La­ terne mitspazieren lassen. Stock und Stein, Wurzeln, Farne: leuch­ tet der Prozession hinunter ins Dorf! Wölfe küssen feucht.

    »Was ist mit den Räubern?« Sie lercht, lächelt nicht in ihren Gum­ mistiefeln, die ihr bis knapp unter die Knie reichen; sie bie­ gen sich noch kaum, starren um ihr schmales Gesöck herum, stempeln die halbtrockene (halbnasse) Erde, ritzen Dagewesenes hinein.

    Und dann gibt die Erde nach; sie stampft noch etwas tiefer, blickt mit gemarterten Augen auf zu den Gesichtswipfeln, die vor einem aschfahlen Himmel wippen, Bärte daran gekauert.

    In der Nacht wollte sie die Erinnerungen zähmen. Am Tage, sagte sie, gelänge ihr das nicht, weil sie ständig in die Einsamkeit hin­ einsehen müsse, die sie zwischen zwei Menschen entdecke. Sie sagte, sie suche gern Dinge oder Orte, mit denen sie einen Pakt zur Animation ihres persönlichen Dramas geschlossen habe, wieder auf.

  • Als wäre man in seinen Geheimnissen schön

    ich wollte Dichtung immer
    als etwas begreifen das ich nicht begriff
    wir waren nie auf dieser Klippe
    von der man alles überblicken konnte
    ich habe die Erinnerungen
    mit viel Blut gepachtet
    trug es wie einen Sack dem Horizont zu
    und als ich schaute war da nichts

    als wäre man in seinen Geheimnissen schön
    trug ein Moment dem anderen
    ein Flüsterraunen zu und wie es gewesen wäre
    wäre man geblieben und hätte sich
    nie sehen lassen – das berühmte
    ‚unter den Linden‘ – nur ein Traum
    den die Zeit in eine Wolke hüllt

  • Ufer

    An Tadeusz Rózewicz

    ich bin ein Ufer
    das Schöne und das Wahre
    sind getrennt

    nach dem Ufer beginnt eine neue Welt
    wie immer

    in welche Richtung
    ist nur eine Frage
    die einer am Scheitel stellt

  • Früher hatte man noch Namen

    Emma, gib‘ Mamas Handy her! Emma! – Gott, was für ein Gekreische, das da von den heute typisch ungeschminkt blasswangigen Weleda-Gesichtern durch das Wartezimmer der Praxis meines Gynäkologen galoppiert. Weleda? Das war doch ein Wischmopp, nach dem alle Hausfrauen der 90er Jahre gegriffen haben, weil die Werbung ihnen versprach, sich nach dem Lappen nicht mehr bücken zu müssen. Alles sauber aus dem Stand!

    Und so soll’s wohl heute modern sein, sich abgeschminkt zu zeigen, und sein zopfiges Balg, dem man im Fettzwergenalter, in dem man noch mehr schwankt als selbstbewusst von A nach B sein Dasein fortzusetzen, offenbar affige Haarlänge zugesteht, während man sich selbst mit Ende Zwanzig alle zwei Wochen zur Schur begibt, weil Frau sich heute kurzhaarsportlich an den Mann und Arbeitgeber bringt. Statt der Zeitung die Faszienrolle unter’m Arm. Und die habe ich mir, als ich mal wieder Lust hatte im Sanitätshaus nach atmungsaktiven ledernen Damenschuhen zu schnuppern, gleich einmal zeigen und erklären lassen. Das ist eine Art Yoga-Indien-Brahma-Kautschuk-Rolle, mit der man sich die verkleisterte Muskulatur wieder glattwalzen kann. Nur das man selbst das Nudelholz ist, das man über die Rolle ziehen muss.

    Unsereins brauchte früher nichts anderes als Merz Spezial Dragees, eine kleine Pulle Rotbäckchen in der Handtasche und ein nach Zitrone duftendes Erfrischungstuch. Ach ja, und früher, da hatte man ja noch Namen. Da hie? man Hedwig, Berthamaria-Lilli oder eben Renate. Aus dem Lateinischen stammend (Moment, ich muss erst voller Stolz Atem holen): Renata, die Wiedergeborene! Man hat ja schließlich als Kluge Hausfrau der 4buchstabigen Teufelsbrut durch die Jahrhunderte einen Exorzismus entgegenzusetzen. Nomen est Omen. (Ich frage mich ohnehin, warum man die kleinen Dinger nicht einfach ABCD ruft). Man gönnt seinen Kindern ja heute Alles und Nichts.

    Emma heißt ja nix. Na gut, nix stimmt jetzt auch nicht. Ich habe mal nachgeschaut, es bedeutet allumfassend (ich stell mir da die plautzigen Hände von meinem Männchen vor) und soll ein eigenständiger Name sein. Ja nun.

    Aber – um dem Teufel mal aus dem Bett zu kraulen – wenn wir Weiber das Ganze rückwärts lesen, schiebt doch glatt die AMME ihr Schnäuzen aus dem Namen hervor, mit Zitzen wie eine birnenförmige Apfelsine. Von welcher Eigenständigkeit sprechen wir denn da? Und allumfassend? Meiner Seel! Das entspricht ja nur dem Entschluss, sich schon elterlicherseits für gar nichts entschieden zu haben. Was soll dann aus dem Kinde werden? Vielleicht braucht es auch schon eine Faszienrolle.

    Ich sag nur: Á la belle poule! Die Damen im 17 Jh. haben sich, als das mit der Hygiene nicht so en vogue war, weil man noch keine Runst empfand, dem auf den Pelz zu schauen, was da inkognito keimte, sogar Flaggschiffe in ihre aufgetürmten Haarhauben setzen lassen, um die Nackenmuskulatur zu stärken.

  • Die Gasse der sprechenden Häuser (SSB-Version)

    Zur Druckversion (Mummenschanz in großen Hallen)

    Die Häuser in dieser Gasse, deren letztes Gehöft einst eine Milchwirtschaft beherbergte (der Wind nimmt dort nicht selten langgezogene Kuhlaute an) waren alt und längst mit ihren Flanken, Gärten und Erkern aneinander gewachsen. Windschief darbten sie in der Sonne oder ergaben sich der flink wechselnden Witterung, die selbst Bestandteil ihrer kühlen Außenmauern war. Ihre Zeit des Beobachtens und Speicherns war seit Jahren vorbei, jetzt sonderten sie all die Eigenheiten wieder ab, derer sie in Jahrhunderten Zeuge geworden waren. Kein Tun und keine Verwicklung war ihnen fremd geblieben, noch öfter aber war ihnen das Animalische begegnet. Was geschehen konnte, war in ihrer Obhut geschehen. Und so fanden die Häuser zu ihrer Sprache, die aus dem Knarren ächzender Dielenbretter, aus rumpelnden Balken, die sich in ihrem Dachbett dehnten, Windkanälen, die um Giebel herum zürnten, Fugen, Luken, Brechungen, dem Zischen in alten Rohrleitungen, und dem Resonanzraum des ganzen Gebäudes mit seinen besonderen Eigenheiten bestand. Vorgesehen zum Abriss waren sie längst, entsprachen nicht mehr der Vorstellung einer von der Moderne degenerierten Gesellschaft, die sich körperlos und körperfremd von allem distanzierte, was sie an das Leben erinnerte, wie es wirklich war : schmutzig und echt, einst aus dem Ozean gespien, von dem keiner mehr etwas weiß und der sich selbst nur noch vage an uns erinnert, obwohl sein Gedächtnis zeitlos ist, denn das Gedächtnis des Ozeans ist ein Schmerzgedächtnis.

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  • Crash

    Der Druck auf meine rechte Körperseite,
    auf diese Extremitäten,
    die Knochen,
    die äußeren Flächen.
    Das Hervortreten der Schulterblätter.
    Die Unterbindung des Blutflusses der Beine.
    Das Gras berührt,
    die Wange den Boden.
    Das Klaffen der oberen Lippe.
    Die Beckenschaufel wieder und wieder
    
               in Erde bewegt.
    Die starkschnellen Schläge.
    
    Links, unter meiner Brust.
    Unter den Rippenbögen, die flache Atmung.
    Die Weite von vorn,
    von hinten Wärme.
    Die Haut deiner Hand.
    Das Blut schmeckt eisern.
    
    »Maybe the next one. Maybe the next one.«
    (angelehnt an die Romanverfilmung "Crash" von David Cronenberg)