Nachtwach unter Himmels Schwärze

Ich entsinne mich noch – die trübe Gassensuppe kann mein Schweifen nicht verhindern – an den tragischen Fall des Gerulphus Bulwer. Der Vater des Burschen war ein ächter Seemann gewesen, der genügend Sächelchen gehortet hatte, die dem, der die Welt nicht kannte und der diese Utensilien unbedacht schaute, die Haare gegen den Strich bürstete.

Seine gesammelten Merkwürdigkeiten gab er, weil sich nichts Gescheuteres fand, in schwere Holzkisten hinein, vergaß dabei, was er hinein gegeben, und vergaß genauso, wo er die Kisten aufbewahrte. Ob da nun porcellänene Teller, Tuch und Tüll, gar mönschenhautene Kleider ein modriges Domizil neben Falschmünzen, messingnen Uhrgehäusen, fünf-, und sechsfache Rostralen einnahmen, ist mir aus den Erzählungen des Freundes ungewiß; sagen lässt sich nur von einem Bärwolf-Gürtel, den der junge Bulwer dem blassen Manne mit den hängenden Wangen und den eiternden Augen aus den vom Ausleeren der vollen Becher zitternden Händen entnahm, als dieser sich anschickte, seine letzte Reise anzutreten, die ihn gen das Fegefeuer führte, auch weil er ganz oft verderbenbringende Reden nicht in seiner Kehle zurückhalten mochte. Seine Altvorderen wähnte er bei der Hanse, zum Anschauen hielt er sich, wie andere in dieser Zeit ein Rüsselpferd oder Mastschwein, eine Kogge in einer Weinflasche, sorgendlich verkorkt.

»Ja, was ist denn, alter Herr! Stirbst du denn jetzt in Würklichkeit?«

Ein kleines Zucken in den schweren Lidern des troßbubigen Matrosen (der noch sehen wollt’, ob sein Sohn ihn anschaut). Dem Sterbenden gegenüber : ein wackliges Tischlein taddert zwischen Vater und Sohn unter einem ehernen Krug und hofft, es möge bald zu Ende sein; doch vorher nehmt euch doch dieser paar Liter Mosts noch an, ich bin doch nur ein Anstandstisch, bin kein Bräustubenmeubelein. Die gammelnde Hand verliert das Gesäuf auf halbem Wege, es ist das erste Mal, dass der Seemann vor einem Becher zu Potte geht, das erste Mal freilich, dass er verreckt.

Gerulphus fackelt nicht lange, rettet den Gürtel mit der Wolfshaar=Zier, den er zunächst nur für Tanterlantant hält, vor dem entschwappenden Rachenputzer, legt ihn an – der steht ihm, keine Frage, gut zu Bauche – und bemerkt als letzter Zeuge, wie der Fusel zeitgleich mit der Seel’ aus dem Becher fährt: das eine Gefäß zu Boden poltert, das andere im Sessel erschlafft.

Am Abend kam’s, dass ihm die Gürtelstelle juckte, was auch die ganze Nacht so bleiben sollte, obwohl er sich ohne sein Erbe zu Bett gesellte. Da ließ er den Vater, abgesunken wie im gemütlichen Schlaf, leicht zur Seite geneigt, unverändert sitzen. Morgen, so nahm er sich vor, wollte er als erstes mit dem Sargbaumeister händeln, heute aber dem Hingeschiedenen die Nacht lassen, damit er sich an den neuen Zustand gewöhnen konnte, wo Gerulphus doch gehört, dass der Geist, an jenem neuen Ort angekommen, zunächst einmal ungläubig sich selbst gegenübersteht, das verlassene Haus des Lebens betrachtet, und ungehört für sich allein ausruft: »Verreckt noch eins!« – was ja stimmte. Dem Vater wird vielleicht die karweelgeplankte Kogge seiner Fürderen erscheinen, die ja auch erst einmal backbrassen muss, um die schlanke Zarge zu passieren, wo sie den alten (jetzt unsterblichen) Bulwer abholen will; und dann, ahoi, geht’s flammenwärts!

»Na, für ein goldenes Tröpfchen komm’ ich gerne rüber und nehme Maß! Man hat ja gar nicht gewusst, dass der Herr Papa bereits so bescheiden an Gesundheit ist. Im Ratesaal war er schon seit Jahren nicht mehr.«

»Tatsächlich kam er erst gestern mit der Chaise angereist, kaum einen vernünftigen Faden am Leib. Mir dünkt, er hat darob noch etwas Ecklichtes mitgebracht, mir juckt’s die ganze Zeit am Bauch!«

Das schildere ich frei aus dem mir innewohnenden Wahnsinn, der alle Bilder sieht und sie nicht daran hindert, ineinanderzufließen; in mir wütet der Poetensinn, der im Reigen der Vernunft gar nicht anders kann als sich ironisch zu offenbaren. In meinen Gassen gibt’s Krawall von jener Art, den ein stehendes Heer vor lauter Langeweile anzettelt. Schon heute ist das Blau des gleichen Himmels morgen durchflutet vom Weiß verdrehter Augen, Schlieren ziehend, so wie es beim Rossen auch geschieht, wenn der Hammel seinen Pint zu früh aus der saugenden Fud entlässt; schon drift’ mit einem lauten Schlag herein die Anderswelt; und hätt’ sie was zu trinken bei sich : wir säßen, säßen, säßen. Und es wetterleuchtet, wo ich das sage, verzerrt die Hausmauern zu einem kränklichen Gemälde, das kurz aus der nur geahnten Dunkelheit auf die Netzhaut trifft.

Wenn’s uns mit dem Kuss so ergeht, als wär’s zunächst ein Gruß von Innigkeit, sind wir vom Schlemmerwort ›Lecktschmandt› nicht mehr weit entfernt. Die Kusskelbertate ist nicht weit von der Hintertür entfernt und uns soll jetzt gar nichts anderes jucken als den Kuss auch auf die Liebe zu verweisen – mit deren Intension wächst auch die Bezeichnung des Kusses selbst.

Der Gruß von Innigkeit fliegt meist nur durch die Luft oder wird angedeutet, der Kuss der Verehrung wird uns erst die Brücke basteln, die bereits das Lustgefüge gewähren lässt, also bereits den Wechsel zwischen Gruß und lippender Inbesitznahme für das eigene Empfinden meint.

Bossen, Guschl, Tunsch, und Schmatz sind nur einige seiner sonderbaren Namen, und wo immer wir auch den Gruß des Kusses finden mögen, soll nicht das darin ausgedrückte Besiegeln von Frieden und Freundschaft uns für den Moment interessieren, sondern das Schlemmen des anderen, geliebten Parts. Da wird es nicht wunderlich sein, wenn selbst das höhere »Leck mich« doch eigentlich den Kuss bezeugt, denn ob man einen Arsch nun leckt oder küsst, macht der Frivolität keinen Umstand.

In Wahrheit geht das Küssen an der richtigen Stelle bereits notwendig in ein forderndes Schlecken über, das nun auf Speisʼ und Trank – du bist mir also Speisʼ und Trank – verweist, auf das Vernaschen. So wird deutlich, dass jemand von der Lust und von der Liebe zu leben vermag, er nascht vom dargebotenen Leib der Inbrunst, der Brunft; von der Aura des oder der Geliebten wird er sich be=essen.

So wie ebenfalls der Thanatos dem Eros nicht weit, so ist es auch das Essen aus dem Munde. Die orale Befriedigung des Kindes ist auch die Befriedigung des neuen Zustands der Liebe.

»Gott, wie bin ich beschmetterlingt!« (– statt ›beflügelt‹.)

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