Mummenschanz in großen Hallen

Könnte doch jemand wie ich dich tragen ins Allerlei-Gespinst,
So schwer die Träne haftet an den Antlitzen der Statuen,
Gewöhnlicher war ich nie; und fand Novemberkälte
Und fand den Winterschmerz in den großen Hallen der Masken,
Die von einem zum andern wechseln, von der Scham keine Spur
Zwischen Riffeln und Reue, zwischen Schaum und Kontrast,
Der die Niederungen hebt wie ein stolzes Gebirg. Geklopft wird
Lange nicht mehr an die Tore des Mumpenzimmers,
An den Holzstock, der die Friese ersetzt. Die Schwelle,
Durch Raunen zum Stillstand gebracht,
Die Gesellschaft in Bewegung erfrorn.
Könnte doch jemand wie ich durch die Lustwiege schreiten,
Es wäre mir all meine Gesichter wert.

Endlich kam ich zu den großen Hallen, die das Verschwinden nicht nur markieren, sondern das Verschwundene auch beinhalten. Man erzählte sich, dass alles, was je verschwunden war, sich hier wieder einfand, in einer der unzähligen Kammern, die so angeordnet waren, dass sie – wie Hilberts Hotel –  in die Unendlichkeit ragten. Nie würde irgendjemand feststellen können, ob keine oder unendlich viele Gegenstände hier versammelt sind, oder gar unendlich mal unendlich viele. Allerdings könnten sich die verschwundenen Dinge verändert haben; was immer sie einmal darstellten, es könnte die Zeit oder der Eigensinn dafür gesorgt haben, daß man sie nicht mehr wiedererkannte. Ein verlorener Knopf, dessen Bestimmung es einst war, eine Strickjacke im Verbund mit anderen Knöpfen auf der Knopfleiste vorne auf der Brust zu verschließen, könnte in diesen großen Hallen zu einem komplexen Türschloß geworden sein, das einen geheimnisvollen Raum vor Zutritten schützt. Seine Aufgabe mag immer noch passiv sein, aber sein Stolz wird ihm auch nur die Erwähnung eines Knopfes in seiner Gegenwart verdrießlich erscheinen lassen, weshalb es völlig unangebracht wäre, den Schließmechanismus nach seiner etwaigen Vergangenheit zu fragen, um den Knopf, den es vielleicht nirgendwo anders mehr zu kaufen gibt, wiederzufinden. 

Wie würden sich verschwundene Wege oder Gelegenheiten darstellen? Möglicherweise könnte man sogar die Geschichte der drei verschwundenen Leuchtturmwärter von Eilean Mòr aus erster Hand erfahren, vorausgesetzt, daß sie nicht selbst bereits zu Leuchttürmen wurden, denn was ein Mensch ist, hängt auch davon ab, was er einmal werden könnte. Die großen Hallen vor mir werden wohl auch Inseln enthalten, die verschollenen Schiffen mit einem Signalfeuer dienlich sind.

Vielleicht standen die großen Hallen selbst schon in der Vergangenheit und entsprangen dem verschwundenen Paradies. So könnten die hohen Säulen, die ein Granitmassiv davon abhielten, in einen grandiosen und unbewegten See zu bröckeln, einst Teil der Obstbäume des Garten Edens gewesen sein. Ein erstes Verschwinden räumte ihnen die Aufgabe ein, den Betrachter an das Vergessen zu gemahnen, aus dem ein großer Teil der bekannten Welt besteht. Denn gäbe es das Vergessen nicht, warum sollte man sich dann erinnern wollen? 

Der See, den es in einem der bunten Kähne zu überqueren galt, lag ruhig vor den Hallen, aber auch er spiegelte nur das, was in der Vergangenheit lag, und so konnte ich auf seiner Oberfläche keinen Hinweis auf die drei großen Säulen entdecken. Sobald ich den Blick über seine silberne Fläche schickte, sah ich Gesichter, die sich einander zuwandten, und Szenen, die ich nicht kannte. Verloren, dachte ich. Welches Leben war in dieser Erinnerung verschwunden? Es wäre schön gewesen, einen Nachthimmel als Zeugen meiner Ankunft begrüßen zu dürfen, aber Gezeiten waren hier genauso fremd wie etwaige Wetterphänomene. Ich sah hinüber und wunderte mich über die Stille, gegen die ich nichts ausrichten konnte. Ein Leben lang hatte ich mich nach ihr gesehnt, obwohl ich wußte, daß sie in den Wahnsinn führte, wenn man ihr nur lang genug ausgesetzt war. Vorsorglich hatte ich Kork mitgenommen, den ich mir nun in die Ohren steckte, denn gegen diese vollkommene Lautlosigkeit half nur das Rauschen des eigenen Blutes und das schäumende Knarzen des Speichels, der über die Klippe der Kehle gepresst wird. Meine Aufmerksamkeit richtete sich hilfesuchend auf die inneren Laute und mein Puls beruhigte sich. Jetzt konnte ich aufbrechen. Vorsichtig löste ich das Seil eines der Boote, ein gelbes sollte mich zur Anlegestelle auf die andere Seite bringen. Ich wählte diese Farbe, weil sie mich an die schmutzige Sonnebarke erinnerte, die ich in Träumen sah. In ein schwarzes wagte ich mich aus abergläubischen Gründen nicht, obwohl ich keinen Gedanken daran verschwendete, ob denn diese Auswahl einen Einfluss auf meine Weiterreise haben könnte oder nicht. Möglicherweise fanden meine Schritte ihr Zeil ohne mein Zutun; wie hätte ich unter so vielen Kähnen den richtigen herausfinden können? Und führten sie nicht alle im Grunde über das Wasser, wie schließlich alle Möglichkeiten zum Ziel? 

Als ich aufgebrochen war, schälte sich der Sommer gerade aus seiner warmen Haut und ließ sich vom Herbstregen säubern. Die blinde Tat der Natur. Eine bessere Zeit, um auf reisen zu gehen, gab es nicht. Nur, wenn das stimmte, war der Herbst mein ständiger Begleiter. Nicht an einen einzigen Tag konnte ich mich erinnern, der nicht dem Verschwinden geweiht war. Als ich mein menschliches Bewußtsein erlangte, war das Erlebnis meiner Geburt nicht darin enthalten. Man mochte mir in aller Ausführlichkeit erzählen, wie ich in einem fremden Bauch herangereift war, entschlüpfte, um mit meinem noch gar nicht vorhandenen Ringmuskel die mir zustehende Milchproduktion zu fordern und zu fördern. Es war die erste Erzählung, die gleichzeitig das Verschwinden signalisierte. Und seitdem verschwand jeder Tag. Alles vermischte sich so lange, bis kaum mehr Wochen oder Monate vorhanden waren. Doch auch die Dinge selbst verschwanden. Ich beobachtete, wie sich Schlüssel, Bücher, die Figuren einer Sammlung wiederfanden, und kam zu dem Schluß, daß sie durchaus für kurze Zeit ganz und gar verschwunden waren – und nicht etwa nur verlegt –, daß die Suche nach diesen Gegenständen jedoch unmittelbar erfolgt war und somit die geistige Verzweiflung des Suchers dafür verantwortlich, daß diese Dinge wieder erschienen. Sozusagen folgten sie dem Ruf des Suchers und waren noch nicht lang genug Bestandteil der Mumpenzimmer in den großen Hallen. Der Transfer mochte einige Zeit in Anspruch nehmen, denn es galt, den Neuankömmlingen ihren Platz zuzuweisen. Ein Schlüssel, der nicht in einem natürlichen Verhältnis zu einem Schloß stehen kann, wird unweigerlich seine Aura als späteres Symbol verlieren, und kann aus diesem Grunde nur einer verlorenen Truhe, einem Schrank oder auch einem baren Mechanismus zugewiesen werden, Gegenstände also, die viel seltener verschwinden als er selbst. Dadurch entsteht ein Mißverhältnis im Gleichgewicht, und der verschwundene Gegenstand wird sich sofort verändern müssen, möglicherweise sogar in seine Bestandteile auflösen. 

Ich beobachtete das Verschwinden und Wiederauftauchen so lange, bis eines Tages mein Gesicht verschwunden war. Selbstverständlich bemerkte ich dessen Fehlen vor einem Spiegel. Nun dachte ich zu dieser Zeit noch, daß man nur verlieren konnte, was man nicht achtete. Jede gute Erziehung rühmt sich dieser Aussage. Doch auf mein Gesicht hatte ich stets achtgegeben. Ich wusch und cremte, mehr war in jungen Jahren nicht zu tun, und dennoch war es plötzlich nicht mehr da, was nicht bedeutete, daß auch meine Sinne verloren waren. Jedoch lagen meine Augen tief in ihren Höhlen, meine Nase war nur noch ein kleiner Knorpelschaft vor einer größeren Öffnung, die direkt in meinen Kopf führte, und meinem Mund mangelte es an der Lippenfülle, die ich an mir mochte. Als wäre mein Schädel mit einer dünnen Gummischicht überzogen oder einem Leim, der an der Luft getrocknet war, gab es kein charakteristisches Mienenspiel mehr. Das machte mich zwar durchaus zu einer wiedererkennbaren Gestalt, aber mein persönliches Empfinden zeichnete sich darin so wenig ab wie auf einer Schaufensterpuppe der Schmerz des Gebrauchsgegenstands. Es ist nahezu unmöglich, sich ohne Gesicht durch die Welt zu bewegen. Dieser Gedanke war meine einzige Reaktion. Welche Welt?, war mein zweiter. Wer mich so zu sehen bekam, mußte mich für ein Opfer von Flammen halten, aber vielleicht war das Fehlen meines Gesichts gleichzeitig das Fehlen aller Gesichter. 

Als ich mir mein weiteres Vorgehen überlegen wollte, bemerkte ich, wie hinter meiner maskenhaften Haut eine gewisse Hektik herrschte. Meine Wangen begannen ebensosehr wie meine Stirn zu glühen, mein Mund brannte regelrecht. Da ich mich noch vor dem Spiegel befand, konnte ich beobachten, wie sich neue Gesichtszüge formten, erst teigig und unbestimmt, dann mit immer stärker werdender Kontur. Innerhalb kürzester Zeit war ich zweimal ein Fremder geworden. Ich sah nicht mehr aus wie jemand, den ich kannte. Viel drohender wirkte mein Blick, viel stämmiger war mein Kinn geworden. War das ein Gesicht, das es schon einmal gegeben hatte? Eines, das es gegenwärtig noch gab? Eine naheliegende Frage aus der Ethik der Organtransplantation kam mir in den Sinn, nämlich die nach dem Wesen. Bleibt man durch ein fremdes Organ derselbe oder nimmt im Laufe der Zeit die Marotten des Spenders an? Da das Gesicht aus mir selbst herausgebrochen war, beschloß ich, erst einmal abzuwarten. Was hätte ich auch anderes tun sollen?

Auf der ganzen Welt verschwand täglich jede erdenkliche Form mindestens einmal, ob belebt oder nicht, ob komplex wie ein Säugetier oder nutzlos wie eine alte Blechdose.

Erst nach tagelangem Ringen, als ein spontanes Wiederauftauchen meines eigenen Gesichts nicht mehr im Bereich des Möglichen lag, bereitete ich mich darauf vor, die Mumpenzimmer aufzusuchen, um die Frage zu klären, warum ich als jemand erscheinen sollte, den niemand kannte.

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