Mord im Gewächshaus / Elizabeth C. Bunce

Wenn man bedenkt, dass ich jeder guten Geschichte hinterher jage, die es verdient, gelesen zu werden, ein Faible für den englischen Krimi habe – für das Englische überhaupt -, und mich am liebsten im Zeitalter der viktorianischen Gaslaternen herumtreibe, dann wird vermutlich klar, warum ich mich auch für die Ermittlungsarbeit der Myrtle Hardcastle interessieren könnte, einer brillanten jungen Dame aus gutem Hause, ins Leben gerufen von der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth C. Bunce.

Natürlich ist Myrtle nicht die erste jugendliche Detektivin, das war „New York Nell“, die in den 1880er Jahren ihre Fälle als Junge verkleidet löste. Es folgte Nancy Drew, die in den 30ern von Edward Stretemeyer erschaffen wurde. 1948 kam dann Trixie Belden hinzu, und nicht vergessen werden darf Enola Holmes, die jüngere Schwester von Sherlock Holmes, die seit 2006 von sich reden macht. (Diese Reihe ist übrigens auch beim Verlag Knesebeck erhältlich). Es gibt noch zahlreiche andere sogenannte Mädchendetektive, wobei mir das Wort nicht gefällt. Es sind Detektivinnen mit einer feinen Spürnase und einer erfrischenden Intelligenz. Tatsächlich sind sie immer die klügsten Personen im Raum, und ihre waghalsigen Heldentaten haben es Mädchen ermöglicht, Identitäten zu erforschen, die im wirklichen Leben kaum erreichbar sind.

Myrtle Hardcastle, Detektivin im viktorianischen England

Und auch wenn Myrtle Hardcastle nicht die erste und einzige Detektivin ist, ist sie etwas Besonderes, was gleich der erste Teil der Serie mit dem Titel „Mord im Gewächshaus“ beweist. Während ich dies hier erzähle hat Elizabeth C. Bunce bereits den fünften Roman fertiggestellt und der dritte erscheint bei uns im Oktober. Hier war es unmöglich, die Titel auch nur halbwegs beizubehalten, weil Bunce den Namen ihrer Heldin in Wortspiele einbindet wie „How to Get Away with Myrtle“ oder „Cold-Blooded Myrtle“. Die klassische deutsche Titelei wie „Mord im Gewächshaus“ oder „Mord im Handgepäck“ sind da die richtige Wahl. Auch die Covergestaltung geht in Ordnung, obwohl sie natürlich nicht so schön ist wie das Original, aber das ist ohnehin selten der Fall.

Grundsätzlich sind in Kinderbüchern die Erwachsenen nur Beiwerk, damit die kindliche Hauptfigur die Handlung anführen kann. Bunce hat diesen Grundsatz auf nette Weise umgedreht, und so fühlt sich Myrtle in der Gesellschaft von Erwachsenen viel wohler als in der von Menschen ihres Alters.

Das liegt nicht nur daran, dass sie frühreif ist, sondern auch daran, dass sie Probleme mit sozialen Kontakten hat. Die Erwachsenen in ihrem Leben verzeihen ihr das eher als die „idealen“ jungen Damen, mit denen sie verkehrt, oder – ginge es nach ihrem Vater – verkehren sollte. Das ist gut zu lesen, denn wäre Sherlock Holmes ein geselliger Mann gewesen, wäre er wohl nie zu dem geworden, was er ist. Es ist gut, jemandem zu sagen, dass es im Grunde klug ist, sich nicht mit der Masse gleichzusetzen. Wie wir wissen, ist Intelligenz nicht gern gesehen, schon gar nicht bei Mädchen im viktorianischen England.

Mord im Gewächshaus

Wir schreiben also das Jahr 1893, als wir Myrtle Hardcastle zum ersten Mal begegnen. Die Erwartungen, die an eine junge Dame aus gutem Hause gestellt werden, nimmt sie nicht besonders ernst. Schließlich gibt es Wichtigeres zu tun. Sie ist geradezu besessen von Verbrechen, Kriminalistik und Toxikologie – Interessen also, die angesichts der Tatsache, dass sie die Tochter eines Staatsanwalts und einer (inzwischen verstorbenen) Medizinstudentin ist, nicht überraschen dürften, aber zumindest unziemlich sind.

Peony (borg.com)

Myrtles ultimativer Traum ist es, eine Ermittlerin wie Sherlock Holmes zu werden (tatsächlich wird sie später auch einen Deerstalker-Hut auf ihrem Kopf tragen); und als sie ihrer täglichen Routine nachgeht – nämlich mit einem Teleskop die Nachbarschaft observieren, anstatt den Sternenhimmel zu betrachten – bemerkt sie, dass im Nachbarhaus bei Miss Wodehouse etwas nicht stimmt, weil sich dort nichts rührt, und auch die Katze Peony ist nirgendwo zu sehen. Myrtle verständigt die Polizei und tatsächlich wird Miss Wodehouse tot in ihrer Badewanne gefunden. Sofort ernennt sich Myrtle zur Chefermittlerin. Oder besser gesagt, zur einzigen Ermittlerin, denn abgesehen von ihrer Gouvernante, Miss Ada Judson, ist die einhellige Meinung der Beamten (einschließlich ihres Vaters) die, dass die exzentrische Blumenzüchterin an einem Herzinfarkt gestorben sei.

Myrtle weiß es jedoch besser. Und Miss Judson vertraut auf Myrtles forschenden sechsten Sinn, denn für die seltenen Lilien, die Miss Wodehouse züchtete, würden viele Menschen alles tun. Sogar einen Mord begehen.

Als ein Duo hinterhältiger Erben auf den Plan tritt, ist Myrtle davon überzeugt, dass es ihre öffentliche Pflicht ist, deren Hintergedanken und mögliche Beteiligung an Miss Wodehouses vorzeitigem Tod gründlich zu untersuchen; doch damit bringt sie sich und ihre Lieben in große Gefahr.

Grundlagen der Detektion

Man könnte dem Buch vielleicht vorwerfen, etwas zu lang geraten zu sein, obwohl es das mit 334 Seiten gar nicht ist. Liest man – abgesehen von Jugendbüchern – andere Cozy Crime Mystery, d.h. sogenannte „gemütliche Krimis“, fällt schnell auf, dass „Mord im Gewächshaus“ im Ton und in der Konzeption mit der Erwachsenenliteratur locker mithalten kann. Eine gewisse Alterslosigkeit unterscheidet dann auch ein gutes Jugendbuch von einem sehr guten Jugendbuch. Jedes Kapitel beginnt mit einem Auszug aus Myrtels eigenem Handbuch „Die Grundlagen der Detektion“, und Fachbegriffe oder besondere Accessoires ihrer Zeit erläutert sie auf ihre besondere prägnante Art in Form einiger Fußnoten.

Und natürlich befinden wir uns hier nicht im Sündenpfuhl von London. Wir bekommen dafür aber eine liebevolle Figurenzeichnung, die zwar die viktorianische Großkulisse außen vor lässt, aber genug Eigenheiten und Spezifikationen aufbietet, damit wir wissen, mit welchen Gesellschaftskonventionen wir es zu tun haben.

Da ist natürlich die Hauptfigur Myrtle selbst, die sowohl klug als auch witzig ist.

Sie studiert Toxikologie-Lehrbücher, verhört Verdächtige und tut das Einzige, was eine junge Dame von Format niemals tun sollte: Sie geht nach Einbruch der Dunkelheit allein nach draußen. Myrtle Hardcastle mag zwar nur ein zwölfjähriges Mädchen sein, aber sie ist nicht der Typ, der tatenlos zusieht, wie erwachsene Männer eine Mordermittlung verpfuschen.

Dann ist da noch die stets geduldige und ermutigende Ada Judson, die stark an Ole Golly aus Louise Fitzhughs zeitlosem Klassiker „Harriet – Spionage aller Art“ erinnert. Besondere Erwähnung verdienen auch Mr. Blakeney, ein unterhaltsamer Anwalt in der Ausbildung, und „Köchin“ (tatsächlich ist ihr Beruf auch gleichzeitig der Name, mit dem sie von jedem bedacht wird), die im Laufe der Geschichte immer wieder ihre Stärke unter Beweis stellt. Und es wäre falsch, die eigenwillige Katze Peony (der englische Begriff für Pfingstrose) nicht zu erwähnen, die inzwischen von Myrtle adoptiert wurde und bei den Ermittlungen tatkräftig mithilft. Sie liefert sogar den entscheidenden Hinweis, wenn man es recht bedenkt.

Elizabeth C. Bunce gewann 2021 mit diesem Buch den Edgar der Mystery Writers of America im Sektor „Bestes Jugendbuch“. Das sollte Anreiz genug sein, sich ins Abenteuer zu stürzen.

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