Der Beobachter

Alle Lichter verwandelten sich in eine strafende Ebbe. Ich saß, von der windigen Dunkelheit eingehüllt, auf der Brüstung des Rathauses und beobachtete die von hier aus einsehbare Fläche unter mir, denn wir alle waren abkommandiert, um die Schatten zu beobachten, die in immer größerer Zahl in die Stadt einfielen.

Sie waren uns all zu ähnlich, und was wir zu berichten hatten, wurde mit großem Interesse verfolgt, wenn auch wir mit niemandem unserer Auftraggeber direkt sprachen, denn ein Beobachter ist nun einmal kein Sprecher.

Wir notierten alles in einer Sprache des Untergangs, denn das war es, was wir sahen und was den Empfängern verständlich war. Die bizarren Zwischentöne des Schreckens auch nur einiger Sekunden mussten wir in Geschichten ausformulieren, um eine Verhältnismäßigkeit für das Unbegreifliche zu finden.

Ich saß in kühler Höhe im stramm anbrandenden Wind und beobachtete einen verwaisten Reisigbesen, der keine Anstalten machte, sich zu erheben, um sein Tagwerk zu Ende zu bringen, und fragte mich, ob das eine Einladung für einen Schatten sein könnte, denn waren es nicht die liegengebliebenen Fragmente, die zurückgelassenen Taten, die von einer Unvollkommenheit zeugten, deren grob errichteter Spalt dazu eignete, die Welt zu zerreißen?

Der Reisigbesen blieb noch lange Zeit allein, ich hatte ihn zur Genüge beobachtet und war imstande, das Bild präzise wiederzugeben, sollte das eines Tages der Fall sein. Dann nämlich, wenn wir dazu angehalten waren, die Welt aus möglichst vielen Details unserer Beobachtung wieder neu entstehen zu lassen.

Ich verfluchte die Laternen, die zwar das Beobachten erleichterten, aber gleichzeitig die Nacht verfälschten, denn in ihrem Glimmen entstand ein Nebel, der genauso gut ein Schatten hätte sein können, längst befallen von der Absicht, das Auge zu narren und dann die Szenerie verschwinden zu lassen. Ich beugte mich nach vorne und betrachtete den Lichthof, bis ich mir Sicherheit darin verschafft hatte, das Pulsieren zu zählen. Durch diese Zählung entstanden selten neue Bilder und ich tat meiner Aufgabe damit nichts Gutes, jedoch konnte eine kleine Abweichung des Taktes bereits ein Geheimnis offenbaren und diese Geheimnisse waren unsere Nahrung. Die Schatten wussten darum und so spielten sie nicht selten mit diesen Unregelmäßigkeiten, um uns zu füttern und so an der Konzentration zu hindern, die ihnen gelten sollte. Es musste sich dabei nicht notwendigerweise um eine Lichtquelle handeln, alle Arten der Augenwischerei waren schließlich denkbar, und da wir nicht fähig waren, eine Mirage von einem handfesten Geschehen zu unterscheiden, fiel es den Schatten leicht, genau dort einzufallen, wo wir am empfindlichsten waren. Ich selbst beobachtete nahezu ausschließlich Zweideutiges, eine Analyse war nicht vorgesehen, denn diese hätte ein Weltbild erfordert, das sich mit dem jener zur Deckung bringen ließ, die meine Beobachtungen empfingen.

Als ich mich schließlich von der Laterne lösen konnte, sah ich, dass der Reisigbesen nicht mehr auf der Straße lag. Da ich jedoch lange genug in das Licht geblickt hatte, erkannte ich sein Negativ dort liegen, was mit einem kühlen Blick nicht möglich gewesen wäre. Ich wusste, dass die Schatten das, was ich sah, manipuliert hatten. Es war vorgesehen, bei einem derartigen Zwischenfall den Standort zu wechseln, aber ich fühlte mich wohl auf dem Balkon des Rathauses, der die gesamte Vorderfront dominierte, und so blieb ich vorerst, wo ich war.

Ich spielte mit dem Gedanken, die Vergangenheit anzuzapfen, um mich etwas zu amüsieren und zu beobachten, was ich zwar schon kannte, aber nie genossen hatte, weil mein Eifer mich zur Neutralität zwang, zu der ich nie ein freundschaftliches Verhältnis pflegte. Ich könnte mir den Abrieb der Schuhe, die tagsüber hier flanierten und eilten, etwas genauer ansehen und darüber dann vielleicht besser verstehen, warum der Reisigbesen überhaupt dort gelegen hatte, und schließlich – noch einen Schritt weiter – warum er von den Schatten genommen worden war, die nicht dafür bekannt waren, etwas willkürlich und grundlos zu verkehren, auch wenn ihr Ziel die Verunglimpfung der Ordnung zu sein schien. Da wir uns also ähnlich waren, konnte es also sein, dass ich ihre Beweggründe besser verstand, wenn ich etwas nicht Vorhergesehenes tat, wenn ich blieb wo ich war und den Schuhabrieb einer bestimmten Spanne studierte.

Ich wendete also meinen Blick erneut der Laterne zu und blätterte das Licht zurück, und als dies nicht mehr möglich war, weil die Sonne vom Abend zum Mittag zog und also noch kein künstliches Licht nötig war, erhaschte ich die Summe des vor mir liegenden Platzes, wie er war, bevor die Abendbeleuchtung startete. Viele Menschen gingen durcheinander und gruben ihr Gewicht in den Asphalt. Ich benötigte nur eine kleine Weil und sah, dass sehr viel Schuhwerk zurückgeblieben war. Das mochte schon vorgestern so gewesen sein – Schuhwerk war billig – aber zu diesem Zeitpunkt war ich nicht hier und wusste also nicht zu sagen, ob man vielleicht jeden Abend hier kehrte. Trotzdem fand ich keine Spur von einem Kehrer, geschweige denn von einem Besen. Erst dadurch wurde mir klar, dass es wohl eines Putzvorgangs bedurft hätte, dieser aber nicht vorbereitet und schon gar nicht ausgeführt worden war. Folglich hatte es nie einen Reisigbesen gegeben und ich hatte etwas beobachtet, das nur als Nachbild einer vermuteten Erinnerung präsent war. Diesen Defekt nahm ich mir vor zu verschweigen, denn das Schüren eines Zweifels wäre gleichbedeutend mit dem Verlust meines Aufenthalts in der Nacht. Niemand hätte mich mehr unbeobachtet gelassen, so dass mir gar nichts anderes übrig bleiben würde als dazuliegen und zu warten. es wäre mir nicht mehr möglich, einen eigenen Antrieb aufrecht zu erhalten. Ich würde warten, auf den nächsten Tag, die nächste Nacht, auf Nachricht vom Geschehen um mich herum, dem ich nicht mehr beiwohnen könnte.

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