Walditalien

Wie die drei Mondhasen sehe ich sie selbst aus einem silbernen Dunst sich empören, und mir war’s, als wollten sie den Toten fortgeleiten, der, wer stirbt schon noch zu Hause, zum Köcheln des Breis im Takt verschied, zum Hohn der Sterbekammern, der Fabrikstationen, der Totenämter.

Und nun ein stählernes Wort, mehrfach wiederholt : Karrangtarra, Karangtarra, Karrangtarra!

Es fehlt mir an der Spur, der zu folgen sich die Nase knapp über dem Boden hält, schwebend, und im Gesträuch noch länger blähend die Quelle findet. Aus dem Donner werfen sich die Blitze heraus und beleuchten die irrigen Mauern. Vor mir an die Wand sind drei Vagbunden gemalt, die sich nicht benehmen, als würden sie aufrecht zur Totenwache pilgern. Kaum verblieb mir die Zeit, mich zu wundern, da schnappten sie mit Silberrachen in meine Richtung, aber wie es bei einem Phantasma Sitte ist, erreichten sie damit nicht meinen Lebenshorizont, obschon ich annehmen durfte, dass mein Traumkleid sowohl für ihr Erscheinen, als auch für meine Rettung eine ganz und gar bestätigte Verantwortung trug.

»Wir haben eine Seel’ zu geleiten«, sagten sie dann, als ich ihnen die Pike zeigte. »Die könnte sich in dieser schummrigen Nacht verirren. Freilich bliebe sie der Stadt erhalten, würde wimmernd einkehren, wo es ihr beliebt – und so für gar nicht wenig Unsinn sorgen.«
Ich folgte ihnen zum Hausflur des Toten, der in einer illuminierten Nische einen flachen Wagen belag, blaß wie ein niedriges Mehl, rot und blutgerecht jedoch die Lippen, um die Mondhasen recht in einen wilden Rausch zu bringen. Die Deichsel des Wagens von Lilien umfaßt, die aufgestellten Kerzen im dicken Wachsmantel tanzten träge gegen den Wind, der jetzt wieder rasch aufkam und das nächste Bombardement aus finstrer Wolkendecke ankündigte. »Dann seid ihr wohl Truden, Süntevügel! Die wirbelnde Luft ist euer Tier! Wie kann ich euch gewähren lassen, obdoch ich nicht weiß, wen ihr da auf die Reise nehmt!«

»Du bist nicht der Rabe, wir sehen dir etwas anderes an. Aber störe uns dennoch nicht, wunderlicher Wanderer! Wir können und wir wollen dir dein Buch nicht garantieren!«

»Doch habe ich euch gefunden; ihr seid wohl aus den gleichen Sphären entwichen wie meine ureigenen Phantome. Kein Lebender sieht, was ich sehe, und er wird auch anders träumen : gebettet von liebreizender Hand, mit Augen, rund angesehen, ob er etwas entbehren muss, wie er da liegt und seinen Körper auf Daunenreise bringt. Ich weiß nicht, wohin ich gehe, darum folge ich euch nach.«

Die Gassen sind lang und unbeständig, sie lehmen zwischen polygonalen Steinplatten hervor. Bleibe ich stehen, dünkt mir, ich müsse auf der Stelle einsinken in die Kammern unter der Erde; dort ist’s, wohin sich die alte Geschichte zurückzieht, wenn eine neue erwacht. Sobald nur ein Gedanke Bewegung verspricht, löse ich mich in meine Bestandteile auf und verändere meinen Standort unmittelbar.
»Der weiß wohl gar nicht, in welcher Geschichte er spuckt!« Der Eine.
»Doch, doch – er weiß es!« Der Andere.
Der Dritte nichts.

Plötzlich dengelt die Dunkelheit ein blaues Grau in die Schluchten und Perspektiven. Ein Schüttern läuft durch den Grund, Mörtelbrösel lösen sich von den Firsten und Rahmen, Scheibenbeben hebt den Ton der baßläufigen schwarzen Hündin um mich herum zur Kastratenpein hinan.

Es hoppelt der Hase zickzack,
es kloppfen die Hufe kla=hack.
Es fiepen die Mäuse
und hüpfen die Läuse --
ein ganzer Zirkus im Frack.

Es katern die Katzen mau=hau
und katzen die Kater sehr rau.
Es zimpeln die Bimmeln
und klurren die Klingeln
bis tief in den Abendtau.

Als uns der nächste Blitz erreicht, aber wieder einmal nicht trifft, sind die Gespenster verschwunden und Schwefelreste gilben in meiner Nase. Auf dem Totenkarren liegt nur noch ein Kopf, fransig abgetrennt, an den Rändern mit trockenem Blut garniert, das nicht mehr fließen wollte. Der Leib selbst war fortgestohlen.

Ich hatte mich hingeduckt : die Postchaise war ja neu auch in dem Umgang mit der Erfahrung Kopf- und Luftwiderstand = Fahrtwind. Eine Formel wie ein Heureka. Es palaunzte in den Rädern müd’. Da fuhrwerkten wir über’s Land, damit ich mich begreifen konnte; die Sümpfe, die Wälder – ihre hohen Schatten und Sümpfonien, die mir das Herz aufschlossen. Mein Eldervater war schon recht viel gewandert, aber jetzt ließ er sich ganz auf das Vergnügen der holpernden Kutsche ein, die auch ihm den unebenen Erdboden in den Steiß preßte. Meine Eldermutter saß alldieweil unter dem rotzpopeligen Verdeck und schwieg die ruckelnde Landschaft an, zu der auch wir gehörten. Jede Bewegung zitterte auf ihrer Haut wie ein Ungemach, das sie hätte vermeiden können. Am Abend aber erzählte sie unter dem leuchtenden Merkgestirnen der Plejaden Geschichten aus den Zauberlanden, die wir gerade durchreisten. Ein murmelnder Bach, in dem ein grünfarbener Nix watete, waren ihre Worte dann, voller Koloratur an den gefährlichen Stellen.
Ich selbst, so vergessen selbstvergessen (wenn es schon Vögel gab, dann sollten sie mir gehören), dachte soghaft an die Skizzenbücher, die ich im Jagdschloß gefunden hatte, und die ich, weil ich mich sträubte, ihnen ein Farewell zukommen zu lassen, des Friedens wegen behalten durfte.

Fast vergessen stürzten sich die Wände des Küchenflügels in die wartende Erde hinein. Scham blieb in den Kellern verbuddelt, ein Gespenst, angetan mit Glockenrock, humpelte schuhlos über die Kartoffeln aus Gold, wahrgenommen nur von einem Wimpernschlag. Die ehemalige Lebendigkeit war nur ein kitzelichter Gruß, versandt von einer kaum gespiegelten Erinnerung in den doppelten Kreuzstockfenstern.

Damals ahnte ich nicht, was es mich kosten sollte und wohin es mich führte, dem Cornelius Schlehenfeuer, genannt Prunus Spinosa, zu folgen, um herauszufinden, wohin er verschollen war, und ob die in den Fragmenten geschilderten Behauptungen wahr seien, die besagten, dass die ganze Welt und ihre Geschichte nur auf die Mißgeschicke in einem alchemistischen Laboratorium zurückzuführen wäre. In mir also reifte der Historiker heran, der aber viel mehr mit dem Erdichter zu tun hat, als man gemeinhin annimmt.

Jetzt rumpelten wir durch ein Walditalien, wie man mir erklärte, ein eigenes und besonderes Arkadien, das all die Dinge, die man der Ferne andichtete, selbst besaß.

Die Mutterlauge war ja noch kaum an mir getrocknet, als mir schon Ideen schlüpften, dass ich einem Geheimnis auf der Spur war. Dabei half mir die Beschaffenheit der von Mausekot umarmten, staubigen Kladden, die wie verlorene Höcker hinter hinfälligen Schränken hochstapelten; man hätte sie unter gewöhnlichen Umständen gar nicht zu finden vermögen. Der Eifer, mit dem die Schmutzperlen tanzten, brachte mich erst da hin. Die Ellermutter wischte und moppte mit Schrubber und Feudel, ich kniete und rutschte hosenbelatzt. Die leblosen Fliegen zwischen dem Doppelglas fanden sich schon ganz weiß umrandet und Polstermuff erfüllte die Atemluft, Raumluft, Abluft : o komm, Luft! Die spiralenen Sprungfedern hinter den Posamenten, Borten und Tressen hatten jahrzehntelang jedes noch so grobe Hinterteil auf dem Weg nach unten aufgefangen. Jetzt standen sie still wie die Uhrwerke in den verschiedenen Zimmern.

Längst waren wir die einzige Kutsche unter lauter Automobilen, die in der Ferne krawallten; und nur im Traum wurde mir das Walditalien wirklich bewußt, auch wenn es heißt, dass ein Traum sich für immer abwendet, sobald man ihn verläßt.

Des Kapitels blaue Blüte. Die Unterkunft der
Hexenweibser, der Eulen ohne Kopfgeweih.
Ich spindelte, vom Sang ganz taub
In fistelndes Entsetzen und spannte mein Gefieder.

Ist ja gar nicht so wie immer : zuerst daunt mich Fedriges, dann : als zöge es mich, angesuckelt von einer Schiffschraube, zu schrabbenden Flügeln. Hat der Traum schon was gesagt? Ich fazitiere : unter meiner Decke ist’s ›kurz vor Napoleon‹. Man kann sich das gar nicht vorstellen! Bettchen machen Leute. Mir war, als schössen sie auf Vögel, die sie vorher aus den Netzen entlassen, aus Käfigen geleert.

Buntballernd, lauter als heutiges Laubgepuste. Früher war doch alles gesetzloser, ein riesiger Rummel obendrein – und der Gestank! – so schmeckte meine Bettdecke nicht einmal, wenn ich es gewollt hätte.

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    Aber die verstreuten Spuren wandernder Sippen und Einzelgänger lassen nach und die Zeiten menschlicher Anwesenheit wurden abgelöst von solcher völliger Öde und Wildnis. Einer von vielen rätselhaften Begriffen hat sich jedoch aus vorgermanischer Zeit bis heute erhalten: ›Agara‹, einer der in alle vier Himmelsrichtungen davoneilenden Lebensquellen, die hier entspringen: Die Eger.

    1habent sua fata libelli

  • Jede (gute) Literatur ist dem Horror verbunden

    Nichts in der Welt der Belletristik ist vergleichbar mit den täglichen Grausamkeiten, die die Menschheit sich selbst zufügt, oder mit dem scheinbar chaotischen und sicherlich gefühllosen Universum, das eine hässliche Axt aus Naturkatastrophen, Krankheiten und Tod schwingt. Wer den echten und nackten Horror erfahren will, die muss sich nur in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts umschauen – und der wird sich nach Stephen King sehnen.

    Genre-Literatur – vor allem Horror und Noir – zeigt die dunklen Seiten des Lebens durch die Technik der Fantasy und einen grimmigen, fatalistischen Pessimismus. Horrorfilme neigen dazu, das wahre Grauen unter dem Deckmantel der Metapher zu verschleiern. Zombies, Vampire oder übernatürliche Monster, die Tod und Chaos bringen wollen, sind, so cartoonhaft sie auch sein mögen, nur Masken für die wahren Schrecken des Lebens. Die Noir-Literatur bahnt sich ihren Weg durch Korruption, Politik und Mord. Manchmal ist es einfach nur Galgenhumor, eine Art, dem Tod die Zähne zu ziehen, aber im besten Falle haben beide Genres eine einzigartige Art, ein Urteil über unsere wirkliche Welt zu fällen.

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