Edgar Allan Poes „Der Goldkäfer“

Edgar Allan Poe wurde von Verlagen und Medien zu einen Synonym für Gruselgeschichten und dunkler Poesie stilisiert, vor allem in Deutschland. Zu seinen Lebzeiten war das allerdings nicht der Fall. Eine seiner bei weitem berühmtesten Geschichten ist eine, die heute weniger bekannt ist: Der Goldkäfer.

Ich dürfte etwa 11 Jahre alt gewesen sein, als ich diese Geschichte zum ersten Mal las. Vom ersten Augenblick an hat mich die Liebe zu Edgar Allan Poes Leben und Werk erfasst und nie wieder losgelassen.

Goldkäfer

Obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist „Der Goldkäfer“ eine Art Detektivgeschichte, mit William Legrand als dem in einer Hütte lebenden amerikanischen Gegenstück zum französischen C. Auguste Dupin in „Der Doppelmord in der Rue Morgue“, „Der entwendete Brief“ und „Das Geheimnis der Marie Roget“ und dem Erzähler als verwirrtem, aber intelligentem Handlanger, der Zeuge des Genies der Hauptfigur wird. Wie Dupin ist auch Legrand der Nachkomme einer alten Familie, der sich an intellektuellen Tätigkeiten erfreut und als Abenteurer nach der Gelegenheit Ausschau hält, einen Teil seines Reichtums wiederzuerlangen. Legrands Erklärung, wie er mit Hilfe von Beobachtung und Logik hinter das Geheimnis von Kapitän Kidds Schatz gekommen ist, weist einige Ähnlichkeiten mit Dupins Methode der Ratiokination auf, und beide zeigen eine Vorliebe dafür, sich auf subtile Weise über andere lustig zu machen, wie etwa den Polizeipräfekten in „Der entwendete Brief“. Auch Legrands Erklärung am Ende hat alle Facetten der Enthüllung eines Detektivs.

In „Der Goldkäfer“ trifft unser namenloser Erzähler also William Legrand, der auf einer Insel in der Nähe von Charleston, South Carolina, lebt, nachdem er sein Familienvermögen verloren hat, um sich einen ungewöhnlichen skarabäusartigen Käfer anzusehen, den er entdeckt hat.

Legrand hat den Käfer jedoch einem Offizier geliehen, der in einem nahegelegenen Fort stationiert ist, aber er zeichnet für den Erzähler eine Skizze, mit Markierungen auf dem Panzer, die einem Schädel ähneln.

Man kann sich also vorstellen, wie aufgeregt er ist, als er feststellt, dass sein schwarzer Diener Jupiter beim Einfangen des Käfers versehentlich ein Stück Pergament mit einem Code mitgenommen hat, der den Standort von Kapitän Kidds verlorenem Schatz verrät, als er den Goldkäfer damit anfasste, der zuvor Legrand gebissen hatte.

Wie in „Das vorzeitige Begräbnis“ wird in der ersten Hälfte der Geschichte eine Atmosphäre geschaffen, die im Nachhinein betrachtet äußerst irreführend ist. Der Erzähler nimmt Jupiters ständige Andeutungen, dass der Käfer tatsächlich aus Gold sei und dass sein Biss Legrand krank und möglicherweise verrückt gemacht habe, nicht für bare Münze, aber dennoch gibt Legrand keinen Hinweis darauf, dass er Jupiters Ideen verwirft, bis sie die Schatztruhe gefunden haben.

Die falsche Spur

Die offensichtlichste Vorahnung auf die Verwendung des Goldkäfers als falsche Spur findet sich zu Beginn der Geschichte in der Epigraphik, wo es heißt:

„Holla, holla! Der Bursche tanzt wie toll!
Es hat ihn die Tarantel gebissen.“

Herpin
Illustration von „Herpin“.

Das Zitat stammt – laut Poe – angeblich aus Arthur Murphys Komödie „All in the Wrong“, lässt sich dort aber nicht finden. Es wäre nicht das erste Mal, dass Poe eine falsche Zuschreibung ausspricht. Dennoch bezieht es sich auf Berichte von Menschen, die nach einem Spinnenbiss wie verrückt zu tanzen begannen, um sich von dem Gift zu befreien. Daraus entstand dann der sogenannte Tarantella-Tanz. Wahrscheinlicher ist es, dass Poe sich an die Komödie „The Dramatist“ von Frederick Reynolds erinnerte, in der es einen solchen Satz tatsächlich gibt, weil Poe schon einmal aus der gleichen Szene ein Zitat verfälschte.

Wie dem auch sei, korrespondiert das Zitat auf Legrands Krankheit und sein seltsames Verhalten, das angeblich auf den Biss des Käfers zurückzuführen ist. Tatsächlich aber ist der einzige Biss, der sich wirklich auf Legrand auswirkt, die Andeutung eines riesigen Schatzes, mit dem er sein Vermögen wiederherstellen kann.

Bevor Legrand die Bedeutung des Schädels erklärt und sagt, er habe seinen Freunden nur einen Streich gespielt, scheint die Beziehung zwischen dem Goldkäfer und dem Bild des Schädels unheimlich und möglicherweise übernatürlich zu sein. Doch Legrand widersetzt sich den Erwartungen und gibt eine relativ gewöhnliche Erklärung, und trotz des Titels der Geschichte ist der Goldkäfer selbst für die Schatzsuche im Grunde irrelevant und stellt sich als reiner Zufall heraus.

Der Kryptograph

Der Goldkäfer war das erste belletristische Werk, das die Wissenschaft der Kryptographie in die Handlung einbezog. Tatsächlich wurde das Wort „Kryptograph“ von Poe erfunden und in dieser Geschichte zum ersten Mal verwendet. Die Geschichte inspirierte spätere Kryptologen (darunter William F. Friedman, ein Amerikaner, der in Kryptografiekreisen für die Entschlüsselung des japanischen PURPLE-Codes im Zweiten Weltkrieg berühmt wurde) und Dutzende von Schriftstellern in aller Welt. Es ist durchaus plausibel, dass die Wissenschaft der Kryptoanalyse, wie wir sie heute kennen, ohne den Goldkäfer nicht existieren würde.

Vor Poe war die Kryptographie für die meisten Menschen ein völliges Rätsel. Einfache Substitutions-Chiffren wie die im Goldkäfer galten als unlösbar, es sei denn, man besaß den Schlüssel, um sie zu entschlüsseln. Doch Poes Sprachkenntnisse und seine Besessenheit von der Logik, der „Ratiokination“, ließen ihn erkennen, dass jeder Code geknackt werden konnte. Und er zeigte den Leuten genau, wie man das macht.

Im Jahr 1839, vier Jahre vor der Veröffentlichung des Goldkäfers, veröffentlichte Poe einen Artikel im Alexander’s Weekly Messenger, in dem er die Leser aufforderte, ihm verschlüsselte Nachrichten zu schicken. Dort ließ er verlauten, dass er jede Substitutions-Chiffre lösen könnte. Eine einfache Substitutions-Chiffre ist ein Buchstabe oder ein Zeichen, das für einen anderen Buchstaben des Alphabets in der verborgenen Nachricht steht. Poes Herausforderung bestand auch darin, dass die Kryptogramme die Wortgrenzen einhalten mussten.

In seinen eigenen Worten:

„Es wäre keineswegs eine verlorene Mühe, zu zeigen, wie sehr das Rätselraten von einer strengen Methode geprägt ist. Das mag seltsam klingen; aber es ist nicht seltsamer als die bekannte Tatsache, dass es tatsächlich Regeln gibt, mit deren Hilfe es leicht ist, jede Art von Hieroglyphenschrift zu entziffern – das heißt eine Schrift, bei der anstelle der Buchstaben des Alphabets jede Art von Zeichen willkürlich verwendet wird. Zum Beispiel kann man anstelle von A ein % oder ein anderes beliebiges Zeichen setzen, anstelle von B ein * usw. usw. Auf diese Weise kann man ein ganzes Alphabet erstellen und dieses Alphabet dann in einer beliebigen Schrift verwenden. Diese Schrift kann mit Hilfe einer geeigneten Methode gelesen werden. Machen wir die Probe aufs Exempel. Lassen Sie jemanden einen Brief auf diese Weise an uns richten, und wir versprechen, ihn sofort zu lesen – wie ungewöhnlich oder willkürlich die verwendeten Zeichen auch sein mögen.“

Poe wusste, dass die Häufigkeit der Buchstaben in den Nachrichten der Schlüssel zum Knacken der Codes sein würde. Nach heutigen Maßstäben ist dies eine ziemlich einfache Technik zum Brechen von Codes, aber zu jener Zeit war sie bahnbrechend. Poes Herausforderung des Publikums wurde ein Riesenerfolg: Er erhielt Hunderte von verschlüsselten Nachrichten aus dem ganzen Land und löste sie tatsächlich alle, bis auf eine, die aus zufälligen Zeichen bestand, die dann auch keinerlei Bedeutung hatten. Im Grunde löste er also auch diese.

Poe erkannte die Faszination der Öffentlichkeit für das Knacken von Codes und beschloss, eine Geschichte speziell für sein chiffrierfanatisches Publikum zu schreiben. Ein vergrabener Schatz, eine exotische, „sehr einzigartige“ Insel, Geheimnisse, Wahnsinn und – ein Muss in jeder guten Schatzsuchergeschichte – das Gespenst des Todes: Das Ergebnis ist eine abenteuerliche Geschichte, die die Fantasie der Menschen beflügelte und Poe zu einem bekannten Namen machte.

Die Geschichte wurde mit einem Preisgeld von 100 Dollar ausgezeichnet – dem höchsten Preis, den Poe zu Lebzeiten für ein einziges Werk erhielt – und in der „Dollar Newspaper“ veröffentlicht, was zu einem sofortigen Erfolg führte. Es war der Goldkäfer – und nicht der Rabe oder das verräterische Herz -, der Poes Lesungen ein volles Haus bescherte und seine internationale Fangemeinde in so weit entfernten Ländern wie Frankreich, Russland und Japan begründete.

Nicht der Erzähler, sondern Legrand ist Poes Repräsentant in der Geschichte, der hier Poes Vorliebe für Ironie und Satire zeigt, indem er mit den Verdächtigungen seiner Freunde spielt und den Fall schließlich mit Einfallsreichtum und kluger Argumentation löst. Obwohl Legrands Abhandlung über Chiffren den Fluss der Geschichte unterbricht, zeigt sie erfolgreich ihre Intelligenz und hilft dem Erzähler, die Gedankenkette von Legrand zu verstehen und das zu glauben, was schließlich zur Entdeckung des Schatzes führt.

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Das Geheimnis der Marie Roget

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