Alan Moore: Der Magier aus Northampton

Alan Moore sieht nicht nur aus wie ein biblischer Prophet, er hat auch den dazugehörigen Zorn im Gepäck. Doch auch wenn sich in seinen Äußerungen immer wieder Spuren von Empörung finden, wird die Zuschreibung eines wütenden alten Mannes seiner Komplexität kaum gerecht. Geboren am 18. November 1953 in Northampton als Sohn einer Druckerin und eines Brauereiarbeiters, trägt Moore die Eigenheiten seiner Heimatstadt wie die meisten Engländer tief in seiner Vorstellungskraft mit sich.

Alan Moore
Alan Moore Kredit: Kazam Media/REX Shutterstock

Northampton als unspektakuläre englische Stadt mittlerer Größe wartet dennoch mit einer Geschichte auf, die wie Lava unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche schwelt. Moore hat sie zum zentralen Bezugspunkt seiner kreativen Mythologie erhoben. Nur wenige einflussreiche Autoren haben ihre Herkunftsorte derart stark in ihrer Arbeit verankert wie er. Die viktorianischen Straßenpflaster aus From Hell oder die elisabethanischen Geisterstimmen in seinem Roman Voice of the Fire zeugen von dieser Bindung. Für Moore ist Northampton das, was Dublin für James Joyce war: eine Landkarte der Gesamtheit seiner Realität. 

Diese tief empfundene Verankerung hat jedoch nichts mit romantischer Nostalgie zu tun. Sie speist sich aus einer politischen wie ästhetischen Haltung. Moore hat sich zeitlebens der Anziehungskraft Londons als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum seines Metiers widersetzen können und lehnt die Vereinigten Staaten als geistige Heimat ab, trotz seines unbestrittenen Einflusses auf die amerikanische Comic-Kultur. Er blieb in Northampton, ließ sich einen buschigen Bart wachsen, und prägte und veränderte nachhaltig ein ganzes Medium.

Seine Jugend war eingerahmt von Momenten intellektueller Auflehnung. Mit fünfzehn wurde er von der Schule ausgeschlossen, weil er nicht nur LSD nahm, sondern auch verkaufte, und begann daraufhin, sich autodidaktisch zu bilden. Über die Beat-Generation fand er zu William Blake und Michael Moorcock, und von da aus setzte er sich schließlich ernsthaft mit Magie und Kabbala auseinander. Diese prägenden Einflüsse gaben seiner Arbeit eine unverwechselbare Tiefe,  in der eine brennende Neugier zu spüren ist, die bis heute nicht endete.

Ein britisches Fundament und der Sprung über den Atlantik

Moores Laufbahn ist ohne das britische Comicmagazin 2000 AD, das 1977 gegründet wurde, kaum vorstellbar. In den frühen 1980er-Jahren entwickelte sich diese Anthologie zu einem kreativen Schmelztiegel für eine Generation von Talenten, die bald den amerikanischen Mainstream-Comics ihren Stempel aufdrücken sollten. 2000 AD verschmolz die visuelle Kraft der US-amerikanischen Superhelden mit britischem Klassenbewusstsein, rabenschwarzem Humor und einer satirischen Schärfe, die im industriellen Comicbetrieb der Vereinigten Staaten bis dahin weitgehend fehlte.

Seine frühen Beiträge für 2000 AD und das Magazin Warrior zeigten bereits früh, welches Talent in ihm schlummerte. Besonders hervorzuheben sind hier Marvelman (später in den USA als Miracleman bekannt) und das erste Kapitel von V for Vendetta. Diese Werke nehmen eine künstlerische Position ein, die sich entschieden von Zeitgenossen wie Grant Morrison unterscheidet. Während Morrison später die konstruktive Kraft des Mythos betonte, entpuppte sich Moores Ansatz zunächst als analytischer Zerfall bestehender Narrative. So verwandelt er den einst seichten Marvelman, einen blassen Abklatsch des amerikanischen Captain Marvel, in eine dunkle psychologische Erzählung voller Horror. Was geschieht, wenn ein gewöhnlicher Mensch gottgleiche Kräfte besitzt? Die Antwort darauf ist so verstörend wie sie unbequem ist.

Seinen internationalen Durchbruch erzielte Moore 1983 mit der Serie Swamp Thing bei DC Comics. Der ursprünglich erfolglose Horrorcomic um ein Sumpfmonster wurde zum Spielfeld für Moores revolutionäre Ideen. Gleich in seiner ersten Ausgabe zerstörte er die alte Grundprämisse der Serie. Das Sumpfding war bei ihm nicht länger ein verwandelter Mensch, sondern eine Pflanze, die lediglich glaubte, ein Mensch zu sein. Diese fundamentale Infragestellung von Identität bildete die Basis für einen Erzählrahmen aus kosmologischen Spekulationen, mystischen Elementen und ökologischen Fragen. Das Ergebnis war eine der intellektuell anregendsten Superheldengeschichten ihrer Zeit, ein Werk, durch das das Medium sowohl erweitert als auch herausgefordert wurde.

Das Werk, das alles veränderte

Kein anderes Werk hat die Kulturgeschichte des amerikanischen Comics so nachhaltig geprägt wie Watchmen (1986–1987), illustriert von Dave Gibbons. Durch seinen bahnbrechenden Ansatz markiert es einen klaren Wendepunkt für das Medium. Gemeinsam mit Frank Millers The Dark Knight Returns, das im selben Jahr veröffentlicht wurde, leitete Watchmen den Übergang des Superheldencomics von einer vermeintlichen Kinderlektüre hin zu einem Medium ein, das sich als ernstzunehmende Kunstform etablierte.

Die epochale Bedeutung von Watchmen zeigt sich auf mehreren Ebenen. Inhaltlich stellt es eine radikale Dekonstruktion des Superheldenmythos dar. Die Charaktere sind zutiefst beschädigt: traumatisiert, ideologisch zerrüttet, emotional instabil, gewalttätig , kurz gesagt, Menschen, denen man keine übermenschlichen Fähigkeiten wünscht. Der einzige wahre „Superheld“, Dr. Manhattan, verkörpert diese Dekonstruktion noch deutlicher. Als einziges Wesen mit physikalischer Überlegenheit wird er zugleich als das am stärksten entmenschlichte dargestellt. Sein Verständnis von Zeit als simultanes Ereignis hat ihn jeden Sinn für Entscheidungsfreiheit und Verantwortung verlieren lassen. Diese moralische Leere war 1986 eine Provokation sondergleichen.

Die Frage „Who watches the watchmen?“, die ihren Ursprung in den Satiren des antiken Dichters Juvenal findet, dient bei Alan Moore als Grundpfeiler für eine tiefgehende Untersuchung von Machtstrukturen.

Auf formaler Ebene ist Watchmen ein Manifest über die Besonderheiten des Comics selbst. Moore und Gibbons experimentierten mit einem ungewöhnlich starren Raster aus neun gleichmäßig angeordneten Panels pro Seite. Diese Struktur mag zunächst wie eine Beschränkung wirken, bietet in Wahrheit aber außergewöhnliche Kontrolle und ermöglicht eine hochgradig durchdachte Komposition. Jede Seite ist symmetrisch gestaltet, und die präzise Farbpalette von Dave Stewart unterstreicht die emotionale Dynamik der Handlung noch weiter. Innerhalb dieser formalen Strenge entfaltet Moore eine beeindruckende Virtuosität mit Elementen wie Zeitraffern, Rückblenden und Parallelmontagen, alles Techniken, die vom Film inspiriert sind, zugleich aber zeigen, inwiefern Comics dem Film überlegen sein können. Der Leser bestimmt hier nämlich das Erzähltempo selbst.

Das ist aber noch lange nicht alles. Die nächste bahnbrechende Innovation des Werkes war die Einbindung von Prosatexten in Form von fiktiven Zeitungsartikeln, Tagebucheinträgen und akademischen Abhandlungen zwischen den Kapiteln. Diese zusätzlichen Inhalte verleihen dem erzählten Universum eine beeindruckende Tiefe, die den literarischen Anspruch eines komplexen Romans erreicht. Sie fordern vom Leser weitaus mehr als reine passive Aufnahme. Watchmen zu lesen heißt, aktiv mitzudenken, Verbindungen herzustellen und verborgene Bedeutungsebenen aufzudecken.

Geschichte wird zum Albtraum

Während Watchmen Moores außergewöhnliches Können im Superheldengenre demonstriert, beweist From Hell (1989–1996), gezeichnet von Eddie Campbell, dass dieser Meisterschaft eine ganze Weltanschauung zugrunde liegt. Das Werk, das sich mit den Jack-the-Ripper-Morden im viktorianischen London auseinandersetzt, gehört zu den ambitionierten und überragenden Beiträgen der Comicgeschichte. Zugleich entzieht es sich nahezu gänzlich der populären Konsumierbarkeit (was man leicht an der oberflächlichen Verfilmung mit Johnny Depp in der Hauptrolle erkennen kann). Campbells rauer, ungeschliffener Schwarz-Weiß-Zeichenstil widersetzt sich jeglichem Versuch, es als bloße Unterhaltung zu lesen.

Die meisten literarischen Umsetzungen begreifen die Ripper-Mord als einen einfachen (wenn auch düsteren) Kriminalfall, bei Moore nutzt sie allerdings als Möglichkeit, in das Bewusstsein und die kulturellen Abgründe des viktorianischen Englands einzutauchen: seine rigiden Klassensysteme, seine Angst vor Weiblichkeit und seine morbide Faszination für den Tod. In Moores Version ist der Täter ein intellektueller Mann mit einer durchdachten kosmologischen Ideologie und eben kein wahnsinniges Monster. Die Morde sind für ihn rituelle Akte, und damit eine düstere Prophezeiung des patriarchalen 20. Jahrhunderts. Die verstörende und kompromisslose Logik dieses Antagonisten macht From Hell zu einem der unbequemsten Werke der Popkultur.

Das Buch liefert den Beweis dafür, dass das Medium auch ohne genretypische Stützen wie Superhelden, Science-Fiction oder Fantasy tiefgründige Geschichten erzählen kann, voller narrativer Komplexität auf Augenhöhe großer Romane. Diese Selbstverständlichkeit existierte 1989 längst noch nicht in dem Maße wie heute.

Kunst als Magie

Moores intellektuelle Reise ist bei Weitem noch nicht zu Ende. Seit den 1990er-Jahren hat er sein Interesse zunehmend auf die Magie gelenkt. Für ihn ist dieses Studium, ähnlich wie für Grant Morrison, eine logische Fortsetzung seiner künstlerischen Überzeugungen. Doch während Morrison Magie als Werkzeug und Methode begreift, um die Grenzen des Möglichen auszuloten, verleiht Moore ihr eine deutlichere ethische Dimension. In seiner Auseinandersetzung mit der Magie geht es vor allem darum, die Verantwortung und Konsequenzen kreativen Schaffens zu reflektieren.

In diversen Interviews und Essays hat Moore seine pragmatische Definition von Magie schlüssig dargelegt. Für ihn ist sie die Fähigkeit, durch Sprache und Erzählung das Bewusstsein zu transformieren. Ein Buch, das Leser nach der Lektüre verändert zurücklässt, hat also einen magischen Akt vollzogen. Diese Sichtweise mag für manche zunächst mystisch klingen, doch im Kern ist sie eine philosophisch-ernste und durchaus beängstigende Theorie über die eigentliche Wirkung von Kunst. Wenn Literatur tatsächlich das Bewusstsein formt und Comics in die Psyche eingreifen, wird jede kreative Entscheidung zu einer moralischen Verantwortung.

Wer sein Werk aus der Hand gibt, gibt auch die Kontrolle über dessen Wirkung in der Welt auf.”

Dass Moore regelmäßig im Konflikt mit der Comic-Industrie steht, lässt sich nicht zuletzt auch durch diese Haltung erklären. Seine lang andauernden Streitigkeiten mit DC Comics über die Rechte an Watchmen und V for Vendetta, ebenso wie die Ablehnung sämtlicher Verfilmungen seiner Werke und die Weigerung, in Film-Credits genannt zu werden, verdeutlichen seine kompromisslose Überzeugung. Kunst gehört denjenigen, die sie erschaffen, nicht den Unternehmen, die sie kommerzialisieren. Wer die Kontrolle über sein Werk verliert, verliert zugleich die Kontrolle über dessen Einfluss.

Diese kompromisslose Haltung hat Moore nicht nur zu einer der meistdiskutierten, sondern auch zu einer der meistkritisierten Figuren der Comic-Welt gemacht. Opportunistisch Kritiker werfen ihm Engstirnigkeit, Unnachgiebigkeit und eine Unfähigkeit zu Kompromissen vor. Doch gleichzeitig wird ihm zugestanden, dass er in einer Branche voller Kooperationen und Zugeständnisse einen bemerkenswert ehrlichen Standpunkt vertritt. Man muss seine Entscheidungen nicht immer teilen, doch seine konsequente Haltung verdient Respekt.

Ein Spätwerk voller Visionen

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (1999, illustriert von Kevin O’Neill) markiert den Beginn von Moores Spätphase und stellt zugleich sein ambitioniertestes Langzeitprojekt dar. Was zunächst als spielerisches Gedankenexperiment begann, bei dem er sich fragte, was wäre, wenn die Protagonisten viktorianischer Abenteuerliteratur in einem gemeinsamen Universum existierten, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einer umfassenden Enzyklopädie der westlichen Fantasie; zu einem Versuch, die gesamte Mythologie und Literaturlandschaft von Homer bis ins 20. Jahrhundert als ein weit vernetztes Geflecht zu interpretieren.

Die späteren Bände von League sind jedoch für unvorbereitete Leser schwer zugänglich. Sie verlangen ein profundes Wissen über Literaturen von Bram Stokers Dracula über Brechts Dreigroschenoper bis hin zu Thomas Pynchons Die Versteigerung von No. 49. Diese intertextuellen Bezüge sind bei Moore ein wirklich stattliches Argument. Die menschliche Vorstellungskraft hat eine Geschichte, und jede Geschichte ist stets eine Antwort auf das, was vorher war.

Moores zweiter Roman Jerusalem (2016), ein über tausend Seiten langer literarischer Koloss, ist wahrscheinlich der extremste Ausdruck dieser Überzeugung. Der Roman über die Geschichte seines Heimatortes Northampton erinnert in seiner strukturellen und stilistischen Komplexität an James Joyces Ulysses. Kritikern zufolge hält er diesem Vergleich weitgehend stand, sofern man zu jenen wenigen gehört, die das Mammutwerk tatsächlich gelesen haben. Obwohl Jerusalem kein Comic ist und daher streng genommen nicht in diesen Kontext passt, illustriert es deutlich Moores enorme Bandbreite als Künstler und unterstreicht, dass seine Wahl des Mediums Comic bewusst gewählt war und keine Einschränkung bedeutete.

Moores Vermächtnis und Position

Alan Moore und Grant Morrison repräsentieren zwei gegensätzliche Ansätze im englischsprachigen Autorencomic der letzten vier Jahrzehnte. Hier treffen Ernüchterung auf Begeisterung und Skepsis gegenüber Mythos auf die Überzeugung, dass Mythos eine unantastbare Wahrheit darstellt. Gerade aus dieser Spannung zwischen den beiden Positionen erwächst nicht nur kreative Energie, sondern auch eine grundlegende Notwendigkeit. Denn jeder dieser Pole findet seine prägnante Definition erst durch den Gegenpol.

Aber Moores Bedeutung in der Geschichte der Comics ergibt sich nicht allein aus dieser Polarität. Er der Autor, der das Medium erstmals dazu brachte, sich selbst ernst zu nehmen. Er zeigte, dass die Kombination aus Bild und Text eine erzählerische und philosophische Tiefe besitzt, die mit der des Romans vergleichbar ist. Das ist eine beachtliche Leistung für ein Medium, das bis in die frühen 1980er-Jahre von der Kulturkritik weitgehend übersehen oder gar verachtet wurde.

Was bleibt, ist ein Schaffen, das zu den bedeutendsten Beiträgen zur visuellen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts zählt: Watchmen. From Hell. V for Vendetta. The League of Extraordinary Gentlemen. Diese Werke werden gelesen werden, so lange es Comics gibt, als Zeugnisse einer Stimme, die sich weigerte, das Mögliche mit dem Bekannten gleichzusetzen und darauf bestand, dass Kunst die Welt verändert und sie nicht nur abbildet.

Moore hat das Comic zu einem Ort gemacht, an dem Wahrheit unverzichtbar ist.

Ähnliche Beiträge

  • Dashiell Hammett

    Dashiell Hammett lebte zwischen 1894 und 1961 und gilt allgemein als Pionier des Hardboiled-Krimis als literarische Form. Er schrieb eine Handvoll Romane, die die Aufmerksamkeit ernsthafter Leser auf sich zogen, und war ein früher amerikanischer Vertreter der literarischen Moderne und des literarischen Existenzialismus. Und doch wird er als Autor immer noch unterschätzt.

    Dashiell Hammett Cov

    Die Gründe sind einfach: Hammett schrieb Kriminalromane, die zunächst vor allem in Groschenheften erschienen; sein Publikum war über weite Strecken anspruchslos; seine Figuren waren oft (aber nicht immer) Bewohner von Armenvierteln. Es dauerte eine Weile, bis sich in der amerikanischen Literaturszene die Erkenntnis durchsetzte, dass große Literatur nicht auf geordnete Gemeinschaften beschränkt sein muss.

    Mehr lesen „Dashiell Hammett“
  • Bruno Schulz

    Bruno Schulz drückt die Sache so aus: Das Unwirkliche ist das, was man untereinander nicht teilen kann. Was auch immer aus dieser Gemeinsamkeit herausfällt, das fällt aus dem Kreis menschlicher Angelegenheiten, geht über die Grenzen des menschlichen Theaters, über die Grenzen der Literatur hinaus.

    Das Problem mit Bruno Schulz ist: jeder weiß, dass er ein Genie ist, jeder spricht über seinen enormen Einfluss, kommt es aber hart auf hart, bleiben diese Aussagen auf Banalitäten beschränkt, als wäre das Maß dichterischer Größe abhängig von einer Gemeinschaft populärer Entscheidungen. Auf der anderen Seite ist das auch nicht sonderlich überraschend.

    Selbstporträt von ca. 1933, Bleistift, Kohle, Papier; 11,4 × 9,6
    Adam-Mickiewicz-Literaturmuseum in Warschau

    Schulz überfällt den Leser von der ersten Seite an und erlaubt ihm nicht, ein einziges Mal innezuhalten, erlaubt ihm nicht, seine Gedanken zu sammeln. Seine Niederträchtigkeit liegt in der Tatsache, dass er jeder Übersetzung widersteht, uns aber dazu ermutigt, zu imitieren, zu paraphrasieren und zu fälschen. Es ist einfacher in Schulz‘ Sprache zu sprechen als über Schulz zu sprechen. Lesen wir einen einzelnen Absatz, wissen wir sofort, das ist Schulz, obwohl wir nicht wissen, was wir über den gelesenen Absatz sonst noch sagen könnten.

    Mehr lesen „Bruno Schulz“
  • Richard Middleton

    Richard Middleton, bekannt für „Das Geisterschiff“, war ein versierter Stilist der unheimlichen Literatur. Zu den Lobeshymnen für Middletons Werk gehört diese Passage aus „Horror Literature“ (1981), herausgegeben von Marshall Tymn:

    „Middleton, einer der interessantesten Stilisten der britischen Schauerliteratur, ist reich und überschwänglich in seiner Art, klassische Geistergeschichten zu erzählen (insbesondere die humorvollen), aber knapp und präzise in seinen originelleren psychologischen Geschichten.“

    Und in „Shadows in the Attic: Neil Wilson, Guide to British Supernatural Fiction 1820-1950“, schreibt er:

    „Die unbestreitbare literarische Fähigkeit des Autors erlaubt es den meisten Geschichten, sich über das rein Morbide und Sentimentale zu erheben“.

    Middleton

    Richard Barham Middleton wurde am 28. Oktober 1882 in Staines, Middlesex, England, geboren. Während seiner Schulzeit wurde der verträumte sensible Jugendliche von Gleichaltrigen gehänselt. Das waren  Erfahrungen, die ihren Weg in seine Geschichte „A Drama of Youth“ fanden. Er wurde an der Cranbrook School in Kent ausgebildet und verbrachte ein Jahr an der University of London. Er bestand die Oxford und Cambridge Higher Certificate-Prüfungen in Mathematik, Physik und Englisch. Trotz seines akademischen Hintergrunds nahm er eine Stelle als Angestellter bei der Royal Exchange Assurance Corporation in London an. In dieser Zeit begann er, Essays und Kurzgeschichten in verschiedenen Zeitschriften zu veröffentlichen, und er schloss sich den New Bohemians an, einer Gesellschaft literarischer Männer, denen auch Arthur Machen angehörte.

    Mehr lesen „Richard Middleton“
  • Thomas Ligotti: Der Prinz der Dark Fantasy

    Als 1992 mit Die Sekte des Idioten der letzte der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont erschien, war es wie Stille im Universum. Es war ein völlig neuartiges, bis dahin unbekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin nichts gehört hatte.

    Heute gilt Thomas Ligotti unter Kennern unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem „neuen Poe“, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Wenn man Ligottis Geschichten liest, kann man leicht erkennen, warum man das sagt und wie oberflächlich diese Aussage doch ist. Ligotti selbst sagt von sich, dass er gerne den Ton von Bruno Schulz oder Thomas Bernhard anschlägt.

    Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Thomas Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal.

    Mehr lesen „Thomas Ligotti: Der Prinz der Dark Fantasy“
  • Arthur Conan Doyle – Spiritist und Gentleman

    Während der Schriftsteller und Arzt Sir Arthur Conan Doyle heute bei den meisten für seinen logisch denkenden Skeptiker Sherlock Holmes bekannt ist, wissen die Horrorbegeisterten aus aller Welt, dass er mit seiner bösartigen Mumie eine der besten Geistergeschichten der englischen Literatur verfasste und erkennen in ihm einen Vorfahren der Lovecraft unterstellten Weird Fiction. Tatsächlich ist Doyle für die Mumie das, was Stoker für den Vampir ist, und seine Geschichten von spitzhackenschwingenden Serienmördern, gespenstischen Folterinstrumenten, Geistern am sonnenlosen Nordpol, verfluchten Werwölfen, gelatineartigen Monstern am Himmel über uns und verunglückten Séancen, sind genauso kühl vorgetragen wie die Holmes-Abenteuer spannend sind. Der enorme Erfolg dieser Detektivgeschichten erlaubte es Conan Doyle, 1891 seine medizinische Praxis aufzugeben und sich dem Schreiben zu widmen. Sein Schaffen war breit gefächert: Theaterstücke, Verse, Memoiren, Artikel über Sport, Kurzgeschichten, historische Romane und schließlich Schauerromane und Schriften über Spiritualismus. Sein erfolgreichstes Werk blieb jedoch Holmes, sehr zu seiner späteren Frustration.

    Es mag überraschen, dass der Schöpfer dieser beständigsten Ikone der englischen Literatur überhaupt nicht Engländer, sondern Schotte war. Arthur Conan Doyle wurde 1859 in Edinburgh geboren und als kleines Kind in ein katholisches Internat geschickt. Wie eine Reihe schottischer Jungen aus der Mittelschicht seiner Generation entschied er sich für ein Medizinstudium und trat 1876 in die Medizinische Fakultät von Edinburgh ein.

    Mehr lesen „Arthur Conan Doyle – Spiritist und Gentleman“