
Der Leser: Ricardo Piglia in der Franzosenbauer-Route

journal der fisimatenten

Natürlich hat das Leben keinen Sinn. Aber der Tod auch nicht. Und das ist eine weitere Sache, die das Blut in Wallung bringt, sobald man Lovecrafts Universum entdeckt. Der Tod seiner Helden hat keine Bedeutung. Der Tod lindert nichts. Er bedeutet in keiner Weise das Ende der Geschichte. Unerbittlich zerstört HPL seine Figuren und bring damit nur die Verstümmelung von Marionetten hervor. Gleichgültig gegenüber diesen erbärmlichen Wechselfällen wächst die kosmische Angst weiter. Sie schwillt und nimmt weiter Gestalt an. Der große Cthulhu erwacht aus seinem Schlaf.
Ich habe das Gefühl, dass zu viele Menschen von Lovecrafts Monstern, Tentakeln, Polypen und Shuggoths besessen sind. Ehrlich gesagt, ich denke, dass sie den Kern nicht verstehen. Zumindest kann ich sagen, dass sie jenen Teil nicht verstehen, der den größten Einfluss auf mich ausgeübt hat. Da wäre die Wichtigkeit der Atmosphäre zu nennen, das gefundene Manuskript als narratives Element und HPLs Wertschätzung dessen, was Paläontologen und Geologen Tiefenzeit nennen. Tiefenzeit ist entscheidend für seinen kosmischen Schrecken, den existenziellen Schock, den ein Leser aus seinen Geschichten zieht. Unsere Kleinheit und Bedeutungslosigkeit im Universum insgesamt. In allen möglichen Universen. Im Konzept der Unendlichkeit. Nichts und niemand kümmert sich um uns. Niemand passt auf uns auf. Für mich ist das die Aussage Lovecrafts.
In gewisser Weise ist [Lovecrafts] Ruf das Opfer seines Mythos. Er wurde als ein Gegenmittel zum konventionellen viktorianischen Okkultismus konzipiert – als ein Versuch, den imaginativen Reiz des Unbekannten zurückzugewinnen – und ist nur eine von vielen Möglichkeiten, wie seine Geschichten Schlimmeres oder Größeres suggerieren, als sie zeigen. Er ist auch nur eines seiner Mittel, um ein Gefühl der Verwunderung (Sense of Wonder) beim Leser zu erreichen, mit dem Ziel, die besten Werke des visionären Horrors hervorzubringen (und das ist keineswegs alles, was zum Mythos gehört). Seine Geschichten sind ein Tasten nach der perfekten Form für die Weird Tale, ein Prozess, während dem er alle Formen und Prosa-Stile ausprobierte, die er nur kannte.
Alles, was ich liebte, war bereits seit zwei Jahrhunderten tot … Ich bin niemals Teil von irgendetwas um mich herum – in bin in allen Belangen ein Außenseiter.
Die besten Arbeiten heutiger „unheimlicher Literatur“ (und das schließt ältere Figuren wie Ramsey Campbell, Thomas Ligotti, T. E. D. Klein, Dennis Etchison und andere mit ein) wird zunehmend nur von einem kleinen Kreis von Kennern und nicht von der Allgemeinheit gelesen. Ich weiß nicht genau, was man dagegen tun kann; vielleicht ist es auch nur der Beleg dafür, dass, wie Lovecraft vor langer Zeit schrieb, die Weird Fiction wirklich nur für die „wenigen Sensiblen“ gedacht ist.
Per definitionem basiert die seltsame Geschichte auf einem Rätsel, das niemals gelöst werden kann. Abgesehen von der Semantik ist für mich in einer so genannten seltsamen Geschichte das Wichtigste ein undurchdringliches Geheimnis, das die Handlungen und Manifestationen in einer Erzählung erzeugt. Ein gutes Beispiel ist Lovecrafts Lieblingsgeschichte „Die Weiden“ von Algernon Blackwood. Es gibt nichts in den Weiden selbst, das für die Phänomene verantwortlich ist, die die beiden Männer bedrohen, die auf einer Insel rasten, während sie die Donau hinunterfahren. Die Weiden sind nur ein Symbol für eine unsichtbare, unerkennbare Kraft, die nichts Gutes mit denen vorhat, die unglücklicherweise vom schlechten Wetter an diesen atmosphärischen Ort gefesselt werden. Diese Kraft ist offensichtlich übernatürlich – oder, angesichts von Blackwoods Sicht auf die Natur, überwirklich.
ALLE ZITATE ÜBERSETZT VON MICHAEL PERKAMPUS. *DAS HOUELLEBECQ-ZITAT WURDE AUS DEM ENGLISCHEN ÜBERSETZT.
Das Paradies ist nicht vorgesehen, solange Zeit existiert, die ihrerseits keine Ermüdung erkennen lässt, sich sogar beschleunigt. Kein Lichtstrahl findet je zu seiner Quelle zurück. Ich geistere durch jedes einzelne Zimmer des leeren Hauses. Jahre alte Seifenstücke hängen gefangen in einem Nylonsäckchen im Bad, Badeschaum in der Luft. Das Bett im Schlafzimmer ist gemacht und verströmt einen modrigen Geruch. Wenn jemand stirbt, ist er schneller fort als man glaubt. Gepackte alte schwere Koffer liegen auf den Schränken, durchsichtige Folien über den Möbeln, um sie vor Staub zu schützen. Ein langer Flur; das Wohnzimmer, das ich noch voller Leben kannte. Meine schlaflosen Nächte in der Küche, die ich schreibend verbrachte, weil ich erst schlafen konnte, wenn die Sonne aufging. Die Musik wirkt in den Räumen schauderhaft, und doch dringt sie lebendig an mein Ohr. Ich bilde mir ein, ich sei am Leben und hätte nichts verloren. Der Gedanke, eines Tages mein Gesicht im Spiegel sehen zu müssen und zu wissen : das sind nicht mehr meine Augen, das ist nicht mehr mein Mund. Wo wird der Mensch sein, der mich dann noch kennt?
Der Turm der höchsten Trümmer liegt in Sprachen, sendet Mauerstein hinein in die brühende Melange. Zucksuppe gischtet brandig, sendet das schwarze Röcheln uteralwärts. Schaumige Maische verdreht die Worte. In diesem Blut erhebt sich Pflanzenseiber, darin gebettet befinden sich die Kehlen, die sich rühren, kleben finster, schlotig, kahl hochgereckt an der Wand, die sich farblos gen Norden neigt. Man hört sie röcheln, aber kein Wort formuliert sich. Schutt und Schlamm in inniger Umarmung.
Als sie gemeinsam am Küchentisch saßen, die Blicke gebannt in die Holzmaserung drückten, die je nach Fantasie etwas anderes zeigte, sprach keiner ein Wort. Die Natur spuckte aus, es war Stille im Universum. Nur die Steine sprachen miteinander. Die ersten Stufen hell erleuchtet. Nebel, die Treppe aus Knochenmark geformt, in der Mitte schwielig, braun zurückgelassene Fußabdrücke, Dornenstaub darüber, Gestalt des Wahnsinns, Augensaft : die Tränke der Nymphen; Hermann bellte, die Lippen straff und geöffnet, künstliches Loch, die Zunge wie ein Rollmops, großmütiger Ausdruck, dieses Gesicht, das vielleicht eines Tages das eines anderen sein wird, mit Doppelkinn, Tränensäcken, und anderer Überschüssen im Gesicht eines Mannes.
Als der Abend, laut wie selten, in die Nacht geglitten war, mummte sich Anna etwas mehr ein als sonst, wenn sie in die Waschküche hinunter stapfte, den Wäschekorb fest an die Brust gedrückt. Hermann schnarchte, als gurgele er seine Zunge, als würde er sie gleich verschlucken; und vielleicht wird ihm das eines Tages widerfahren, wir sind in einem Alter, da passieren solche Dinge. Ich komme aus der Waschküche mit abgewetzten Handrücken und da wird er liegen, die Lippen blau. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken, ihren Mann als Leiche im Bett vorzufinden, hielt es für wahrscheinlicher, vor allem aber freundlicher von ihm, wenn er während einer seiner Wanderungen, die er mit regem Fleiß betrieb, zusammenbrechen würde. »Sei so nett, ja?«, flüsterte sie, schüttelte ihren Mann an der Schulter, der daraufhin zu schmatzen begann und eine andere, stillere Schlafposition einnahm.
Anna Schikowski hatte es sich angewöhnt, ihre ›große Wäsche‹ in die Nachtstunden zu verlegen. Ihre in jungen Jahren lapidare innere Unruhe hatte sich Laufe der Zeit zu einer ausgemachten Schlaflosigkeit gesteigert, die auch der zermürbende Haushalt nicht zum Erliegen bringen konnte. Sie hatte dem entgegenzuwirken versucht, indem sie immer etwas mehr tat, und das, was sie tat, zu beschleunigen. So wuchs ihr Garten zu einem majestätischen Kräutergarten heran, Kohl, Karotten, Sellerie, Zwiebeln, Knoblauch, Schwarze Johannisbeeren, Äpfel, Quitten und Zwetschgen gediehen neben Majoran, Dost und Echtem Thymian, sie extrahierte ätherische Öle, Bitterstoffe, Gerbstoffe, Schleimstoffe, Alkaloide und herzwirksame Glykoside, Anthrazenderivate und Flavonoide. Im Zuge ihrer Kenntnisse hatte sie aufgehört, für die Wäsche Buchenasche und abgestandenen Urin zu verwenden, und mischte Soda mit Zitronenöl und Schmierseife zusammen, die sie mit Ätzkali und Sonnenblumenöl ebenfalls selbst anrührte.
Wie oft hatte ihn der Alte dafür bestraft, wenn er ihn dabei erwischte, wie er sich versichern wollte, ob sein Hemdkragen gerichtet sei, und dabei zwei, drei Sekunden länger als dafür vorgesehen seine eventuelle Wirkung auf die Außenwelt erwog. Die Luft faltet sich und man erkennt sich, wie in einem Spiegel, im Grunde nicht. So viele Gesichter, so viele eigene Wesen, vergorener Pelz, liegen in den Büschen brach. Vom Boot aus sind wir der tiefere Rinnsal, wir kehren zurück, mir tropft das Bein Schritte hin, zum Ufer, zum Beispiel, oder in der Badewanne über der Kante, oder wenn es regnet, ich nicht abfließen kann. Bleibe stehen und betrachte den Rinnstein, sein abwaschbares Selbst.
Der Krankenwagen trudelt ein und wendet ungestüm. Sein blaues Licht verscheucht die Schneeblindheit. Die weißbraune Grütze tropft aus den Radkästen. Beinahe gleichzeitig trifft ein neuer Funkspruch ein und plappert munter in Michels Volkswagen vor sich hin, der quer über der Straße steht. Die Beamten haben aufgehört, sich um die Bergung zu kümmern und diskutieren gebührlich, auf Schaufeln, Besen und Rechen gestützt, mit den Fahrern, die um jeden Preis hier durch wollen – anstatt die B15 zu nehmen – und dabei wild mit den Händen gestikulieren und damit ein neues Alphabet probelaufen lassen. Die meisten von ihnen sind ausgestiegen, heben sich gegen den Horizont ab wie Manschetten, die das Bündchen der Landschaft verschließen, wie Stulpen am Rande der morgendlichen Szenerie, um sich nicht entgehen zu lassen, was sich dann vielleicht im Bekanntenkreis ausschlachten lässt.
Die Nacht fiakert zurück und hinterlässt einen Sägenschärfer aus Hebanz in der Nähe des Sägewerks an der Hohen Mühle, das auf seinem Gelände auch eine Fischzucht ermöglicht, deren Ergebnisse dann in Buchen-, Weiden-, Erlen-, Birken-, Pappel-, und Eschenspäne in den Schlot gehängt werden, um heißzuräuchern. Fleischrauch erhebt sich und bildet Fischskelette in der Luft, vergänglich wie ein Ameisenleben. Der Fischfang hat hier eine seltsame Tradition, ungewöhnlich für ein Land, das sich so weit entfernt vom Meer befindet (obwohl sich im Präkambrium eine stolze Schwemme hier einsam fühlte).