Der Geist des Schicksals in Charles Dickens „Der Bahnwärter“

Die Geistergeschichten von Charles Dickens, der für seinen charismatischen Witz, seine Ironie und seine Satire berühmt ist, waren oft typisch für die viktorianische Ästhetik des Übernatürlichen – schaurig, aber charmant -, doch seine berühmteste kurze Geistergeschichte widersetzte sich den Konventionen, schockierte die Leser und verstört sie bis heute. Der Grund dafür mag in der persönlichen Komponente liegen: Dickens‘ „The Signal-Man“, zu deutsch: Der Bahnwärter, basiert auf der einflussreichsten Tragödie seines späteren Lebens, einer Tragödie, die ihn bis ins Grab belastete.

Am 9. Juni 1865 um 3:13 Uhr nachmittags war Charles Dickens mit seiner Geliebten Ellen Ternan und Ternans Mutter im Südosten Englands unterwegs, als der Zug von Folkestone nach London in der Nähe von Staplehurst aufgrund der Fahrlässigkeit eines Weichenstellers entgleiste. Das Zugunglück von Staplehurst kostete zehn Menschen das Leben und hinterließ vierzig Verletzte, von denen einige in Dickens‘ Armen starben. Der Autor war traumatisiert. Er verlor danach zwei Wochen lang seine Stimme und versuchte von da an, jeglichen Kontakt mit Zügen zu vermeiden.

Ein Gnom beim Betrachten der Eisenbahn (Carl Spitzweg)

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Die Fußspuren des Teufels

teufel fuss

In der Nacht des 8. Februar 1855 wurden die Landschaft und die kleinen Dörfer in Süd-Devon von heftigen Schneefällen heimgesucht. Man nimmt an, dass der letzte Schnee gegen Mitternacht gefallen ist. Zwischen diesem Zeitpunkt und etwa 6.00 Uhr am nächsten Morgen hinterließ etwas (oder mehrere) eine Vielzahl von Spuren im Schnee, die sich über hundert Meilen oder mehr vom Fluss Exe bis nach Totnes am Fluss Dart erstreckten.

Fußabdrücke Zeichnung
Zeichnung der Abdrücke

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Ich bin die Nacht: 1 Der Moloch (Re)

In der Tiefe der Nacht kann einem alles begegnen. Welten türmen sich auf und entfalten ihre grandiosen, weitläufigen Ebenen des Zerfalls. Mumifizierte Zeitzeugen murmeln aus trockenen Mündern von ihren Erlebnissen. Ein Gesicht hängt in Fetzen in Höhe des Mondes, die Wangen wie zerschnittener Stoff in einer Bastelstube. Dann ist es vorbei, wie bei einer Fahrt in einer Geisterbahn. Die Kufen führen aus der stinkenden Nacht in eine noch tiefere hinein und ruckeln weiter zur nächsten Szene. Und nirgendwo hat das Licht eine sichtbare Qualität; schwarz auf schwarz bestätigt es nur eine absolute Dunkelheit. Was man zu sehen bekommt, ist merkwürdigerweise unabhängig von einer Lichtquelle. Die Toten leuchten von innen, die Geister tun es ihnen gleich.

Eine chemische Reaktion, die sich über den Baumwipfeln zu einer Dunstglocke formierte – das war alles, was von ihm übriggeblieben war. Bald würde sein Rest zu Staub fremder Sterngruppen, zu Globulen und Dunkelwolken gehören. Unentdeckt von allen Teleskopen, die da noch kommen sollten. Die Sonne entdeckte den gemarterten Körper als Erste. Ihr tastendes Licht beendete die Nacht, die in vielen Seelen lauert. Nackt hing er an diesem Stamm gefesselt, übergossen mit flüssigen Exkrementen, in der Pose eines Gottes am Weltenbaum.

Schon öffnet der Moloch sein Bronzemaul, röchelt in allen Farben des Feuers und verschlingt alles. Vielleicht würde er sich sogar selbst verschlingen, aber vielleicht will er auch nur den süßen Saft des Lebens kosten, der ihm so fremd ist. Er will sich an den Rinnsalen des Leids aller sättigen, an dem herausgedrückten Seim. Vielleicht will er auch nur die nie von einer Sonne beschienene Statue sein, der Hochofen elementarer Angst.

In den letzten Sekunden seiner rituellen Ekstase sah er, wie die Nacht, die mit ihrer schneidenden Kälte bereits tief in ihn gedrungen war, Gestalt annahm. Durchs Gebüsch fegte ländliche Agonie. Der Mangel an Eindeutigkeit ließ ihn schauderhaft zittern. Er erkannte nicht, was seit Stunden um ihn herum kroch. Die Luft kündete von Maden, es war fürchterlich finster. Er zerrte an den Fesseln, doch das Hanfseil gab nicht nach. Was die Erscheinung tat, die sich weder bewegte noch an einem Ort verharrte, war für ihn nicht zu erkennen. Der Schmerz nahm beständig zu und die Angst hätte ihn verbrennen müssen, doch einige Minuten später war er ausgeschaltet und dieser zweigeteilte Baum war zu seinem Martergrab geworden. Er sank in die Hanfseile und sickerte langsam in die Erde, eine Hinterlassenschaft der Jäger, Fischer und Sammler der Nacheiszeit, die hier ihr Hüttenlager hatten. Die alte Erde sog sich voll mit Leben.

Mord ohne Motiv in Edgar Allan Poes „Das verräterische Herz“

Poes Geschichte „Das verräterische Herz“ wurde erstmals 1843 im Pioneer, einem Bostoner Magazin veröffentlicht.

Mord ohne Motiv

In dieser Erzählung finden sich auf engstem Raum alle Elemente der Schauerliteratur: das unterschwellige Geheimnis, das unheimliche Gebäude – hier wird ein ganzes Schloss in einen einzigen Raum verwandelt –, das schreckliche Verbrechen und das Oszillieren zwischen dem Übernatürlichen und dem Psychologischen. Auf nur fünf Seiten scheint es, als habe Edgar Allan Poe den Schauerroman des 18. Jahrhunderts zu einer Geschichte von nur wenigen tausend Wörtern verdichtet. Doch was genau macht diese Geschichte so beunruhigend? Eine genauere Analyse zeigt, dass sich „Das verräterische Herz” auf das Beunruhigendste überhaupt konzentriert: den Mord ohne Motiv.

Der Herzschlag eines Toten

Das verräterische Herz
(c) Alex Kupczyk

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Das verlorene Land Lyonesse

Die britische und kornische Folklore wird nicht müde, eine Reihe geheimnisvoller Orte wie Camelot und Avalon in den Legenden um König Artus zu erwähnen. Daneben macht sich das verlorene Land Lyonesse eher klein und unscheinbar aus, spielt aber in vielen Artuslegenden eine wichtige Rolle.

Der Legende nach lag Lyonesse einst zwischen der Küste von Cornwall und den Scillies, die aus über 140 Inseln bestehen, von denen aber nur fünf bewohnt sind. Im 16. Jahrhundert befragte ein Antiquar namens William Camden viele Bewohner Cornwalls nach ihrem Volksglauben. Sie erwähnten oft die „Stadt der Löwen“ und erzählten, dass sie manchmal die „Geisterglocken“ läuten hörten. Nur ein Mann namens Trevelyan soll dem Untergang von Lyonesse auf einem Schimmel entkommen sein.

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Der Garten der Ungeheuer

In einem Tal in der Nähe des Dorfes Bomarzo in Italien liegt ein geheimnisvoller Garten, der unter vielen Namen bekannt ist. Manche nennen ihn wegen seiner Nähe zum Dorf den Garten von Bomarzo. Sein Schöpfer nannte ihn Sacro Bosco oder Heiliger Hain. Aber die meisten kennen diesen wundersamen Ort als den Garten der Monster, aus Gründen, die jedem, der ihn betritt, klar sind.

Im üppigen Grün des Gartens verstecken sich Dutzende seltsamer Steinmonster und hoch aufragender Statuen, die alle aus dem Vulkangestein der Umgebung gehauen wurden.

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Fünf Wege, den Teufel zu überlisten

Sagen wir mal, du hättest ein kleines Teufels-Problem. Vielleicht ist er einfach uneingeladen aufgetaucht und lockt dich nun mit der Erfüllung deiner Herzenswünsche. Eventuell soll eine verflossene Liebe wieder aufflammen, oder er offeriert dir Reichtum, oder die Reduzierung deines Gewichts, oder eine “Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte”. Und obwohl du es besser weißt, obwohl du weißt, dass es sich zu gut anhört, um wahr zu sein, genügt dieses Wissen nicht, um die Offerte einfach zu ignorieren. Vielleicht ist er ja auch nur gekommen, um dich aus Spaß zu quälen und du hast keine Möglichkeit, ihm zu entkommen. Wie geht eine ansonsten aufrechte Seele mit einer Situation wie dieser um?Es kommt natürlich auf die Umstände an, aber deine Möglichkeiten stehen gar nicht mal so schlecht, auch wenn es zunächst nicht so aussieht. Sicher, die einfachste Möglichkeit bestünde darin, den Standard-Vertrag zu nehmen, aber wie viele von uns bereits haben lernen müssen, beinhaltet der Standard-Vertrag nicht immer das Beste, das man herausschlagen kann. Und wenn der Teufel nur da ist, um seine Muskeln spielen zu lassen – es also gar nicht um einen Vertrag geht – magst du dich erst einmal hoffnungslos fühlen. Wie ich das sehe, hast du fünf Möglichkeiten, dich zu retten. Suche dir diejenige heraus, die zu deiner Situation passt, aber bleibe in erster Linie erst mal locker, okay?

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Zerberus sucht sich das Weite

Alle Höllenhunde zu mir und um mich herum, der Fährmann schmilzt in seinem Kahn. Es sollte ein Brückenfest geben, die Flüsse der Unterwelt waren reich geschmückt und dann : eine Prozession kriecht bergan und schleudert Federn in die Luft, die sich binnen Sekunden in graue Geier verwandelten und davonstoben, um sich den fliegenden Würmern zu widmen, die in ihrem Bauch wimmerten und keuchten, so dass ein Lied von ungeahnter Traurigkeit entstand. Die Köpfe des Hundes waren Legion, nicht drei, wie man mir sagte. Die Kutte des Fährmannes brannte – es war ein gar heiterer Scherz, den Boten in einen Phönix zu verwandeln, der er freilich nicht war, weshalb er mit seiner ledrigen Hand – nicht knöchern, wie man mir sagte – in die schwarzen Wasser griff und sich sehr langsam beregnete. Nun hatte er Gäste in seinem Totholzkahn, die nicht zu spät ans andere Ufer gelangen wollten. Man hatte ihnen eine spektakuläre Überfahrt zwar versprochen, aber sie empfanden die feurigen Lichtkaskaden unpassend gegenüber ihrem Ableben. Sollte Dante recht behalten, würden sie das Gasthaus noch vor dem Hund erreichen, der sich nun bückte, um über seine vielen Köpfe zu springen, denn die Last war offenbar. Sie konnten schon den hell erleuchteten Eingang sehen, wo sich ein fetter Wirt gerade bückte, um ein oder zwei Augen aufzuheben, die aus der Tür gefallen waren. Nichts war mehr an seinem Ort, und wenn man etwas suchte, musste man vorher einen windigen Dämon beschwören, der gerne die Ohren als Bezahlung nahm. War Hören uninteressant geworden in den Ecken und Kanten und Fugen und Nuten? Nicht zur Gänze, doch die pochende Luft wurde jetzt durch eine größere Antenne in die richtige Abfolge transzendiert. Die Worte waren Bilder geworden, die sich auf allen glänzenden Dingen zeigten. Karl, der hier nun Charon genannt wurde, fischte aus seinem Kleiderschrank ein neues Kostüm; ein Boot mit vielen Wendungen. Die Gäste staunten ihn an, mussten sich aber selbst in die Ruder beugen, während der springende und sprungende Hund nur noch ein paar seiner sinnlosen Köpfe zu überspringen hatte. Wie aber wollte er sich ohne diese zum Mahle setzen, wie die Knochen in kleinste Brocken beißen, wie das sinistre Fleisch aus den Pfannen schlotzen? Und er nutzte seinen Schlund, nicht das Maul, wie man mir sagte, um zu schlingen und zu würgen, bis die Magensäure die Opfergabe ganz und gar in sich versenkte.

Können wir, verehrter Karl jetzt endlich zum Gasthaus gebracht werden, bevor die verdammte Töle uns den Appetit so ganz verdorben hat?

Das Fass lief dem Fährmann über und er beseitigte die Seelen mit einem Handstreich aus seinem Gefährt, die sogleich von den finsteren Wogen aufgeleckt wurden, denn unter ging man hier nicht, wie man mir sagte, man trieb wie ein Kork ganz obenauf, bis sich irgendwo eine Zunge fand, die das Gasthaus wie ein Traum erscheinen ließ.