Unvorhersehbares

Ich weiß nicht, wann ich den Kurs aus den Augen verloren habe. Natürlich war und ist der Weg auf kein Ziel aus (vielleicht, die Verdammnis abzustreifen), er schlängelt und mäandert (was in etwa dasselbe ist), aber was wäre die Sprache ohne mich? Sie scheint eine Göttin zu sein, nicht nur eine Muse. Dass die Welt aus den Fugen geraten wird, war mir bereits bei meiner Ankunft klar. Es war notwendig, ein Bein hier und ein Bein dort zu haben, aber ich war auf das Ende der Welt nicht gut vorbereitet. Ich kann weitere Zauber folgen lassen, denn sie sind alles, worum sich mein Leben dreht. Es gibt zwei Schreiber in mir: einen, der billig vor sich hin brütet (wie jetzt gerade), und einen, der die Sprache als Treppe nutzt – nicht hinaus, nicht hinab, sondern überallhin. Vielleicht haben mich die Exzesse verlassen; was wollen sie auch von einem alternden Dichter. Wohin ging mein Protagonist, nachdem er Raha erreicht hatte, und vor allem: was ist Raha überhaupt. Natürlich geraten die Sumerer wieder in den Fokus, weil sie schließlich die Wiege unserer Neuzeit sind.

Die Gedanken sind gut – sie sind wie Wasser und sie müssen vollendetes Chaos sein. Kommen und gehen. Unvorhersehbar.

Abweichungen

Warum weicht meine Arbeit so sehr von dem ab, was ich lese? Es ist eine einfach zu beantwortende Frage: Ich benutze Sprache als ein Instrument der Wahrnehmung und der Magie. Diese Zeiten sind für den Mainstream aber längst passè. Wenn ich lese, interessieren mich andere Dinge, zum Beispiel, wie mein Unterbewusstsein auf die dargebotene Erzählung reagiert und was sich daraus ableiten lässt. Literatur ist eine völlig persönliche Entscheidung (oder eine völlig individuelle Suche), weshalb auch kein Zweiter jemals die gleichen Bücher lesen wird. Eine Bibliothek ist wie ein Abdruck des eigenen Geistes in der Matrize des Universums. Manches gleicht ihm, manches kommt ihm nahe, aber nichts wird ihm ganz entsprechen können.

Bis auf wenige Ausnahmen interessiere ich mich nicht für moderne Bücher; die Ausnahme sind eben jene, die zurückgreifen und die Erzählung dort ansiedeln, wo es noch Zeit gab, also vor dem Jahr 2000. Nun, das (angebliche) Fließen der Zeit ist nicht der Punkt, sondern die Substanz der Jahrzehnte.

Im Sinne von Brian Greene wird das so ausgedrückt:

„Wenn ich meine Teekanne bewege, ist dieses Gefühl absolut real. Aber das ist auch alles, was es ist. Es ist eine Empfindung.“

Verdrehte Nacht

Heute Nacht schlief ich zum Beispiel erst ein, als ich bereits wieder aufstehen wollte, gegen vier Uhr. Das sind ziemlich extreme Verlagerungen, und dementsprechend bin ich heute auf den Beinen. Aber die Sonne scheint gerade zum ersten Mal auf diese Weise durch die Fenster und kündigen den baldigen Frühling an. Zumindest ist das der Plan.

Verblüfft bin ich gegenwärtig von der baskischen Schriftstellerin Eva García Sáenz, deren „Stille des Todes“ von 2016 ich gerade lese, aber dazu werde ich gesondert noch kommen.

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Jazzuela als Morgenroutine

Ich habe also jetzt begonnen, meine Artikel und Übersetzungen von anderen Seiten abzuziehen und sie in die Veranda einzupflegen. Gestern schon; und heute gelang mir der Sprung tatsächlich wieder um 4 Uhr. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mir gestern sehr früh eine halbe Zopiclon verabreichte.

Jazzuela
Jazzuela

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Voltaires Kalligraph / Pablo De Santis

„Voltaires Kalligraph“ erzählt die Geschichte von Dalessius, der im Alter von 20 Jahren von Voltaire als Kalligraph und Archivar eingestellt wird. Obwohl der maschinelle Druck die Handschrift bereits weitgehend verdrängt hat, ist sie für viele Dokumente nach wie vor unverzichtbar – insbesondere für eilige oder einmalige Schriftstücke. Dieser Konflikt zwischen Mensch und Maschine zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman.

Dalessius beginnt seinen Bericht Jahrzehnte später mit einem eindrucksvollen Bild: Er reist mit wenig mehr als ein paar Hemden, den Werkzeugen seiner Schreibkunst und einem in einem Glas konservierten Herz – dem Herzen Voltaires. Doch sein Bericht konzentriert sich auf die Zeit, als das Herz noch schlug. Die Geschichte, wie es schließlich in seinen Besitz gelangte, ist leider weniger dramatisch, als man vielleicht erwarten würde.

Als Waisenkind wächst Dalessius bei seinem Onkel auf, der ein florierendes Geschäft mit Leichentransporten betreibt. Er sorgt dafür, dass Verstorbene in ihre Heimat überführt und dort beigesetzt werden – ein besonders lukratives Geschäft in Kriegszeiten, wenn viele Soldaten fern der Heimat sterben. Dalessius, ein begabter Kalligraph, verliert seine Stelle als Gerichtsschreiber und findet stattdessen Arbeit bei Voltaire. Doch schon bald wird er mehr als nur Schreiber: Voltaire setzt ihn als eine Art Spion ein, um den historischen Fall des angeblich zu Unrecht verurteilten Jean Calas zu untersuchen. Während Voltaire in Wirklichkeit bereits gründlich recherchiert hat, entwickelt De Santis daraus eine viel größere Verschwörung, als es sie in Wirklichkeit gegeben hat.

Der Roman ist ein unterhaltsames Katz-und-Maus-Spiel voller Intrigen. Die Kirche spielt eine zentrale Rolle, aber besonders faszinierend sind die lebensechten Automaten – Maschinen, die so täuschend echt gebaut sind, dass man sie für Menschen halten könnte. De Santis füllt seinen Roman mit farbenprächtigen Details: von den raffiniert gebauten Automaten über die verschiedenen Tinten der Kalligraphen – darunter unsichtbare oder gar giftige – bis hin zum makabren Geschäft mit den Toten. Die Atmosphäre ist düster und geheimnisvoll, geprägt von engen Gassen, verwinkelten Herrenhäusern, Friedhöfen und der allgegenwärtigen Welt der Bücher – Bibliotheken, Buchhändler und Manuskripte spielen eine wichtige Rolle.

Auch das Personal des Romans ist vielfältig: Henker und Schergen der Mächtigen sorgen für blutige Momente – aber nicht jeder, der geköpft wird, blutet auch wirklich. Eine weitere zentrale Figur ist die weltfremde Clarissa, Tochter des übervorsichtigen Mechanikergenies von Knepper, der eine Romanze zwischen ihr

„Voltaires Kalligraph“ ist ein kurzer, aber rasanter Roman, der den Leser von einem Schauplatz zum nächsten führt. Auch eine Reise im Sarg bleibt Dalessius nicht erspart – allerdings kontrastiert De Santis das hohe Tempo mit langen Wartezeiten an verschiedenen Schauplätzen, die oft humorvoll in Szene gesetzt werden. Manchmal wirkt der Roman etwas überfrachtet, und an manchen Stellen hätte eine genauere Ausarbeitung gut getan. Aber gerade weil er sich nicht in übertriebener Detailverliebtheit verliert, bleibt er immer spannend und unterhaltsam. Ein solider historischer Thriller mit originellen Ideen und einer gelungenen Mischung aus Verschwörung, Technik und Abenteuer.

Unionsverlag

Neuer Aktionismus

Now spinning: Herbie Hancock / Inventions & Dimensions. Zwar habe ich das Vinyl, aber die CD im nachhinein in einer Box noch einmal nachgekauft. Man kommt so wenig zum Plattendrehen.

Mein Aktionismus, täglich um 4 Uhr von der Matratze zu springen wurde auch heute wieder um zwei Stunden verlängert. Es scheint mir nur jeden zweiten Tag zu gelingen. Indes halte ich all meine Tätigkeiten mittlerweile für absurd. Aber mein Wesen ist natürlich auch völlig zerfetzt und verteilt über andere Seiten und Podcasts. Überall tauchen die gleichen Unzulänglichkeiten auf: das zersplittern in Themenfragmente, die ich nicht zusammenbekommen kann (oder will). Die Veranda war einst ein Hort, an dem sich alles fügte, aber mit der Zeit wurde die Themenpalette zu einem unkontrollierbaren Monster. Trotzdem bin ich versucht, das Ur wieder zu erreichen, aus dem dann folglich alles entspringt (oder wieder zurückkehrt). Da ich niemand bin, der mit seinen Inhalten Massen begeistert (dieser Kelch ist an mir vorübergezogen), dürfte es mir an und für sich (als Kind verstand ich immer „an und Pfirsich“, sobald meine Großmama diese Trope bemühte) egal sein, und ich bin bis heute nicht dahintergestiegen, warum es mir im Innern dann doch zu widerstreben scheint.

In den letzten Jahren habe ich mich (abgesehen von einigen Erzählungen für Magazine oder Bücher) mehr und mehr dem Essai verpflichtet gefühlt als meiner originären Arbeit, die gegenwärtig für mich abgeschlossen scheint. Es entstand vor in paar Tagen noch das „Tollhaus“, aber auch das war eher der Versuch, die Ebene hinter einem Essai zu erfassen und sie mit meiner Stilistik zu verknüpfen, als ein persönliches Werk der Wahrnehmung. Das ist vielleicht das, worauf ich mein Augenmerk künftig richten sollte: von Innen nach außen zu gelangen. Und das Journaling wieder aufzunehmen.

Kostüm der Felsformation

Die fürchterliche Trauer über ein vergangenes
Tonikum erstrahlt so viele Schritte weit im Westen;
die Fesseln tragen die Schuld an der vorübergehenden
Bewegungslosigkeit, die so gar nicht beabsichtigt war.
Jemand nennt das Spektakel beim Namen, weiß
aber den genauen Wortlaut nicht mehr, so dass sich
ein zufälliger Reim ergibt, der alles geändert hätte,
befänden wir uns auch nur ein Stäubchen weiter links.

Am Kostüm der Felsformation ändert sich nichts. Die
Mineralien treiben nahtlos wie am ersten Tag, und nur die
Höhlen, die wir im Dunst nicht erkennen, haben die
Kommunikation bereits eingestellt. Es wäre zumindest denkbar,
einen weiteren Schritt zu tun, ohne Schirm, ohne Schranken.
Ich sehe den Schlund noch vor mir, aber bäte man mich
um eine zuverlässige Beschreibung, würde ich lügen.
An diese sonderbare Aussicht wird man sich gewöhnen müssen.

Der Gesundheit zuliebe

Der Gesundheit zuliebe habe ich alle Konserven runter zum Fluss gebracht. Ich hab sie da natürlich nicht reingeworfen, sondern am Ufer vergraben, vorher aber überall ein Loch reingemacht, damit das Ungeziefer besser ran kann. Die können ja scheinbar gut mit Giften, sonst würden sie ja viel öfter auch auf unseren Krankenstationen landen. Tun sie aber nicht. Ich weiß, das ist eine fürchterliche Beweiskette, aber ich hab ja auch nur eine einfache Schule besucht, und vom Maschen aufnehmen und fallen lassen versteht man keine höhere Mathematik.

Der Kurt hat seinen Quark erst nicht wollen, weil er ihm zu sehr nach Pampe ausgesehen hat. Er hats ja eh mit dem Magen und kennt Pampe daher ziemlich gut aus dem Bad. Mehr sag ich nicht, damit ihnen ihr Essen – völlig nutzlos – nicht mehr schmeckt.

Zu meiner Zeit war Fleisch das Größte, vielleicht noch ein paar Erdäpfel, damit der Teller nicht so leer wirkt, aber heute basteln wir das alles aus Gummistiefeln und Erbsen, was den Vorteil hat, dass wir uns nicht mehr mit dem Herz eines Serienkillers ausstatten müssen, um die Familie satt zu kriegen. Wenn meine Mutter mit dem Messer in die Scheune schlich, um zukünftige Würstchen vorzubereiten, fragte ich sie einmal: „Hast du deine Tage oder warum klebt überall Blut an dir“. Ich weiß noch, dass ich eine richtig fette Ohrfeige davontrug, so dass mein jugendliches Gebiss noch tagelang den Radetzky-Marsch klapperte, nur weil ich immer so neugierig war. Das konnte meine Mutter gar nicht gut leiden. Heute versuche ich es natürlich an Kurt auszulassen, er bietet sich ja als Ehemann auch so einfach an. Aber kleben kann ich ihm keine, da müsste ich schon auf einen Stuhl steigen. Dafür gibts jetzt ein paar Tage lang Quark, und ich überlege mir, ob ich den nicht auch ins Bad stelle, damit er mal sein Gesicht damit einreibt. Es heißt, große Poren würden dann zuckerzart verschwinden und die Haut einem Stück gegerbten Leder gleichen.