David Cronenbergs Crash

Crash

Der Druck auf meine rechte Körperseite, auf diese Extremitäten, die Knochen, die äußeren Flächen. Das Hervortreten der Schulterblätter. Die Unterbindung des Blutflusses der Beine. Das Gras berührt, die Wange den Boden. Das Klaffen der oberen Lippe. Die Beckenschaufel wieder und wieder in Erde bewegt. Die starkschnellen Schläge. Links, unter meiner Brust. Unter den Rippenbögen, die flache Atmung. Die Weite von vorn, von hinten Wärme. Die Haut deiner Hand. Das Blut schmeckt eisern.

„Maybe the next one. Maybe the next one.“

(Albera Anders)

Crash
©Jugendfilm Verleih GmbH

Vom Asphalt, dem großen geregelten Verkehr der einsamen Städter, in den Graben abkommen. Ins Gras. In die Berührung. In ein Detail. Herbeigeführt durch eine willentliche / künstliche Crashsituation. Warum? Um in einen Zustand zurückzufinden, den man noch erinnert, der sich aber offenbar nicht mehr so einfach einstellt. Extremer ausgedrückt: Es passiert einem ja sonst nichts.

Ist dir etwas passiert? 

Nein. Leider nicht!

Das Auto im Graben. Der Mensch: verletzt. Es folgt eine Bestandsaufnahme der wahrgenommenen Verletzungen, bzw. der eigenen vorgefundenen körperlichen Zustandssituation. Ein Zoom, Vereinzelungen, Details. Substantivierungen: Oder wie man im Dunkel(n) einer Werkstatt (s)ein Auto mit einem Handlicht nach potenziellen Schäden absuchen würde. Im schwärzesten Fall werden aus hervortretenden Schulterblättern Flügel.

Die Autoerotik ist hier ganz plastisch das Automobil. Und mehr denn je, abhängig von der Wahrnahme / Beobachtung eines Anderen / Zweiten.

… Die Haut deiner Hand … : Wie ein Überzug eines Autositzes. Und dennoch etwas anderes, da warm und durchblutet. Etwas, das ich wiedererkenne. Etwas, das menschlich ist.

Die Stadt wird als ein Käfig begriffen. Die Natur und ihre Farben, Geräusche und Düfte sind betoniert und asphaltiert worden. Es gibt nur wenig Traffic, kaum Begegnungen. Und so wird eine Begegnung mit einem anderen Menschen sprichwörtlich als Crash wahrzunehmen versucht. Entfremdung und Isolation sind die treibenden Kräfte, die die Triebkräfte Lebenswille und Thanatos entfesseln. Die Protagonisten, eine kleine Gruppe von Unfallfetischisten, die sich um Vaughan (Elias Koteas) versammelt, der solche Happenings organisiert (er stellt die Autounfälle zu Tode gekommener Berühmtheiten nach, wie z.B. den von James Dean), setzen alles daran, mit ihren Autos von der vorgesehenen (Verkehrs-)Spur abzukommen. Crashtestvideos und Fotografien von Unfallplätzen werden studiert und konsumiert. James Ballard (James Spader) und seine Frau Catherine (Deborah Kara Unger) schließen sich dieser Gruppe an. Beide haben Affären, von denen sie sich gegenseitig erzählen, um sich gegenseitig anzuheizen, da sie sich entfremdet haben. Gesucht wird der ultimative Orgasmus. So scheint es zunächst einmal. Denn Catherine kommentiert einen Seitensprung ihres Mannes, der ihm keine wirkliche Befriedigung verschaffte, mit den Worten:

„Vielleicht beim nächsten Mal.“

Mit jedem provozierten Unfall wird versucht aus den Strukturen, der Isolation, die sie mit sich bringen, auszubrechen. Lebenswille und Todessehnsucht kulminieren, setzen in den freiwilligen Lebenddummies einen Eros frei, der sie allenfalls nur Sekunden befreit. Der sie, sterben sie bei den Unfällen nicht, nur von einem Gehege ins nächste bringt. Von der Spur : in den Graben : in den Fixateur externe. Es findet eine versuchte Traumaverarbeitung durch Schleuder- und Gewebstraumen statt. D.h.: es wird versucht ein Trauma durch das nächste, provozierte abzulösen. Die Sehnsucht, frei zu sein / auszubrechen, geht mit der Sehnsucht des Menschen, umfangen zu sein, Hand in Hand.

… Die Weite von vorn, von hinten Wärme. …

Beides ist nicht sehr verwunderlich, bedenken wir, dass uns das schon ein Säugling verrät, der, mal abgesehen vom wichtigen menschlichen Körperkontakt, den Kontakt zu dem, was ihn umgibt, braucht. Nahm er sich doch als Embryo sicher im Uterus der Mutter wahr. Da er umfangen war, war es ein Zustand, der ihn sicherte, aber zugleich auch einer, der der Schwerelosigkeit nahe kommt, da er im Fruchtwasser schwebte.

Ähnlich wie Kinder ihren Verband schon selbst bei kleinsten oder nur gefühlten (also seelischen) Verletzungen fordern, um zu gesunden, fordern diese Erwachsenen ihre Fixateure (interne, besonders aber die externen) für ihre seelischen Verwundungen. Sie aber nehmen in Kauf, dass sie dabei sterben könnten. Schrammen mit hoher PS-Zahl jedes Mal hart am Tod vorbei. Und sterben doch immer ein bisschen. (Vaughan hingegen, mit dem James eine homoerotische Affäre hatte, schafft es am Ende.) Und so ist dieser Thanatos kein Gott eines sanften Todes, als der er gemeinhin gilt. Vielmehr ist es ein im Eros enthaltener Todestrieb, der diesem Gott das Wasser unsanft abgräbt.

Und auch am Ende, als James und Catherine beide im Graben landen, da er sie mit seinem Auto von der Straße drängte, stehen:

Hoffnung und Vergeblichkeit:

Die Beckenschaufel wieder und wieder in Erde bewegt. Maybe the next one. Maybe the next one.

1996 erschienen und mehrfach ausgezeichnet (unter anderem in Cannes), ist David Cronenberg mit der Verfilmung des gleichnamigen 1973 erschienenen Romans von James Graham Ballard ein kontrovers diskutiertes Meisterwerk gelungen, eine pferdestärkenperverse Icherlebniskultur in Bildsprache, die genau ins Auge fasst, warum der Spoiler bei schneller Geschwindigkeit das Heck hart am Boden hält

Ähnliche Beiträge

  • Der Brunnen der Yoni

    Denkst du noch daran, wie du deine Kleider ablegtest, danach dein Höschen wieder anzogst, einen Ohrring herausnahmst? Du zerrißt das Höschen, bis du nur noch den Hosenbund trugst, von dem eine Triangel hing. Du sahst, wie etwas aus dem Meer gekrochen kam und dich musterte, was dir nicht unangenehm war. Du wolltest einen Brunnen graben und brauchtest jemanden, der dir dabei behilflich war.

    »Kennst du dich damit aus?«

    »Natürlich kenne ich mich damit aus, du hast doch gesehen, woher ich gekommen bin!«

    »Das ist nicht dasselbe! Das Meer, das wurde nicht gemacht, das hat niemand geplant.«

    Der große Frosch war anderer Meinung und teilte es dir mit, würgte eine Fliege hervor, würgte noch eine Fliege hervor. »Hier«, seine Zunge deutete auf die schwarzen Punkte im Sand, »hier ist die Mitte des Brunnens.«

    »Ich sehe sie«, sagtest du. Ihr begannt gemeinsam zu graben, es veränderte sich nur das Wetter. I went down to the crossroads, try to flag a ride. 

    Du lernst kennen und du vermisst; die eigentliche Art bleibt dir fremd. Du kommst gut nach Hause und schlecht aus dem Haus, ein Luftspuk, wo immer du bist. So zittern die Stunden, die Jahre vorbei, ein Traum ist so gut wie der nächste, die rührende Nähe der Wünsche vertreibt die Scheu, sich allein im Spiegel zu betrachten. Du gingst (später) in die Stadt der Schenkel, kamst über Haut gepilgert, die wie Sand ihre Formen verändert, gingst zum Brunnen der Yoni und wusstest nicht mehr, was du vorher wusstest. 

  • Die Enden des Regenbogens

    Geschrieben von A. Anders

    Fangen Sie die Essenz der Stadt auf saubere, moderne Weise ein,
    auch wenn Sie eine psychedelische Druckecke schaffen wollen.
    Bordüren geben Ihnen etwas, an dem Sie sich festhalten können.

    Steigen Sie im Schlaf in andere Dimensionen auf. Wir stellen
    unsere Zustände des Seins vor, z.B. mit einem wunderschönen
    und komplizierten Böses-Auge-Design, das in den Stoff eingewebt ist,
    umgeben von Dämonen und dunklen Tentakeln und dornigen Ranken,
    die das Böse in klassischem Schwarzweiß in Schach halten.

    Diese Gewebe werden freiwillig in ihrem Saft gehalten.
    Es gibt eine Decke für jede Persönlichkeit.

    Abgesehen davon, dass es wunderschön ist, werden sie besonders
    die ausgefransten Enden des Regenbogens lieben.

  • Die ewige Dämmerung der „Twilight Zone“

    Es beginnt immer gleich. Eine rauchige Stimme durchbricht die Stille. Sie ist ruhig, klar, beinahe beschwörend. Rod Serling tritt ins Bild – Anzug, Zigarette, ein Gesicht wie gemeißelt aus schierer Ernsthaftigkeit. Er spricht direkt zum Zuschauer, wie ein Gastgeber, der nicht ganz von dieser Welt ist, und lädt ein auf eine Reise in die fünfte Dimension. Eine Dimension, die nicht nur durch Raum und Zeit definiert wird, sondern durch das Staunen, den Schrecken und die große Frage: Was wäre, wenn?

    Rod Serling auf dem Twilight-Zone-Poster
    Mehr lesen „Die ewige Dämmerung der „Twilight Zone““
  • Die Hand

    „Doch weder aus dem Nebel noch von hinter den Blechwägen trat jemand auf ihn zu, um ihn bei der Hand zu nehmen. Es war nur ein Traum, komm jetzt mit nach Hause! Wie wäre das? Wie wäre es, zu erwachen? So viele Welten, die sich als Sterne tarnten, starrten zu ihm hinunter, wo es doch kein Hinunter mehr gab.“ (Sandsteinburg)