Drachen

Diese seit menschengedenken in allen Kulturkreisen bekannten Wesen, die die Länder und Lüfte spielend eroberten wie kein anderes, sind in den Köpfen der Menschen, besonders in Literatur und Film, bis heute existent. Faszinierende Mischwesen mit einem großen langen Schwanz, die manchmal ihren Gegnern sogar vielköpfig Feuer unter’m Hintern machten. Manchmal mit einem Löwenkopf, manchmal mit einem Krokodils-, Panther- oder Wolfskopf. Einem Vogel gleich seien sie, da sie Flügel (häufig Flughäute) hätten, mit denen sie fliegen könnten. Schuppige Reptilien seien sie, die einer Schlange sehr ähnlich sähen. Ebenso aber seien sie Raubtiere mit riesigen greifartigen Klauen oder Tatzen an den Vorder- und Hinterbeinen, die verspeisen würden, was sie fassen könnten. In Klassen unterteilt wurden sie. Und so gab es auch jene, die man zu den Wyvern zählte, die vor allem in der Heraldik Einzug hielten, die nur zwei Vorderbeine, Flügel und einen schlangenartigen Unterleib hatten. Als auch jene, die man den Kriechdrachen zuordnete, die ganz ohne Füße auskommen mussten.

Im Lateinischen draco genannt, im Altgriechischen δράκων, was häufig mit „Schlange“ übersetzt wird, jedoch streng genommen „der starr Blickende“ bedeutet. Also dem Blick einer Schlange verwandt. So will man uns weismachen. Jedoch ist bedenkenswert, dass das, was uns den Blick einer Schlange als „starren“ erscheinen lässt, auch von einer anderen Tatsache herrühren könnte, der Tatsache nämlich, dass sie über keine Augenlider verfügt, die sie vor ihrer Umwelt schützen. Weshalb wir uns überlegen können, ob dem so ist oder war. Oder ob es nicht durch viele Zeiten hindurch unserem Blick zuzuschreiben ist, der starr erblickte, was er, mindestens seit den Babyloniern, erblicken wollte.

Ein Sinnbild des Chaos seien sie. Verderbnis und Tod brächten sie. So jedenfalls sahen das lange Zeit besonders westliche, aber auch orientalische Kulturen. Im asiatischen Raum hingegen, besonders im Osten Asiens, standen sie für die kaiserliche Macht. Und gelten dort bis heute als Glücks- und Regenbringer, die Fruchtbarkeit verheißen. Bei den Mayas, Tolteken und Azteken sehen wir den Drachen Quetzalcoatl als gefiederte Schlange dargestellt, als eine synkretistische Gottheit dieser Kulturen, die ihn teilweise auch in menschlicher Gestalt beschrieben. Aus der nordischen Mythologie kennen wir ihn als Nidhöggr, eine schlangenartige Drachengestalt, die am Weltenbaum Yggdrasil nagt. Und sogar im Alpenraum lebt einer ihrer kleineren Vertreter. Der Tatzelwurm, der unter anderem auch Springwurm oder Steinkatze genannt wird.

So unterschiedlich die Drachen in den einzelnen Kulturen und ihren Epochen in Erscheinung treten und traten, so unterschiedlich sind die Niederschriften und Sagen über sie. Und doch, obwohl ihre von uns erschriebene Genese eine beachtliche und vielseitige ist, gibt es nichts bis kaum etwas, das als Beweis gelten könnte, der uns etwas über ihren tatsächlichen Ursprung, ihre Werdung erzählt: woher sie wirklich kamen, was sie wollten, wohin sie gingen. Zumindest nicht, was Fakten anbelangt. Kein fossiler Fund, der ihre Existenz ein für alle Mal bestätigt. Und doch gab es mit den Dinosauriern – und gibt es bis heute – existierende Vertreter ihrer Art, denken wir z.B. an den sog. „Gemeinen Flugdrachen“ (Draco volans), oder an die „Grüne Wasseragame“ (Physignathus cocincinus), die auch „Grüner Wasserdrache“ genannt wird, und an mehr dergleichen Tiere. Besonders die Echsenarten aus der Familie der Agamen scheinen sich in ihren phänotypischen Erscheinungen und teilweise auch in ihren Fähigkeiten an ihre großen Ahnen zu erinnern. Wir finden sie zu Wasser, an Land, ja sogar in der Luft, wenn auch nur in gleitender Weise. Nur zu einer Fähigkeit sind offenbar absolut nicht mehr vermöge: der Fähigkeit, Feuer zu speien. Ein Feuer, das sogar Stein schmelzen ließ, das dem Feuer des Hephaistos, dem Gott der Schmiede und Handwerker, mindestens ebenbürtig war.

Besonders in der Antike dienten sie als Schreckensbild wie auch als Herrschaftssymbol. Sie schmückten Wappen, Fahnen und Schilde, aber auch kirchliche Gegenstände wie Taufbrunnen. Im Mittelalter waren sie vor allem ein Synonym für den Teufel, das Böse, das Dämonische. Und es gab, wie wir wissen, im Laufe der Jahrhunderte nicht wenige Mannsbilder, die sich als Drachentöter einen Namen gemacht hatten. Da wären z.B.: Kadmos, der Ares‘ Drachen getötet haben soll, bevor er Theben gründete. Und dies sei ihm auch nur mit der Hilfe von fünf Kriegern gelungen, die aus den von ihm gesäten Zähnen des getöteten Drachen gewachsen waren. Dann gibt es freilich noch Siegfried aus der Nibelungensage, den wohl bekanntesten Lindwurmtöter (von ahd. lint: Schlange), der sogar in dessen Blut badete und doch eine verletzliche Stelle beibehielt, die Hagen von Tronje so raffiniert auszunutzen wusste. Oder Beowulf, der Dänemark gleich von mehreren Drachen befreite. Auch Marduk, der Stadtgott der Babylonier, will erwähnt sein, der im sog. „Chaosdrachenkampf“ Tiamat (Mutter aller Götter, die häufig als Drachenwesen dargestellt wurde) in zwei Hälften spaltete, um aus ihr die Erde und den Himmel zu formen. Ebenso erinnert uns die Legenda aurea an den heiligen Georg, der eine jungfräuliche Königstochter aus den Klauen eines Drachen barg. Und nicht zu vergessen: Erzengel Michael, der den Teufel in der Gestalt eines Drachen in die Hölle stürzte, während er rief: „Wer ist wie Gott?“ (Oder einfach nur seinen eigenen Namen lauthals verkündete. Was aufs selbe hinauslief.). Doch es gab auch weibliche Drachenbezwinger wie die Jungfrau und Märtyrin Margareta von Antiochia, die, als sie von einem Drachen verschlungen wurde, das Kreuzzeichen schlug und ihn somit zerspringen ließ. Sowie die heilige Martha von Bethanien, die den Drachen Tarasque mit ihrer lieblichen Stimme in den Schlaf sang.

Waren es nicht all jene, die sich dem Drachen mutig gegenüberstellten, war es Christus selbst, der ihn bezwang. Wir wissen, der Drache hatte es viele Jahrhunderte, besonders im Christentum nicht leicht, verkörperte er doch das Heidentum (den Teufel selbst) und die damit einherhgehende Sünde. Er galt als die ultimative Städte und Dörfer niederbrennende Bestie, aus deren Fängen man nicht selten auch eine Jungfrau befreien musste. Sollst keine schlafenden Drachen wecken, könnte damals ein mahnender Ausspruch gewesen sein. Wir können nur spekulieren wie es dazu kam, dass die Drachen derartig mit dem Bösen belegt wurden, dass sie selbst zu einem Synonym für das Ungeheuer, die Bestie wurden. Vielleicht war es ihr teilweise unbestimmbares Äußeres, dass die Menschen erschreckte, sahen sie in ihnen Wesen, die die Gestalt und die Fähigkeikeiten von vielen verschiedenen Tieren vereinten und sich daher in allen Elementen gleichermaßen wohlfühlten. Denn nicht nur das Land und die Lüfte waren ihr Herrschaftschaftsgebiet, auch das Wasser stellte eines ihrer Reiche. Sagen und Märchen bezeugen dies. Als Bewacher von Flüssen und Quellen sorgten sie entweder für eine Überschwemmung oder die Dürre eines Landes. In Heldenepen bewachten Drachen häufig einen Schatz, den sog. „Drachenhort“, bei dem es sich zumeist um Gold handelte. Als Verstecke dienten Höhlen, Meeresgründe, Brunnen und verborgene Landstriche.

Vieles hat durch die Zeiten hindurch im Kampf gegen Drachen geholfen. Mal waren es Gebete und Kreuzzeichen, mal waren es Waffen. Und war es keines von beidem, gab es ja noch immer die List, die einen Sieg herbeiführte. Anerkennung und Ruhm erntete der Held. Darüber hinaus bot sich ihm nicht selten die Aussicht auf Unbesiegbarkeit, verspeiste er z.B. das Herz des getöteten Drachens oder badete er in dessen Blut. Ein gewissermaßen ritualisches und offenbar zutiefst menschliches Verhalten, sich die Kraft des getöteten Gegners einzuverleiben. Es mag an ihrer Autarkie, Stärke und Potenz gelegen haben, dass wir sie zu bekämpfen versuchten und töteten, waren und sind sie doch in allen Elementen zuhause wie kein anderes Wesen es ist und jemals war.

Drachen haben seit jeher die Phantasie der Menschen beflügelt, im Guten wie im Bösen, da mag es nicht verwundern, dass wir ihnen in allen Künsten begegnen, heute nicht weniger als in vergangenen Zeiten. Speziell in der Literatur gibt es einen Sektor, den sie besonders bevölkern, der geradezu von ihnen wimmelt, aus dem sie kaum mehr wegzudenken sind. Es ist jenes Genre der Phantastik, das in den Mythen und Sagen dieser Welt wurzelt, seine eigenen entwirft, gar ganze Welten gebiert. Es ist die Fantasy, die diesen Wesen die größte Herberge bietet. Die viele, heute berühmte Drachen in ihren Landen und Lüften aufnahm, wie: Smaug, den Schatzhüterdrachen aus Mittelerde, oder die drei Drachen, die Daenerys Targaryen im Feuer ausbrütete, ohne dabei selbst zu verbrennen, oder jene berittenen Drachen, die den Planeten Pern zu schützen versuchen, um nur einige zu nennen … Ganze Imperien werden den Drachen mittlerweile in der Fantasy zugedacht. Nicht wenige der erschriebenen Abenteuer titeln sogar mit ihnen. Majestätisch magische Tiere sind sie, die wir uns heute auch zum Freund gemacht haben, mit denen wir Seite an Seite kämpfen, statt gegen sie, um gegen das wirklich Böse in die Schlacht zu ziehen.

Weise und erhaben sind sie uns geworden. Mit ihrer Haut dem Teufel längst nicht mehr dienlich. Archaisch und phantastisch waren sie seit jeher. Sie erscheinen uns als Wesen einer längst untergegangen Welt, die immer schon der unseren vorauslief. Sie sind die Bewahrer eines tiefen und alten Wissens von Raum und Zeit, von Geburt und Leben, Tod und Wiedergeburt. Ihre Mythen und Topoi stehen jenen der Götter in nichts nach. Sie erscheinen mir sogar älter als diese, und ich finde mich bestätigt, denke ich allein an Tiamat und Marduk oder den Ouroborosdrachen.

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    New American Library hingegen war ein Taschenbuchverlag, der die Macht der Genreliteratur verstand. Sie investierten erheblich mehr in Kings Karriere als es Doubledy je getan hatte. Für Doubleday war King eine Überraschung, für New American Library war er eine Marke.

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    „Ich sehe den Horrorroman als nur einen Raum in einem sehr großen Haus, das man als Spannungsroman kennt. Dieses besondere Haus schließt solche Klassiker wie Hemingways Der alte Mann und das Meer und Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe mit ein.“

    Und natürlich seine eigenen Bücher.
    In einem anderen Interview sagte King:

    „Die einzigen meiner Bücher, die ich für unverfälschten Horror halte sind Brennen muss Salem, Shining, und jetzt Christine, weil sie keine rationale Erklärung für all die übernatürlichen Geschehnisse anbieten. Carrie, Dead Zone, und Feuerkind haben mehr mit der Science Fiction- Tradition zu tun … The Stand wiederum steht mit je einem Bein in beiden Lagern …“

    Warum also greift das Horror-Etikett?

    King schreibt über Menschen in Extremsituationen, deren Gefühle von Angst, Schmerz und Hilflosigkeit dominiert werden, die dunkel und drohend selbst dann durchscheinen, wenn noch gar nichts passiert ist. Er ist ein Meister, wenn es darum geht, die Spannung aufrecht zu erhalten. Er verwendet viel Zeit auf die Beschreibung des menschlichen Körpers, verweilt bei den physischen Details der Unvollkommenheit und des Verfalls (Altersflecken, Verwachsungen, Akne, Narben), wie er auch die Körperlichkeit an sich feiert (Sex, Erektionen). Seine Charakterzeichnungen sind mit breiten Strichen gesetzt, im Zentrum stehen meist die körperlichen Makel (Schuppen, Glatzen, schlechte Haut, Fettleibigkeit, Magersucht), was viele seiner Figuren ins Groteske verzerrt. King schreibt viel über Kinder und Jugendliche, seine Hauptfiguren sind in der Mehrzahl attraktiv.

    Es sind diese intensiven Szenen, bestehend aus Sex und Gewalt, den attraktiven Hauptfiguren, und die Betonung der Angst und Spannung, die sein Publikum an den Horrorfilm erinnert, wo Sex, Gewalt, Jugend und Angst sich in der Regel tummeln. Als King seine erfolgreichste Phase hatte, boomte auch der Horrorfilm (1973 – 1986 war die goldene Ära der amerikanischen Horrorfilme), und es ist nicht schwer, das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen. Der Vergleich von Kings Werken mit Filmen ist das, worauf es Kritiker von Anfang an angelegt hatten, und King selbst betonte oft genug, dass er ein extrem visueller Schriftsteller sei, der nicht in der Lage ist, zu schreiben, bevor er nicht die Szene im Kopf hat. Die öffentliche Meinung, King sei ein Horrorschriftsteller, wurde durch die Verfilmungen von Carrie und Shining noch zementiert. Wenn etwas also als „Horror“ vermarktet wird, wenn es die Leute an „Horror“ erinnert, und wenn der Autor kein Problem damit hat, als Horrorschriftsteller zu gelten, dann ist es Horror. Obwohl King darauf hinweist, dass Science Fiction ein besseres Label für seine Arbeiten wäre.

    Feuerkind ist eines der Bücher von King, wo das Label Science Fiction hervorragend passt. Der Roman wurde als Verfilmung ein Flop und seitdem hat sich das Interesse an Firestarter im Laufe der Zeit getrübt. Das ist nur eins von vielen Beispielen, wo ein mieser Film ein gutes Buch quasi ruiniert.
    1976 begonnen, gab King das Buch zunächst auf, weil es ihn zu stark an Carrie erinnerte. Der Hauptcharakter war ein Ebenbild seiner zehnjährigen Tochter Naomi. King war zunächst fasziniert von Pyrokinese und dann von einer Figur wie Carrie White, die ihre psychischen Kräfte an ihre Tochter weitergegeben hatte.

    Das Buch liest sich wie eine paranoide, politisch linke Phantasie auf Amphetaminen, die mit der zehnjährigen Charlie McGee und ihrem Vater Andy beginnt. Sie befinden sich auf der Flucht vor einer Regierungsorganisation, die sich „Die Firma“ (The Shop) nennt. Andy und seine Frau hatten in den 60ern an einem Regierungsexperiment teilgenommen, bei dem ihnen die LSD-artige Substanz Lot 6 verabreicht wurde. Die Droge aktivierte ihre latent vorhandenen psychischen Kräfte, die an Charlie weitervererbt wurden. Ihr ist es möglich, allein durch ihre Gedanken, Feuer zu legen, was ihr aber von ihren Eltern als eine böse Sache verboten wurde. Charlies Mutter wurde von der Firma getötet, und Andy hat nur die Fähigkeit, den Geist anderer zu kontrollieren, was allerdings jedes mal, wenn er seine Fähigkeit anwendet, Schäden an seinem Gehirn zurücklässt.

    In die Enge getrieben überredet Andy Charlie, ihre Kräfte von der Leine zu lassen und sie lässt eine friedlich gelegene Farm in einem Inferno untergehen und tötet dabei Dutzende von Agenten auf ihrer Flucht. Ein paar Monate später werden sie von dem Auftragskiller John Rainbird gefangen genommen. Das letzte Drittel des Buches ist eine Chronik dieser Gefangenschaft, wo Rainbird ein Psychospiel mit Charlie beginnt, indem er sich anfangs als einfache Ordonanz ausgibt, um sich mit ihr anzufreunden und ihre Kooperation für die Firma erlangt. Von seiner Tochter getrennt mutiert Andy zu einem übergewichtigen Pillensüchtigen. Alles endet in einer Scheune, wo Charlie Rainbirds Spiel durchschaut und den Tod ihres Vaters mitansehen muss.

    Das klingt nach einer einfachen Geschichte, aber zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere feuert King aus allen Rohren, und so ist sie alles andere als das. Voller Handlungsabläufe, die derart lebendig beschrieben sind, dass sie an verschiedenen Stellen in surrealistische Poesie übergehen (explodierende Hühner rennen umher, Wachhunde werden verrückt vor Hitze und wenden sich gegen ihre Halter), ist der Roman gespickt mit subjektiven Eindrücken der Figuren, die sich in fast schon wahnwitzig lyrischen Ergüssen äußern. King wurde vorgeworfen, er würde sich vor Sexszenen scheuen (Peter Straub sagte einmal: „Stevie hat Sex bisher noch nicht entdeckt.“), aber in Feuerkind ist die grundlegende Geschichte die von Charlies sexuellem Erwachen.

    Es gibt nur wenige Dinge, die kraftvoller sind als die Beziehung zwischen Vätern und Töchtern, die Popkultur hat enorm viel Aufwand betrieben, das Unbehagen der Väter angesichts der Sexualität ihrer Töchter zu thematisieren, angefangen von der Kontrolle, die Väter über den Kleidungsstil ihrer Töchter ausüben wollen. Zu Beginn des Buches ist Charlie ein kleines Mädchen, die an der Hand ihres Vaters spaziert und nicht weiß, was sie zu tun hat. Am Ende des Buches ist ihr Vater tot. Zwar kann sie ihre pyrokinetische Fähigkeit noch nicht voll kontrollieren, die aber ist wesentlich stärker als irgendjemand angenommen hatte, und sie befindet sich auf dem Weg nach New York, um ihre Geschichte zu erzählen.

    Sexualität und Feuer sind linguistische Zwillinge („Brennende Leidenschaft“, „Das Feuer der Begierde“, „Glimmende Augen“) und es ist ein Freudianischer Witz, dass sie von ihren Eltern das Verbot bekommt, die „böse Sache“ zu tun. Schnell verwandeln sich diese Stellen von Subtext in Blanktext, dann nämlich, wenn Rainbird sich ihr widmet, um „ihre Verteidigung zu durchdringen“, sie „wie einen Safe zu knacken“ und um sie zu töten, während er ihr tief in die Augen schaut.
    „Es ist eine sexuelle Beziehung“, sagte King später über diese beiden Figuren in einem Interview. „Ich wollte das Thema eigentlich nur streifen, aber es macht den Konflikt nur noch monströser.“
    Als ihre Hemmungen fallen, ihre Fähigkeit einzusetzen, genießt Charlie ihre neuentdeckte Stärke, die ihr besondere Privilegien einbringt und sie zum Mittelpunkt eines jeden Mannes im Buch macht. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass, wenn sie ihre Kräfte nicht zu beherrschen lernt, sie die Welt zerstören könnte; ein Klischee über die weibliche Sexualität (wenn sie einmal anfangen, hören sie nicht mehr auf). Als Charlies Sexualität mehr und mehr erwacht und eindeutiger wird (sie hat sogar Träume, in denen sie nackt auf einem Pferd zu John Rainbird reitet), werden auch die heimlichen Wünsche der Männer, die Kontrolle über sie ausüben, selbstzerstörerischer. Andy versucht einen letzten Ausbruch mit Hilfe seiner Gabe, was aber im Unterbewusstsein der Opfer ihre geheimen Obsessionen entfesselt und sich in Selbstzerstörung äußert. Für Dr. Pynchot, dem zuständigen Psychiater von Charlie und Andy äußert sich das Verdrängte in Form eines Missbrauchs, den er einst durch Kommilitonen erleiden musste. Seine Besessenheit betrifft den „Vulva-ähnlichen“ Abfallzerkleinerer. Er kleidet sich mit der Unterwäsche seiner Frau und tötet sich, indem er die Hand hineinsteckt, während er läuft. Der Kopf der Organisation, Cap Hollister wird von eingebildeten, glitschigen Schlangen heimgesucht, die überall auf ihn warten, um ihn zu beißen.

    Eines der stärksten Bilder des Buches ist Charlie, wie sie vor der brennenden Scheune steht, nachdem die Wildpferde durch die Holzwände gebrochen sind, ringsherum die verwüsteten Utensilien der Armee, ihr toter Vater hinter ihr, grenzenlose Freiheit vor sich. Ein kraftvolles und kitschiges Bild von einer jungen Frau und ihrem sexuellen Erwachen. Weit entfernt davon, lächerlich zu sein.
    Feuerkind war das mittlere seines „Werk-Trios“ zu dieser Zeit, bestehend aus Dead Zone, Feuerkind und Cujo. Für welches man sich auch entscheiden will: zu diesem Zeitpunkt ahnte die Welt noch nichts von Cujo …

  • Edith

    Ich kann nicht sagen, wie viele Hände ins große Spargelfeld meiner
    zweiten Mutter gesickert sind, und ob sie dort noch liegen.
    Ich erinnere nur das:

    Stets zur Mittagszeit refelten sich feinflechtig, an vier schwebenden
    Stühlen aufgespannt, zwei rote Beine auf.
    Ich blieb, um zu sehen, wie sie sich verflüchtigten.
    Konvex blieb um mich herum der Wald als große Lungenblase
    berstend gegen die Ortschaft stehen.
    Es dauerte bis in den Abend hinein bis die Spannung seiner
    Oberfläche einen Riss bekam, und er mir so sein dunkles Nadelmeer vor Augen spülte.

    Es war wie eine gewaltige Traube, die barst.
    Ich fand mich unter den Rücken der Tannen wieder.
    Von Weitem rief Edith nach mir.
    Ich lief zu ihr.
    Sie nahm mich an ihre rechte Hand, einen schwarzen
    Eimer, gefüllt mit Spargeln, in der linken.
    Mich mit ihren durch die dickwandigen Gläser, die sie trug, stark
    vergrößerten Augen anschauend, nahm sie mich mit sich.