Tag des Venusbergs

Heute also Tag des Venusbergs. Die Venus selbst ist kurz vor drei los, um schon mal Vorarbeiten zu leisten, heißt, sich beschlüsseln zu lassen. Die Hitze treibt mir indes schon wieder die Wut hoch, Hitze macht bekanntermaßen blöde. Aber es ist alles noch viel schlimmer, denn der Venus sprotzte das Küchenwasser fontäniert um die Ohren, justamente in dem Moment, wo ich in Keselground verzweifelt und erfolglos nach Illustrierten aus den 70er Jahren fahndete. Tittenmagazine gäbe es zu kaufen, nix aber darüber, was die Gesellschaft dazumal so getrieben hat. Das ist überhaupt das Manko der Geschichtsschreibung, dass sie nur verklausuliert nachzuschlagen ist. Was dagegen ist ein Zeugnis at this point wert? Ich lese da manchmal vom Leben im Mittelalter, fantasiereich und mit allen literarischen Wassern gewaschen, aber wie spielten sich die Szenen zu den Begebnissen ab? Genügen hierzu Wahrscheinlichkeiten? Nie!, man muss sich hinein=kontemplieren, in den Gockel, den Tschukel, den Äpfeldieb. Wie fühlt sich ein Mühlrad an, wenn man aufgekeltert wird? Man träume davon!

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    Es plagt mich seit einem halben Jahr in meinem rechten Ohr, was natürlich von den Anti-Lärm-Pfropfen stammt, die ich mir seit Jahren ins Ohr ramme. Anders ist in einer Welt voller Höllenlärm auch nicht zu schlafen.

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  • Tschu Tschu

    Kempten leuchtet heute wie von einer Zweitsonne beschienen. 1023 meter bis zum Bahnhof (wenn man den Ring anders kreuzt, kann man die Distanz sogar unter 1000 drücken). Im Biergarten daneben und davor starren mich die Leute an. Was ist denn jetzt schon wieder? Ich bin mit dem Rad da, Herrschaften, völlig unauffällig. Also, entweder stimmt mit mir wirklich etwas nicht oder ich werde meiner Paranoia nicht mehr Herr.

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  • Das Lorebuch

    Jemand trat aus der Wand, und ihm war es nicht anzusehen. Wäre es
    nicht möglich, dass die Lichtfelder, die uns beständig umkreisen,
    aus den Schalen kleiner Flusskrebse gewonnen werden? Das Inventar
    wird zu jeder vollen Stunde geflutet, die verstreuten Symbole
    nehmen wir beim Verlassen des Raumes vorsorglich mit uns, der Eintritt
    in den Tag ist frei; das Geländer entlang, aufrecht in Etappen –
    wenn du auf das Wasser deutest, beruhigt sich nicht nur das Bild
    von all den eingezäunten Stränden, auch die Hiebe
    gegen den Türstock werden leiser, denn jetzt kann man
    durch alle Hindernisse schreiten, für den heimlichen
    Besuch haben wir nur Wein eingekauft.

    Für wen sind all die Gruben nützlich, von schwarzgrauen Blumen
    berankt an der Südseite einer Schneise hangend, barfüßige Gräfinnen
    zogen dort ihre nimmermüden Kreise, Ausschau haltend nach den Dingen,
    die vom Tal zu ihnen hinaufwehten und in einem Korbgeflecht gesammelt
    an die hiesigen Gräser verfüttert werden konnten, solange
    die Schlappen im Gartenhaus an der Grenze zum Nichtmehrsein verblieben.
    Andersherum wäre das Ärgernis verströmter Nächte untragbar geworden.
    Die Lüfte eigneten sich kaum dazu, mit ihnen eine Unterhaltung zu beginnen,
    eingesackt und versunken änderten sie ihre Lebensansichten
    mit einer Unvorhersehbarkeit und einem Takt, der nicht zu tanzen war.

    Wie immer auch die Giraffe in den siebten Stock befördert wurde,
    konnten wir nicht erkennen. Von außen erschien das Gebäude wie
    aus Regen gezimmert und mit Schiffsplanken verblendet, was allerdings
    später geschehen sein musste. Die Zeitfolge versprach uns
    eine Beobachtung sonderer Güte, doch als wir ankamen, stolzierten bereits
    behütete kleine Zauberer auf dem Boulevard und kein Geld dieser Welt
    hätte ausgereicht, die prachtvolle Straße zu überqueren. Die Aussichtspunkte
    wurden bewacht von hohen Tonnen, bewaffnet mit je einem Arm
    aus der Werkstätte des großen Doktor Faust. Hinter den Türen
    standen Mäuse, die sich im Vogelsang übten, und unsere Ohren waren
    nicht vorbereitet auf das Gezeter dieser anscheinend so filigranen Entourage.

    Die Aufzählung einiger Banalitäten versandete, während
    der Druck der imaginierten Leitungen dem ein oder anderen zu Kopf stieg.
    Sorglosigkeit hatte es sich mit weiten Ärmeln bequem gemacht
    und nur die Verschwiegenheit der Wolken gewährleistete eine Ansicht von oben. Dennoch trieben die Baumstämme in diesem abgenagten Fluss
    und erkletterten das Land, sobald man sie brauchte, um einen neuen Wald zu geben.

    Es war kein weiteres Gedeck nötig, denn sie wussten, was alle wussten:
    Der Tagtraum zog nach Norden, von wo er einst gekommen war. Man erzählte sich, dass der große Abgrund mit seinen erhabenen Metaphern
    nicht mehr so schön anzusehen war wie in ihren Kindertagen; eine Vermutung,
    die den Anwesenden viel Leid ersparte, aber nicht,
    wenn man alles wissen wollte und dazu bereit war, all das zu erwähnen.

    Die Lebkuchen gaben ihre angestammte Position auf, verließen
    die senkrechte Seite des Hauses und kullerten auf den Steg, an dem
    die unförmigen Objekte festgetaut auf Nachzügler warteten. Sollte
    der Zeitpunkt gekommen sein, würden sie erneut hier stehen und
    Ausschau halten nach dem Glück, einst heimisch in ihren ausgelaugten
    Taschen. Es gab ein Gesetz, das Wanderschaft verbot, und wer sich daran
    hielt, bekam statt welker Blumen eine neue Disziplin zugeteilt. Die
    Körper wurden straff durch fein gemahlenen Marmor, die Rezepte standen
    in hölzernen Lettern unter den Dielen, graviert mit ungehöriger Tiefe;
    oft fing sich das Wasser darin und versuchte,
    noch vor dem Morgengrauen zu entkommen.

    Von der Geschichte geht der originelle Trick aus, so zu tun,
    als wäre sie nicht das Paradebeispiel des Fiktiven; als Zeuge
    ist sie vielleicht hinfällig, ihr Argument liegt jedoch darin,
    überall dort aufzutauchen, wo man Doughnuts im Zehnerpack für einige
    wenige Groschen ergattern kann. Die Fahrt dorthin wird unterbrochen
    durch sanfte Flugangst, die sich mit musikalischer Unterstützung
    steigern lässt. Wer die Erfindung der Momente einfriert, wird
    wissen, wohin er sich zu wenden hat, wenn das angereicherte
    Material zur Debatte steht. Mit einem Verrat kann immer dann
    gerechnet werden, wenn sich die Summe aus wenigen Teilen
    zusammensetzt, die sich in Nähkästchen verstecken lassen.

    Beim Gehen verlor sie einen Schuh, der sich silber glitzernd
    von ihrem Fußschiff löste und augenblicklich erhob, um auf
    ein gesprenkeltes Hausdach zu schweben. Obwohl ihr Gang jetzt
    etwas läppischer war als zuvor, erreichte sie die anvisierte
    Kreuzung noch vor der Zeit, die ihr zur Verfügung stand, drehte
    sich mehrmals im Kreis und löste sich dann in ihre Bestandteile auf.
    Aus geöffneten Fenstern entwichen die Gerüche einiger Kochkünste
    und versammelten sich an Ort und Stelle. Der Tumult hatte längst
    auch die geheimen Nischen erreicht, ob sie nun überdacht waren oder
    nicht. Das Pulver, das daraus entstand, genügte den hier lebenden
    Nasen für ein weiteres Jahr ihrer Effizienz. Ihrer Beschleunigung
    war es zu verdanken, dass die Kassen gefüllt und das Trapez
    mit dicken Schnüren gespannt blieb.

    Die Art und Weise wie eine Wand zurückstarrt, sollte in nocturnen
    Untersuchungen festgehalten werden. Zunächst mag die Freude
    ungetrübt sein, die Wand vor unliebsamen Zusammenkünften schützen;
    man gibt sich eifersüchtig, wenn sie sich ihren freien Tag nimmt,
    um einmal in der Woche den Tango der Argentinier einzustudieren.
    Doch dann beginnt das Unwohlsein wie ein verkannter Spruch tief in
    den Eingeweiden zu rumoren. Man möchte sich erheben und einen
    Schürhaken schwingen, um der peinlichen Stille gebührend zu begegnen.
    Was man dann jedoch zustande bringt, ist kein nennenswerter
    Gesichtsausdruck, kein plötzliches Schluchzen oder Innehalten, man
    marschiert im Zimmer auf und ab und wirft verstohlene Blicke zur Vitrine.

    Wer die Gefahr kommen sieht, kann durchaus noch die Hand ausstrecken,
    um das Seil, das zur Glocke führt, zu ziehen. Ein neues Zeitalter
    einzuläuten, sagst du, ist der richtige Zeitvertreib nach einer
    langen Nacht der Wunder. Doch das Gebirge, das sich nähert, das in all
    seinen Formen unnachgiebig danach trachtet, den Schlund zu verstopfen,
    wird nicht verstehen, warum deine Hand sich zurückzieht, um im Sumpf
    nach Machtmonopolen zu graben. Ein Schritt mag genügen, um über
    schönere Exemplare sprechen zu können. Du müsstest nur einmal
    da gewesen sein und zugesehen haben, wie das Schiff in schlüpfrigen
    Reimen davon sang, gegebenenfalls entkommen zu wollen. Die Melodie
    einzelner Takte verkommt auch hier zu einer reinen Schneelandschaft.

    Meine Bitte war noch nicht zugestellt, als du die Dinge auf den Tisch
    legtest. Für heute waren wir fertig und zeigten uns gegenseitig das
    freudige Gefühl, das, gestaffelt, vor aller Augen einen glamourösen
    Morgen band, der gar nicht so kalt war, wie wir es besprochen hatten.
    Es stellte sich die Frage, was zu tun sei, wenn all das – diese
    mikroskopischen Sinne und Fürsprachen – nicht mehr dort zu finden
    wären, wo wir sie vermuteten. Gab es diesen latenten Kreis wirklich?
    Oder waren wir alle nur Teufel, gefangen in einem nervösen Rinnsal,
    das von aufgespannten Schuhen tropfte? Die Löcher waren bereits
    groß genug, um nichts mehr damit anfangen zu können. Es waren
    großartige Bilder, die hinter uns standen, aber ihre Sprache
    war neunmalklug, also ließen wir das Ganze einfach sein.

    Als lebten wir in der Spirale mörderischer Weihen, als tauchte
    neues Leben in die blinden Statuetten, ausgefranst und mütterlich treu.
    Es käme auf den Versuch an, hinwegzutauchen, das Gras in seiner vollen
    Pracht auf den nächsten Sommer zu vertrösten, nur um zu erkennen,
    dass wir keine Rösser sind. Der Sternentrunk am Mittag, in ausgespülten
    Kelchen treibt eine neue Form der Reinheit ein Spiel mit unserer
    Wohlgefälligkeit. Das Biest steht stramm, nichts welkt in einer leeren
    Brust, erfindet stattdessen fremde Existenzen in rohen Augenblicken.
    Die Klänge wandern den Flur entlang, hinter uns her schleifen
    die Brocken abgehackter Stunden, denn sie wissen von unserem Schwur,
    zu verweilen.

    Was ich auf der Straße sehe, sind durchgehangene Tauben. Im Licht
    eines unbekannten Spektrums leuchten sie, vom Knick ihrer Rollen
    ausgehend, wie ein Diamant, der im rauschenden Wasserfall eines
    Sauerbrunnens gefertigt, das Tarotbäumchen zur Demut zwingt. Ein
    gelbes Fieber wandelt, durch unzählige Manöver geortet, über die
    Schwierigkeiten einer losgelösten Schienenbahn, einst der stolze
    Besitz immenser Beschleunigung. Das Entsetzen teilt Wege, aber an
    oberster Stelle darf der Kronzeuge nicht fehlen, darf er kein Wort
    von dem verlautet lassen, was wir hier wagen zu besprechen. Es
    könnte sein, dass sonst die Stimmungen siegen und die feine Natur
    der Atempausen chronisch abwinken. Wir können das nicht wollen.

  • Als sie ihn rief, kam der schwarze Reiter

    Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verlässt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken lässt, als müsste das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes „Reue“ nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund.

    Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der Atem eines erschöpften Geistes aus dem trägen Fluss auf, sickern durch die Ritzen der Fensterrahmen, dass die Umrisse ihrer hohen, einsamen Wohnung wanken und verschwimmen. An solchen Abenden sieht man alles so, als wollten einem die Augen gleich mit Tränen übergehen.

    Angela Carters dritte Sammlung erschien bei uns im Jahre 1990, fünfzehn Jahre später als das Original.

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  • Der Taubenfütterer: 1 Der Taubenfütterer und die Fuchsmaschine

    Der frisch aus dem Destillationsprozeß hervorgehende Alkohol enthält in beträchtlicher Menge Aldehyde wie Furfurol. Läßt man nun den Cognac in Fässern lange Zeit stehen, so scheiden allmählich die schädlichen Beimischungen durch Oxydation am Sauerstoff der Luft aus, und das Getränk wird schmackhaft. Man ist seit langer Zeit bestrebt gewesen, den natürlichen Vorgang durch einen künstlichen, schnell wirkenden zu ersetzen. Sauerstoff oder Ozon, in reiner Form angewandt und mit dem Alkohol in innige Mischung gebracht, musste den gewünschten Erfolg haben. Man kann mit diesem Apparat je nach seiner Größe in einer Minute 3 – 50l vorzüglichen, sofort genießbaren Alkohol jeder Gestalt herstellen. Ein Gehalt von Aldehyden von 10% wird in dem Apparat auf die nicht mehr wahrnehmbare, unschädliche Menge von ½ % reduziert.

    – Apparat von M.W. Saint-Martin zum künstlichen Altmachen alkoholischer Getränke

    Jonathans Striatum schlägt den Takt, misst nicht das Fließen der Ereignisse, sondern ein Feld, das Zeicheneinheiten manipuliert und in variablen elf Dimensionen auch das Flow-Phänomen zulässt. Das Facettenauge schlägt das Linsenauge, von den Fliegen haben wir’s gelernt. Die Geschwindigkeit des Fangschreckenkrebses, der Schützenfisch, die Flinkzunge des Colorado-Krebses : ein Wunder rast in das nächste. Nur Blödköppe reden vom Zufall. Fred Ott niest für Edisons Kamera, der Geistertanz der Sioux, Ebbe, Flut, Nippflut, Springflut – alles da, und zwar nicht nur in den Lexika, sondern in seiner Küche. Jonathan sieht das als Holographie herumstehen, während die Milch den Kaffee in eine Wetterwolke verwandelt.

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