Stilistische Bravour in Peter Straubs „Geisterstunde“

Der umfassende Datenspeicher von Goodreads wirft Peter Straubs „Geisterstunde“ auf Platz 15 der größten Horrorromane aller Zeiten aus. Es gibt nur wenige Romane des Genres, die in den 70ern geschrieben wurden und den Test der Zeit so makellos bestehen konnten. Straubs großes Können und seine subtile Überlegenheit lässt fast alle Romanciers der düsteren Thematik ziemlich alt aussehen. Gegenüber den besten Horrorgeschichten haben Romane ganz allgemein kaum eine Chance, aber die Handvoll überragende Werke, die es da draußen gibt, stehen jeder Bestenliste gut zu Gesicht. So natürlich auch dieses, obwohl es nicht mein Lieblingsbuch von Straub ist.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Peter Straub seinen bahnbrechenden dritten Bestseller als Rückgriff und Fortsetzung seiner literarischen Vorfahren verstehen wollte. Straub beschwor bewusst jene großen Geistergeschichtenerzähler vergangener Zeiten herauf: Edgar Poe, M.R. James, Nathaniel Hawthorne, Henry James, Ambrose Bierce und so weiter. Ein Leser muss mit diesen Autoren nicht vertraut sein, um „Geisterstunde“ genießen zu können, aber diejenigen, die es tun, werden in den zahlreichen Anspielung einen höheren Genuss finden.

Ebenso wie Stephen Kings Romane zu jener Zeit läutete „Geisterstunde“, das 1979 erschien, die große Ära des 80er-Jahre-Horrors ein. Nur wenige moderne Horrorautoren können sich mit deren Ambitionen messen.

Im fiktiven Milburn, einer kleinen Stadt im Hinterland von New York, die bald von einem furchterregenden Winterschneesturm belagert werden wird, treffen sich die Mitglieder der Chowder Society bei Whisky und Zigarren, um sich gegenseitig Gesellschaft zu leisten, während das Alter unaufhaltbar auf sie zukommt: Frederick „Ricky“ Hawthorne, Sears James, Lawrence Benedikt, John Jaffrey und, bis zu seinem Tod ein Jahr zuvor, Edward Wanderley. Sie sind durch eine gemeinsame Vergangenheit gebunden, die wichtiger ist als ihre Gegenwart, eine Vergangenheit, die etwa 50 Jahre zurückliegt. Seit Edwards völlig unerwartetem Tod auf einer Party für eine schöne junge Schauspielerin namens Ann-Veronica Moore sind Albträume für alle Männer des Clubs zur Gewohnheit geworden. Mit Geistergeschichten vertreiben sie sich nun die Zeit, aber sie finden in der Stadt um sie herum – und in Edwards angstverzerrter Totenmaske – Hinweise darauf, dass ihre unheilige Vergangenheit sie einholt. In ihrer Not schreiben sie an Edwards Neffen Donald Wanderley, der ausgerechnet ein Horrorschriftsteller ist.

Dons Roman „Nightwatchers“ beeindruckt die Chowder Society und ist der Anlass für ihren Brief, in dem sie um Hilfe bitten (Ich bin ihr Van Helsing, stellt Don süffisant fest). Obwohl dieser Aspekt noch nicht so weit entwickelt ist, wie er hätte sein können, spielen Dons kreative Fähigkeiten in das hinein, was später im Roman passiert und eröffnet damit eine Metaebene.

Natürlich muss er eine Geistergeschichte erzählen, um das Vertrauen der alten Männer zu gewinnen, und seine Vergangenheit enthüllt auch eine Beziehung zu einer fremden Frau, die ihn verlässt, um eine Beziehung mit Dons Bruder David einzugehen, der am Ende tot sein wird

Don verdächtigt diese Frau namens Alma Mobley des Mordes, kann aber nichts beweisen. Als die Chowder Society, oder was davon übrig geblieben ist, ihm schließlich die Geschichte von Eva Galli erzählt, einer unwahrscheinlich schönen und schwierigen Frau, die sie alle in ihrer Jugend kannten, und von ihrem erbärmlichen Schicksal, wird Don klar, dass sie eine Art Gestaltwandlerin war, vielleicht sogar der „Manitou“ selbst. In der Tat gibt uns Straub eine Art Geist, einen Werwolf und einen Vampir: alles, was man braucht, um Schrecken zu verbreiten. Sie und ihre Schergen sind zurückgekehrt, und die Männer werden nun in eine Zeit versetzt, in der der Wahnsinn ein wahrhaftigeres Bild der Ereignisse bot als der gesunde Menschenverstand.

Straub trägt seinen langen Roman in meist kurzen Kapiteln vor, in denen er zwischen Figuren wechselt. Sein Stil ist wie immer literarisch, ohne prätentiös oder protzig zu sein, seine Fähigkeit, einen glaubwürdigen Schauplatz zu schaffen und zu bevölkern, ist der von Stephen King ebenbürtig. Tatsächlich ist „Brennen muss Salem“ zweifelsohne das strukturelle Modell für diesen Roman.

Straub verbindet die großen alten Geistergeschichten vergangener Zeiten mit modernen, episch angelegten Horrorgeschichten. Und obwohl es funktioniert, ist der das Buch kühl und frostig, trotz seines reichen charakterlichen und psychologischen Wandteppichs, und die Geschichte bleibt immer auf Distanz zum Leser, ein Effekt, der das klaustrophobische Gefühl der Erzählung maximiert.

Die alten amerikanischen Geistergeschichten verorten die der Menschheit innewohnende Sünde und Schuld in den wilden Wäldern Neuenglands; hier steht Lewis Benedikt einer tödlichen Fantasie über den abgründigsten Moment seines Lebens gegenüber. Da gibt es Sears James‘ erstaunliche Geschichte des alptraumhaften kleinen Jungen Fenny Bate, der so schmutzig und ignorant ist wie unsere prähistorischsten Vorfahren, und der sein Mitleid heraufbeschwört, aber für seinen Untergang sorgt. Andere Einwohner von Milburn werden einen schrecklichen Tod erleiden, wenn sie für eine Sünde bezahlen, die nicht die ihre war, gegen die sie sich nicht wehren können, die aber genauso Teil der Landschaft ist wie die sie umgebenden Felder und Wälder.

Wie der rudimentäre Titel schon andeutet, will „Geisterstunde“ ein Urtext des Grauens sein, der alle Geschichten umfasst, die ihm vorausgegangen sind und die nach ihm kommen werden. Eine übernatürliche Schlacht findet in einem Kino statt, das den ersten modernen Horrorfilm zeigt: „Night of the Living Dead“. Die auffällige Ähnlichkeit mit „Brennen muss Salem“ und, in einem winzigen Hinweis im Epilog, mit „The Shining“, ist beabsichtigt; Altes begegnet Neuem in dieser Geschichte. Die formwandelnden Obszönitäten, die Milburn und die Chowder Society terrorisieren, begleiten uns schon seit ewigen Zeiten und sagen: Ihr seid eurer menschlichen Vorstellungskraft ausgeliefert, und wenn ihr nach uns sucht, solltet ihr immer an den Orten eurer Vorstellungskraft suchen… wo ihr Geschichten erfindet, um Dämonen auszutreiben, aber ihr vergesst, wer diese Dämonen sind.

In all diesen Geschichten in Geschichten, Charakteren in Charakteren, Spiegeln in Spiegeln, ist die Einbildung das, was uns verfolgt. Es sind immer nur wir selbst.

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