Ein frommer Mörder / Liam McIllvanney

Der 2015 verstorbene William McIlvanney, der Vater von Liam McIlvanney gilt als einer der Paten des Tartan Noir, einer bei uns nahezu völlig ignorierten Spielart des schottischen Kriminalromans, der bis zu Louis Stevensons „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr Hyde“ zurückreicht. Geprägt wurde der Begriff von Ian Rankin und umfasst jene Werke, in denen es um die Dualität der Seele geht, um die Natur von Gut und Böse, Fragen der Erlösung, des Heils und der Verdammnis. Das schottische Konzept der Dualität eines einzigen Wesens ist eine treibende Kraft in der schottischen Literatur und kommt besonders im Genre des Tartan Noir zum Tragen. Ein weiterer Einfluss sind die amerikanischen Meister des Hardboiled-Genres wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler.

Im Jahr 2016 benannte das internationale Krimifestival „Bloody Scotland“ den schottischen Krimipreis um und nannte McIlvanney „den Mann, der mehr als jeder andere die Tradition des schottischen Kriminalromans begründet hat“.

2018 erhielt McIlvanneys Sohn Liam für „The Quaker“ diesen Preis. Den Roman hat der Heyne-Verlag in „Ein frommer Mörder“ verwandelt.

Die Geschichte spielt 1969 in Glasgow und basiert lose auf dem realen Serienmörder Bible John, der nie gefasst werden konnte. Zu Beginn wollte sich McIlvanney durchaus an die Fakten halten, bis er bemerkte, dass man als Schriftsteller der Geschichte verpflichtet ist und nicht den Fakten, also lehnte er seinen Quäker zwar den Tatsachen an, fiktionalisierte ihn jedoch so weit, dass ein guter Roman daraus werden konnte. Ein großer Reiz des Originals geht sicher vom schottischen Dialekt aus, der in der Übersetzung leider völlig auf der Strecke bleiben musste. Aber das merkt man natürlich nicht, denn die atmosphärischen Beschreibungen Glasgows sind mehr als gelungen, auch in unserer Sprache. Tatsächlich bin ich sogar froh darüber, dass hier nicht versucht wurde, irgendeine deutsche Abart einzubauen.

McIlvanney nimmt sich Zeit, um sich in die Probleme der damaligen Zeit hineinzuversetzen, in der „die Stadt selbst sich massiv veränderte und ihre Landkarte täglich von Abrissbirnen überarbeitet wurde“. Die Glasgower verdächtigen nach dem Mord an drei jungen Frauen, die in einem heruntergekommenen Tanzlokal von einem mysteriösen Mann aufgegriffen wurden, den alle als Gentleman in Erinnerung hatten, jeden, der auch nur annähernd der Beschreibung entspricht, obwohl sich niemand an genügend Details erinnern kann, um den Mörder zu identifizieren. Tatsächlich werden sogar Kärtchen mit der Aufschrift „Dem Träger dieser Karte wird hiermit bescheinigt, dass er nicht der Quäker ist“, vom Polizeichef ausgegeben. Was sich wie eine Komödie anhört, zeigt allerdings nur die Ratlosigkeit und das große Misstrauen, denn bei jedem Mord steigt die Angst, vielleicht die nächste zu sein. Die Polizei kommt der Ergreifung der Täters keinen Schritt näher, als Duncan McCormack beauftragt wird, der Einheit auf den Zahn zu fühlen, die bisherige Untersuchung zu bewerten, daraus Lehren zu ziehen und Empfehlungen auszusprechen. Kurz gesagt: die Obrigkeit sucht nach einen Grund, die Quäker-Einheit wegen Unfähigkeit aufzulösen, und McCormacks Bericht soll dafür sorgen. Es dürfte klar sein, dass der Ermittler nicht mit offenen Armen empfangen wird. Ganz im Gegenteil. Obwohl er sich seinen Kollegen gegenüber freundlich verhält, wird er gemieden, wo es nur möglich ist.

McCormack selbst ist ein Außenseiter, der die Highlands verließ, um dem Staub und dem Smog und dem Dreck zu entkommen, dem Heulen der Sirene das viermal am Tag ertönte. Denn was immer man sich in unseren Breitengraden von den Highlands versprechen mag, im Vergleich dazu ist Glasgow das Elysium, eine Stadt voller Parks und Ruderseen, mit einem berühmten botanischen Garten. Als Leser merken wir jedoch kaum einen Unterschied und erkennen Glasgow als einen zerbrochenen Traum.

Irgendwann hören die Morde auf; McCormack wird seinen Bericht abliefern, die Quäker-Dienststelle wird wohl geschlossen werden und der Fall niemals aufgeklärt. Doch dann schlägt der Mörder erneut zu und McCormack wechselt von seiner Beobachterrolle zum aktiven Teilnehmer an den Ermittlungen.

McIlvanney erzählt die Geschichte in kurzen Kapiteln – Hinweise werden entdeckt, Chancen verpasst – und man bekommt einen Überblick aller vergeblichen Spuren, wie sie auch McCormack in Erfahrung bringt. Und der Detektiv weiß, dass er nicht nur selbst gefeuert, sondern sogar inhaftiert wird, wenn sein eigenes Geheimnis aufgedeckt werden sollte.

Das Tempo beschleunigt sich, als der Kleinkriminelle Alex Paton mit dem Segen des Glasgower Gangsterbosses John McGlashan zu einer Bande stößt, die einen Juwelenraub vorbereitet. Das ist der zweite Handlungsstrang, der dem Leser vorübergehend die Augen verbindet. Natürlich steuern die beiden Plots auf ein explosives Ende zu und sind das eigentliche Salz in der Suppe eines guten Krimis.

Dann wird Paton am Tatort des jüngsten Quäkermordes gesehen und daraufhin verhaftet, was ihm den Galgen einbringen könnte. Es stellt sich heraus, dass seine einzige Hoffnung der Highlander-Cop ist, dessen Distanz zu seinen Kollegen gleichzeitig für und gegen McCormack wirkt. Das erspart jedoch keinem der beiden die unerwarteten Wendungen, die schließlich zur Auflösung des Netzes führen.

Mit sparsamen und spezifischen schottischen Schauplätze, mit schnörkellosen Dialoge und einem verblüffenden Ausgang hat McIlvanney einen soliden Krimi der Abteilung Police Procedural geschrieben.

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    das Urmeer vor der Geburt, vor dem Abstoßen des angerichteten Fötus,
    frisch abgeschwartet, mit Rouladennadeln verschlossen. Deshalb bade ich gerne.

    Körpertemperatur und heißer, fieberheiß etwa, der Dampf soll mir
    die Schweißperlen abflauen, soll mich aufweichen, zu Schaum werden lassen,
    Spuma; was für Metaphern fallen mir ein?
    Gebärbadewanne, Verstopfung, Abfluß, Ausfluß.

    Und sie badeten eine Jungfrau
    und als das Wasser kalt
    stieg ich hinein
    und badete im Wasser
    der Jungfrau

    Traf in der Höhle eine blinde Frau, rührt sie doch den Tee des Herbstes,
    draußen brodelt Tempest, derselbe Topf. Da nimmt sie auf den Glockenstil
    und schmeckt verrinnend Zeit daran.

    „Oh, komm nur näher und les mir aus den Blättern, die ich koche. Es bläst
    der Grimm mir alles fort, noch ehe ich es kosten kann.“

    Wanderte durch ein ausgebranntes Land
    und der Mond lag unter nächtlichem Eis.
    Die Geister sprechen ließ, saß säuselnd da
    und träumte die Brücke, die ich nutzte.

    Das bleiumschwefelt Schwefelweib sprach und sprach in ihrer Sprache:
    „Brücke bück dich, bück und bäum
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    sei Gjallar, jelle, Heimdall, plärre,
    wenn die Wolkenesser aus den Jötunfällen rasen!
    Dich seh‘ ich schon in mein Gespinste wandern,
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    um die Ankunft der Farben zu seh‘n.

    Phantasus, wer träumt, hat die Nächte gewählt.

    In der geisterhaften Bläue fremder Welten fangen sich
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    Die Flut einer kosmischen Decke nur über einem einzigen Nullpunkt zu legen.
    Eingedenk der Röhren, die sich nur dann mit anderen kreuzen,
    Wenn der Zufall aus dem Allschlaf wuchert und Platz beansprucht,
    Wo die Mathematik der Urzellen sich in neuen Zellformen erschließt,
    Die keine Dimensionen scheuen, bleibt über,
    Was in den Muscheln haust, die dort mit dunkler Intelligenz
    Und nicht ganz zu erschließendem Dasein tiefer rutschen.
    Die Hocke ist ihre natürliche Haltung; der Kristall ist
    Ihr einziger Wunsch, doch sie können sich kaum von den Wänden lösen.

  • Stephen King Re-Read: Feuerkind

    Als Firestarter (Feuerkind) im Jahre 1980 veröffentlicht wurde, war Stephen King bereits ein echtes Phänomen. Er lebte in seinem berühmten Herrenhaus in Bangor, Maine, verdiente mehr Geld als er ausgeben konnte und sein neuer Vertrag mit New American Library war ein echter Glücksfall. Sie behandelten ihn dort besser als jemals bei Doubleday, aber was wirklich zählte: sie verstanden es besser, seine Bücher zu verkaufen. Ob es an seinem massiven Alkoholkonsum liegen mochte, oder an seiner neu hinzugewonnenen Kokainsucht; die Bücher, die er in dieser Periode seines Schaffens schrieb gehören zum dunkelsten und gemeinsten, aber auch zu den weniger umfangreichen Romanen seiner Karriere. Außerdem enthüllten sie eine wesentliche Tatsache über King: er schrieb überhaupt keinen Horror.

    Bill Thompson, der Herausgeber von Doubleday, der King entdeckt hatte, hatte sich noch Sorgen gemacht, dass King als Horrorschriftsteller eingestuft werden würde, als dieser ihm Salem’s Lot vorgelegt hatte – und wieder, als King ihm die Handlung von Shining erzählte. „Zuerst das telekinetische Mädchen, dann die Vampire, jetzt das Spukhotel mit dem telepathischen Kind. Du wirst gebrandmarkt sein,“ hatte er angeblich gesagt. Für Doubleday war Horror schmierig und sie arbeiteten mit King nur widerwillig. Die Bücher wurden billig gedruckt, hatten armselige Cover, und die hohen Herren konnten sich nicht mal an seinen Namen erinnern, so dass sich Thompson wieder und wieder in der Rolle wiederfand, King, der ihnen allen ihr Urlaubsgeld einbrachte, im eigenen Hause publik zu machen.

    New American Library hingegen war ein Taschenbuchverlag, der die Macht der Genreliteratur verstand. Sie investierten erheblich mehr in Kings Karriere als es Doubledy je getan hatte. Für Doubleday war King eine Überraschung, für New American Library war er eine Marke.

    Gibt es aber über das Marketing hinaus etwas, das King als Horrorschriftsteller auszeichnet? Sieht man sich heute seine frühen Bücher an – Dead Zone (ein Mann plant ein politisches Attentat), Feuerkind (Vater und Tochter auf der Flucht vor der Regierung), und Cujo (tollwütiger Hund stellt Frau und Kind in einem Auto), dann kommt man zu der Erkenntnis, dass ohne Horror-Boom, der sich diese Titel einverleibte, ohne die Marke „King-Horror“, die auf die Cover gedruckt wurden, heute diese Bücher eher als Thriller verkauft werden würden. King selbst behauptete, er schriebe Spannungsromane. Kurz bevor Feuerkind veröffentlicht wurde, gab er dem Minnesota Star ein Interview, in dem er sagte:

    „Ich sehe den Horrorroman als nur einen Raum in einem sehr großen Haus, das man als Spannungsroman kennt. Dieses besondere Haus schließt solche Klassiker wie Hemingways Der alte Mann und das Meer und Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe mit ein.“

    Und natürlich seine eigenen Bücher.
    In einem anderen Interview sagte King:

    „Die einzigen meiner Bücher, die ich für unverfälschten Horror halte sind Brennen muss Salem, Shining, und jetzt Christine, weil sie keine rationale Erklärung für all die übernatürlichen Geschehnisse anbieten. Carrie, Dead Zone, und Feuerkind haben mehr mit der Science Fiction- Tradition zu tun … The Stand wiederum steht mit je einem Bein in beiden Lagern …“

    Warum also greift das Horror-Etikett?

    King schreibt über Menschen in Extremsituationen, deren Gefühle von Angst, Schmerz und Hilflosigkeit dominiert werden, die dunkel und drohend selbst dann durchscheinen, wenn noch gar nichts passiert ist. Er ist ein Meister, wenn es darum geht, die Spannung aufrecht zu erhalten. Er verwendet viel Zeit auf die Beschreibung des menschlichen Körpers, verweilt bei den physischen Details der Unvollkommenheit und des Verfalls (Altersflecken, Verwachsungen, Akne, Narben), wie er auch die Körperlichkeit an sich feiert (Sex, Erektionen). Seine Charakterzeichnungen sind mit breiten Strichen gesetzt, im Zentrum stehen meist die körperlichen Makel (Schuppen, Glatzen, schlechte Haut, Fettleibigkeit, Magersucht), was viele seiner Figuren ins Groteske verzerrt. King schreibt viel über Kinder und Jugendliche, seine Hauptfiguren sind in der Mehrzahl attraktiv.

    Es sind diese intensiven Szenen, bestehend aus Sex und Gewalt, den attraktiven Hauptfiguren, und die Betonung der Angst und Spannung, die sein Publikum an den Horrorfilm erinnert, wo Sex, Gewalt, Jugend und Angst sich in der Regel tummeln. Als King seine erfolgreichste Phase hatte, boomte auch der Horrorfilm (1973 – 1986 war die goldene Ära der amerikanischen Horrorfilme), und es ist nicht schwer, das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen. Der Vergleich von Kings Werken mit Filmen ist das, worauf es Kritiker von Anfang an angelegt hatten, und King selbst betonte oft genug, dass er ein extrem visueller Schriftsteller sei, der nicht in der Lage ist, zu schreiben, bevor er nicht die Szene im Kopf hat. Die öffentliche Meinung, King sei ein Horrorschriftsteller, wurde durch die Verfilmungen von Carrie und Shining noch zementiert. Wenn etwas also als „Horror“ vermarktet wird, wenn es die Leute an „Horror“ erinnert, und wenn der Autor kein Problem damit hat, als Horrorschriftsteller zu gelten, dann ist es Horror. Obwohl King darauf hinweist, dass Science Fiction ein besseres Label für seine Arbeiten wäre.

    Feuerkind ist eines der Bücher von King, wo das Label Science Fiction hervorragend passt. Der Roman wurde als Verfilmung ein Flop und seitdem hat sich das Interesse an Firestarter im Laufe der Zeit getrübt. Das ist nur eins von vielen Beispielen, wo ein mieser Film ein gutes Buch quasi ruiniert.
    1976 begonnen, gab King das Buch zunächst auf, weil es ihn zu stark an Carrie erinnerte. Der Hauptcharakter war ein Ebenbild seiner zehnjährigen Tochter Naomi. King war zunächst fasziniert von Pyrokinese und dann von einer Figur wie Carrie White, die ihre psychischen Kräfte an ihre Tochter weitergegeben hatte.

    Das Buch liest sich wie eine paranoide, politisch linke Phantasie auf Amphetaminen, die mit der zehnjährigen Charlie McGee und ihrem Vater Andy beginnt. Sie befinden sich auf der Flucht vor einer Regierungsorganisation, die sich „Die Firma“ (The Shop) nennt. Andy und seine Frau hatten in den 60ern an einem Regierungsexperiment teilgenommen, bei dem ihnen die LSD-artige Substanz Lot 6 verabreicht wurde. Die Droge aktivierte ihre latent vorhandenen psychischen Kräfte, die an Charlie weitervererbt wurden. Ihr ist es möglich, allein durch ihre Gedanken, Feuer zu legen, was ihr aber von ihren Eltern als eine böse Sache verboten wurde. Charlies Mutter wurde von der Firma getötet, und Andy hat nur die Fähigkeit, den Geist anderer zu kontrollieren, was allerdings jedes mal, wenn er seine Fähigkeit anwendet, Schäden an seinem Gehirn zurücklässt.

    In die Enge getrieben überredet Andy Charlie, ihre Kräfte von der Leine zu lassen und sie lässt eine friedlich gelegene Farm in einem Inferno untergehen und tötet dabei Dutzende von Agenten auf ihrer Flucht. Ein paar Monate später werden sie von dem Auftragskiller John Rainbird gefangen genommen. Das letzte Drittel des Buches ist eine Chronik dieser Gefangenschaft, wo Rainbird ein Psychospiel mit Charlie beginnt, indem er sich anfangs als einfache Ordonanz ausgibt, um sich mit ihr anzufreunden und ihre Kooperation für die Firma erlangt. Von seiner Tochter getrennt mutiert Andy zu einem übergewichtigen Pillensüchtigen. Alles endet in einer Scheune, wo Charlie Rainbirds Spiel durchschaut und den Tod ihres Vaters mitansehen muss.

    Das klingt nach einer einfachen Geschichte, aber zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere feuert King aus allen Rohren, und so ist sie alles andere als das. Voller Handlungsabläufe, die derart lebendig beschrieben sind, dass sie an verschiedenen Stellen in surrealistische Poesie übergehen (explodierende Hühner rennen umher, Wachhunde werden verrückt vor Hitze und wenden sich gegen ihre Halter), ist der Roman gespickt mit subjektiven Eindrücken der Figuren, die sich in fast schon wahnwitzig lyrischen Ergüssen äußern. King wurde vorgeworfen, er würde sich vor Sexszenen scheuen (Peter Straub sagte einmal: „Stevie hat Sex bisher noch nicht entdeckt.“), aber in Feuerkind ist die grundlegende Geschichte die von Charlies sexuellem Erwachen.

    Es gibt nur wenige Dinge, die kraftvoller sind als die Beziehung zwischen Vätern und Töchtern, die Popkultur hat enorm viel Aufwand betrieben, das Unbehagen der Väter angesichts der Sexualität ihrer Töchter zu thematisieren, angefangen von der Kontrolle, die Väter über den Kleidungsstil ihrer Töchter ausüben wollen. Zu Beginn des Buches ist Charlie ein kleines Mädchen, die an der Hand ihres Vaters spaziert und nicht weiß, was sie zu tun hat. Am Ende des Buches ist ihr Vater tot. Zwar kann sie ihre pyrokinetische Fähigkeit noch nicht voll kontrollieren, die aber ist wesentlich stärker als irgendjemand angenommen hatte, und sie befindet sich auf dem Weg nach New York, um ihre Geschichte zu erzählen.

    Sexualität und Feuer sind linguistische Zwillinge („Brennende Leidenschaft“, „Das Feuer der Begierde“, „Glimmende Augen“) und es ist ein Freudianischer Witz, dass sie von ihren Eltern das Verbot bekommt, die „böse Sache“ zu tun. Schnell verwandeln sich diese Stellen von Subtext in Blanktext, dann nämlich, wenn Rainbird sich ihr widmet, um „ihre Verteidigung zu durchdringen“, sie „wie einen Safe zu knacken“ und um sie zu töten, während er ihr tief in die Augen schaut.
    „Es ist eine sexuelle Beziehung“, sagte King später über diese beiden Figuren in einem Interview. „Ich wollte das Thema eigentlich nur streifen, aber es macht den Konflikt nur noch monströser.“
    Als ihre Hemmungen fallen, ihre Fähigkeit einzusetzen, genießt Charlie ihre neuentdeckte Stärke, die ihr besondere Privilegien einbringt und sie zum Mittelpunkt eines jeden Mannes im Buch macht. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass, wenn sie ihre Kräfte nicht zu beherrschen lernt, sie die Welt zerstören könnte; ein Klischee über die weibliche Sexualität (wenn sie einmal anfangen, hören sie nicht mehr auf). Als Charlies Sexualität mehr und mehr erwacht und eindeutiger wird (sie hat sogar Träume, in denen sie nackt auf einem Pferd zu John Rainbird reitet), werden auch die heimlichen Wünsche der Männer, die Kontrolle über sie ausüben, selbstzerstörerischer. Andy versucht einen letzten Ausbruch mit Hilfe seiner Gabe, was aber im Unterbewusstsein der Opfer ihre geheimen Obsessionen entfesselt und sich in Selbstzerstörung äußert. Für Dr. Pynchot, dem zuständigen Psychiater von Charlie und Andy äußert sich das Verdrängte in Form eines Missbrauchs, den er einst durch Kommilitonen erleiden musste. Seine Besessenheit betrifft den „Vulva-ähnlichen“ Abfallzerkleinerer. Er kleidet sich mit der Unterwäsche seiner Frau und tötet sich, indem er die Hand hineinsteckt, während er läuft. Der Kopf der Organisation, Cap Hollister wird von eingebildeten, glitschigen Schlangen heimgesucht, die überall auf ihn warten, um ihn zu beißen.

    Eines der stärksten Bilder des Buches ist Charlie, wie sie vor der brennenden Scheune steht, nachdem die Wildpferde durch die Holzwände gebrochen sind, ringsherum die verwüsteten Utensilien der Armee, ihr toter Vater hinter ihr, grenzenlose Freiheit vor sich. Ein kraftvolles und kitschiges Bild von einer jungen Frau und ihrem sexuellen Erwachen. Weit entfernt davon, lächerlich zu sein.
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