Mord im Handgepäck / Elizabeth C. Bunce

Gewöhnlich wird recht wenig Aufsehen wegen einer Jugendbuchserie gemacht, wenn man einmal von Harry Potter absieht, was allerdings ein einmaliges Phänomen war, das sich nur mit mit der Sherlock-Holmes-Manie vergleichen lässt, was allerdings, nun … KEIN Jugendbuch war.

Enola Holmes mag aufgrund der Netflix-Verfilmung noch etwas berühmter sein als Myrtle Hardcastle; man darf allerdings nicht vergessen, dass allein schon der große Name Holmes dafür ausreicht, einiges an Aufmerksamkeit zu bekommen. Elizabeth C. Bunce hat ihre zwölfjährige Detektivin selbst ersonnen, wobei sie keineswegs einen Hehl daraus macht, dass sie selbst als Jugendliche besessen von Trixie Belden war, die aber von fast allen gegenwärtigen weiblichen Jungdetektivinnen weit übertroffen wird.

Das erste Myrtle-Buch hat mir natürlich bereits gefallen. Der intelligente Stil von Bunce trug sofort dazu bei, dass ich mir gut vorstellen konnte, bei dieser Reihe haften zu bleiben, aber der zweite Band, der im Original „How to get away with Myrtle“ und bei uns „Mord im Handgepäck“ heißt, versprüht dann noch mal eine extra Portion von allem. Der ganze Aufbau und die frühe Entwicklung der Charaktere liegt durch den ersten Band bereits hinter uns, und so konnte der zweite Band ein viel schnelleres Tempo vorlegen. Mord im Handgepäck ist nichts weniger als ein herrlicher Krimi im Bereich der Cozy Mystery, angesiedelt im viktorianischen England, wie es sich für einen stilsicheren Whodunit auch gehört. Denn auch wenn die Zielgruppe jüngere Leser und Leserinnen sind, spricht es auch Erwachsene an, die sich für historische Krimis und starke, ikonoische Protagonistinnen interessieren.

Dieses Buch hat einfach alles. Der Schauplatz ist wunderbar lebendig, und die Geschichte liefert überzeugende Gründe für ein zwölfjähriges Mädchen, sich in eine kriminalistische Untersuchung einzumischen. Tatsächlich wollen Myrtles Vater, ihre Tante Helena und Miss Judson, dass sich die junge Detektivin von den vergangenen Ereignissen erholt. Ihr wird sozusagen ein Urlaub aufgedrängt, den sie weder will noch braucht. Und hier kommt eine der beliebtesten Utensilien des Kriminalromans aus alten Tagen ins Spiel: Die Eisenbahn. Heute eher uninteressant, war die Eisenbahn im viktorianischen Zeitalter nicht weniger als eine Sensation. Auf den ersten Seiten weht deshalb auch ein wenig das Flair von Eine Dame verschwindet durch die Leseluft. Myrtle macht die Bekanntschaft von Mrs. Bloom, einer Versicherungsdetektivin, von der sie doch recht angetan ist. Sie ist an Bord, um ein wertvolles Diadem zu bewachen, das auch prompt verschwindet. Die Reise geht nach Fairhaven ans Meer. Kaum dort angekommen, findet Myrtle die Leiche von Mrs. Bloom mehr oder weniger im Handgepäck.

Bei Büchern dieser Art wird die Glaubwürdigkeit oft überstrapaziert, indem die Figuren immer wieder in ähnliche Situationen gebracht werden, ohne dass dies logisch nachvollziehbar ist, aber in diesem Buch ist die Prämisse überzeugend.

Mytle Hardcastle

Die Charaktere sind sympathisch und einprägsam, und obwohl vielleicht einige Aspekte des Endes vorhersehbar sein mögen, gibt es genug andere Wendungen, die völlig überraschend sind. Sowohl das Haupträtsel als auch der separate Handlungsstrang sind hier erstklassig, und beide sind natürlich miteinander verbunden. Es ist faszinierend zu sehen, wie Bunce ihre roten Heringe platziert, wie sie das Geheimnis webt und eine Person nach der anderen völlig verdächtig erscheinen lässt. Die Geschichte ist sehr gut ausgearbeitet und das Tempo ist wie gesagt hervorragend.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Bunce, die sich für Schauerliteratur im Stile von Daphne Du Maurier und Charles Dickens interessiert, dessen Werk Bleak House neben vielen anderen Referenzen im Buch Erwähnung findet, einen literarischen Stil pflegt, den man gar nicht hoch genug loben kann. Denn auch was den historischen Rahmen betrifft, leistet sie gute Arbeit, wobei leider bei der Übersetzung die Einbeziehung des Dialekts nicht übernommen werden konnte. Es ist ja oft so, dass durch die Übertragung in eine andere Sprache so manches auf der Strecke bleibt, was allerdings nicht der Übersetzerin Nadine Manchen angelastet werden kann. Sie hat ihren Job hervorragend erledigt und den feinen und intelligenten Humor auch in die deutsche Fassung gerettet. Die Wortwitze sind ja bereits in den Titeln zu erkennen. So ist „How to get away with Myrtle“ natürlich eine Abänderung von „Wie man mit Mord davon kommt“. Setzt man jetzt Myrtle anstelle von Mord ein, kann es durchaus auch „Wie es ist, mit Myrtle unterwegs zu sein“ bedeuten.

Den Kapiteln vorangestellt sind diesmal Auszüge aus Hardcastles praktischem Reisehandbuch. Auch sie strotzen vor feinem Humor und historischer Akkuratesse. Tatsächlich geht das alles so weit, dass ich während des Lesens den Verdacht hegte, dass es entweder in englischsprachigen Ländern besonders gescheite Kinder gibt oder aber es die Erwachsenen sind, die die heimlichen Hauptabnehmer von Myrtles Abenteuern sind.

Bunce schreibt mit einem ausgeprägten Bewusstsein dafür, wie es für eine junge Dame aus gutem Hause gewesen sein muss, in einer Welt zu leben, die von ihr erwartete, prüde und korrekt aufzutreten und sich vor allem Aufregenden, Interessanten oder Unangenehmen fern zu halten. In diesem Buch wurden diese Themen noch mehr vertieft als im ersten, aber immer wurden diese Probleme literarisch, das heißt, erzählerisch gelöst.

Myrtle ist eine hervorragende Heldin, und dieses Buch ist schlicht wunderbar. Es ist jedem Krimi-Fan zu empfehlen, egal welches Alter er mit sich herumschleppt.

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