Stephen King Re-Read: Der Turm

Englische Taschenbuch-Ausgabe

Eine Pilgerreise, die mit der Aufgabe eines einzelnen Mannes begann, mehrere Welten vor Chaos und Zerstörung zu bewahren, entwickelt sich zu einer Geschichte von epischem Ausmaß und zog seine Leser mit seinem fantastischen Zauber in seinen Bann. Und diejenigen, die Roland, Eddie, Susannah, Jake und Oy seither treu begleitet haben, werden für ihre Treue reich belohnt, auch wenn es natürlich kritische Stimmen gibt, die vieles an diesen sieben Büchern nicht mochten und das Ende eher weniger verstanden haben. Es ist wie so oft eine Frage der Erwartungshaltung. King bietet Lesefutter für die unterschiedlichsten Kreise. Man kann ihn oberflächlich lesen und man kann ihn unter literaturwissenschaftlichen Bedingungen lesen. Man kann ihn philosophisch lesen oder als Chronisten des amerikanischen Lebens. Jeder Leser hat seinen eigenen King.

Mit „Der Wind durchs Schlüsselloch“, von Heyne einfach mit „Wind“ überschrieben, wird es noch einen kleinen Nachschlag geben, der allerdings für unsere Heldengruppe nicht relevant sein wird. Ich nutze die Gelegenheit, noch einmal Revue passieren zu lassen, wofür der dunkle Turm steht, ohne tatsächlich viel auf den Inhalt einzugehen, Spoiler zu diesem Buch wird es also hier nicht geben.

Stephen King begann 1970 mit dem Schreiben dieser Reihe, als er noch ein unglaublich ehrgeiziger Schriftsteller war. Während er noch die Universität von Maine besuchte, schrieb er die ersten Kapitel des ersten Buches. Das Projekt kam allerdings nicht so schnell voran, da zwischen einigen Büchern 6 Jahre Abstand lagen. 1999, kurz nach seinem beinahe tödlichen Unfall, widmete King seine ganze Aufmerksamkeit der Vollendung der sich lange hinziehenden Serie. Er vollendete die letzten drei Bücher der Reihe sehr schnell. Diese Romane sind von wahrer erzählerischer Magie erfüllt, fesselnd und immer wieder überraschend. Aber sie sind ein guter Abschluss dieser großen Geschichte, von der King glaubte, dass er sie nie beenden könnte.

Die Hauptquelle für all diese Romane war das Gedicht „Childe Roland to the Dark Tower Came“ von Robert Browning. Dieses Gedicht lieferte das zentrale, wiederkehrende Thema Kings und seiner Figur Roland Deschain von Gilead. J.R.R. Tolkien, L. Frank Baum, Clifford D. Simak und die Werke von Filmemachern wie John Sturges, Akira Kurosawa und Sergio Leone waren weitere Quellen, die King verwendete. Leones Dollar-Trilogie diente als Vorlage für Roland und das brutale, schöne Land, durch das er reiste.

„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm“,

so eröffnete er die Reise Rolands. Roland ist der letzte Revolverheld in einer schnell zerfallenden Welt. Er ist auf dem Weg zum gleichnamigen Turm, der sich an einem Ort befindet, an dem eine unendliche Anzahl von Parallelwelten miteinander verbunden sind, und der Turm steht in der Mitte von ihnen. Der Turm wird von einer Reihe sich kreuzender Balken zusammengehalten. Außerdem wird er vom scharlachroten König angegriffen, der plant, den Turm niederzureißen und in dem darauf folgenden Wahnsinn zu herrschen. Rolands Ziel ist es, den Turm zu retten und in den Raum an der Spitze des Turms zu gelangen. In diesem Raum wartet ein unbekanntes Schicksal auf ihn.

Roland versucht in den ersten Büchern ein Trio mögliicher Gefährten aus drei verschiedenen Versionen Amerikas an sich zu binden.

Eddie Dean ist die erste Figur, wenn man einmal von Jake absieht, der bereits in „Schwarz“ auftaucht, mit dem es allerdings eine besondere Bewandtnis hat. Eddie ist ein Heroinsüchtiger, der nur noch wenig Hoffnung hat und auf seine letzte Chance wartet. Odetta Holmes ist die zweite Figur, eine Frau, die im Rollstuhl sitzt. Sie ist eine Bürgerrechtsaktivistin, die mehrere Persönlichkeiten in sich vereint. Später wird sie sich Susannah nennen. Jake Chambers ist die erste und die dritte Figur des Romans. Er ist ein 11-jähriger Junge, der gerade von den Toten zurückgekehrt ist, um sich Roland als Revolvermann anzuschließen. Diese Figuren bilden den Kern der heiligen Gemeinschaft, die Roland auf seiner langen Reise begleiten.

King erklärte später, diese Buchreihe sei seine „Übergeschichte“, der Mittelpunkt seines Schaffens, die seine gesamte Karriere, faktisch alle Romane und Kurzgeschichten, umfasst. Im gesamten Epos um den dunklen Turm geht es um Geschichten, um die Macht der Erzählung, die unser individuelles Leben formt und prägt. Es geht auch um die Dinge, die uns menschlich machen: Liebe, Verlust, Trauer, Ehre, Mut und Hoffnung.

„Auf einer noch tieferen Ebene ist es eine Meditation über die erlösende Möglichkeit einer zweiten Chance, ein Thema, das King sehr gut kennt. Indem er dieses gewaltige Projekt zum Abschluss brachte, hat er seinen Lesern die Treue gehalten und seine eigene zweite Chance bestmöglich genutzt. Der Dunkle Turm ist ein humanes, visionäres Epos und ein wahres Magnum Opus. Es wird noch sehr lange in Erinnerung bleiben“,

so Bill Sheehan von der Washington Post.

Tatsächlich verwebt King seine eigene Lebensgeschichte immer mehr mit der Geschichte von Roland und seiner Ersatzfamilie von Revolverhelden und deutet in diesem letzten Teil spielerisch und verführerisch an, dass es vielleicht nicht der Autor ist, der die Geschichte vorantreibt, sondern eher die fiktiven Figuren, die den Autor kontrollieren.

Diese philosophische Erkundung des freien Willens und des Schicksals mag diejenigen überraschen, die King bisher nur als produktiven Schriftsteller von übersinnlichen Märchen gesehen haben, und das sind merkwürdigerweise noch immer eine Menge. Aber ein genauerer Blick auf die brillante Komplexität seiner Welt sollte klären, warum dieser Bestsellerautor längst schon für seinen Beitrag zum zeitgenössischen Literaturkanon anerkannt wird. Mit dem Abschluss dieser Geschichte im Jahre 2004, die eigentlich das letzte veröffentliche Werk seiner Karriere werden sollte, hat King zweifellos einen weiteren Gipfel seines Könnens erreicht. Und was die Frage angeht, wer oder was sich auf der Spitze des Turms befindet… Die vielen Leser, die es unbedingt wissen wollen, müssen am Anfang beginnen und sich nach oben arbeiten.

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