Der Opiummörder / David Morrell

David Morrell hat in seinen drei De Quincey-Romanen den historischen Kriminalroman unendlich bereichert. Nicht nur, dass sie zum besten zählen, was es auf dem Sektor des viktorianischen London zu lesen gibt, es ist auch eine Meisterleistung der Recherche. Vater und Tochter De Quincey werden im Grunde nur von Sherlock Holmes selbst übertroffen, mit dem einen Unterschied, dass es De Quincey wirklich gab.

Mord als große Kunst

Mord als große Kunst

Thomas De Quincey war einer der intelligentesten Autoren, die England je hervorgebracht hat. Im gewöhnlichen Lesebetrieb ist er heutzutage allerdings nicht mehr so bekannt wie etwa Baudelaire oder andere dekadente Autoren. Seine „Bekenntnisse eines englischen Opiumessers“ von 1822 gehören dennoch zu jenen Büchern, die man gelesen haben sollte, und dabei ist es völlig unerheblich, was sonst noch auf dieser Liste stehen mag.

Opiummörder
Deutsche Ausgabe mit etwas verzerrtem Titel

De Quincey bemühte sich nach Kräften, dem Opium zu widerstehen, konnte es aber nicht, weil es ein so wirksames Schmerzmittel war und er unter zahlreichen körperlichen Beschwerden litt. Seine psychologischen Theorien kamen über ein halbes Jahrhundert vor Freud auf den Markt (ähnlich früh war nur Poe, der allerdings auch von De Quincey beeinflusst war). Er war es, der den Begriff „Unterbewusstsein“ erfand und er war es, der zum ersten Mal über Alptraum-Horror schrieb, unter der Prämisse, dass jeder eine schreckliche und fremdartige Version von sich selbst in einer verschlossenen Kammer seines Geistes vorfinden kann.

David Morrell hat nun einen genialen Schachzug gemacht und De Quincey in eine ganze Reihe historischer Persönlichkeiten gestellt, die als Ermittler fungieren. Man kann das fast schon als einen eigenen Zweig sowohl der historischen Romane als auch des Kriminalromans ganz allgemein sehen. Geht es um das Viktorianische London, ist die Figur des Sherlock Holmes so dominierend, dass es schwer fällt, eine Figur der damaligen Zeit zu finden, die ihm das Wasser reichen kann. Graham Moore ist dem ausgewichen, indem er Arthur Conan Doyle und Bram Stoker auf Ermittlungsreise schickte.

Thomas De Quincey

Aber Morrell hat De Quincey gefunden, und tatsächlich ist es ganz unerheblich, ob man ihn bereits kennt oder nicht; man wird ihn kennen lernen. Dabei hält sich David Morrell so nahe an die Biographie des exzentrischen Mannes, wie es geboten erscheint, ohne sich in seiner Fabulierlust einschränken zu müssen, denn David Morrell begnügt sich nicht einfach mit dem Schriftsteller allein; selbst die von ihm dargestellten Morde haben einen grausamen Hintergrund, der einige Jahrzehnte vor Jack the Ripper für Panik in den nebelverhangenen Gassen Londons sorgte. Ganz zu schweigen von einem Plot, der die geschichtliche Materie mit leichter Feder in einen atemberaubenden Thriller verwandelt. Im Original heißt der Roman „Murder as a Fine Art“, das dem 1827 im Blackwood’s Magazine erschienenen Essay De Quinceys mit dem Titel „On Murder Considered as one of the Fine Arts“ so nahe kommt wie irgend möglich. Hier kommt das bei deutschen Verlagen dauernd zu beobachtende Klittern zum tragen, wenn das Buch lapidar mit „Der Opiummörder“ überschrieben wird. Tatsächlich nämlich spielt das Essay eine herausragende Rolle bei den vorliegenden Verwicklungen. Seine darin enthaltene präzise und überzeugende Darstellung und Analyse der Ratcliffe-Highway-Morde von 1811 bringen den Schriftsteller nämlich in starke Schwierigkeiten.

Thomas DeQuincey
Thomas DeQuincey

David Morrell erklärt uns am Ende sein akribisches Vorgehen und wie er sich zwei Jahre lang in das London von 1854 und in die Schriften De Quinceys versenkt hat, er erklärt uns also all das, was man von einem guten Autor erwartet, und vor allem gilt das bei Morrell, den nicht wenige für den herausragenden lebenden Thriller-Autor halten. Klar erkennbar sind dann hier auch die Versatzstücke des historischen Kriminalromans, der aber völlig anders gestaltet ist als man das an der mittlerweile unüberschaubaren Masse dieses Genres beobachten kann. Hier finden wir keine Rätselgeschichte vor, in der ein Verbrechen begangen wurde und ein Detektiv vorgestellt wird, der den Fall untersucht, Hinweise sammelt und das Rätsel löst (Whodunnit). Es ist irgendwann ganz offensichtlich, wer der Mörder ist und das ist Teil der Handlung, weil David Morrell hier nicht die Frage nach dem Rätsel der brutalen Morde stellt, sondern auch gleich die Erfahrungen des äußerst gefährlichen Mörders mitliefert. Tatsächlich ist die Entwicklungsgeschichte des Mörders, der die Ratcliffe-Highway-Morde nachstellt, die er aus De Quinceys Essay in allen Einzelheiten kennt, in einer makellos psychologisch logischen Form dargestellt. Dabei verzichtet David Morrell bei seiner Figurendarstellung und Verknüpfung des Historischen keineswegs auf das, was er wirklich beherrscht: Die Spannung.

Der Spannungsroman

Suspense unterscheidet sich von anderen Krimi-Genres, weil es in einer solchen Geschichte nicht nur um die Ereignisse geht, die passieren, sondern auch um alles, was geschehen könnte. Es ist eine Geschichte über Protagonisten, die in Gefahr geraten, wenn sie versuchen, die Übeltäter aufzuhalten. Diese überhängende Furcht lenkt das Rätsel (den Fokus des Mysteriums) und die Katz-und-Maus-Jagd (den Bereich des Thrillers) vom Scheinwerferlicht ab. Vor allem aber betont die Spannung den richtigen Aufbau, wenn der Held (oder vorliegend: die Helden) versucht, den Bösewicht aufzuhalten und dabei am Leben zu bleiben. Suspense verwendet regelmäßig komprimierte Zeitrahmen, Prologe und vor allem die Einbeziehung des Standpunktes des Bösewichts, um eine Atmosphäre zunehmender Bedrohung zu verstärken. Der genannte Prolog wird hier vor allem durch die Tagebuchaufzeichnungen von De Quinceys Tochter Emily ersetzt, die sich aber keinen stilistischen Bruch erlauben (was häufig vorkommt), sondern die Geschichte nahtlos weitertreiben und so als ein weiteres Element der unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen sind. Dadurch gelingt Morrell ein wirkliches Panorama.

Emily De Quincey

Gerade die 21-jährige Emily ist eine verführerische Mischung aus der Watson-Figur Doyles und Mina Murray von Bram Stoker. Über sie kann der Autor sehr gut auf die gesellschaftlichen Konventionen dieser Zeit eingehen. De Quinceys progressive Tochter, die eher Bloomers (Frauenhosen) als die angemessenen schweren Reifröcke trägt, harmoniert sehr gut mit ihrem Vater zusammen und sorgt durch ihre aufgeschlossene Art für eine weitreichende Dimension, ohne die der ganze Roman zusammenfallen würde.

Die Morde von 1854 haben den gleichen Effekt wie die ursprünglichen Morde von 1811: Panik. Die Bevölkerung der Stadt ist verängstigt, und jeder ist verdächtig, besonders jeder, der anders ist. Ein Ausländer im Allgemeinen und ein Ire im Besonderen. Das Londoner Polizeipräsidium ist weniger als dreißig Jahre alt, klein, und die Wissenschaft oder die Kunst der Aufklärung – Lesen eines Tatorts, Forensik (Fußabdrücke usw.) – steckt noch in den Kinderschuhen. Der leitende Detektiv, einer von acht Beamten in Zivil in ganz London, der damals größten Stadt der Welt, ist ein rothaariger Ire namens Detective Inspector Sean Ryan. Er verbirgt sein rotes Haar und damit sein irische Herkunft unter der Mütze eines Zeitungsjungen. Der Detailreichtum, den Morrell hier abfeuert, sorgt dafür, dass wir uns wirklich auf eine Reise begeben. Das ist es, was Literatur im besten Falle bewirken sollte. Kein Kostümfest, sondern ein Ausflug, der uns an den Ort und die Zeit des Geschehens transportiert.

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    Zeichnung: Cécil
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    Die Geschichte handelt von George Pruitt, der sich ein Haus auf dem Land mietet, das im Stil der 50er Jahre eingerichtet ist. Er hat das Großstadtleben Manhattens, wo er arbeitet, satt und freut sich gerade an dieser Zeitreise, wenn er am Wochenende das Haus betritt. Allerdings ziehen dauernd wohlige Gerüche durch das Haus, die ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Zunächst denk er, es seien die Essensgerüche der Nachbarn, die er da riecht, aber die leben zu weit weg als dass sie es sein könnten. Irgendwann entdeckt er den Geist einer entstellten alten Dame, die in seiner Küche hantiert. Er kann sich den leckeren Speisen nicht entziehen, Geist hin oder her. Als er dann tatsächlich einem Nachbar bei der Gartenarbeit begegnet, erfährt er die tragische Geschichte, die sich im Haus abgespielt hat, die ihm auch den Beweis dafür liefert, dass es sich bei seiner Phantomköchin auch wirklich um einen Geist handelt. Zumindest speist er so gut wie noch nie in seinem Leben. das geht so weit, dass er selbst seinen Job in Manhattan aufgibt, weil er ja die nächste Speise verpassen könnte.

    Wie gesagt ist es einfach, sich vorzustellen, wie das alles endet. Ich werde es hier dennoch nicht erläutern, denn eine Geistergeschichte funktioniert oft wie ein Witz, was den stilistischen Aufbau betrifft, und auch den muss man hören, bevor man ihn analysieren sollte. Das mache ich zwar nicht immer, aber hier ist es durchaus angebracht. Sobald man das (nicht besonders überraschende) Ende kennt, kann man sich gleich noch einmal an den Anfang begeben und die verschiedenen Schritte noch besser genießen.