Wir haben ein komplexes Verhältnis zur Angst. Einerseits versuchen wir, alles zu vermeiden, was uns schaden könnte, und lernen von klein auf, uns vor Gefahren zu schützen. Andererseits übt das Unbekannte und Unheimliche in der Dunkelheit eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf uns aus, so dass die Mutigsten unter uns diese Erfahrungen aktiv suchen. Ein Beispiel dafür ist unsere Begeisterung für urbane Legenden. Diese Erzählungen sind mehr als nur Geschichten – sie tragen das verlockende Versprechen in sich, dass in ihnen ein Körnchen Wahrheit steckt. Jeder kennt sie: Bloody Mary, der verschwundene Anhalter oder Krokodile in der Kanalisation. Weil sie uns in der Kindheit oft erzählt wurden, sind sie tief in unserem Gedächtnis verankert.
M.E.P.
Stadt der Mörder / Britta Habekost
Will man das Paris der 20er Jahre einfangen, steht man vor dem Problem, eines der schillerndsten Jahrzehnte der Geschichte vor sich zu haben. Der Geist der 20er war geprägt von einem allgemeinen Gefühl der Diskontinuität, das mit der Moderne und dem Bruch mit Traditionen einherging. Paris war das Zentrum der Moderne in Kunst und Literatur. Gertrude Stein drückte es einmal so aus: „Paris war der Ort, an dem sich das zwanzigste Jahrhundert aufhielt“.
Noch in meinen jungen Jahren war Paris ein nahezu mystischer Ort, den ich so oft besuchte, wie es mir möglich war. So ging es vielen Dichtern zu vielen Zeiten. Schuld war unter anderem der Surrealismus, und es gab eine Zeit, in der ich versucht war, jedes Buch über Paris zu erwerben, in dem der Surrealismus überhaupt nur erwähnt wurde. Britta Habekost hat nun mit „Stadt der Mörder“ einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur in Paris spielt, sondern auch die Gruppe der Surrealisten mit einbezieht. Zwar hat die Autorin unter anderem auch Heimatkrimis verfasst, aber das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass sie auch eine historische Ader hat. Als Britta Hasler hat sie bereits zwei Thriller im Wien der Jahrhundertwende angesiedelt, und das hat mich meine anfängliche Skepsis erst mal verlieren lassen.
Hercule Poirot: Die kleinen grauen Zellen
Hercule Poirot gehört neben Sherlock Holmes zu den großen und wohl beliebtesten fiktiven Detektiven. Der zierliche und etwas pingelige belgische Detektiv wurde 1920 von Agatha Christie für den Roman „Das fehlende Glied in der Kette“ geschaffen und ist für seinen scharfen Verstand, seine komische Arroganz und seine Rolle in einigen der berühmtesten Krimis, die Christie je geschrieben hat, bekannt. Er hatte eine für fiktionale Verhältnisse lange Karriere und starb erst 1975 mit dem Roman Vorhang. Zwischen seinem ersten und seinem letzten Roman wirkte Poirot in mehr als 50 Kurzgeschichten und 30 Romanen mit.
Ähnlich wie Sir Arthur Conan Doyle seine Abneigung gegen Holmes zum Ausdruck brachte, begann Christie in den 1960er Jahren Poirot zu verachten und äußerte den Wunsch, ihn zu töten. Für die Leser ist es ein Glück, dass sie damit gewartet hat, denn Curtain gilt als einer von Christies besten Romanen, die sie gegen Ende ihrer Karriere schrieb. Interessant ist, dass die New York Times nach dem Tod der Figur sogar einen Nachruf auf ihn veröffentlichte. Es war das erste Mal, dass die Times eine fiktive Figur lobte.
Kältekontainer (Reprise)
Der Todesnebel wuchert, und
die Schweineleiber erzittern in diesem Dunst.
Darunter liegt gefesselt die Nackte, tot ist sie noch nicht.
Ihre Gedanken schweifen in dieser merkwürdigen Stunde
einem Leben entgegen, das sie glaubt, einst gehabt zu haben.
Sie denkt: „War ich nicht ein Mädchen von stillem Gemüt?
Nie aufsehenerregend eilte ich um die Eckpfeiler eines ganzen Lebens,
durch die Tore hindurch, die von den Träumen gebaut wurden,
die gleichen, die mich in die Welt entließen.“
Chaoskulturauftrag
Ich hege die Vermutung, dass meine andauernde Zeterei an einer geringen Fokussierung meines Kulturauftrags liegt. Damit ist selbstverständlich nicht das gemeint, was der öffentliche Rundfunk von sich hält. Der Kulturauftrag besteht vielmehr darin, alles Nötige zu tun, um die eigene Existenz zu erforschen, quasi von Geburt an. Ohne Richtschnur, eher im Sinne der Chaostheorie. Ich bin bisweilen sehr verblüfft, wie wenig mein Hinausreichen in die Welt dem eigentlichen Spiel entspricht. Das Spiel heißt freilich „gefallen“, aber wenn man das will, muss man die Kuh melken, wenn sie einem hingestellt wird. Da nützt es nichts, wenn man gerade lieber Fischen gehen will.
Der falsche Preuße / Uta Seeburg
Uta Seeburgs Debüt um den Preußischen Sonderermittler Gryszinski, den es in die Landeshauptstadt Bayerns verschlagen hat, erschien im August 2020 und es war natürlich davon auszugehen, dass die Autorin bald ihrem zweiten Roman dieser überaus genussvollen neuen Reihe vorlegt. Der ist auch schon unter dem Titel „Das wahre Motiv“ erschienen und wir sehen uns auch den bald hier an.
Historische Kulissen sind bei Weitem nichts neues in der Literatur, aber in den letzten zehn Jahren ist das Genre regelrecht explodiert und während angelsächsische Erzähler an ihrem viktorianischen London arbeiten, Franzosen ihr pittoreskes Paris auspacken und auch in der Fantasy immer mehr auf historische Schlachten Bezug genommen wird, können deutschsprachige Autoren natürlich ebenfalls auf eine sehr erlebnisreiche Zeit zurückgreifen. Neben dem offensichtlichen Magneten zwischen den beiden Weltkriegen, hat sich Uta Seeburg für den nahenden fin de siecle entschieden, ein neunzehntes Jahrhundert, das mit reichlichen Innovationen zu Ende geht, die Elektrizität gerade auf dem Vormarsch ist und so eine Epoche des Übergangs markiert.
Dunkelheit der Seele
Als ich anfing, ist’s (dann doch) ein Köter geworden. Aber Mary hatte einen Zahn. Die Wiese ging nur bis zum Baum und verschwand in dem ein oder anderen Garten, schließlich waren wir alle nicht besonders rücksichtsvoll und wollten gemeinsam die Alte Mutter ausgraben, die hier irgendwo liegen sollte. Ich grub zuerst (und es ist – dann doch) ein Köter geworden, den ich fand. Knochig und gelöst von Würmern und Dingen, die so bizarre Namen trugen wie Triosephosphatisomerase.
Er kam mit mageren Lenden, magerem Beinwerk, gar keine Macken außer seinen zuckersaugenden Lippen (wenn er denn Zucker fand, zu einem Würfel zusammengehauft). Die Rippen eher die Adern eines Blattes, Spanten eines versunkenen Schiffes : so schritt er den Gurtbogen entlang des Tonnengewölbes, kratzte sich die Kehle frei und schmetterte wie ein Bügelhorn : Jetzt bin ich so weit gekommen, und wenn ich mich umdrehe, erkenne ich die Hand vor lauter Augen nicht mehr, so nebelicht scheint mir der Weg, versponnen mit der Dunkelheit der Seele!
Krempel
Ich komme mit dem Krempel der Weblogs nicht klar. Das heißt, dass ich seit Jahr und Tag an allem herumfummle, statt mich einfach auf den Content zu konzentrieren. Das hat etwas Exzessives. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegt, quasi gar kein Publikum zu bedienen. Es gab eine Zeit – und die ist schon lange hinter der Couch verschwunden – da reimte ich mir die Zukunft schreibend aus. Immer nur schreibend, selbst (oder gerade), wenn es sich um Belanglosigkeiten wie gerade eben handelte. Da käme möglicherweise mehr Rätselhaftes zusammen als wenn ich einen Plan verfolgen würde. Ich dachte mir, dass es morgens, gleich nach dem Aufstehen geschehen könnte. Ohne nachzudenken erst einen Blogeintrag verfassen. Zum Zweck des Rituals. Die Tat ist ein mächtiges Instrument, hat sich aber immer mehr vom eigentlichen Erguss distanziert. Selbstverständlich arbeite ich noch genug an Übersetzungen und Artikeln für das Phantastikon, aber das ist eher Augenwischerei, gerade weil in diesen Artikeln versucht wird, einen Sachverhalt darzulegen. Nicht zu akademisch (am besten gar nicht), aber auch nicht zu unterhaltsam. Trotzdem. Es ist nicht das, was es herauszuholen gäbe. Es ist ziemlich verrückt, dass ich ein so großes Aufsehen um das Erscheinungsbild des Blogs (hier jetzt die Veranda) mache, aber aus irgendeinem Grund, muss ich den Text sehen und die Buchstaben schön finden; oder die Aufteilung; oder das Nichts um etwas herum. Ich habe mich zu sehr auf ein Magazin versteift. Die Veranda gibt es jetzt seit fast zwanzig Jahren, und was hätte das alles sein können. So ganz von vorne anfangen will ich nicht, weil einige Zeugnisse meiner tiefen Verwirrung durchaus Bestand haben müssen, um daran anknüpfen zu können. Der Reisegrund steckt im Geist, in der geistigen Zeit, in der Zeitlinie, die keine Grenzen kennt.
End of Story

Seit seinem fulminanten Debüt haben viele von uns gespannt darauf gewartet, was A. J. Finn in seinem zweiten Roman veröffentlichen würde. Finns erstes Buch –The Woman in the Window – war in jeder Hinsicht ein Erfolg. Es eroberte die literarische Welt im Sturm und erreichte schnell den Status von Gone Girl. Es führte viele Menschen, die sich selbst als Gelegenheitsleser bezeichneten, in die Liebe zu psychologischen Thrillern und mörderischen Wendungen ein. Sein zweiter Roman erschien Anfang 2024, und ich fand, dass End of Story eine andere, aber nicht weniger spannende Richtung für Finn war. Sein erstes Buch war in jeder Hinsicht ein psychologischer Thriller mit kommerzieller Anziehungskraft, sein zweites Buch ist ein literarischer Thriller mit professioneller Planung, der Finns schriftstellerisches Talent unter Beweis stellt.
Nach dem sensationellen Erfolg seines Debüts konnte es nicht ausbleiben, dass sich Schmarotzer an seine Versen hefteten, woraus eine regelrechte Schmutzkampagne gegen ihn Fahrt aufnahm, 2019 abgedruckt im New Yorker. Das soll uns aber hier nicht interessieren, weil es tatsächlich auch uninteressant ist. Konzentrieren wir uns lieber auf ein Buch, das beweist, dass Finn eines der größten literarischen Talente der heutigen Zeit ist. Wenn Sie sich jemals gefragt haben, welche Bücher zeitgenössischer Autoren in fünfzig bis hundert Jahren als Klassiker gelten werden, dann ist End of Story mit Sicherheit eines davon.
Holmes Bd. 1: Abschied von der Baker Street
Eigentlich ist dem Kanon von Sherlock Holmes nichts mehr hinzuzufügen, vor allem auch, weil durch unzählige Filme und grauenhafte Weiterschreibungen mittlerweile ein recht dreckiges und unansehnliches Wasser entstanden ist. Es gab nach Arthur Conan Doyle nur wenige autorisierte Autoren, die sich diesem Kanon mit allem gebührenden Respekt näherten. Von allem anderen sollte man tunlichst die Finger lassen, wenn man sich wirklich für den Mythos interessiert.
Jetzt könnte man natürlich reflexartig auch das Werk von Luc Brunschwig, das von Cécil gezeichnet wurde als apokryphen Nonsense verwerfen, aber das wäre dann doch ein wenig verfrüht. Die Prämisse, die hier geboten wird, ist nämlich eine, die durchaus auch schon von den Sherlockians diskutiert wurde: Wie weit ging Sherlocks Kokainsucht? Was könnte daraus resultieren?

Am 4. Mai 1891 verschwand Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen und nahm Professor Moriarty, seinen größten Feind, mit in den Tod. Doch ist der große Detektiv wirklich tot? Wenn ja, warum lässt sein Bruder Mycroft die Baker Street 221b räumen und alle Akten verbrennen, an denen er in den letzten zwei Jahren gearbeitet hat? Warum enthält die Moriarty-Akte, die Inspektor Patterson vom Yard ausgehändigt wurde, nur leere Blätter? Je mehr Dr. Watson ermittelt, desto größer wird das Rätsel…