Stadt der Mörder / Britta Habekost

Will man das Paris der 20er Jahre einfangen, steht man vor dem Problem, eines der schillerndsten Jahrzehnte der Geschichte vor sich zu haben. Der Geist der 20er war geprägt von einem allgemeinen Gefühl der Diskontinuität, das mit der Moderne und dem Bruch mit Traditionen einherging. Paris war das Zentrum der Moderne in Kunst und Literatur. Gertrude Stein drückte es einmal so aus: „Paris war der Ort, an dem sich das zwanzigste Jahrhundert aufhielt“.

Noch in meinen jungen Jahren war Paris ein nahezu mystischer Ort, den ich so oft besuchte, wie es mir möglich war. So ging es vielen Dichtern zu vielen Zeiten. Schuld war unter anderem der Surrealismus, und es gab eine Zeit, in der ich versucht war, jedes Buch über Paris zu erwerben, in dem der Surrealismus überhaupt nur erwähnt wurde. Britta Habekost hat nun mit „Stadt der Mörder“ einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur in Paris spielt, sondern auch die Gruppe der Surrealisten mit einbezieht. Zwar hat die Autorin unter anderem auch Heimatkrimis verfasst, aber das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass sie auch eine historische Ader hat. Als Britta Hasler hat sie bereits zwei Thriller im Wien der Jahrhundertwende angesiedelt, und das hat mich meine anfängliche Skepsis erst mal verlieren lassen.

Als Lysanne Magliore dem jungen Luis Aragon zum ersten Mal begegnet, zeichnet Habekost ihn so, wie man es aus seinen Werken entnehmen kann, oder besser: wie man sich überhaupt die legendären Revolutionäre des Geistes vorstellen kann, bevor die Hälfte von ihnen Kommunisten wurden. Wir befinden uns im Jahre 1924, Breton hatte gerade sein erstes surrealistisches Manifest verfasst und in Paris wimmelt es von Dichtern, die eine Trennung zwischen Traum und Wirklichkeit nicht mehr akzeptieren wollen. Es ist vor allem anzumerken, dass Habekost auch einer Leserin, die nicht mir dieser bedeutenden Geistesströmung vertraut ist, das Gefühl der damaligen Aufruhr nahezubringen weiß, und das ganz ohne ellenlange Exkursionen. Das gelingt ihr vor allem auch durch ihre Figuren, die oft genauso ahnungslos sind wie der etwaige Leser, und so erfolgen die Erläuterungen ausschließlich über Dialoge.

Lysanne ist nach Paris gekommen um nach ihrer verschwundenen Schwester zu suchen. Ihr Geld reicht gerade noch für eine Woche, als sie Aragon begegnet, von dem sie sofort fasziniert ist. Was sie noch nicht weiß ist der Umstand, dass der Name ihrer Schwester in Folge eines Verbrechens auftaucht, das Julien Vioric gerade untersucht Dabei handelt es sich um den brutalen Mord an Clément Faucogney, der zuletzt mit seiner Gouvernante Isabelle Magliore gesehen wurde, die seit dem Mord verschwunden ist. Für Paris-Kenner gibt es einige schöne Passagen, in dieser dunklen Geschichte; unter anderem sind das die beiläufig erwähnten Namen zweier für die Geschichte völlig unerheblicher Polizisten, die Gallimard und Gautier heißen, große Namen der französischen Literatur, die hier von der Autorin wie ein Gruß an ihre Leserschaft eingefügt wurden. Ein etwas größeres Osterei findet sich dann in der Verbindung von André Breton und der somnambulen Nadja, die in der Erzählung etwas prominenter auftreten. Ganz im Sinne der Surrealisten wimmelt es in diesem Buch von Zufällen und an mancher Stelle hat man das Gefühl, Paris sei ein Dorf. Man kann das zwar kritisieren, aber die Autorin versucht erst gar nicht zu verschleiern, dass sie die Jahreszahlen und Ereignisse hier und da ziemlich frei verwendet, wenn es der Geschichte dienlich ist. Dennoch entsteht dadurch nicht selten ein Missklang, der aber durch eine ganz und gar einnehmende Handlung wieder eingefangen wird.

Es geht ein Mörder um in Paris, der nach dem Muster der berechtigen „Gesänge des Maldoror“ von Leautréamont mordet. Das Buch selbst wurde von den Surrealisten aufgrund seiner Ablehnung, des Protestes und der Revolte, ausgiebig analysiert, und so ist es kein Wunder, dass auch Bretons Künstlergruppe schnell in Verdacht gerät, etwas mit den Morden zu tun zu haben. Tatsächlich bekommt man beim Lesen der „Gesänge“ leicht den Eindruck, dass es von einem Wahnsinnigen geschrieben wurde, und so spielen in diesem Roman auch Irrenhäuser eine nicht unerhebliche Rolle.

Neben der anfangs geschilderten Problematik, eine besondere Epoche wie die 20er lebendig werden zu lassen, besteht eine weitere Schwierigkeit wohl darin, ein Werk wie das von Leautréamont in einen Roman einfließen zu lassen, ein Werk, das kaum jemand gelesen hat – und ich rate es auch nur den stabilsten unter den Lesern und Leserinnen. Und so kann immer nur ein Schatten von dem übernommen werden, was damals der Wirklichkeit entsprach. Natürlich trifft das auch auf die Surrealisten selbst zu, die im Roman immer als etwas verrückt geschildert werden, was natürlich von einer bestimmten Warte aus gesehen auch stimmt, aber der Sache nie ganz gerecht wird. Bei Habekost scheint diese Gruppe fast kindlich naiv, Breton selbst als exaltiert und unnahbar. Die Gefahr der Plattitüde ist im ganzen Roman zu spüren.

Trotz der ganzen Schwierigkeiten in der Umsetzung ist dies hier ein durchaus lesenswerter historischer Roman, der eine interessante Geschichte in einer interessanten Zeit ansiedelt und ich wurde im Grunde nicht enttäuscht.

Erschienen ist das Buch im September 2021 bei Penguin-Random House.

Ähnliche Beiträge

  • Watchmen

    Dem Autor Alan Moore, dem „Zauberer” hinter „V wie Vendetta”, „Batman: The Killing Joke”, „From Hell” und vielen anderen Titeln, ist es gelungen, seine zeitgenössischen Ideen auf revolutionäre Weise durch das Medium Comic zu vermitteln. Indem er sich mit universellen Konzepten auseinandersetzte und sie durch Symbolismus und Satire aufschlüsselte, erregte er schnell die Aufmerksamkeit der Welt. Er wurde zu einem wichtigen Einfluss in der Populärkultur, denn sein Werk besitzt bis heute eine unvergleichliche Relevanz für die moderne Politik und Philosophie. Zu seinen bedeutendsten Comics gehört das mit dem Hugo Award ausgezeichnete Hauptwerk „Watchmen”, das mit seiner Erzählung, seinen Themen, seinen Figuren und seiner philosophischen Botschaft die Comic-Industrie schlagartig veränderte.

    Die Geschichte von „Watchmen” ist in einer alternativen Realität angesiedelt, die sich am Zustand der Welt in den 1980er Jahren orientiert. Sie ist ein ausladender Kommentar zum Superheldenkonzept und seinen persönlichen sowie politischen Implikationen vor dem Hintergrund eines drohenden Atomkriegs. Zwar absolviert Richard Nixon hier mehrere Amtszeiten als Präsident der Vereinigten Staaten und die Vereinigten Staaten gewinnen den Vietnamkrieg, doch die zentrale Wendung dieser realistisch dargestellten Geschichte ist die Existenz von Superhelden und ihre Verantwortung für die Entwicklung der internationalen Beziehungen und die Verbrechensbekämpfung. Während die Spannung ins Unermessliche steigt, deutet der Mord an einem ehemaligen Helden auf ein größeres Komplott hin. Aufgrund des Keene-Gesetzes sind Vigilanten nun illegal und ihre Aktivitäten sind untersagt.

    Mehr lesen „Watchmen“
  • Flamboyant: 7 Madeleine Ledoyen

    Beinahe hätte er es Ella gestanden, ihr von der Blumentapete neben seinem Bett erzählt, die dafür verantwortlich war, dass er an allem zweifelte, was als gegeben hingenommen wurde. Er stellte sich vor, wie er sagte : »Die Muster verändern sich, die Tapete ist organisch. Ich weiß nicht, ob andere es können, aber ich kann durch sie hindurch gehen, ich schlüpfe einfach durch den Wirrwarr der Blumen. Manchmal bin ich gar nicht weit von der uns bekannten Welt entfernt, nur ein bisschen nebenan. Es hängt von der Musik ab, die ich höre, glaube ich. In der Ferne steht eine Stadt, das ist die einzige Konstante. Ich weiß, dass sie sehr weit entfernt ist, eigentlich unerreichbar. Aber die Luft ist so über alle Maßen klar, dass man ihre Mauern sehen kann.«

    Mehr lesen „Flamboyant: 7 Madeleine Ledoyen“
  • Malet / Tardi – Die Brücke im Nebel

    Die Brücke im Nebel ist einer der Romane, in denen Léo Malet als sein Alter Ego Nestor Burma am meisten von sich selbst und seiner Jugend verarbeitete. Von seinen Erinnerungen an anarchistische Milieus getrieben, begibt sich der Detektiv zusammen mit einer jungen, schönen Zigeunerin auf die Suche nach dem Mörder eines seit langem bekannten Trödlers. Es handelt sich um einen der düstersten Romane Malets, in dem die Nostalgie nie zu kurz kommt.

    Den Schauplatz an der Tolbiac-Brücke wiederzufinden, ist angesichts der Veränderungen, die das dreizehnte Arrondissement seit dem Bau der Bibliothèque François Mitterrand in den 1990er Jahren erfahren hat, eine Herausforderung. Es ist quasi ein neues Viertel am Ufer der Seine, das heute Universitäten, Wohnungen und Geschäfte beherbergt.

    Mehr lesen „Malet / Tardi – Die Brücke im Nebel“
  • Trolle & Barstukken

    Die Erinnerung ist aus den Gegenständen herausgeblasen, ihre Be­ deutung leer. Es scheint für alles einen Zwilling zu geben, jeder real existierende Gegenstand ist gleichzeitig das Requisit eines Traumes. Diese Regale hier unten sind müde Bretter, aus einem toten Forst gebrochen, verwandelt, unseren Knochen so ähnlich, wenn sie zerstoßen, zermahlen, genagelt oder verschraubt die Flaschen Wein umkrallen, im Kellerstaub auf Nachschub warten, denn es sind noch Plätze frei.

    Der Mond leuchtet den Wichteln, Trollen, Barstukken, leuchtet je­ nen, die selbst nicht glühen und in ihrer hölzernen Hand keine La­ terne mitspazieren lassen. Stock und Stein, Wurzeln, Farne: leuch­ tet der Prozession hinunter ins Dorf! Wölfe küssen feucht.

    »Was ist mit den Räubern?« Sie lercht, lächelt nicht in ihren Gum­ mistiefeln, die ihr bis knapp unter die Knie reichen; sie bie­ gen sich noch kaum, starren um ihr schmales Gesöck herum, stempeln die halbtrockene (halbnasse) Erde, ritzen Dagewesenes hinein.

    Und dann gibt die Erde nach; sie stampft noch etwas tiefer, blickt mit gemarterten Augen auf zu den Gesichtswipfeln, die vor einem aschfahlen Himmel wippen, Bärte daran gekauert.

    In der Nacht wollte sie die Erinnerungen zähmen. Am Tage, sagte sie, gelänge ihr das nicht, weil sie ständig in die Einsamkeit hin­ einsehen müsse, die sie zwischen zwei Menschen entdecke. Sie sagte, sie suche gern Dinge oder Orte, mit denen sie einen Pakt zur Animation ihres persönlichen Dramas geschlossen habe, wieder auf.

  • Stund um Stund



    Wenn /
    sie es überhaupt erwähnte, setze sie hinzu,
    / dann
    weil sie betrunken sei. Ihre bloßen
    Fußrücken waren so weiß wie ihre jungen Schultern,
    Kissen und Aschenbecher eingerechnet.

    Hier ist sie,
    rief ein anonymes Mädchen
    und setze sich schnell hin.

    Das Doppelbett war gemacht,
    aber innendrin nicht frisch.

    Maskierte ihr Gesicht, bedeckte ihre Flanken,
    beschürzte ihren Bauch mit Küssen -
    alles durchaus hinnehmbar, solange sie trocken blieb.

    Sie, die alles verlegte,
    wählte flüssig eine lange Nummer.
    Das wäre erledigt.

    Die Straßenlaternen gingen in
    versetzter Reihenfolge aus. Um ihr
    einen leichten Stupser zu geben,
    wurde drei Tage später
    ein Bote bei ihr vorstellig.

    Wie oft waren diese akribischen Meisterwerke
    in Kunstbänden abgebildet? Was gibt es
    Traurigeres? Diese

    automatischen Bilder
    seiner letzten Augenblicke
    sowie
    die Löwentatzen eines Tisches.

    Sie wagte nicht, ihre Arme
    ziellos hängen zu lassen,
    das gleiche Haar, ins Blonde gehend
    oder vielmehr palominofarben,
    auf einer Landstraße von einem
    zurücksetzenden Lastwagen erdrückt.

    Seine dicke Schuhsohle
    mit einem Muster im Teppich
    in Übereinstimmung.

    Fieber indessen verwandelt Denksport
    in Stoff für Albträume.
    Blindekuh wurde nackt gespielt,
    manchmal schüttelte die Polizei
    einen Voyeur aus einem Baum.
  • Zehn Sterne (Es ist ein tolles statement-piece!)

    Zuallererst habe ich winzige Handgelenke,
    sodass jedes Armband ein crap-shooting ist.
    Ich kaufte den glow in the dark one first
    & jetzt diese schwarze 1,
    aber die schwarze 1 wird definitiv zu meinem Stil passen!
    Ich werde sagen, dass ich Silberaugen gewählt habe,
    zu den Fehlern dieses Tages.
    Es ist dunkel, es ist verstörend.
    Es ist so darn cute!
    Absolut traumhaft,
    auch auf meiner Haut : Tonnen von Komplimenten.
    Diese zeitlose schwarze Farbe strahlt einen Hauch von Geheimnis und Raffinesse aus
    und ermöglicht es mir, meine innere Zauberin zu umarmen,
    und alle zu fesseln, die sie sehen. Ich werde nicht zögern,
    mich darüber herumzusprechen! Besessen!
    Es übertrifft meine hohen Erwartungen.
    Ich würde 10 Sterne geben.