Conan (Der Verteidiger der Literatur)

Conan

Conan hat stets im Unterbewusstsein der Popkultur gelauert, er ist von dort nicht mehr wegzudenken. Manch einer wird – zum Leidwesen vieler Conan-Fans – unweigerlich das Bild von Arnold Schwarzenegger vor Augen haben. Manche mögen Arnold in dieser Rolle sogar, aber das zeigt im Grunde nur, dass Conan eine der unterschätzten Figuren der amerikanischen Literatur ist (dicht gefolgt von Lederstrumpf). Schwarzeneggers Conan-Darstellung mag spaßig sein, aber es fehlt ihr eindeutig an jener Tiefe, die Howards literarische Figur tatsächlich hat.

Wenn es um die Darstellung unreflektierter trivialer Kunst geht, braucht man sich nur die Meinung der Allgemeinheit über Conan anzusehen. Fragen wir jemanden auf der Straße nach Conan, wird er wohl oder übel Geschichten über Lust und Gewalt im Sinn haben. Conan wird einige halbnackte Mädchen aus den Klauen tollwütiger Bestien befreien, die dann ohnmächtig zu seinen Füßen liegen. Tatsächlich gibt es nicht wenige Persiflagen, die genau auf dieser einfachen Formel beruhen. Das Problem mit solchen Darstellungen ist, dass sie nicht richtig sind. Gibt es denn solche Geschichten im Conan-Werk etwa nicht? Doch, aber es gibt dort auch Geschichten von erstaunlicher visionärer Kraft.

Wie bei den meisten Autoren spiegeln Robert E. Howards Schriften seine eigenen Gedanken, Erfahrungen, und nicht zuletzt seine Bildung. Das Schreiben spiegelt den ästhetischen Geschmack des Autors oder sein Verständnis von dem, was ein von ihm bedientes Publikum lesen möchte. Das Bedürfnis, etwas wieder und wieder lesen zu wollen, entsteht durch die Befriedigung unterbewusster Triebe, wenn diese mit etwas angereichert werden, das den Leser zum Nachdenken anregt. Und Howard ist da keine Ausnahme. Tatsächlich wird man in der (chronologisch) ersten Conan-Geschichte “Im Zeichen des Phönix” (1932) eine Anspielung über den Wert der Literatur und ihre Rolle in der Gesellschaft finden können.

Howards hyperboreisches Zeitalter ist eine mystische Welt voller Magie und Wunder, aber es ist auch mit unserer realen Welt verknüpft. Howard kombiniert mehrere Epochen miteinander, so dass Gesellschaften, die in der “realen Historie” durch Jahrhunderte getrennt sind, koexistieren. Conans Volk, die Cimmerier, basieren auf realen historischen Völkern. Die beiden Historiker Herodot und Plutarch erwähnten sie in ihrem Werk (bei Plutarch heißen sie Kimbern; sie bilden zusammen mit den Teutonen einen Ur-Germanenstamm). In der Geschichte “Im Zeichen des Phönix” scheint Howard von seinem Publikum zumindest ein wenig Kenntnis für die historischen Kimbern vorauszusetzen.

Was war nun also die Natur der Kimbern? Laut Plutarch waren sie ein Volk von Plünderern und Räuber, aber keine Herrscher.

Ein Volk von Plünderern

Der Einfall der Kimbern in Ionia, der noch vor dem des Krösus stattfand, war nicht dazu gedacht, die Städte zu erobern, sondern um zu plündern. — Herodotus, Historien I,6

Wie sahen sie aus? Sehen wir bei Plutarch nach:

Ihre immense Größe, ihre schwarzen Augen, und ihr Name, Kimbern, welche die Germanen für Briganten verwenden, lässt uns vermuten, dass sie einer jener Germanenstämme sind, die am Ufer des westlichen Ozeans gelebt haben. Es gibt Aussagen darüber, dass sich die große Fläche der Kelten vom äußeren Meer der westlichen Regionen bis hin zum Asowschen Meer (Palus Maeotis) an die Grenze der asiatischen Skythen erstreckt; dass sich diese beiden Nationen zusammentaten und ihr Land verließen… und obwohl jedes dieser Völker seinen eigenen Namen hatte, wurden ihre Armeen Kelto-Skythen genannt. Nach wieder anderen Aussagen, wurden die Kimbern, die ersten, die den alten Griechen bekannt waren, von den Skythen von ihrem Land vertrieben und ergriffen die Flucht. — Plutarch, Leben des Marius, XI

Was für ein Temperament hatten sie? Laut Homer:

Allda liegt das Land und die Stadt der kimmerischen Männer.
Diese tappen beständig in Nacht und Nebel; und niemals
Schauet strahlend auf sie der Gott der leuchtenden Sonne;
Weder wenn er die Bahn des sternichten Himmels hinansteigt,
Noch wenn er wieder hinab vom Himmel zur Erde sich wendet:
Sondern schreckliche Nacht umhüllt die elenden Menschen. — Homer, Odyssee, XI,14

Es ist Homers Beschreibung, die Howard im Phönix verwendet, um die Stimmung der Menschen zu beschreiben, und um Conan von seiner Sippe zu trennen. Wenn Conan gefragt wird, warum die Cimmerier solche brütenden Menschen sind, antwortet er:

“Das liegt vielleicht an dem Land, in dem sie zu Hause sind”, meinte der König. “Ein düstereres Land gibt es nicht. In seinen rauen, teils schroffen, teils dunkel bewaldeten Bergen unter einem fast immer grauen Himmel pfeift täglich der Wind klagend durch die öden Täler.” — Das Zeichen des Phönix (in der Übersetzung von Lore Strassl bei Festa)

Eine Illustration des Hyborischen Zeitalters
Eine Illustration des Hyborischen Zeitalters, die hauptsächlich auf einer von Robert E. Howard im März 1932 gezeichneten Karte basiert.

Der durchschnittliche Cimmerier ist ein mürrischer, hochaufgeschossener Barbar, der Zivilisationen zerstört, und dann wieder in seine düstere Heimat zurückkehrt, um den Prozess von vorne zu beginnen. Howards Cimmerier ist dem der klassischen Gelehrten ähnlich, er präsentiert hier eine Figur, die wenig dazu geeignet ist, die literarischen Künste zu fördern. Aber das eben unterscheidet Conan von seinen Verwandten. In “Im Zeichen des Phönix” ist Conan ein älterer Mann, der gegen die größten Nationen des hyperboreanischen Zeitalters gekämpft hat, um sie von der Tyrannei zu befreien. Er eroberte, um zu regieren, und um ein unterdrücktes Volk zu befreien. Weit entfernt also von einem typischen Barbaren. Während Howard Conan also von seiner Sippe separiert, erhöht er damit gleichzeitig die Sympathie des Publikums für den Barbarenkönig. Durch diese Trennung bringt er allerdings seine literarische Theorie auf Kurs.

“Im Zeichen des Phönix” ist die Geschichte von einem Komplott, um König Conan zu ermorden, ein Komplott, das von einer machiavellischen Figur namens Ascalante organisiert wird, der den Thron zu übernehmen wünscht. Ascalante ist ein Produkt der Zivilisation, aber er ist auch der Antagonist der Geschichte, also nutzt Howard seine Meinung über die Künste, um ihn von der Sympathie der Leser zu distanzieren. Als Ascalante einen Dichter beschreibt, der in seine Machenschaften verwickelt ist, tut er das mit abwertenden Begriffen. Diese Begriffe entwickeln sich im Laufe der verschiedenen Fassungen der Geschichte. Ascalante drückt seine Verachtung für Rinaldo (den Dichter) in einer Beschreibung so aus:

“Rinaldo – ein irrer Dichter voller beschränkter Visionen und altmodischer Ritterlichkeit. Er ist der , weil er mit seinen Liedern die Herzen der Menschen anrührt. Seine Beliebtheit können wir für uns nutzen.” —Ascalante in Im Zeichen des Phönix, Erste eingereichte Fassung (in der Übersetzung von Jürgen Langowski bei Festa)

Als die Erzählung veröffentlicht wurde, wurde auch diese Beschreibung gestrafft: “Rinaldo, dieser schwachsinnige Minnesänger.”

In der veröffentlichen Fassung schmälert Howard Rinaldos Teilnahme am Handlungskonstrukt, weil sie in Anbetracht der späteren Ereignisse überflüssig wird. Wenn Ascalante gefragt wird, welchen Wert Rinaldo als Verschwörer hat, ist seine Antwort zwar die gleiche, aber sein Hass auf Rinaldo wird in der unveröffentlichten Fassung deutlicher.

“Rinaldo hat als Einziger keine keine persönlichen Ambitionen. Er sieht in Conan den rauen Barbaren mit den blutigen Händen, der aus dem Norden gekommen ist, um ein zivilisiertes Land auszuplündern. Er idealisiert den König, den Conan der Krone wegen tötete. Er erinnert sich nur, dass er dann und wann die Künste förderte, und hat alle Ungerechtigkeit und Misswirtschaft seiner Herrschaft vergessen – und er sorgt dafür, dass auch das Volk es vergisst. Schon singt man offen das Klagelied für Numedides, in dem Rinaldo diesen Gauner in alle Himmel hebt, und Conan, ‘den Wilden mit dem schwarzen Herzen aus der finsteren Hölle’, verdammt. Conan lacht, aber das Volk murrt.” — Ascalante in Im Zeichen des Phönix, veröffentlichte Version.

“Rinaldo – pah! Ich verachte den Mann und bewundere ihn zugleich. Er ist ein echter Idealist. Als Einziger von uns allen hat er keinen persönlichen Ehrgeiz. Er betrachtet Conan als ungehobelten brutalen Barbaren, der aus dem Norden kam, um ein friedliches Land auszuplündern. Er fürchtet, auf diese Weise könne die Barbarei m Ende über die Kultur triumphieren. Er idealisiert jetzt schon den König, den Conan getötet hat. Er vergisst die wahre Natur dieses Schurken und weiß nur noch, dass der Mann gelegentlich die Künste gefördert hat. Die Untaten, unter denen das Land in seiner Herrschaftszeit gestöhnt hat, hat er selbst vergessen und macht er die Menschen vergessen. Sie singen jetzt schon in aller Öffentlichkeit das ‘Trauerlied für den König ‘, in dem Rinaldo den heiligen Schuft lobpreist und Conan als ‘den Wilden mit dem rabenschwarzen Herzen’ beschimpft. Conan lacht darüber, aber zugleich wundert er sich, warum sich die Menschen gegen ihn wenden.” — Ascalante in der unveröffentlichten Version

In beiden Versionen wird der Dichter als blinder Idealist beschrieben. Rinaldo, so scheint es, kann nicht über die Klischees um das Cimmerische Volk des Plutarch und Herodot hinaussehen. Für Howard ist es nicht erforderlich, dass seine Leser diese Vorurteile teilen, aber wer davon Herodot und Plutarch kennt, für den werden die Passagen erhellend sein. Selbst die bearbeitete Fassung, ob nun freiwillig oder auf Wunsch des Verlegers, vertraut noch auf das Publikum, aufgrund einer historischen Bildung zum richtigen Schluss zu kommen. Vergebens!

Das Interessante an Rinaldo ist, dass er zwar ein Verschwörer, aber kein Bösewicht ist, sondern ein Antagonist. Er ist ein blinder, törichter Idealist, der nicht aus Eigennutz handelt. Ascalante beschreibt Rinaldos Motivation so:

“Schon immer hassen Poeten jene, die an der Macht sind. Für sie liegt die Vollkommenheit stets hinter der letzten Ecke – oder der nächsten. Sie entfliehen der Wirklichkeit in ihren Träumen von der Vergangenheit oder der Zukunft. Rinaldo brennt vor Idealismus. Er glaubt, einen Tyrannen stürzen und das Volk befreien zu müssen.”

Der Verteidiger der Literatur

Ascalante spezifiziert hier, welcher Art idealistische Dichter sind. Sie träumen von einer idealen Gesellschaft, unabhängig davon, wie gut die Gesellschaft, in der sie tatsächlich leben, beschaffen ist. Aber das ist eben des zivilisierten Ascalantes Vorstellung über den Wert der Dichter. Für ihn ist der Dichter eine leicht zu manipulierende Puppe. Was ist nun mit dem Barbaren, der König geworden ist, und der häufig für eine Alter Ego Howards gehalten wird?

Conan liebt den Dichter und versteht die Kritik. Er ist sich darüber bewusst, dass viele der Lieder des Dichters dafür verantwortlich sind, dass die Menschen ihn hassen, aber er ist auch vom Bedürfnis nach Gerechtigkeit durchdrungen. Als sein Berater, Prospero, seine Verachtung für Rinaldo äußert, verteidigt Conan den Dichter (und die Poesie im Allgemeinen). Die Passage ist sowohl in der veröffentlichten und unveröffentlichten Version nahezu identisch:

“Dafür ist zum größten Teil Rinaldo verantwortlich”, antwortete Prospero und schnallte den Waffengürtel enger. “Er singt Hetzlieder, die die Menschen aufwiegeln. Lass ihn doch in seinem Narrenkostüm am höchsten Turm aufhängen. Dann kann er Reime für die Geier schmieden.”
Conan schüttelte die Löwenmähne. “Nein, Prospero, das hätte keinen Sinn. Ein großer Poet ist mächtiger als ein König. Seine Lieder vermögen mehr als mein Zepter. Ich spreche aus Erfahrung, denn ich spürte es tief im Herzen, als er sich herabließ, für mich zu singen. Ich werde sterben und man wird mich vergessen, aber Rinaldos Lieder werden weiterleben.”

Für Conan, den untypischen Cimmerier, haben Gedichte und Kunst mehr Macht als Waffen oder königliche Autorität. Nicht nur das, aber es ist richtig und wichtig, dass dem so ist. Hier sehen wir Conan, den Barbar als Verteidiger der Literatur, während der zivilisierte Ascalante Literatur nur als ein Werkzeug benutzt, um die Törichten zu manipulieren. Conan würde mit dem Dichter über Idealismus, Vergangenheit und Zukunft diskutieren, während Ascalante Rinaldo dazu benutzen würde, zu bekämpfen, was er ablehnt. Conans Konflikt zwischen dem Wunsch nach einer “freien Presse” und schneller Gerechtigkeit und dem sich vielleicht daraus entwickelnden Kampf – weil er eben die Presse bevorzugt – findet im Prolog des letzten Kapitels der Erzählung Ausdruck:

Ich weiß nichts von eurem kultivierten Leben,
von Lug und Trug und falschem Schein.
Ich kam zur Welt in einem wilden Land,
wo es galt, rasch und stark zu sein.
Es gibt keine Arglist, kein Intrigenspiel,
das nicht letztlich das Schwert gewann,
So greift an, ihr Gewürm – auch im Mantel des
Königs empfängt euch ein Mann! — Die Straße der Könige in “Im Zeichen des Phönix“

Überraschenderweise ist Conans Liebe zur Literatur und Kunst so stark verwurzelt, dass er sich zunächst weigert, Rinaldo zu töten, selbst als dieser ihn angreift. Er glaubt noch immer, dass er mit dem Dichter auf eine Linie kommen kann. Erst als dieser ihm keine Wahl mehr lässt, tötet er ihn. (Die Texte der unterschiedlichen Fassungen sind wieder identisch). Interessant daran ist, dass keiner der insgesamt zwanzig Verschwörer Conan so verletzten kann wie der Dichter.

Was sagt uns das über Howards Auffassung über Kunst? Wir wissen, dass Conan die Kunst liebt, aber wir wissen auch, wie sehr sie zur Manipulation der Menschen benutzt wird und wie Conans Liebe zu ihr ihm fast das Leben gekostet hätte. Versucht Howard hier mit uns über die Kritik Platons an der Dichtung zu diskutieren? (Platon hat in seiner Politeia der Dichtung keinen Platz in einem idealen Staat eingeräumt). Will er Platons Kritik gegen jene des Aristoteles stellen? (Aristoteles verteidigt die Dichtung in seiner Rhetorik). Eine schwierige Frage, die nicht zufällig gestellt wird. Auffallend ist jedoch der Zufall, dass ausgerechnet die erste Conan-Erzählung eine literarische Theorie entwirft.

Es sei noch darauf hingewiesen, dass diese Erzählung zunächst als Kull-Geschichte gedacht war. Die Kull-Geschichte wurde vom Weird Tales Magazine endgültig abgelehnt, um dann zum ersten Auftritt eines kulturellen Phänomens zu werden.

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