Der Adept des Assassinen (Robin Hobb)

Robin Hobbs Debütroman “Der Adept des Assassinen” erschien in seiner ersten Übersetzung 1999 bei Bastei-Lübbe, 2009 als “Der Weitseher” bei Heyne und 2017 als “Die Gabe der Könige” bei Penhaligon. Man sieht bereits daran, dass man die bekannte Methode, willkürlich mit Texten umzugehen, hier wieder bis zum Äußersten getrieben hat. Tatsächlich heißt der Roman “Assassin’s Apprentice”, und wie man sieht, hat Bastei hier den nötigen Respekt gezeigt. Nur beim dritten Band der ersten Trilogie um Fitz, den Weitseher, hat man mit “Die Magie des Assassinen” (Assassin’s Quest) eine Abwandlung des Originals vollzogen. Vielleicht wusste man auch nicht, was in Gottes Namen eine “Quest” ist. Wie dem auch sei, es ist das übliche Ärgernis, und man muss schon fast jede Buchbesprechung mit einem derartigen Einstieg versehen.

2017 hat die Autorin Margaret Astrid Lindholm Ogden ihre 16 Hauptromane des Zyklus “The Realm of the Elderlings” mit dem Roman “Assassin’s Fate” (bein Penhaligon wurde 2019 daraus “Die Tochter des Wolfs”) abgechlossen, aber bereits angekündigt, dass sie weiter daran arbeiten wird. Zwei Bücher der sogenannten “Regenwildnis-Saga” sind noch gar nicht bei uns erschienen, auch wenn man die vier Bücher getrost erst einmal verschmerzen kann, weil sie doch nur sporadisch mit den “Zauberschiffen” verbunden sind, jener Trilogie, die direkt auf die ersten drei Weitseher-Bücher folgte.

Als Megan Lindholm unterzeichnete Robin Hobb 1993 den Vertrag über eine Trilogie bei Bantam-Books, da ahnte noch niemand, dass hier ein moderner Klassiker des Genres entstehen würde.

Wie man sich bettet, so liegt man – ein Sprichwort, das besonders für den Konsum von Fantasy-Literatur taugt. Fühlen wir uns in einer Welt, ihren Sitten, ihrer Kultur wohl, hegen wir kaum den Wunsch, diese Welt eines Tages wieder zu verlassen. Zumindest nicht so schnell. Das Geheimnis eines Klassikers wie der drei Weitseher-Trilogien (und der Zauberschiffe) liegt nicht so sehr in der Geschichte selbst als am Wie der Geschichte. Da wir uns seit vielen Tausend Jahren stets die gleichen fünf bis sechs Geschichten erzählen, kann das Besondere jeder ‘neuen’ Variation nur die Form sein. Es ist der Sänger, nicht das Lied, lautet ein anderes Sprichwort, das verdeutlicht, was hier gemeint ist.

Oberflächlich betrachtet, haben wir es hier mit der „gewohnten“ Form klassischer Fantasy zu tun, aber wie jeder gute Autor, erzählt uns Hobb mehr als einfach nur eine spannende und wendungsreiche Geschichte in einer Prosa, die an Honig erinnert, satt und schillernd. Jedes Detail steht in 3-D vor uns, die Welt ist intensiv, die Figuren lebendig und komplex, die Intrigen fein gesponnen. Das hört sich dann schon nach moderner statt klassischer Fantasy an, und in der Tat verzichtet Hobb auf stereotype Mechanismen, wie man sie etwa von zahllosen Tolkien-Epigonen kennt, als kaum eine Entwicklung des Genres erkennbar war.

Die Magie, die es in den 6 Dutches (Provinzen oder Herzogtümer) gibt, besteht hauptsächlich aus zwei glaubhaften Prinzipien: Einmal der „Gabe“, die einer parapsychologischen Telepathie ähnlich ist, und zweitens aus der „Alten Macht“, einer Tiermagie, wie man sie in archaischen Religionen beschrieben findet.

Robin Hobb nutzt, wie so viele Fantasy-Autoren, für ihre Arbeiten eine Karte der Ländereien, die sie kennt. In ihrem Fall ist das Alaska. Vorgestellt werden die Provinzen und ihre Kulturgeschichte durch den einzelnen Kapitel vorgelagerten Auszügen aus Chroniken, Schriften des alten Fitz (woraus zu erkennen ist, dass er seine Abenteuer überlebt), oder seines Lehrmeisters Chade. Dieser Kniff ist notwendig, weil Hobb Fitz in der ersten Person erzählen lässt, was bekanntlich die Sicht auf die Welt einengt. Andererseits gelingt es dadurch aber auch, die Erlebnisse äußerst intensiv zu halten, die Geheimnisse hingegen wage und widersprüchlich. Und Hobb beherrscht ihre Figur in dieser Perspektive perfekt, was sich nur mit der Literatur des 19. Jahrhunderts vergleichen lässt.

Mit dem Weitseher-Zyklus zieht sie sämtliche Register der Hofintrigen, mischt diese mit Elemente der Artus-Sage (Stichwort Königstreue) und einer glaubhaften psychischen Komponente, die nicht wirklich als Magie zu bezeichnen ist, sondern als durchaus plausibles geistiges Talent. Plausibel, subtil und mit menschlichen Schwächen in einem glaubhaftem Maß sind schlicht alle Figuren gestaltet. Hobb beherrscht die Charakterisierung wohl einzigartig, einzigartig vor allem in dieser Fülle, in der Weltbeschreibung, Emotion, Tat, Gedanke, Talent, Traum und Wirklichkeit, Vision, Schrecken, Freundschaft und vieles mehr derart ineinander greift, dass man dieses Werk nur als eines der wenigen absoluten Meisterwerke des ganzen Genres beschreiben kann.

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