Immer wenn ihre Silhouette in die Nacht hinaus schleicht, um das Zentrum der Dinge zu ernähren, verbleibe ich in der Höhle, reduziere das Feuer um das Nötigste, und bange, nichts Unbekanntes möge aus den Wänden brechen. Erst am Morgen werden wir sehen, ob Getier gerissen wurde.
Wir ersetzen es dann schnell, um die Energie der Herde wieder zu vervollständigen. Ihr Tanz wird dieses Wunder offenbaren. Ihre Rückkehr treibt die Dämonen aus.
Die Vergangenheit entgleitet mir mehr und mehr, und das ist gut für die Bewegung außerhalb des Zentrums, das nun überall sein kann, so wie wir es von Foucault her kennen. Nichts ist quasi das, was wir haben. Ich bin frei in meiner Auswahl der Stoffe, also schaue ich mir gerne das Verlixteste an, das ich kenne. Eine undenkbare Welt spiegelt sich im Innern, darin findet sich nur immer das Symbol eines weiteren Symbols; ich glaube, die wahre Befriedigung ist die Ohnmacht, eine Rückkehr zur vertrauten Nabelschnur. Das ist anscheinend mit Paradies gemeint, der Apfel ist demnach die Geburt. „Lass den Apfel hängen, wo er ist, Eva!“ Wie würden wir uns denn dann in unserer kleinen Kammer einrichten, mit einer Mutter, die wie ein Wal auf den sieben Meeren treibt?
Mich fasziniert die zunehmende Distanz zu einer Welt, die einst war. Sobald die Momente in die Vergangenheit gleiten, werden sie rein fiktional. Jede Erinnerung, jede Beschreibung… Dieser eine Punkt, den wir zu greifen suchen, ist wieder einmal nur nichts, ein Pendel mit einem Radius, dessen Aufhängung wir nicht begreifen.
Ich habe mir auf igittige Weise den Magen verdorben. Schuld daran ist eine Paprikawurst, die ich gestern im Feneberg kaufte. Die Wurst war nicht etwa verdorben, sie war einfach nur scheiße. Mein Kartenpulk zeigt indessen Die Liebenden. Siehe, siehe (oder doch eher: hört, hört?). Fast ein Temporallappen-Phänomen: Ich ertippe mir Dorothea aufs Neue. Die Erzählung ist dann auch fertig, kühl fast, ohne Wortkaskaden. Symbolisch freilich. Die Joyce-Biographie von Ellmann habe ich jetzt auch wiedergefunden.
Literatur ist erst einmal gar nichts. Wir wissen ja, dass es alle Geschriebene umfasst. Literatur ist nicht mündlich, ist im Grunde keine Erzählung. (Wobei nicht alles Mündliche an Erzählungen geknüpft ist und die Erzählung nicht ans Mündliche). Interessant wird das alles erst, wenn wir die Effekte begreifen. Da stehen zunächst nur irgendwelche Krakel, aber dann entsteht Magie. Tatsächlich handelt es sich um nicht anderes als Magie. Literatur ist in jeglicher Erscheinung irrational, ein Konstrukt, dem wir Kategorien zuweisen, die nicht im Geringsten natürlich sind. Magie selbst aber ist natürlich. Des Wortes Träger jedoch ist nicht irgendein angenommener Intellekt, sondern Wasser. Wie gesagt: des Wortes Träger. Ein Wort macht noch keine Literatur; bei einem Satz kann die Sache schon völlig anders aussehen. Jetzt haben wir es nicht mehr nur mit einem Wort zu tun, sondern mit einer Bedeutung (ohne dass ich damit sagen will, ein Wort hätte an sich allein stehend keine Bedeutung, aber um ein Wort zu erklären, benötigen wir durchaus mindestens einen Satz, um den Satz zu erklären einen Absatz usw.).
Da spreche ich jetzt nicht von einem Gedicht, wie ich es schreibe. Ich kümmere ich nicht um eine Erklärung, sondern um die direkte Magie. Um das Wirken von Magie und nicht um den Prozess der Magie, den Worte grundsätzlich auslösen.
Ich bin heute mit halbsieben spät dran und auch nicht gleich zu einem Kaffee gekommen (überhaupt sitze ich erst einmal eine halbe Stunde vor mich hin, bevor ich mich Richtung Küche bewege).
Also kramte ich, weil ich wieder nicht schlafen konnte, den Apparat unter der Kommode hervor, den Staub wischte ich erst gestern von seiner Oberfläche, diese Patina der ruchlosen Umgebung hatte mir lange lange gefallen. Gestern störte sie mich. Die Nacht bietet der Stimme einen anderen Raum; das liegt nicht allein an der Stille, es liegt vielmehr an der Schwingung aller Gegenstände In den letzten Tagen bemerke ich sehr genau, wie die einzelnen Stücke der Sandsteinburg nie exakt mit einer einzigen Einstellung bearbeitet werden können. Bei GrammaTau ist das selbstverständlich der unterschiedlichen Interpretation geschuldet, die Sandsteinburg ist aber – zumindest in seinen längeren Ezählpassagen – als Einheit zu verstehen. Von Kapitel 3 : Es gab einen Sturm, habe ich die gewünschten 8 Teile, um beginnen zu können, nun fertig. Doch es trifft sich sehr gut, dass ich auch – eben in besagter letzter Nacht – noch weitere Gedichte „bespielt“ habe. Seit ich in der Schweiz „Die Gilde“ zusammenstellte, habe ich das nicht mehr in die Nacht gelegt. Nachts sind hier arabische Familien unterwegs, sie laufen mitten auf der dunklen Straße und grölen wie Ballermann-Jünger. Das tun sie aber nicht, weil sie die gleiche Gehirnschmelze aufweisen, sondern weil sie es so gewohnt sind. Vielleicht nehmen sie Tag und Nacht in ihrer Unterscheidung nicht wahr. Oder es ist ihnen schlicht egal. Wenn ich die Balkontüre schließe, ersticke ich nach etwa einer Viertelstunde, aber sie hält doch einen Großteil Lärm ab. Tagsüber, wenn gegenüber das „Höllenhaus“ entkernt wird, sieht die Sache anders aus, da muss ich dann die Musik in die Höhe treiben, um etwas anderes zu hören als das Treiben der Wanderarbeier aus dem Osten. Das mag sich alles nach einem grundgütigen Ghetto anhören, dabei verwandelt sich das Viertel um die alte Spinnerei doch in eine sanierte Prinzessin – so zumindest der Schein. Seit ich hier wohne, zeigt die Baubehörde, was sie so unter Leben versteht.
Es plagt mich seit einem halben Jahr in meinem rechten Ohr, was natürlich von den Anti-Lärm-Pfropfen stammt, die ich mir seit Jahren ins Ohr ramme. Anders ist in einer Welt voller Höllenlärm auch nicht zu schlafen.