Das Geistermädchen

Die Schupfentüren knarren auf und zu, die
Bienen schlafen, die Gänse schlafen, die Häuser schlafen,
nur ich schlafe nicht

und so stampfe ich in die fette Dunkelheit des Kellers hinunter
und bilde mir ein, hier sei die Nacktheit eine Präsenz, die nicht nur
vom Lummerlicht der Glühlampen repräsentiert wird, vom kalten, grauen Betonboden,
den Gattern der Parzellen. Sondern von der Vorstellung, dass jeder
einen solchen Keller auch in sich trägt

die Verwandtschaft des Körpers mit einem Haus ist nicht nur
sprichwörtlich als solche zu nehmen. Es spielt keine Rolle, wie viel Uhr es ist,
denn draußen prasseln die Jahreszeiten vorbei,
alles ein dunkelgrüner Fleck, dann Lichtung, dann Rhode, dann Dorf und Feld.

Als erster Mensch (oder letzter Überlebender) nehme ich mir ein Stück Seife
auf die nächtliche Straße hinaus, um mich, im Regen stehend, abzureiben,
während ich das schattige Schloss beobachte, ob es sich vielleicht bewegt. Natürlich
hätte ich auch unten im Fluss baden können, dort aber stank es abscheulich

Die schlafenden Vögel werden nass, aber ich sehe sie nicht, sie schlafen
und machen sich nichts daraus. Feine Nadelstreifen in der Nacht. Im Haus
ist es ruhig, und auch das Schloss bewegt sich nicht. Unvorstellbar ist mir der Gedanke,
dass in seinen zahlreichen Räumen die Zeit gefangen ist, ohne sich auch nur
ein einziges Mal bemerkbar zu machen, am Fenster zu winken, Luft durch den Schlot zu jagen, die Türen zu schlagen.
Lavendelwasser rinnt an mir herunter und verschwindet nur schwach schäumend im Gemenge der flüssigen Massen.

Ein Geistermädchen entschwindet in die Wälder,
morgen werde ich ihr folgen, um ihr zu erzählen,
dass eine Dusche unter freiem Himmel sie wieder lebendig machen kann.

Trügerischer Ballsaal

(Erster Absatz der Erzählung „Das süße Gift der Adoleszenz“, überarbeitet und herausgelöscht)


Da sind die schauerlichen Erscheinungen der verblichenen Ahnen, die Sauerkirschblätter oder Goldregen in ihren Porzellanpfeifen paffen, ansonsten aber still in ihren jeweiligen Ecken stehen, von wo aus sie alles überschauen können, was sich ihnen nähert oder von ihnen entfernt. Sie riechen trügerisch nach Puderzucker, dem einzig schmeichelhaften Firn, an den sie sich noch erinnern können. Komm schon, hübsch herüber! Auf allen Kuchen liegt der weiße Staub. Nimm dir nur und nimm dir weiter! Wir waren bereits all das, was du heute bist. Wir hatten nur die Dinge, die uns betrafen, nicht so sehr aus den Augen verloren. Ein Traum, den man nicht selbst ruft, ist eine schäbige Pflanze, die unter strengem Regen bricht. Ich erwache, sobald ich ein Ende erreiche, an dem die Wirklichkeit in ihrem trügerischen Ballsaal wartend zu erkennen ist.

Binde dein Haar hoch / Robert Aickman

Bei vielen von Robert Aickmans Geschichten bleibt uns nichts anderes übrig, als psychoanalytisch vorzugehen und die in den Erzählungen auftauchenden Symbole genauer zu untersuchen. Es ist offensichtlich, dass viele dieser „seltsamen Geschichten“ zahlreiche hocherotische Traumsequenzen enthalten. Andererseits sind alle Erklärungen reine Spekulation. Aickmans Erzählungen zu verstehen, ist eigentlich wie über die Träume eines anderen zu sprechen. (Das ist übrigens auch bei Bruno Schulz der Fall, auch wenn seine Geschichten ganz anders angelegt sind). Im Vorwort zu Fontanas Buch der großen Gespenstergeschichten schreibt Aickman:

„Die Geistergeschichte macht dasselbe wie Dr. Freud: Sie stellt einen Kontakt zu den unterdrückten neun Zehnteln unseres Bewusstseins her.“ Dies ist eine wichtige Aussage über Geistergeschichten im Allgemeinen. Und weiter: „In den meisten Gespenstergeschichten begegnet man gar keinem Gespenst. Vielleicht wird man einen anderen Namen für das Genre finden.“

Die Erzählung ist im ersten Band der Aickman-Ausgabe bei Festa enthalten.

Und tatsächlich nannte Aickman seine Erzählungen strange stories, denn auch die so bezeichnete weird fiction greift hier nicht zur Gänze.

„Binde dein Haar hoch“ ist eine perfekte Erzählung, in der es Aickman gelingt, die verführerischen Geheimnisse eines dionysischen Rituals zu würdigen und gleichzeitig die Schrecken eines Wochenendes mit den Schwiegereltern ironisch zu verspotten. Clarinda Hartley, langjährige Junggesellin, eine Frau, die „niemand zu verstehen schien„, hat sich endlich auf Dudley eingelassen, der sie für ein Wochenende zu seinen Eltern aufs Land eingeladen hat. Auf der Suche nach einem Zufluchtsort vor ihren zukünftigen Schwiegereltern, die „tief im Land lebten, aber keine Ahnung von der Wildnis hatten„, stößt sie in der fast immer nebelverhangenen Landschaft auf die orgiastischen Rituale einer Mrs. Pagani – mit Tierfellen bekleidete Körper, die sich in einer offenen Grube inmitten eines Hirtenlabyrinths winden. Nach anfänglichem Entsetzen deutet ein Abschiedsblick zwischen der Frau und ihrer priesterlichen Nachbarin darauf hin, dass wiederkommen wird. Clarinda, die Mrs. Pagani misstrauisch und ängstlich gegenübersteht, erkennt, dass sie sich in der lüsternen Grube der geheimnisvollen Frau besser amüsieren kann, als im „großen Hummertopf“ ihrer Schwiegereltern zu schmoren.

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Auch nur ein Hund – Vorbereitung zur Lektüre

Seltsame Paarungsrufe bekommt man nicht selten als Enkel zu hören. Eine Anekdote, wie sie Anverwandte gerne zwischen zwei Schnäpsen erzählen. Meine Großmutter väterlicherseits – die dunkle Linie also – erzählte eines Tages, wie mein Großvater sich mutwillig einen Knopf von der Strickjacke riss und dachte: Hoppalla | sich unbeobachtet wähnte und doch gesehen wurde von seiner zukünftigen Braut, die ihm den Knopf dennoch annähte, denn sie wollte ja geehelicht werden.

„Und eine Frau, die keinen Knopf annähen kann, heirate ich nicht.“ Ein Satz wie aus alten Fallstricken zusammengeleimt. Interessanterweise fiel mir dieser Satz wieder ein, als ich am Cornelius Schlehenfeuer saß, also ohnehin in den satten Sprachfarben des romantischen Zeitalters fläzte. Ich neige zur Kürze, zu den Augenblicken eines Bildes, einer Szene oder die eines versponnenen Gedankens. Das ist mir mehr wert als eine Erzählung, die erläuternd begleitet wird.

Die Passage über die Art

Eine Recherche funktioniert auf die unterschiedlichste Art; und wenn ART wirklich eine Kunst ist, ist sie bereits eine Herausforderung. Man könnte doch weiterdrehen: Art – als Kunst gemeint –, stammt natürlich vom Lateinischen ars, und es verwundert nicht, dass die Brite schnell das s durch das t tauschten – es ziemt sich nicht für ein Empörium, den Allerwertesten mit dem angeblich Erhabenen zu kombinieren. Unsere Art und Weise hingegen stammt von der Erde ab, die im altenglischen noch eardian genannt wurde, zumindest, wenn man sie pflügte, Man braucht also durchaus eine Art, muss von einer bestimmten Erde sein, um das Leben auch in Art zu verschwenden, es artig zu vergeuden mit der nutzlosesten aller Fragen, was denn das Leben überhaupt sei.

Jeder, der sich als Eremit erkennt, weiß, dass er gemeint ist. Es ist ein Paradox, die Menschen tunlichst zu meiden, aber an ihren Abenteuern interessiert zu sein. Man will, dass das Ei zu Boden platscht, sobald man eintritt, aber man kann nicht ständig fallende Eier suchen, obwohl das Streben danach charakterlich sehr prägnant wirken würde.

Die Kunst, in diesem beklemmenden Gestade die Wirbel so zu koordinieren, dass ein Muttergesicht daraus wird, wo vorher nur helle und dunkle Schlieren saßen, hat zwar viel damit zu tun, den Traum von einer Wasserblase endgültig platzen zu lassen, aber die kurzen Stumpen, die aus einem herausragen, sind ganz nützlich, wenn es darum geht, den sommersüßen Saft gegen gefangene Haarbüschel zu tauschen, die auch noch Laute von sich geben.

Frau Nochntee

mikrowillis

Die Geschichte der Broteforderin Nochntee, von ihr selbst erzählt: „Stampf!“ (Geräusch des rechten oder wahlweise linken Fußes beim Auftreffen auf einen – ebenfalls beliebigen – Untergrund.

Kesse Frage

mikrowillis

Wenn man sich aus dem Schädel eine Trinkschale macht, aus welchem Teilstück macht man sie dann?