Binde dein Haar hoch / Robert Aickman

Bei vielen von Robert Aickmans Geschichten bleibt uns nichts anderes übrig, als psychoanalytisch vorzugehen und die in den Erzählungen auftauchenden Symbole genauer zu untersuchen. Es ist offensichtlich, dass viele dieser „seltsamen Geschichten“ zahlreiche hocherotische Traumsequenzen enthalten. Andererseits sind alle Erklärungen reine Spekulation. Aickmans Erzählungen zu verstehen, ist eigentlich wie über die Träume eines anderen zu sprechen. (Das ist übrigens auch bei Bruno Schulz der Fall, auch wenn seine Geschichten ganz anders angelegt sind). Im Vorwort zu Fontanas Buch der großen Gespenstergeschichten schreibt Aickman:

„Die Geistergeschichte macht dasselbe wie Dr. Freud: Sie stellt einen Kontakt zu den unterdrückten neun Zehnteln unseres Bewusstseins her.“ Dies ist eine wichtige Aussage über Geistergeschichten im Allgemeinen. Und weiter: „In den meisten Gespenstergeschichten begegnet man gar keinem Gespenst. Vielleicht wird man einen anderen Namen für das Genre finden.“

Die Erzählung ist im ersten Band der Aickman-Ausgabe bei Festa enthalten.

Und tatsächlich nannte Aickman seine Erzählungen strange stories, denn auch die so bezeichnete weird fiction greift hier nicht zur Gänze.

„Binde dein Haar hoch“ ist eine perfekte Erzählung, in der es Aickman gelingt, die verführerischen Geheimnisse eines dionysischen Rituals zu würdigen und gleichzeitig die Schrecken eines Wochenendes mit den Schwiegereltern ironisch zu verspotten. Clarinda Hartley, langjährige Junggesellin, eine Frau, die „niemand zu verstehen schien„, hat sich endlich auf Dudley eingelassen, der sie für ein Wochenende zu seinen Eltern aufs Land eingeladen hat. Auf der Suche nach einem Zufluchtsort vor ihren zukünftigen Schwiegereltern, die „tief im Land lebten, aber keine Ahnung von der Wildnis hatten„, stößt sie in der fast immer nebelverhangenen Landschaft auf die orgiastischen Rituale einer Mrs. Pagani – mit Tierfellen bekleidete Körper, die sich in einer offenen Grube inmitten eines Hirtenlabyrinths winden. Nach anfänglichem Entsetzen deutet ein Abschiedsblick zwischen der Frau und ihrer priesterlichen Nachbarin darauf hin, dass wiederkommen wird. Clarinda, die Mrs. Pagani misstrauisch und ängstlich gegenübersteht, erkennt, dass sie sich in der lüsternen Grube der geheimnisvollen Frau besser amüsieren kann, als im „großen Hummertopf“ ihrer Schwiegereltern zu schmoren.

Hier spielt der Kontrast zwischen zwei Gemeinschaften eine wesentliche Rolle. Auf der einen Seite steht die bürgerliche Familie, die mit ihrer perfekten Häuslichkeit mehr als zufrieden ist – ein Symbol der Zivilisation im Endstadium, fern von allem Leben; auf der anderen Seite das Heidnische, Orgiastische, Rauschhafte, die Verbindung mit dem Mysterium des Lebens und der Natur (wie leicht aus dem Namen „Pagani“ zu schließen ist).

In der Erzählung heißt es, dass der Friedhof, auf dem sie lebt, extra entweiht werden musste, damit sie dort wohnen konnte… Und ihr Haus ist schließlich eine umgebaute Kapelle (ein Tempel), die nun einem ganz anderen Zweck dient.

In einigen religiösen Kontexten bedeutet das Binden der Haare auch, sich an jemanden oder etwas zu binden, sowie die Geschlechtsreife oder das Erreichen des heiratsfähigen Alters. Es dient also in mehrfacher Hinsicht dazu, die (freiwillige oder unfreiwillige) Aufnahme in diese heidnische Gesellschaft mit ihren Ritualen und ihrer Magie anzuzeigen.

Auf ihrem nächtlichen Spaziergang begegnet sie zwei seltsamen Kindern, die sich nach der Schweineherde erkundigen, die sie zuvor beobachtet hat. Bei den Schweinen könnte es sich tatsächlich um die späteren Zelebranten der Orgie handeln. Es gibt solche, die scheinbar menschlich, aber nackt sind, und solche, die in Tierfelle gekleidet sind und in ihrem Verhalten und ihrer körperlichen Präsenz eher animalisch als menschlich wirken. Es ist denkbar, dass Tiere in solchen Ritualen menschliche Gestalt annehmen können.

Das Schwein ist hier nicht zufällig gewählt; es symbolisiert unter anderem Lust, Fruchtbarkeit und Wohlstand. Betrachtet man die symbolische Bedeutung des Schweins etwas genauer, so fällt auf, dass Schweinehirten im heidnischen Irland visionäre und magische Kräfte zugeschrieben wurden. Möglicherweise gab es eine direkte Verbindung zwischen diesem Amt und dem Druidentum. In der Erzählung erfahren wir nicht, wer der Hüter der Herde ist, aber die beiden Kinder, die Clarinda nach den Schweinen fragen, sind selbst weniger irdisch, als es den Anschein hat. Während das etwa achtjährige Mädchen mit dem lockigen Haarschopf später als Botin fungiert und ihr die Regeln erklärt, wirkt das andere Kind mit der Kapuze auf dem Kopf eher gefährlich:

„Es schien scharfe, bleiche Gesichtszüge und große Augen zu haben. Mit seiner Kapuze ähnelte es fast einem Falken.“

Dieses Kind wird Clarinda später in den Knöchel beißen, so dass Blut fließt. Das mag ein gewalttätiger Akt sein, aber das Fließen des Blutes gehört schließlich zum Aufnahmeritual, auch wenn es hier fast beiläufig geschieht.

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