William Hjortsberg: Angel Heart

Falling Angel

Zwei Dinge werden für immer rätselhaft bleiben: 1, was geht in Gehirnen vor, die einen englischen Titel (Falling Angel) mit einem anderen englischen Titel (Angel Heart) übersetzen. 2, Wie kommt es, dass Hjortsberg nie wieder etwas Vergleichbares geschrieben hat?

Die Antwort zu 1 (es scheint also doch nicht so rätselhaft zu sein): Die deutsche Verlagslandschaft hatte den sensationellen Roman bis zum Erscheinen des Films (1987) überhaupt nicht auf der Rechnung und schob dann schnell noch nach. Allerdings, das sei zugegeben, mit mäßigem Erfolg. Auch heute noch kennen jene, die überhaupt je davon gehört haben, in der Hauptsache nur den Film mit Mickey Rourke in der Hauptrolle. Zu 2: wir werden es nie erfahren.

1979 startete die Horrorliteratur so richtig durch. Die Autoren konnten plötzlich von ihrem Beruf leben. Stephen King hatte gerade Carrie, Brennen muss Salem, Shining und Nachtschicht veröffentlicht; The Stand kam gleichzeitig mit Fallen Angel (Angel Heart) heraus, Peter Straub legte mit Geisterstunde nach, Robert McCammon mit Baal. Charles L. Grant, Ramsey Campbell begannen ihre Karriere, Dean Koontz legte mit Phantoms seine beste Arbeit hin. Definitiv war das eine gute Zeit, ein Leser und Autor von Horrorliteratur zu sein.

1978 erschient William Hjortsbergs Falling Angel als Hardcover, was allerdings zunächst niemanden interessierte, bis das Taschenbuch erschien. Schnell war das Buch dann in aller Munde und Hjortsberg wurde überall mit den kommenden Größen genannt. Die Fanbasis erwartete bereits einen zweiten Horror-Roman, der kam allerdings nie. Falling Angel war der Einzelfall in einer Zeit, in der es nie besser um das Genre stand. Niemand hatte bis dahin etwas Vergleichbares geschrieben.

Die hervorragende Balance zwischen Mystery, Spannung, Horror, Action und Erotik verströmt selbst heute noch ein ganz besonderes Flair, dem man kaum entkommt.

Wir befinden uns in New York im Jahre 1959. Ein völlig heruntergekommenen Privatdetektiv, Harry Angel, wird von einem seltsamen, elegant gekleideten Gentleman namens Louis Cypher angeheuert, der die Rechtsanwaltskanzlei Herman Winesap vertritt. Cypher will, dass Angel den verschollenen Schnulzensänger Johnny Favorite findet, der während des 2. Weltkriegs spurlos verschwand, nachdem er schwer verwundet, im Koma liegend, nach Amerika zurückgebracht wurde. Davor war Johnny ziemlich erfolgreich und galt als großer Sänger der Zeit vor Sinatra. Cypher und Favorite hatten einen Vertrag miteinander abgeschlossen, und Cypher will sicher gehen, dass dieser auch eingehalten wird.

Angel nimmt den Fall an, und der Horror beginnt. Straff und ohne Umschweife folgen wir dem Ich-Erzähler durch die schäbige Schattenseite der New Yorker Jazz-Welt der 50er Jahre, in das Reich des Voodoo, der verrückten Vergnügungsparks und Zaubershows, in die erotische Hitze der Leidenschaft und der Liebe, und vor allem in die dunklen Tiefen des Satanismus. Während der ganzen Zeit hält Hjortsberg die Faszination der Handlung hoch durch Angels Ich-Erleben, durch das, was er sieht und fühlt. Es ist ein fremdartiges Gemisch aus Film-Noir und einer Geschichte, die jemand in einer schummrigen Bar erzählt. Hjortsberg zeigt sein Talent als Erzähler vor allem darin, dass es ihm gelingt, einerseits die vielen Teile des Puzzles vor dem Leser zu verbergen, und andererseits ihm durch Angels freundlichen Ton das Gefühl zu geben, Teil der Handlung zu sein. Als würde man neben ihm herlaufen und lauschen, während man all die Dinge selbst sieht. Hjortsberg macht den Leser mit Angel bekannt und vertraut, bevor die Enthüllungen über ihn beginnen, von denen Angel selbst nichts ahnt. Das ist ungeheuer raffiniert.

Aber Hjortsberg bleibt nicht dabei, eine gleichförmige Linie einzuhalten; jede Figur auf diesem Höllentrip besticht durch einen eigenen Rhythmus des Stils. Es ist interessant, wenn Harry seine Hinweise sichtet und genau weiß, wann jemand lügt, aber es ist geradezu faszinierend, wenn es einem der Charaktere gelingt, ihn hinters Licht zu führen, und es gibt zahlreiche Figuren, die Harry entweder weiterhelfen oder behindern. Und dann sind da noch einige, die herausstechen. Mit zu den interessantesten Charakteren gehört Epiphany Proudfoot, eine Mulattin, der ein eigenes Geschäft gehört und die außerdem Voodoo-Priesterin ist. Sie ist auf eine Weise in den Johnny-Favorite-Fall verwickelt, der sie nicht mehr entkommen lässt. Hier sei jetzt dann doch auf den Film hingewiesen, denn obwohl der Roman 1978 geschrieben wurde, hat man das Gefühl, dass diese Rolle Lisa Bonet, die die Epiphany spielt, auf den Leib geschrieben wurde.

Louis Cypher bleibt bis zum schockierenden Finale ein Rätsel. Es wird wenig von im Preis gegeben, aber im Hintergrund ist er stets präsent. Bis sich das Puzzle fügt bleibt diese Figur verwirrend. Und selbst wenn man erkannt hat, was der Name bedeutet, bleibt der Charakter voller Überraschungen.

Falling Angel ist ein beängstigender Roman; die intensiven Rituale werden detailliert dargestellt, nie aber zum Selbstzweck. Der geschlachtete menschliche Körper ist ein Motiv, das sich durch den ganzen Roman zieht. Schwache Gemüter sollten darauf vorbereitet sein, denn das in Kombination mit einer schleichenden Unheimlichkeit, verfehlt seine Wirkung kaum. Hjortsberg hat für die Beschreibung der Voodoo-Rituale und Satanischen Messen sehr gut recherchiert und liefert einige Informationen, die nur ein echter Insider haben kann, dennoch nimmt er sich einige Freiheiten heraus. Alles in allem kann man als Laie ohnehin das eine nicht vom anderen trennen in diesem faszinierenden, dunklen Roman.

Sowohl das Buch als auch der Film seien an dieser Stelle empfohlen, obwohl – das liegt in der Natur der Sache – sich beide Medien selbstverständlich in ihrem Vortrag unterscheiden. Man sollte zwar nie, aber ganz besonders hier nicht von einer Ver-Filmung sprechen. Für jeden Connaisseur ist dies das Unwort schlechthin. Der Roman kann das, was eben ausnahmslos nur die Literatur vermag, aber in diesem Fall darf man sich danach auch gerne den Film ansehen.

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    Victoria Amelina
    Niemals ist etwas Schreckliches geschehen

    Niemals ist etwas Schreckliches geschehen

    Übersetzung mit freundlicher Genehmigung Askold Melnyczuk, Arrowsmith Press.

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    Das Buch wird langsamer, als er beginnt, die scheinbar endlosen Hinweise auf das Rätsel um seine Identität zu lösen, und der Roman verwandelt sich von einem Detektivroman in einen Roman der Reflexion und Kontemplation, als Guy erkennt, dass der Schlüssel zur Entdeckung seines vergangenen Lebens von der Besatzung Frankreichs abhängt.

    Modianos Stil ist einerseits klar in seinen Abläufen, und noch präziser, wenn er sich damit befasst, zu erkunden, wie das Gedächtnis funktioniert und was den Erinnerungsmechanismus jeweils auslöst. Und so erinnert der Roman an die Filme von Alain Resnais (Letztes Jahr in Marienbad, dessen Drehbuch Alain Robbe-Grillet verfasste), die die Beziehung zwischen Bewusstsein, Erinnerung und Vorstellungskraft erforschen.

    “Die Gasse der dunklen Läden” ist ein melancholischer und unheimlicher Roman mit einer Rahmenhandlung, die genauso gut ein sehr konventioneller Krimi hätte werden können. Die fragmentierte Erzählung und die umgekehrte Chronologie machen ihn jedoch alles andere als konventionell. Wie üblich schreibt Modiano mit einer begnadeten leichten Hand. Schnell kann es deshalb sein, die kleinen wunderbaren Details in der Sprache und den Beschreibungen der Umgebung zu verlieren. Einige Kapitel sind nur eine Seite lang und bestehen aus Listen mit Namen, Adressen und Telefonnummern. Aber selbst in diesen Listen gelingt es ihm, die Poesie des Verlorenen sprechen zu lassen.

    Modiano beschäftigt sich oft mit der tückischen Natur der Erinnerung und ihren Unzulänglichkeiten. Für ihn sind sowohl die Erinnerung als auch die Identität fließend und flüchtig, sie verändern sich ständig.

    Für diesen Roman erhielt Modiano 1978 den renommierten Prix Goncourt für die nahtlose Integration des Psychologischen und Existenziellen in das oft formelhafte Genre der Detektivliteratur. Er ist ebenso erfreulich wegen seiner erwartbaren Szenen voller Spannung und Geheimnis als auch wegen der oft tiefgründigen Analyse von Identität und Erinnerung, die alle in unverblümter, geradliniger Ego-Prosa präsentiert werden, die der von Meursault in Albert Camus’ “Der Fremde” nicht unähnlich ist. Wie seinem Nobelpreisträger-Kollege gelingt es ihm, die komplexen Themen, die er behandelt, zugänglich zu gestalten, während andersherum die zahlreichen Charaktere und Anekdoten unüberschaubar bleiben.