Der Surrealist vor dem Surrealismus: George Herriman

George Herriman

George Herriman war Zeichner, Dichter und Eigenbrötler. Er war der Mann, der dreißig Jahre lang in einem täglichen Zeitungsstrip das Wesen von Sprache, Liebe und Identität in Coconino County untersuchte.

New Orleans und das Geheimnis seiner Herkunft

George Herriman
George Herriman mit seiner Katze

George Joseph Herriman wurde am 22. August 1880 in New Orleans, Louisiana, geboren. Damit beginnt bereits die erste und folgenreichste Komplikation seiner Biografie. Herriman wurde sein ganzes Leben lang in Pressefotos und Interviews als Grieche bezeichnet. Er selbst gab seine Abstammung als griechisch an, trug auch in Innenräumen stets einen Hut, selbst bei der Arbeit und auf Fotos. Erst 1971, mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Tod, entdeckten Forscher in den Volkszählungsunterlagen des Jahres 1880, dass Herrimans Familie als „Creole of Color” registriert war. Damit waren Menschen gemischter Abstammung in Louisiana gemeint, die einen Status zwischen den Rassengesetzen des Südens und der Kreolen-Identität von New Orleans hatten.

Nach den Rassengesetzen seiner Zeit und seines Landes war Herriman also ein schwarzer Mann, oder genauer: ein Mann gemischter Abstammung in einer Gesellschaft, die solche Mischungen als Bedrohung ihrer menschenverachtenden Kategorien betrachtete. Sein Leben lebte er allerdings als weißer Mann, denn das war die einzige Möglichkeit, überhaupt dahin zu kommen, wo er hinwollte. Der Hut verdeckte die krausen Haare. Die griechische Herkunft war eine Konstruktion, die die Neugier der anderen etwas besänftigte. Ohne dieses Doppelleben im Hinterkopf zu haben, versteht man sein Werk nicht, es zieht sich wie ein roter Faden durch seine Geschichten.

Als junger Mann zog Herriman zog nach New York und begann seine Karriere als Zeitungszeichner, zunächst in der wilden und produktiven Welt der Hearst-Presse, die in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts der Hauptabnehmer von Comic-Strips war. Er produzierte eine Reihe kurzlebiger, teils satirischer, teils absurder Strips, bevor 1913 am Rand eines anderen Strips eine Szene erschien, die die Geschichte des Mediums verändern sollte: eine Katze und eine Maus. Die Maus wirft einen Ziegel auf die Katze. Die Katze liebt die Maus dafür.

Herriman Krazy Kat First
Die Maus wirft einen Ziegel auf die Katze, 1913

Krazy Kat – Das Dreiecksverhältnis

Offissa Bull Pupp
Offissa Bull Pupp

Krazy Kat erschien von 1913 bis 1944, also bis zu Herrimans Tod, zunächst in den Hearst-Zeitungen, dann als eigenständiger Strip mit einem kleinen, aber leidenschaftlichen Lesepublikum. Im Strip wird täglich dieselbe Grundkonstellation neu erzählt: Krazy Kat liebt Ignatz Mouse. Ignatz Mouse verachtet Krazy und wirft Ziegel auf sie. Krazy interpretiert aber jeden Ziegel als Liebesbeweis. Offissa Bull Pupp, ein Hundepolizist, der Krazy liebt, versucht, Ignatz von seinen Ziegelwürfen abzuhalten. Diese dreiseitige Konstellation wurde in dreißig Jahren nicht wesentlich verändert. Was sich täglich veränderte, war alles andere. Sogar das Geschlecht der Figur ist in den Strips absichtlich unbestimmt und variiert von Ausgabe zu Ausgabe.

Was Krazy Kat besonders macht, beginnt mit der Sprache. Herriman schrieb den Dialog seiner Figuren in einem Idiom, das keiner realen Sprache entspricht. Das war ein bizarres Gemisch aus Englisch, Spanisch, Jiddisch, Dialektformen, Erfindungen und der phonetischen Transkription eines Akzents, den es so nicht gab. Diese Sprache besitzt eine innere Logik, eine Musikalität und eine Bedeutung, die eine Übersetzung unmöglich machen. Sie ist Herrimans eigene Art zu schreiben.

Die Sprache trägt dann auch die ganze Philosophie. Krazy Kats Interpretation des Ziegels als Liebeszeugnisses ist also eine ganz eigene Art, die Welt zu betrachten. Die Bedeutung eines Zeichens, sagt Herriman durch seine Figur, liegt nicht im Zeichen selbst, sondern im Empfänger. Ignatz‘ Ziegel ist Aggression; Krazy liest ihn als Liebe. Beide sind vollständig im Recht, weil Bedeutung keine objektive Eigenschaft der Welt ist, sondern eine kreative Leistung des Wahrnehmenden. Das ist, im Jahr 1913, eine Aussage, die in der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts erst eine Generation später ausgearbeitet werden sollte, und es ist eine Aussage, die in einem täglichen Zeitungsstrip gemacht wird, in einem Medium, das am weitesten entfernt von jeglicher philosophischer Reflexion ist.

Coconino County – Der Hintergrund als Hauptfigur

Damals konnten eigentlich weder die Leser noch die Buchhalter viel mit dem Strip anfangen. William Randolph Hearst, der Herriman sein ganzes Leben lang unter Vertrag hatte, liebte den Strip persönlich und schützte ihn aus Zuneigung vor dem kommerziellen Druck, dem jeder andere Strip dieser Art längst zum Opfer gefallen wäre. Diese Beziehung zwischen einem Zeitungsmacher und seiner Zeitung ist einzigartig in der Geschichte der amerikanischen Zeitungsstrips. Ein Medienmagnat hält die Strips am Leben, weil er sie für bedeutsam hält. Ohne Hearsts Schutz wäre Krazy Kat vermutlich nach zwei Jahren beendet gewesen.

Was der Zeitungsstrip als Form leisten kann

Um Herriman als Comicschaffenden angemessen zu würdigen, muss man die Besonderheit der von ihm verwendeten Form verstehen: den Zeitungsstrip. Der Strip ist die ursprünglichste Form des Comics. Eine Sequenz von zwei bis vier Panels, die täglich erscheint und in ihrer Beschränkung eine Intensität erzwingen kann, die das mehrseitige Comicheft nicht kennt. Innerhalb dieser Beschränkungen hat Herriman das überhaupt Mögliche so vollständig ausgeschöpft wie kein Zeichner vor oder nach ihm.

Die Beschränkung des Strips ist eine Bühne. Wir haben einen Raum, eine Konstellation, eine Begegnung, und einen Schluss. Herriman hat auf dieser Bühne ständig die Regeln gebrochen. Zum Beispiel sind die Panels in Krazy Kat sind nicht immer gleich groß; gelegentlich wird ein Panel durch eine Zeichnung gesprengt. Die Leserichtung ist gelegentlich eine andere. Dabei erzeugen die Hintergrundwechsel einen Rhythmus, der entweder mit den Dialogen zusammenpasst oder ihnen entgegenwirkt. Herriman sah die Seite als Teil der Komposition. Sie sollte etwas bedeuten, bevor die Figuren zu sprechen anfangen.

Diese formale Selbstbewusstheit ist im amerikanischen Zeitungsstrip der 1910er- und 1920er-Jahre radikal. Andere Zeichner kannten sie natürlich auch, aber Herriman führte sie mit einer Konsequenz durch, die kein anderes Massenmedium dieser Art zuließ. Der Strip erschien in Tageszeitungen und wurde zwischen Sportseite und Börsennotizen gelesen. Er war das normalste aller Distributionsmedien, und Herriman nutzte seinen Platz für visuelle Poesie.

Zur comicformalen Bedeutung von Krazy Kat, 1913–1944

Herriman hat bewiesen, dass der Comic selbst in seiner bescheidensten und am weitesten massenmedial verbreiteten Form ein Ort sein kann, an dem Kunst entsteht, die in keinem anderen Medium erzeugt werden kann. Das ist die radikalste These seines Lebenswerks.

Identität, Rasse und das Verborgene

Als man 1971 herausfand, dass Herriman aus der Karibik stammt, hat sich die Sicht auf sein Werk verändert. Dabei wurden Bedeutungen, die schon vorher da waren, aber nie erklärt wurden, sichtbar gemacht. Die Figur der Krazy Kat, die weder Mann noch Frau ist und sich selbst durch die Augen der anderen definiert, ist in dieser Lesart nicht nur eine poetische Figur. Sie ist Selbstdarstellung anhand einer Allegorie.

Herriman hat sein ganzes Leben lang eine falsch Identität präsentiert, weil die Gesellschaft die Wahrheit nicht akzeptiert hätt. Er hat dreißig Jahre lang täglich Strips über ein Wesen gezeichnet, das seine eigene Natur nicht direkt benennt. Die Hintergründe verändern sich, aber die Grundkonstellation bleibt gleich. Das zeigt die Verbindung zwischen einer Biografie, in der Herriman etwas verbergen musste, und einem Werk, in dem er das Verbergen als ästhetisches Prinzip nutzt.

Zur Frage der Identität in Krazy Kat

Krazy Kats unbestimmtes Geschlecht wurde in den dreißig Jahren der Strips nie aufgelöst. In manchen Ausgaben wird Krazy als „sie” bezeichnet, in anderen als „er”, in wieder anderen wird diese Frage gar nicht erst gestellt. Herriman sagte in einem Interview sinngemäß, Krazy sei „neither male nor female, just Krazy”, also weder Männlein, noch Weiblein – einfach verrückt.  Das war 1920. Die Verweigerung fixer Identitätskategorien ist in einem Zeitungsstrip der frühen 1920er Jahre eine Aussage von erheblicher Konsequenz, sowohl als ästhetische Entscheidung als auch als biografische Parallele für einen Mann, der selbst täglich die Kategorie der rassischen Zugehörigkeit verweigerte, die ihm die Gesellschaft zugewiesen hätte. Sicherlich ist Krazy Kat mehr als nur eine versteckte Biografie, aber es ist eben auch weit mehr als nur ein visuelles Experiment. Die Wahrheit liegt in der Unlösbarkeit dieser Spannung: Das Werk ist beides, und zwar auf eine Weise, die keine der beiden Lesarten vollständig zufriedenstellt.

Die afroamerikanische Lebenserfahrung im frühen 20. Jahrhundert war, jeden Tag zu kämpfen, um nicht als das zu gelten, was man ist, oder sich für seine anderes Aussehen rechtfertigen zu müssen. All das spielt in Krazy Kat eine Rolle, ohne dass es direkt gesagt wird. Das ist die tiefste Form der literarischen Autobiografie. Es geht nicht darum, etwas zu benennen, sondern es zu gestalten. Herriman hat seine eigene Situation in die Grundstruktur seines Werkes eingeschrieben. Er hat Zeichen, Interpretation, Missverständnis und Liebe miteinander verbunden. Und diese Verbindung ist so umfassend, dass man das Werk ohne sie nicht verstehen kann.

Die Künstlerischen Einflüsse

Herriman gehörte keiner Schule an und gründete auch keine. Wenn man so will, ist das seine Position in der Kulturgeschichte: ein singuläres Phänomen, das aus einer spezifischen Verbindung von populärer Kultur, literarischer Bildung und persönlicher Erfahrung heraus geboren wurde. In dieser Form fand es auch nie einen direkten Nachfolger. Der Ausdruck war zu spezifisch, um imitiert zu werden.

Dennoch sind kulturelle Gemeinsamkeiten erkennbar. Die Dada-Bewegung hat in den 1910er- und 1920er-Jahren in Europa das Absurde als künstlerisches Programm formuliert, und ist Herrimans unmittelbarste geistige Verwandtschaft, obwohl keine direkte Verbindung dokumentiert ist. Der Surrealismus, der in den 1920er Jahren das Unbewusste und die Traumlogik als ästhetische Ressourcen entdeckte, hat Krazy Kat gelegentlich als Vorläufer benannt. Man hat sogar davon gesprochen, dass Krazy Kat 1924 das bedeutendste lebende Kunstwerk Amerikas sei. Nun, Walt Disneys Micky Maus hat ja noch ein paar Jahre auf sich warten lassen.

Einfluss ohne Schule

Herrimans Einfluss auf die Geschichte des Comics ist auf paradoxe Weise einzigartig. Len Wein wurde vergessen, weil seine Schöpfungen ihn überlebten. Herriman hingegen wurde nie vergessen, sondern immer zitiert, verehrt und als Ursprung aller ambitionierten Comickunst genannt. Doch er hatte keine Nachfolger, die seinen Stil übernahmen. Verehrer aber hatte und hat er genug.

Fast jeder bedeutende Comicautor dieser Essayreihe hat sich zu Herriman bekannt. Art Spiegelman hat ihn zitiert, Neil Gaiman hat ihn geliebt und Chris Ware hat ihn sogar studiert. Ohne die Vorlage von Herriman ist Spiegelmans gesamtes Projekt der literarischen Würde des Comics nicht denkbar. Ihn holen Autoren aus dem Hut, wenn sie beweisen wollen, dass Comics Kunst sein können. Er ist sozusagen der Kronzeuge dieser Aussage.

Herriman wird häufig als Beleg herangezogen, aber selten wirklich gelesen. Die vollständige Zugänglichkeit seiner Strips war lange Zeit auch kaum möglich und das vollständige Verständnis seines Werkes setzt ein Engagement mit seiner Sprache voraus, das der durchschnittliche Comicleser nicht mitbringt. Das ändert sich jedoch langsam.

Außerhalb der Industriestruktur

George Herriman ist in dieser Essay-Reihe der erste, der vor dem Zweiten Weltkrieg und der Etablierung des Superheldengenres arbeitete. Er ist jemand, dessen primäres Format der Zeitungsstrip war und dessen Werk vollständig außerhalb der Industriestruktur entstand, die das amerikanische Comic des späten 20. Jahrhunderts definierte. Würdigen kann man das nur schwer, weil man einen anderen Maßstab benötigt, um sein Werk zu durchleuchten.

Dieser Maßstab ist der der Literatur und der Bildenden Kunst zugleich. Herriman ist wie ein Lyriker zu betrachten, der gleichzeitig auch Zeichner war. Wie William Blake ist Herriman ein Autor, der eine Welt erschuf, die nur in der von ihm geschaffenen Form existiert und in kein anderes Medium übersetzt werden kann, ohne seine Bedeutung zu verlieren. Die Koordinaten dieser Welt sind Coconino County, ein Ziegel, eine Katze, eine Maus und eine unmögliche Dreiecksbeziehung, die täglich neu beginnt, täglich neu endet und niemals aufhört.

Will Eisner: Der Gesetzgeber des Mediums

Will Eisner

William Erwin Eisner wurde am 6. März 1917 in Brooklyn, New York, geboren, in derselben Epoche, Umgebung und unter ähnlichen sozialen Bedingungen wie Jack Kirby. Beide teilten die Vorgeschichte des amerikanischen Comics. Ihre Eltern waren jüdische Einwanderer, sie wuchsen in den beengten Mietskasernen auf und erlebten die Armut der Großen Depression. Beide waren überzeugt davon, dass allein ihr Talent der verlässlichste Weg nach oben war. Eisner selbst äußerte sich gelegentlich zu dieser Parallelität mit Kirby, stets begleitet von einem respektvollen und zugleich wettbewerbsorientierten Bewusstsein, das Männer derselben Generation und Herkunft füreinander entwickeln, wenn beide Bedeutendes leisten.

Eisner begann bemerkenswert früh. Bereits mit siebzehn Jahren verkaufte er Zeichnungen an Zeitschriften, und nur ein Jahr später gründete er seinen eigenen kleinen Comic-Verlag. Mit zweiundzwanzig war er einer der produktivsten und gefragtesten Comiczeichner in New York. Diese frühe Geschäftstüchtigkeit war charakteristisch für ihn. Eisner war nicht nur Künstler, sondern auch Unternehmer, Verleger, Arbeitgeber und ein Theoretiker seiner eigenen Praxis. Diese vielseitige Rolle hob ihn von fast allen anderen Autoren seiner Zeit ab. Für ihn war das Comic eine Institution, die professionelle Standards, wirtschaftliche Nachhaltigkeit und intellektuelle Würde erforderte.

Will Eisner lässt den Spirit über seine Arbeit nachdenken.

Das Jerry-Iger-Studio, das Eisner in den späten 1930er-Jahren zusammen mit Jerry Iger gründete, gilt als die erste industriell organisierte Produktionsstätte für Comics in den USA. Dieses Atelier spezialisierte sich darauf, im Auftrag von Verlagen Comicseiten zu erstellen und dabei verschiedene Rollen wie Zeichner, Tuscher, Letterer und Koloristen voneinander zu trennen. Diese arbeitsteilig organisierte Struktur des Ateliers wurde zum Standard in der amerikanischen Comicindustrie und ist, in leicht abgewandelter Form, bis heute präsent. Eisner hat damit nicht nur die Industrieform des Mediums, sondern auch dessen ästhetische Gestalt mitgeprägt.

Die Erfindung eines Vokabulars

Der Comic „The Spirit“, den Eisner von 1940 bis 1952 für die Sonntagsbeilage schuf, ist das Werk, mit dem sein Name erstmals in der Comicgeschichte verankert wurde. Trotz seiner großen Bedeutung wird das volle Ausmaß dieses Werks oft erst im Nachhinein erkannt. In seiner ursprünglichen Rezeption war „The Spirit“ ein beliebter Zeitungscomic über einen maskierten Detektiv namens Denny Colt. Nach einem vorübergehenden Scheintod kehrte er als der Spirit zurück, um in einer namenlosen amerikanischen Metropole Verbrechen zu bekämpfen. Diese äußere Handlung folgt dem Genre-Standard.

Der wahre Kern dessen, was unter dieser Oberfläche schlummert, ist der Grund, weshalb jede Geschichte des Comicmediums ihren Ursprung bei The Spirit hat. Eisner machte sich die Sonntagsbeilage zunutze. Das war ein Format, das ihm wöchentlich acht bis sechzehn Seiten zur Verfügung stellte, mit einem festen Leserschaft und frei von den inhaltlichen Einschränkungen klassischer Kindercomics. Diese Plattform diente ihm als Experimentierfeld für die umfassende Neuerfindung der Comicsprache. In den zwölf Jahren, in denen er daran arbeitete, erprobte und teilweise systematisierte er das gesamte Vokabular, das heute die Grundlage des modernen Comics bildet.

Der Titel als Bild: Eisner integrierte den Titelschriftzug „The Spirit“ direkt in die Szene: eingefroren im Schnee, überfahren von einem Auto, als Graffiti an einer Wand oder geformt aus Feuer. Der Titel fungierte als Teil des Bildes.

Eisners Skizzen werden ziemlich teuer verkauft

Die Ganzkörper-Establishing-Shot: Eisner führte die Methode ein, eine Geschichte mit einem Weitwinkelbild zu eröffnen, das den Schauplatz, die Stimmung und die Zeit vermittelt, bevor eine Figur zu Wort kommt. Heute ist das gängige Praxis, doch 1941 war es eine bahnbrechende Neuerung.

Expressionistische Perspektive: Kameraperspektiven, die gegen die damals üblichen Comic-Konventionen verstießen: Der Blick von oben auf Treppen, eine Froschperspektive auf eine bedrohliche Gestalt und der Blick durch ein Schlüsselloch als eigenständige Panel-Form. Eisner erkannte die Bedeutung von Panel-Formen als wesentliche Elemente.

Atmosphäre als Argument: Regen, Schatten, Nebel und das Nachtlicht der Großstadt dienen als emotionale Ausdrucksweise. Jedes Wetterelement und jede Lichtsituation in The Spirit vermittelt eine Botschaft über den inneren Zustand der Szene.

Der Nebencharakter als Protagonist: Viele der eindrucksvollsten Geschichten im Spirit-Universum drehen sich eigentlich gar nicht um den Spirit selbst. Sie erzählen von ganz normalen Menschen, einem Postboten, einer alternden Tänzerin, einem Kleinkriminellen … für die das Spirit-Universum lediglich als Kulisse dient. Diese Verschiebung des Schwerpunkts stellt eine der revolutionärsten Entscheidungen in der Geschichte des Genres dar.

Eisner arbeitete während des Zweiten Weltkriegs an The Spirit, zum Teil, indem er seinen Militärdienst leistete. Er schickte Teile der Serie per Post an sein Atelier in New York, was eine logistische Herausforderung darstellte. Diese meisterte er durch präzise und detaillierte Layoutskizzen, die sein Team direkt umsetzen konnte. Diese Vorgehensweise erforderte eine besondere Klarheit in der visuellen Sprache, was dem Werk zugutekam, da die Anweisungen per Post so eindeutig sein mussten, dass sie ohne direkte Beaufsichtigung korrekt umgesetzt werden konnten.

Die Unterbrechung (oder: Zwanzig Jahre Gebrauchsgraphik)

Im Jahr 1952 beendete Eisner die Serie aus geschäftlichen Gründen, die so komplex waren, dass sie eine eigene industriegeschichtliche Analyse verdienen würden. In den folgenden zwanzig Jahren konzentrierte er sich auf den Bereich der militärischen Gebrauchsgrafik. Er gründete die American Visuals Corporation und stellte im Auftrag des US-Militärs Lehr- und Informationscomics für die Armee her, darunter technische Anleitungen, Sicherheitshinweise und Wartungshandbücher in Comicform. Diese Arbeit war zwar nicht glamourös, hatte aber weitreichende Folgen. Sie zwang Eisner dazu, sich intensiv mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Möglichkeiten Comics als Kommunikationsmedium bieten und wie sie dabei strukturiert sein müssen.

Militärische Gebrauchsgraphik

Diese Phase wird in der Eisner-Rezeption oft übersehen, da sie weder den populären Kultstatus von The Spirit noch die literarische Anerkennung der späteren Comics genießt. Dies ist jedoch ein Versäumnis. Die Jahre, in denen Eisner im Bereich der Gebrauchsgrafik tätig war, prägten seine Überzeugung, dass das Comicmedium eine vollständige Sprache darstellt. Es ist nicht nur eine Form der Unterhaltung oder Kunst, sondern ein Kommunikationssystem mit eigenen grammatikalischen Regeln, die entwickelt, gelehrt und theoretisch beschrieben werden können. Diese Überzeugung legte den Grundstein für die Bücher, die er in den frühen 1980er Jahren veröffentlichte und die dazu beitrugen, das Comicmedium akademisch anzuerkennen (die Eliten und Türsteher sind furchtbar in ihrem Nichtwissen).

Es existiert eine Art von Bildung, die ausschließlich durch praktische Erfahrung entsteht, eine Bildung des Handwerkers, der durch unzählige konkrete Herausforderungen eine eigenständige Theorie des Möglichen entwickelt, die kein theoretisches Studium vermitteln kann. Eisners Phase der Gebrauchsgraphik spiegelt genau diese Bildung wider. Über zwanzig Jahre hinweg beschäftigte er sich täglich damit, wie Bilder und Worte zusammenwirken, um Menschen zu informieren. Am Ende hatte er ein tieferes Verständnis dafür als jeder andere seiner Zeit. Dieses Wissen transformierte er in eine Form, die das Medium selbst veränderte.

Die Erfindung der „Graphic Novel“

1978 veröffentlichte Will Eisner bei einem kleinen Verlag in New York ein Buch, das er auf dem Cover als „graphic novel“ bezeichnete. Obwohl er den Begriff nicht erfunden hatte, hat er ihn entscheidend geprägt. A Contract with God and Other Tenement Stories präsentiert vier miteinander verbundene Erzählungen, die in einem Mietshaus in der Dropsie Avenue in der Bronx der 1930er-Jahre spielen. Die Geschichten behandeln einen frommen Mann, der seinen Glauben verliert, eine Concierge, die Männer geschickt manipuliert, einen Straßensänger, der im Hinterhof auftritt, und die Auswirkungen einer Hitzewelle auf das soziale Gefüge.

A Contract with God in Übersetzung bei Carlsen

Klingt wie Literatur, und genau das ist beabsichtigt. Ein Vertrag mit Gott war das erste amerikanische Comicwerk, das sich bewusst als literarisches Werk bezeichnete und diesem Anspruch auch gerecht wurde. Es richtete sich an Erwachsene, behandelte reale menschliche Erfahrungen ohne den Rahmen eines Genres und besaß sowohl eine sprachliche als auch eine visuelle Qualität, die den Vergleich mit der Kurzprosa seiner Zeit nicht scheuen musste. Es war, um Eisners mittlerweile historische Bezeichnung zu verwenden, eine Graphic Novel. Jetzt hatten auch Snobs endlich einen Begriff, den sie beim Comiclesen in den Mund nehmen konnten.

Ein Vertrag mit Gott“ ist das Werk, das demonstrierte, dass Comics die geeignete Form besitzen, um literarische Ansprüche zu erfüllen: eine Form, die authentische menschliche Erfahrungen darstellt, ohne Verkleidungen, ohne Genreeinschränkungen und ohne die Welten des Fantastischen, vor dem sich viele Menschen fürchten. Es hat eine bedeutende Rolle in der Literaturgeschichte seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1978 gespielt.

Die autobiografische Ebene verleiht dem Werk eine Tiefe, die über jede formale Beschreibung hinausgeht. Die Dropsie Avenue war ein echter Ort, an dem Eisner aufwuchs. Die Charaktere stammen alle aus seinen Erinnerungen. Die erste Geschichte handelt von einem Mann, der seinen Glauben verliert, als sein Adoptivkind stirbt. Eisners eigene Tochter Alice starb 1970 im Alter von sechzehn Jahren an Leukämie. Acht Jahre später wurde Ein Vertrag mit Gott veröffentlicht. Obwohl dieser Zusammenhang nirgendwo explizit dokumentiert ist, ist er dennoch deutlich spürbar.

Eisner setzte seine Arbeit danach fort und veröffentlichte bis zu seinem Tod im Jahr 2005 weitere „Graphic Novels“ wie A Life Force, The Dreamer, Dropsie Avenue: The Neighborhood, The Plot und viele mehr. Diese Werke schöpfen alle aus demselben autobiografischen und sozialen Fundus: dem jüdisch-amerikanischen Einwanderungsleben, der Dropsie Avenue und dem New York der Zwischenkriegszeit. Eine Welt, die in dieser Form nicht mehr existiert und die Eisner durch seine Comics bewahrte. Sein Spätwerk erreicht zwar nicht immer die dichte Präzision seines Debüts, trägt jedoch die beständige Würde eines Mannes, der genau weiß, was er erzählt und warum er es tut.

Die Theorie des Mediums

Im Jahr 1985 veröffentlichte Eisner Comics and Sequential Art, das erste ernstzunehmende theoretische Werk über das Comicmedium, das bis heute als eines der besten gilt. Das Buch basiert auf Lehrveranstaltungen an der School of Visual Arts in New York und bietet eine systematische Analyse der formalen Mittel des Comics: Panel, Gutter, Timing, Körpersprache, der expressive Einsatz von Schrift und die Vermittlung von Zeit durch Bildfolgen. Eisner richtete sich mit diesem Buch an Studierende und Praktiker und nicht an Akademiker, was seine besondere Stärke ausmacht.

Aus: Comics and Sequential Art

Die Analyse ist praxisnah gestaltet: Jede theoretische Aussage wird durch von Eisner selbst gezeichnete Beispiele veranschaulicht, basierend auf einem Erfahrungsschatz aus fünfzig Jahren intensiver Praxis. Das hebt „Comics and Sequential Art“ von den akademischen Comic-Theorien ab, die in den folgenden Jahrzehnten entwickelt wurden. Eisner beschreibt, wie Comics tatsächlich funktionieren, denn er war bei ihrer Entstehung maßgeblich beteiligt.

1993 veröffentlichte Scott McCloud mit Understanding Comics ein einflussreiches und breiter wahrgenommenes Theoriewerk über das Medium. Es zeichnet sich durch seine Zugänglichkeit, Systematik und klare Argumentation aus, die dem Buch von Will Eisner manchmal fehlt. McCloud hat immer betont, dass sein Werk ohne die Vorarbeit von Eisner nicht möglich gewesen wäre. Diese Abhängigkeit geht über eine einfache Höflichkeitsgeste hinaus, denn Eisner stellte die grundlegende Frage, die McCloud dann beantwortete: Was sind Comics, wenn man sie als eigenständiges Kommunikationssystem betrachtet und nicht als Unterkategorie von Film oder Prosa? Dieses Fragenstellen war die eigentliche theoretische Leistung. Wer zuerst fragt, legt den Grundstein.

Die Eisner Awards, die bedeutendsten Auszeichnungen der amerikanischen Comicbranche und seit 1988 jährlich verliehen, tragen nicht ohne Grund seinen Namen. Dies war ein Signal der Branche an sich selbst. Sie erkannte in ihm einen Menschen, der für die höchsten Ehren des Mediums würdig war, weil er sowohl die populäre als auch die literarische Kunst des Comics verkörperte, Theorie und Praxis vereinte und über sechs Jahrzehnte lang unermüdlich für die Anerkennung des Mediums kämpfte. Diese Anerkennung war für ihn nie selbstverständlich, weshalb er sich auch so beharrlich dafür einsetzte.

Das Comic als Sprache, nicht als Stil

Der zentrale Gedanke, der das gesamte intellektuelle Schaffen von Eisner prägt, lässt sich simpel und doch radikal zusammenfassen: Comics sind eine Sprache und eben keine Technik, kein Stil oder eine Gattung. Das bedeutet, dass sie grammatische Regeln besitzt, die aus der Eigenart des Mediums hervorgehen, und diese Regeln können gelehrt werden. Der Gebrauch dieser Regeln stellt keine Einschränkung dar, sondern eine Ermächtigung; das Resultat ihrer richtigen Anwendung geht über Unterhaltung hinaus und vereint Literatur, Philosophie, Geschichte und Zeugenschaft.

Diese Überzeugung prägt die Struktur von Eisners gesamter Karriere. Seine frühe Phase mit The Spirit diente dazu, die Grammatik durch praktische Anwendung zu entwickeln. Die Phase im Bereich grafischer Gebrauchsdesigns stellte diese Grammatik bei realen Kommunikationsanliegen auf die Probe. In der späteren Phase mit den „Graphic Novels“ und seinen theoretischen Werken formulierte er die Grammatik in einer Form, die für andere nutzbar war.

Eisner hatte diese Struktur nie vollständig vorausgeplant. Sie entstand durch das Zusammenspiel von Talent, Gelegenheit, Verlust und Ausdauer. Doch er erkannte sie, sobald sie sichtbar wurde, und lebte bewusst nach ihren Konsequenzen. Er lehrte, veröffentlichte theoretische Werke und unterstützte großzügig die nachfolgende Generation von Comicautoren. Diese Großzügigkeit wurde von seinen Zeitgenossen als außerordentlich beschrieben. Art Spiegelman, Frank Miller und Scott McCloud haben alle betont, wie prägend Eisner nicht nur für ihr Werk, sondern auch für ihre persönliche Entwicklung war.

Der Doppelte Gründer

Will Eisner verstarb am 3. Januar 2005 im Alter von achtundachtzig Jahren in Fort Lauderdale, Florida. Bis kurz vor seinem Tod war er zeichnerisch tätig; sein letztes Projekt, The Plot (Das Komplott), eine Graphic Novel über die Geschichte und den Einfluss der antisemitischen Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“, erschien posthum im Jahr 2006. Als Kind jüdisch-amerikanischer Einwanderer in Brooklyn widmete sich Eisner am Lebensende dem Antisemitismus, der einen prägenden Einfluss auf seine Herkunft hatte. Dieser Abschluss spiegelte ein Lebenswerk wider, das stets von derselben Quelle inspiriert war.

Eisners Rolle in der Comicgeschichte ist einzigartig und bleibt ohne Vergleich. Er war vielleicht nicht der Perfekteste, auch nicht der Einflussreichste, aber er gilt als Pionier, der das Medium gleich zweimal neu definiert hat. Zum einen als populäre Kunst mit eigener formaler Sprache und zum anderen als literarisches Format, das den Vergleich mit jeder Prosa standhält. Diese doppelte Definition über vier Jahrzehnte hinweg, zusammen mit einer Phase praktischen Arbeitens, die selbst lehrreich war, ist ein einzigartiges Phänomen in der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Grendel – Das Böse wählt

grendel

Das Böse als Idee

Unter den Figuren dieser Dokumentationsreihe ragt Grendel als das wohl radikalste konzeptionelle Experiment hervor. Grendel ist mehr ein Prinzip als eine Person, verkörpert weder den Helden noch den Schurken, sondern erscheint als eine Art Geist des Bösen, der von Mensch zu Mensch und von Epoche zu Epoche wandert. Dabei prägt er nicht nur jene, die ihn aufnehmen, sondern wird gleichzeitig auch von ihnen geprägt. So entfaltet sich eine Erzählung, die sich über Jahrtausende hinweg spannt, von der Gegenwart bis in eine ferne und düstere Zukunft.

Matt Wagners Grendel hatte 1982 einen Kurzauftritt im Comico Primer #2, einer Anthologie des kleinen Verlags Comico Comics, in der unbekannte Autoren ihre Figuren vorstellten. Der erste Eindruck war wenig berauschend: ein in Schwarz gekleideter Killer mit einer zweiköpfigen Gabelwaffe, der nachts Verbrechen beging. Es deutete wenig darauf hin, dass aus diesem Auftritt eines der ambitioniertesten Comicprojekte der amerikanischen Indie-Geschichte werden würde. Das wusste selbst Wagner zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Der Name

Matt Wagner, der Langstreckenläufer des Indie-Comics

Matt Wagner – Schöpfer, Autor, Zeichner

Bereits als Student begann Wagner mit der Arbeit an Grendel, ein Projekt, das zunächst unfertig und tastend wirkte, geprägt von einem ausgeprägten Gespür für Dunkelheit, das seiner technischen Reife noch voraus war. Was Wagner jedoch von anderen unabhängigen Autoren seiner Generation abhob, war seine Ausdauer und die Bereitschaft, ein langfristiges Werk zu schaffen: Über Jahrzehnte widmete er sich diesem Projekt, ließ einzelne Epochen von anderen Autoren und Zeichnern gestalten und behielt dennoch die konzeptionelle Leitung. So erschuf er ein umfassendes Universum, das sich über die gesamte Zukunft der Menschheit erstreckt.

Die Comico-Ära im Kontext der Indie-Comics von 1982

Comico Comics war Teil einer aufstrebenden Welle kleiner, unabhängiger Verlage, die Anfang der 1980er Jahre durch das Direct-Market-System an Bedeutung gewannen. Dieses Vertriebsnetz, das sich auf spezialisierte Comicläden fokussierte, ermöglichte es Verlagen, unabhängig von den herkömmlichen Vertriebswegen an Zeitungskiosken zu operieren. Neben Comico gehörten auch Verlage wie Pacific Comics und Eclipse Comics zu diesem Trend. Dank dieser neuen Struktur konnten innovative Werke wie Wagners Grendel oder später Kirkmans Invincible entstehen, die in der traditionellen Verlagswelt kaum eine Chance gehabt hätten.

Wagners Entwicklung als Autor über die Grendel-Jahrzehnte hinweg ist eine Geschichte für sich, die es verdient, erzählt zu werden. Der frühe Wagner arbeitete noch an den Hunter-Rose-Geschichten, gezeichnet in einem manchmal hastig wirkenden Schwarzweiß. Hier war noch die Energie und Direktheit zu spüren, die in seiner reiferen Phase manchmal verloren geht. Der spätere Wagner, der die Kontrolle an andere Autoren abgab und selbst nur noch als konzeptionelle Instanz fungierte, zeigte eine in der Indie-Comicwelt seltene Souveränität: die Bereitschaft, das eigene Kind loszulassen, damit es wachsen kann.

Der erste Wirt

Hunter Rose

Hunter Rose ist die Figur, mit der Grendel beginnt, und für viele Leser ist er DER Grendel, obwohl er nur einer von vielen Trägern dieses Namens ist. Rose ist ein Wunderkind: hochbegabt, schön, mit einer Eleganz, die an Oscar Wilde erinnert, und einem Humor, der niemals nachlässt, selbst dann nicht, wenn er tötet. Er ist Schriftsteller, wird gefeiert und gelesen und ist Teil der Gesellschaft. Nachts ist er Grendel, der gefürchtetste Verbrecherkönig der Stadt. Er kämpft mit einer Zweizackwaffe und zwingt dem Verbrechenssyndikat der Stadt seine eigene Ordnung auf.

Was Hunter Rose zu einer der spannendsten Figuren des amerikanischen Comics macht, ist die Absolutheit seiner Widersprüche. Er ist kein Mensch, der nachts zum Verbrecher wird, er ist beides gleichzeitig, ohne Kompromisse. Der Schriftsteller Hunter Rose ist genauso real wie der Verbrecherkönig Grendel. Beide sind er. Und beide zusammen sind etwas, das das Böse durch seine Intelligenz verkörpert.

Hunter Rose · Das Paradox

Die wichtigste Beziehung in Hunters Leben ist die zu Stacy Palumbo, einem Mädchen, das er adoptiert hat und das er so sehr liebt, wie er eben kann. Letztlich ist es Stacy, die sein Ende herbeiführt. Stacy entdeckt, wer Hunter wirklich ist und versucht, ihn zu verraten. Und Hunter, der sonst alles kontrolliert, trifft auf etwas, das er nicht kontrollieren kann: echte menschliche Zuneigung, die sich gegen ihn wendet. Er stirbt durch das Einzige, das er je liebte. Das ist in seiner Tragik ein Stoff, den die griechische Dramatik nicht eleganter hätte konstruieren können.

Grendel als Idee

Was Grendel von allen anderen Figuren dieser Dokumentationsreihe unterscheidet, ist die konzeptionelle Prämisse, die Wagner im Laufe der Serie entwickelte. Grendel ist kein Mensch. Er ist ein Geist, eine Idee des Bösen, eine Kraft, die Träger sucht und findet, von jedem Träger Besitz ergreift und ihn verändert. Nach dem Tod oder dem Scheitern des Wirts geht sie zum nächsten über, in die nächste Epoche.

Diese Prämisse ermöglichte Wagner etwas, das im Superhelden-Genre strukturell unmöglich ist, nämlich eine Geschichte zu erzählen, die sich über Jahrhunderte erstreckt, ohne an eine einzige menschliche Figur gebunden zu sein. Hunter Rose ist Grendel in den 1980ern. Christine Spar ist Grendel in einer nahen Zukunft. Brian Li Sung ist Grendel kurz danach. Eppy Thatcher ist Grendel in einer anderen Form. Und in den Zukunftsepochen des Grendel: War Child und Grendel: Devil by the Deed-Zyklus ist Grendel zu einem politischen System, zu einer Weltreligion, zu einer planetarischen Kraft geworden.

Wagner stellte die Frage: Was, wenn das Böse kein einzelner Schurke ist, den man einfach besiegen kann? Was, wenn es sich um eine Idee handelt; und Ideen nicht mit dem Tod derjenigen verschwinden, die sie erschaffen haben?

Das ist also eine Frage, die das Superhelden-Genre strukturell vermeidet, da es auf der Annahme basiert, dass das Böse durch Personen verkörpert wird, die besiegt werden können. Grendel aber sagt: Vielleicht ist das Böse eine in der menschlichen Natur liegende Möglichkeit, die sich jeden Träger sucht, den sie braucht. Das ist eine pessimistische Weltanschauung, die Wagner auch nicht verschönt.

Von der Gegenwart in die Zukunft der Menschheit

Hunter Rose

Erster Wirt · Gegenwart

Verbrecherkönig, Schriftsteller, Wunderkind. Die reinste und eleganteste Inkarnation. Wagner zeichnet selbst.

Eppy Thatcher

Vierter Wirt

Ein Priester, der zur Gewalt gezwungen wird. Grendel als religiöses und moralisches Trauma. Wagner beginnt, die Idee kosmisch zu dehnen.

Christine Spar

Zweiter Wirt · Nahe Zukunft

Hunters Enkelin, Journalistin. Sie nimmt die Maske auf, um ihren entführten Sohn zu finden. Grendel als Reaktion auf Verlust – und als Falle.

Orion Assante

Ferner Wirt · Zukunft

Ein Politiker, der Grendel als Machtprinzip übernimmt. Grendel als politische Ideologie, das Böse institutionalisiert sich und wird zu dem, was wir heute kennen.

Brian Li Sung

Dritter Wirt

Christines Geliebter, der die Maske gegen seinen Willen übernimmt. Grendel als Fluch, als unfreiwillige Übertragung.

Grendel Prime

Fernste Zukunft

Ein kybernetischer Kämpfer in einer Welt, in der Grendel zur Weltreligion wurde. Das Böse als System, als Zivilisation, als das Einzige, was bleibt.

Die Reise durch diese unterschiedlichen Epochen bildet das zentrale Element von Wagners Werk und hebt sich hinsichtlich ihrer strukturellen Kühnheit von allem ab, was im amerikanischen Comic zu finden ist. Wagner zeigt, wie sich Grendel im Laufe der Zeit von einer individuellen Manifestation von Brillanz und Gewalt über ein dynastisches Vermächtnis hin zu einer politischen Ideologie und schließlich zu einer globalen Religion wandelt. Jede dieser Transformationen bietet eine tiefgehende Reflexion über die Natur des Bösen. Sie veranschaulicht, wie das Böse an wahrnehmbarer Bedrohung verliert, sobald es in Institutionen eingebettet wird, wie es an Grazie einbüßt, wenn es immer mehr Macht erlangt, und letztlich, wie es zu einer allumfassenden Struktur wird, die niemand mehr als böse erkennt, schlicht weil sie zur einzigen verbliebenen Realität geworden ist.

Das Werkzeug

Bident

Grendels Waffe ist eine zweiköpfige Gabel, auch Bident genannt. Sie ist mit Neptuns Dreizack verwandt, jedoch asymmetrisch und somit eine Waffe der Wendigkeit statt der Kraft. Sie ist das visuelle Erkennungszeichen der Figur durch alle ihre Inkarnationen. Hunter Rose trägt sie mit der Eleganz eines Fechters, Christine Spar mit der Verzweiflung einer Suchenden und Grendel Prime mit der Mechanik eines Kriegers. Dieselbe Waffe, drei völlig verschiedene Arten, sie zu halten.

Die Wahl des Bidents ist keine zufällige Ästhetik. Sie verbindet die Figur mit einer sehr alten Tradition der Unterwelt-Symbolik: Der Dreizack gehört Poseidon, dem Herrn des Meeres. Der Bident gehört Hades, dem Herrn der Untoten. Grendel ist damit visuell in einer Mythologie des Todes und der Unterwelt verankert, die Hunter Roses elegante Oberfläche untergräbt. Er ist in der Tiefe, ein Wesen des Todes.

Schwarzweiß als Moral und Farbe als Verfall

Die frühen Geschichten von Grendel, in denen Matt Wagner selbst die Schwarzweiß-Zeichnungen für Hunter Rose anfertigte, spiegeln eine klare, kontrastreiche Welt wider. In dieser Realität sind die Moralvorstellungen eindeutig. Schwarz und Weiß stehen dabei für das Böse und das Andere, für Eleganz und Brutalität. Ein Zwischenbereich existiert hier nicht, Grautöne fehlen vollständig.

Mit dem narrativen Fortschreiten der Serie und dem Wechsel zu zukünftigen Epochen ändert sich jedoch nicht nur die Farbpalette, sondern auch das moralische Gefüge. Die neue Ästhetik ist farbig, aber keineswegs lebendig. Stattdessen dominieren gedämpfte, industrielle Töne und hin und wieder ein schockendes Rot. Die Welt, in der Grendel zur Weltreligion geworden ist, vermittelt den Eindruck von erstorbener Vitalität, einer Existenz also, die nicht mehr lebt, sondern nur noch mechanisch funktioniert.

Dies ist eine der subtilsten Aussagen Wagners über die Natur des Bösen. In seiner reinsten Form, verkörpert in Hunter Rose, hat es eine ästhetische Schärfe, die verführt. Wird es jedoch institutionalisiert und zu einer Religion oder einem politischen System, verliert es diese Schärfe, und gewinnt dabei eine Unentrinnbarkeit, die schlimmer ist als alle Eleganz.

Die zweite Trägerin

Christine Spar ist Hunters Enkelin, allerdings nicht biologisch, sondern durch Stacy Palumbo, das Mädchen, das Hunter adoptiert hatte und nach dessen Tod ebenfalls adoptiert wurde. Sie ist Journalistin, hat ein Kind und lebt ein normales Leben. Doch dann verschwindet ihr Sohn, entführt von einem Vampir-Entertainerkult in einer nahen Zukunft, in der solche Dinge existieren.

Christine findet Hunters Waffe, seine Aufzeichnungen und das Kostüm. Und sie entscheidet sich, es anzulegen, weil sie ihr Kind zurückwill. Das ist Wagners eleganteste Aussage über die Übertragbarkeit des Bösen. Es braucht keine Korruption, keine Gier und keine Bösartigkeit. Es braucht nur genug Verzweiflung. Grendel wartet auf den Moment, in dem jemand bereit ist, alles zu tun, und dann ist es bereits zu spät.

Christine findet ihr Kind, verliert dabei jedoch sich selbst. Ihre Geschichte gipfelt in der Frage, was bleibt, wenn man das Werkzeug des Bösen einsetzt, um Gutes zu erreichen: eine Frau, die nicht mehr weiß, wer sie ist, weil Grendel inzwischen ein unverzichtbarer Teil von ihr geworden ist. Es ist die emotionalste und menschlichste Erzählung des gesamten Grendel-Zyklus, denn im Gegensatz zu Hunter Rose hat Christine niemals bewusst entschieden, böse zu sein.

Die Quellen des Bösen

Grendel sitzt an einer Kreuzung mehrerer literarischer Traditionen, und Wagner hat keine von ihnen verschleiert. Der Name selbst verweist auf Beowulf, das älteste überlieferte Epos der englischen Literatur, in dem Grendel das Monster ist, das von außen kommt und die menschliche Ordnung zerstört. Wagners Grendel invertiert das. Sein Grendel kommt nicht von außen, er kommt von innen. Das Monster ist nichts Fremdes, es ist eine menschliche Möglichkeit.

Die Verbindung zu Nietzsche bleibt unausgesprochen, ist jedoch strukturell deutlich spürbar. Hunter Rose verkörpert den Übermenschen im Sinne Nietzsches, jenseits herkömmlicher Moralvorstellungen, ausgestattet mit einer außergewöhnlichen Stärke und Intelligenz, die allen gängigen Maßstäben entwachsen. Wagners Zyklus zeigt dabei auf, welche Folgen es hat, wenn der Übermensch institutionalisiert wird. Er verfällt zum System, verliert seine Individualität und verwandelt sich in eine Ideologie. Für Nietzsche wäre dies wohl ein Verrat an seinem Konzept gewesen. Wagner hingegen betrachtet es als unausweichliche Konsequenz.

Die Verbindung zu Miltons Satan, dem elegantesten und überzeugendsten personifizierten Bösen der englischsprachigen Literatur, ist bei Hunter Rose am deutlichsten spürbar. Wie Miltons Satan ist Hunter Rose von einer Intelligenz und einem Charisma, die den Leser verführen, auf seiner Seite zu stehen. Damit entsteht ein ähnliches Unbehagen wie bei Milton. Wenn das Böse so überzeugend ist, was sagt das über den Leser aus, der es bewundert?

Das Böse als System

Grendel ist im amerikanischen Comic ein besonders überzeugendes Beispiel dafür, dass das Böse nicht an eine einzelne Person gebunden ist. Diese These stellt das Genre auf den Kopf, denn wenn das Böse keine Person darstellt, kann man es nicht direkt besiegen. Stattdessen kann es nur erkannt, verstanden und womöglich daran gehindert werden, sich weiterzuverbreiten.

Wagner entwickelte dieses Argument über vier Jahrzehnte hinweg mit einer Konsequenz, die im Indie-Comic einzigartig ist. Er ließ das Böse wachsen, sich institutionalisieren und zur Religion sowie zur planetarischen Kraft werden. In Devil’s Odyssey lässt er es schließlich als letzten Repräsentanten einer ausgestorbenen Spezies ins Universum hinaus, auf der Suche nach einem neuen Planeten, den es heimsuchen kann. Das ist eine Trauergeschichte darüber, was von der Menschheit übrig bleibt, wenn man das Böse bis zum Ende denkt.

Dass Grendel nie den kommerziellen Durchbruch im Mainstream schaffte, ist keine Überraschung. Wir haben hier eine Figur, die von einem kleinen Verlag stammt, bei einem anderen kleinen Verlag fortgesetzt, nie verfilmt, nie Teil einer Animationsserie war und nie von einem der großen Verlage übernommen wurde. Sie existiert in dem Raum, den Image Comics für Spawn, Fantagraphics für seine Literaturcomics und das Indie-System generell für kompromisslose Werke freihält.

Das Böse sucht immer weiter

Hunter Rose liegt längst unter der Erde. Christine Spar ist gestorben. Brian Li Sung ist fort. Ein Wirt nach dem anderen hat seinen Weg beendet, und Grendel hat sich immer weiterentwickelt, hat sich verändert, hat sich zu einer Institution erhoben, hat Religionen, Kriege und ganze Zivilisationen überdauert. Schließlich hat das Wesen den Planeten verlassen, um im Universum nach einem neuen Ort zu suchen, an dem es wieder sein kann, was es stets war: eine lauernde Möglichkeit.

Matt Wagner startete 1982 als Student damit, einen coolen, schwarz gekleideten Killer zu zeichnen. Was er über die nächsten vier Jahrzehnte hinweg erschuf, ist ein Werk von beeindruckender Konsequenz, das im Independent-Comic-Bereich seinesgleichen sucht. Es stellt das wohl tiefgründigste und gleichzeitig düsterste Argument über die Natur des Bösen dar, das das Medium je hervorgebracht hat. Dabei gelingt es ihm, diese Thematik in einer Form zu präsentieren, die unterhält, fasziniert und letztlich beängstigt, nicht zuletzt, weil Grendel so erschreckend überzeugend ist.

Das ist das Paradox, mit dem Wagner von Anfang an arbeitete und das er nie auflöste: Das Böse ist faszinierend. Das ist sein Werkzeug. Und wer es faszinierend findet, hat bereits ein Stück davon in sich.

Jeff Lemire: Der Kartograph der Einsamkeit

Jeff Lemire

Ein Blick auf den Mann, der die ländliche Stille in einen der eindrucksvollsten Schauplätze des zeitgenössischen Comics verwandelt hat.

Essex County und die Geographie der Stille

Jeff Lemire wurde 1976 in Essex County, Ontario, geboren, jenem flachen, weitläufigen und wenig glamourösen Landstrich am Nordufer des Lake Erie in Kanada, der geprägt ist durch Weite, Stille und der spezifische Melancholie kleiner Gemeinschaften, in denen alle einander kennen. Essex County ist ein gewöhnlicher Ort, doch in Lemires künstlerischem Schaffen steht genau diese Gewöhnlichkeit als unerschöpfliche Quelle von Tiefe und Bedeutung im Mittelpunkt.

Diese Überzeugung ist im Medium des Comics eine Seltenheit, da dieses strukturell oft dem Außergewöhnlichen zugeneigt ist: Superkräften, kosmischen Gefahren und historischen Ausnahmeereignissen. Lemire hat sie nie aufgegeben, weder in seinen unabhängigen Werken, in denen sie unverstellt zum Tragen kommt, noch in seinen Mainstream-Arbeiten für Marvel und DC, in denen sie als Unterströmung spürbar bleibt und manchmal gegen die Erwartungen des Genres verstößt. Lemire ist ein Autor der stillen Gesten, der ausgedehnten Pausen und jenes unbeantworteten Blicks zwischen zwei Figuren. Diese besonderen Qualitäten hat er in ein Medium eingebracht, das seinen Reiz oft aus Gewaltexplosionen und Spektakel bezieht.

Lemire erhielt seine Ausbildung an der Sheridan College School of Animation in Oakville, Ontario. Die dort erlernten Techniken beeinflussten seinen Zeichenstil, ohne ihn jedoch zu glätten oder zu perfektionieren. Was seine Bildsprache besonders auszeichnet, ist ihre bewusst beibehaltene Unvollkommenheit, ob nun die leicht zitternden Linien, die groben Schraffuren, oder die anatomisch ungenauen Figuren, die gerade dadurch eine tief menschliche Ausstrahlung entwickeln. Diese Ästhetik erinnert an das visuelle Pendant einer handgeschriebenen Notiz im Vergleich zum gedruckten Text. Alles wirkt direkter, persönlicher und ist spürbar von der Hand des Künstlers geschaffen.

Das Fundament und seine drei Schichten

Essex County (Top Shelf Productions, 2007–2008) ist das dreibändige Graphic-Novel-Werk von Jeff Lemire über das Leben in seiner Heimatregion. Dieses Werk markierte den Durchbruch des Autors und wird oft als sein vollständigstes Schaffen angesehen, trotz aller späteren Veröffentlichungen. Es ist in drei Teile gegliedert – „Tales from the Farm”, „Ghost Stories” und „The Country Nurse” –, die zunächst eigenständige Erzählungen zu sein scheinen. Ein Junge lebt nach dem Tod seiner Mutter bei seinem Onkel auf einer Farm, ein alter Hockeyprofi versinkt in Demenz und kann Vergangenheit und verpasste Entscheidungen nicht trennen, eine Krankenschwester, die durchs ländliche Essex County fährt, dabei Menschen begegnet und allmählich die unsichtbaren Verbindungen zwischen ihnen erkennt. Erst am Ende enthüllt sich, dass alle drei Geschichten in einem einzigen Geflecht aus Familien, Verlusten und zeitübergreifenden Abhängigkeiten verankert sind.

Was Essex County aus dem Rahmen des klassischen Autorencomics heraushebt, ist die beeindruckende Feinfühligkeit, mit der das emotionale Spektrum gestaltet wird. Jeff Lemire gelingt es, Sentimentalität zu umgehen, obwohl sie ihm thematisch gut zu Gesicht stünde, indem er sich einer strengen und reduzierten Erzählweise bedient. In Ghost Stories etwa wird die schmerzhafte Sehnsucht des gealterten Eishockeyspielers Lou Lebeuf nach seinem längst verstorbenen Bruder Wendell nicht durch tränenreiche Gefühlsausbrüche illustriert, sondern durch leises Schweigen. Ein besonders eindringliches Beispiel hierfür ist eine Szene, in der Lou allein auf seiner Veranda sitzt. Es passiert scheinbar nichts, während lediglich die Zeit verrinnt, und doch wird die tiefe Leere in der Umgebung und in seiner Seele zugleich spürbar.

Diese besondere Gestaltung der Seiten (die bewussten Pausen, das leere Panel, das Einsetzen von Stille als erzählerisches Element) gehört zu Lemires herausragendsten Leistungen als Comicautor. Comics besitzen die einzigartige Fähigkeit, Stille auf eine Weise darzustellen, die Filmen verwehrt bleibt. Während Filme in ständiger Bewegung sind und Stille daher nur zeitlich begrenzt existieren kann, bietet das Comic die Möglichkeit des Verweilens. Eine leere Seite hält so lange an, wie der Leser es wünscht. Genau dieses Potenzial erkennt Lemire und setzt es mit einer Konsequenz um, die im Mainstream-Comic nur selten anzutreffen ist.

Sweet Tooth und die Post-Apokalypse als Familiengeschichte

Sweet Tooth (DC/Vertigo, 2009–2013, vollständig von Jeff Lemire geschrieben und gezeichnet) zeigt eindrucksvoll, dass Lemires persönliche, intime Erzählweise auch in einem Genre-Setting nicht verloren geht, sondern vielmehr eine neue Ausdrucksform findet. Die Handlung spielt in einer postapokalyptischen Welt, die von einer rätselhaften Seuche heimgesucht wurde, welche die Menschheit stark dezimiert hat. Gleichzeitig werden neue Kinder als hybride Wesen aus Mensch und Tier geboren. Im Zentrum steht Gus, ein junges Hirschkind, das abgeschottet mit seinem Vater im Wald gelebt hat. Nach dem Tod seines Vaters ist Gus gezwungen, sich einer harten und gefährlichen Außenwelt zu stellen. Während die Geschichte vordergründig als Science-Fiction erscheint, entfaltet sie sich im Kern als tiefgreifende Erzählung über Themen wie Vaterschaft, Kindheit, Schutz und die Unausweichlichkeit des Scheiterns dieses Schutzes.

Jeff Lemires Entscheidung, Sweet Tooth selbst zu illustrieren, statt, wie bei späteren Mainstream-Projekten, mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten, zählt zu seinen prägendsten künstlerischen Weichenstellungen. Sein Zeichenstil, der in Essex County die Textur realer Landschaften einfangen konnte, nimmt in Sweet Tooth eine gänzlich andere Gestalt an. Er wirkt wärmer, sanfter und folgt fließenden, organischen Linien. Dadurch entsteht um die Figur des Gus, dessen Hörner und die großen, unschuldigen Augen eine kindliche Anmutung verleihen, eine zärtliche Verletzlichkeit, welche die brutale Welt um ihn herum umso deutlicher kontrastiert. Diese Spannung zwischen der sanften Ästhetik der Zeichnungen und der Gewalt des Inhalts entfaltet zugleich ein tiefgreifendes formales Statement. Sie verdeutlicht, dass das Kindliche und das Schreckliche nicht nur nebeneinander existieren, sondern einander auf gewisse Weise bedingen.

Sweet Tooth ist die authentischste Erzählung über Kindheit, die das Comicmedium in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat. Denn sie versteht, was Kindheit im Innersten auszeichnet: jene Phase, in der man noch daran glaubt, dass Schutz tatsächlich existiert.

Die Serie folgt dem klassischen Muster einer Reiseerzählung durch eine postapokalyptische Welt, in der Gus bei jeder Etappe neuen Gefahren begegnet und gelegentlich eine weitere Bezugsperson findet. In ihrer Grundstruktur ist die Geschichte archetypisch angelegt: ein Kind, das nach Schutz sucht, ein Weg, der eine Art Initiation darstellt, und Begleiter, die eine vorübergehende Familie bilden. Lemire weicht von diesem Aufbau nicht ab, weil er auf dessen Wirkkraft vertrauen kann. Er weiß, dass Archetypen ihre Stärke daraus ziehen, dass sie tief in der menschlichen Erfahrung verwurzelt sind. Allerdings erweitert Lemire diese Struktur um ein entscheidendes Element: das Bewusstsein für ihre Grenzen. Sweet Tooth endet nicht in einem triumphalen Finale, wie es die Genre-Konvention oft diktiert.

Arbeit im Auftrag als künstlerische Praxis

Jeff Lemires Mainstream-Werke für Marvel und DC, zu denen Animal Man (DC, 2011–2014), Green Arrow (DC, 2013), Moon Knight (Marvel, 2014–2015, illustriert von Greg Smallwood), Old Man Logan (Marvel, 2016–2018) sowie Black Hammer (Dark Horse, ab 2016) zählen, stellen die facettenreichste und qualitativ uneinheitlichste Phase seiner Karriere dar. Diese Arbeiten erfordern eine andere Art der Wertschätzung als seine unabhängigen Projekte, da sie unter gänzlich anderen Rahmenbedingungen entstanden sind: Sie basieren auf fremden Figuren, wurden von den Erwartungen großer Verlage geprägt und in Zusammenarbeit mit Künstlern umgesetzt, deren Stil nicht Lemires eigener ist.

Zur Frage der Kollaboration

Die überzeugendsten Mainstream-Werke von Lemire entstehen vor allem dann, wenn er nicht nur für die Illustration verantwortlich ist, sondern gleichwertig am kreativen Prozess beteiligt wird. Dies erfordert sowohl Vertrauen als auch die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben. Für einen Autor wie Lemire, der seine stärksten Arbeiten aus seiner eigenen Feder schöpft, ist diese Fähigkeit etwas, das erst im Laufe der Zeit entwickelt werden muss.

Moon Knight mit Greg Smallwood zählt zu den herausragendsten Arbeiten von Jeff Lemire im Mainstream-Bereich und gehört zu den besten Superheldencomics des frühen 21. Jahrhunderts. Die Erzählung über eine Hauptfigur mit dissoziativer Identitätsstörung beeindruckt durch ihre konsequente formale Umsetzung, bei der die psychologische Zerrissenheit des Protagonisten auch in die Struktur der Seiten selbst übergeht. Smallwoods Layouts sind fragmentiert, geometrisch in ihre Einzelteile zerlegt und lösen sich in Momenten der Dissoziation komplett auf. Diese visuelle Darstellung bildet ein perfektes Gegenstück zu Lemires inneren Monologen, die die Unschärfe und Mehrdeutigkeit der Wahrnehmung sprachlich einfangen. Das Ergebnis ist eines der formal ambitioniertesten Werke, die das Marvel-Universum je hervorgebracht hat.

Black Hammer (erschienen bei Dark Horse ab 2016, illustriert von Dean Ormston) ist Jeff Lemires persönlicher Kommentar zum Superheldengenre und zugleich das Werk, in dem er seine ambivalente Haltung dazu mit einer Mischung aus Distanz und Zuneigung am klarsten offenbart. Die Geschichte folgt einer Gruppe gealterter Superhelden, die nach einem epischen Kampf in einem kleinen, abgelegenen Dorf gestrandet sind. Gefangen an diesem mysteriösen Ort, können sie weder entkommen noch ihre Kräfte nutzen, während sie langsam altern und ein scheinbar gewöhnliches Leben führen, eingesperrt in eine Normalität, die sie weder verstehen noch als befreiend empfinden. Das Bild des Superhelden, der das Alltägliche nicht als Rettung, sondern als Strafe wahrnimmt, ist gleichermaßen melancholisch wie prägnant. Es fungiert zugleich als eine Art Selbstreflexion des Autors. Während Lemire das Gewöhnliche als die eigentliche Quelle von Bedeutung betrachtet, erschafft er Figuren, die dazu nicht imstande sind, und wirft damit die Frage auf, was verloren geht, wenn man die Welt nur noch durch die Linse des Ausnahmezustands betrachten kann.

Descender, Roughneck und die Skala der Einsamkeit

Descender, Jeff Lemire #1 Variant

Descender (Image Comics, 2015–2018), illustriert von Dustin Nguyen, ist Jeff Lemires bislang umfangreichstes Science-Fiction-Projekt. Die Handlung dreht sich um den Kinderroboter TIM-21, der in einem Universum existiert, das von anti-maschineller Paranoia erschüttert wird, nachdem riesige mechanische Wesen die bewohnten Planeten angegriffen haben. Auf den ersten Blick erscheint Descender als klassische Space Opera, doch in seinem Kern greift es eines von Lemires wiederkehrenden Motiven auf: die Erkundung dessen, was es bedeutet, ein Außenseiter zu sein, ein Wesen, das aus der Norm fällt, nicht hineinpasst und wiederholt daran gehindert wird, einen Platz der Zugehörigkeit zu finden.

Tim-21 kann als Jeff Lemires Entsprechung zu Mike Mignolas Hellboy gesehen werden. Eine Existenz, die sich über ihre ursprüngliche Bestimmung erhebt, Entscheidungen gegen ihre vorprogrammierte Natur trifft und dadurch ihre wahre Menschlichkeit zum Ausdruck bringt. Der entscheidende Unterschied zur Figur Hellboys liegt jedoch im Tonfall. Während Mignola sich stark auf das Mythische stützt, bewegt sich Lemire im besten Sinne des Wortes auf einer emotionaleren Ebene. Er erkundet einen Bereich, in dem Gefühle in ihrer ganzen Intensität zugelassen werden, samt der Risiken und Verletzlichkeit, die damit verbunden sind.

Roughneck – Das unbekannte Meisterwerk

Im weiteren Sinne hat Roughneck eine tiefere Bedeutung. Hier wird Jeff Lemires Herkunft aus dem ländlichen Ontario als moralischer Orientierungspunkt genutzt. Die Weite der kanadischen Landschaft wird in diesem Werk aber nicht verklärt oder romantisiert; sie wirkt teilnahmslos und neutral, bringt also weder Trost noch Spannung mit sich. Sie ist schlicht da, und genau in dieser Gleichgültigkeit spiegelt sich das Innenleben des Protagonisten wider. Derek existiert, ohne zu wissen, wofür.

Das Gewöhnliche als Abgrund

Lemires ästhetische Haltung lässt sich in einem Gedanken zusammenfassen, den er zwar nie wörtlich geäußert, der sich jedoch deutlich in seinem Werk zeigt. Das Gewöhnliche steht nicht im Gegensatz zum Abgrund. Es ist der Ort, an dem der Abgrund am tiefsten ist. Die tiefgreifendsten Verluste, die schmerzhaftesten Brüche und die erdrückendste Einsamkeit manifestieren sich nicht in den außergewöhnlichen Momenten der Superheldenwelt, sondern vielmehr in alltäglichen Szenen. In Küchen, auf Veranden oder an Küchentischen, wo Menschen stumm nebeneinander sitzen, unfähig, in Worte zu fassen, was sie wirklich empfinden.

Diese Überzeugung hat Lemire zu einem der eigenwilligsten Autoren im modernen Comicmedium gemacht, und zu einem der nicht leicht zu vermarkten ist. Seine unabhängigen Werke sind alles andere als leicht verdaulich. Sie fordern vom Leser die Fähigkeit, sich auf Stille einzulassen, Langsamkeit nicht als Mangel zu deuten und das Ungeklärte als wesentlichen Teil der Antwort zu akzeptieren. Das Publikum, das diese Bereitschaft mitbringt, ist kleiner als die Zuschauermenge, die sich für Superhelden-Blockbuster begeistert, ein Umstand, dessen sich Lemire völlig bewusst ist. Trotzdem bleibt er seinem unverkennbaren Stil treu. Er erzählt von der Würde des Alltäglichen und davon, wie es dargestellt wird.

Lemire hat ein unverstelltes und authentisches Verhältnis zu seiner eigenen Biografie. Essex County ist sowohl der Ort seiner Geburt, als auch die Essenz seines imaginativen Schaffensraums. Sein Vater, die Kindheit auf dem Land, die Eishockeyspieler seiner Jugend und die Landschaft, die man nicht wegen ihrer Schönheit liebt, sondern wegen der Erfahrungen, die man in ihr gemacht hat, bilden das Fundament seiner Erzählungen. Ganz gleich, ob die Geschichten in einer kanadischen Kleinstadt oder im Weltraum spielen, diese autobiografische Verankerung verleiht seinem Werk eine einzigartige Tiefe. Es entzieht sich der einfachen Kategorisierung als Fiktion und wird vielmehr zu einem Ausdruck einer Zeugenschaft.

Der Kartograph und seine Karten

Unter den Autoren dieser Essay-Reihe hebt sich Jeff Lemire durch seine geringe Neigung zur Mythologie besonders hervor. Er ist der einzige, der bewusst das Kleine dem Großen vorzieht und diese Wahl als Ausdruck seiner Überzeugung begreift. Obwohl er weder einen neuen Kosmos noch eine politische Grammatik oder eine formale Revolution in das Comicmedium eingeführt hat, hat er ihm dennoch etwas Außergewöhnliches und Präzises verliehen, den Nachweis, dass dieses Medium die Stille tragen kann.

Zu den Werken, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen werden, zählen Essex County als das vollständigste Zeugnis von Lemires einzigartiger Erzählstimme, Sweet Tooth als Beleg dafür, dass Genrevielfalt und intime Charakterzeichnung harmonieren können, Moon Knight (zusammen mit Smallwood) als das formal kühnste seiner Mainstream-Arbeiten sowie Roughneck als ein stilles Meisterwerk, das noch darauf wartet, umfassend gewürdigt zu werden. Ergänzt werden diese durch einige Mainstream-Serien, die trotz eingeschränkter kreativer Rahmenbedingungen überzeugen und beweisen, dass Lemires Stärken selbst in einem Medium bestehen, das oft schnelleres, lauteres Erzählen bevorzugt. Und natürlich gibt es da noch Essex County selbst, den realen, weiten und stillen Landstrich am Nordufer des Lake Erie. Es ist der Ort, an dem alles begann und aus dem seine Geschichten entspringen. Lemire hat diesen Platz wie ein Kartograf in das Medium Comic transponiert und dabei gezeigt, dass auch das Unspektakuläre einen festen Platz auf der Landkarte verdient. Vielleicht sogar den wichtigsten.

Ice Cream Man

ice cream man

Ice Cream Man ist eine laufende Horror-Anthologie-Reihe, die seit 2018 bei Image Comics erscheint. Geschrieben wird die Serie von W. Maxwell Prince, für die Zeichnungen ist Martín Morazzo verantwortlich und Chris O’Halloran ist für die Kolorierung zuständig.

Im Zentrum steht eine auf den ersten Blick harmlos wirkende Figur: ein fröhlicher Eisverkäufer namens Rick – der titelgebende „Ice Cream Man”. Doch Rick ist weit mehr als ein gewöhnlicher Verkäufer süßer Leckereien. Er ist ein übernatürliches Wesen, das wie ein Trickster, Dämon oder gar Gott agiert. In jeder Ausgabe begegnet er anderen Menschen in verschiedenen Kleinstädten Amerikas und bringt Chaos, Tod, Wahnsinn und metaphysischen Horror mit sich.

Image Comics

Jede Ausgabe erzählt eine in sich geschlossene Geschichte. Mal geht es um einen Jungen, dessen Eltern von seiner Spinne mumifiziert wurden. Ein anderes Mal um eine verlorene Kindheit, eine kaputte Ehe oder ein Leben, das durch Drogen, Einsamkeit oder Schuld zerbricht. Die Geschichten sind lose miteinander verbunden, vor allem durch den Ice Cream Man selbst und seinen mysteriösen Gegenspieler Caleb, der offenbar eine Art Ordnung in den Wahnsinn bringen will – eine Art Cowboy des Lichts.

Das Besondere an dieser Serie ist die Mischung aus klassischer Horror-Anthologie mit einer eigenen übergeordneten Mythologie. Jede Geschichte funktioniert zwar für sich, aber wer die Serie regelmäßig verfolgt, erkennt ein sich entfaltendes Universum, das sich langsam aber sicher offenbart.

Der Horror ist nicht immer blutig, sondern oft psychologisch, surreal und philosophisch – mit Anleihen aus der Literatur von Lovecraft, Shirley Jackson und David Lynch. Auch Einflüsse aus moderner Popkultur wie Creepshow, Black Mirror oder The Twilight Zone sind spürbar.

Martín Morazzo’s Zeichenstil erinnert an eine Mischung aus Frank Quitely (All-Star Superman) und Geoff Darrow (Hard Boiled) – klar, detailreich und oft grotesk. Morazzo gelingt es, alltägliche Szenen durch minimale Verschiebungen ins Unheimliche zu kippen. O’Hallorans Kolorierung verstärkt das: Die grellen, manchmal fast bonbonfarbenen Töne wirken wie Zuckerguss über einem fauligen Kern.

In einer Ausgabe sehen wir etwa eine komplett in Gedichtform erzählte Geschichte, in einer anderen wird die Struktur eines „Choose Your Own Adventure“-Hefts übernommen. Form und Inhalt sind immer wieder experimentell und brechen die vierte Wand, lassen Panels zerfließen oder manipulieren das Seitenlayout.

Ice Cream Man ist mehr als nur Horror – es ist eine düstere, oft zynische Bestandsaufnahme amerikanischer Gesellschaft. Die Serie beschäftigt sich mit Sucht und Isolation, Kindheitstraumata, psychischer Krankheit, dem Verlust von Identität, Technologie- und Medienkritik, Religiöser Symbolik und metaphysischer Leere. Der Horror wirkt deshalb so nachhaltig, weil er nicht einfach aus der Ecke springt, sondern tief in der Lebensrealität der Figuren verankert ist. Oft ist der Ice Cream Man nur ein Katalysator, der bereits vorhandene Risse sichtbar macht. Damit ist das hier keine Serie für schnelle Schocks, sondern ein subtiles, oft verstörendes Spiegelbild unserer Ängste, Verluste und inneren Dämonen – verpackt in kunstvoll komponierte Einzelgeschichten, die mal zum Weinen, mal zum Würgen, selten zum Lachen bringen. Wer Horror liebt, der sich mit existentialistischem Schrecken, literarischem Anspruch und formaler Kreativität verbindet, findet hier eine der stärksten und originellsten Comicreihen der letzten Jahre.

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