Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks

Der Ruf des Kuckucks
Blanvalet

Als „Der Ruf des Kuckucks“ im April 2013 erschien, wurden nur 1500 Exemplare verkauft, was für einen völlig unbekannten Autor dennoch gar kein so schlechtes Ergebnis ist. Als die Sunday Times im Juli des Jahres jedoch verlauten ließ, dass es Hinweise darauf gebe, dass hinter dem neuen Namen Robert Galbraith J. K. Rowling ihr Krimidebüt gegeben hatte, geriet die Welt in einen Kaufrausch und das Buch kletterte ohne Umschweife auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste.

Natürlich werden da viele Leser, die mit Harry Potter aufgewachsen sind, allein schon aus einer Gewissen Hoffnung auf einen Nostalgie-Effekt zugegriffen haben, auch wenn sie – wie sie schnell bemerkt haben dürften – mit der Krimi-Rowling dann doch nicht besonders warm geworden sind. Das ist keine pure Behauptung; man lese sich nur zum Vergnügen gerne einige negativ bewertete Aussagen zum Buch durch. Da trifft man reihenweise auf enttäuschte Potterheads.

Zwar waren die meisten ernstzunehmenden Kritiken durchaus lobend, aber die überwiegend und berechtigt positiven Kritiken kamen doch erst, nachdem jeder wusste, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg.

Tatsächlich ist dieses erste Buch der mittlerweile auf fünf Bücher angewachsenen Cormoran Strike-Reihe nicht leicht einzuordnen. Auf der einen Seite belebte Rowling damit den klassischen Detektivroman, der 2013 so gut wie tot war, und war nicht unmaßgeblich daran beteiligt, dass sich der Whodunnit heute wieder erkennbarer Beliebtheit erfreut. Andererseits siedelt sie ihren Privatdetektiv im heute an, so dass ein gewisses Vakuum entsteht, weil es diese Art der Privatdetektive nicht mehr wirklich gibt. Rowling geht hier nicht den Umweg über einen historischen Kriminalroman, was ihr die Sache sichtlich erleichtert hätte, sondern lässt Strike, der in einem Büro schläft, das er gerade zu verlieren droht, weil die Geschäfte schlecht laufen, in einem Fall ermitteln, den die Polizei bereits abgeschlossen hat. Ein strahlender Held ist dieser Detektiv sicher nicht. Übergewichtig, außer Form – ein Ex-Militärpolizist, der aus dem Dienst ausgeschieden ist, weil er einen Teil seines linken Beins in Afghanistan verloren hat. Mit der Prothese kommt er kaum zurecht und sein Privatleben ist nicht weniger eine einzige Katastrophe.

Eine Zeitarbeitsfirma hat ihm gerade eine äußerst fähige Assistentin namens Robin geschickt, aber er kann auch sie nicht bezahlen. Die Dinge stehen wirklich schlecht.

Wie aufs Stichwort kommt dann noch ein Kunde durch die Tür. Der lange verstorbene Bruder dieses Klienten war ein alter Schulkamerad von Strike, und so bittet er ihn, sich den angeblichen Selbstmord seiner Adoptivschwester – ein Supermodel namens Lula, die einige Monate zuvor bei einem offensichtlichen Selbstmord in den Tod stürzte – noch einmal anzusehen. Strike scheint aufgrund seiner Verbindung zur Familie der richtige Mann für den Job zu sein, aber er erweist sich aufgrund seiner ebenso einzigartigen Beziehung zur Prominenz als noch effektiver. Strike ist nämlich der uneheliche Sohn eines berühmten Rockmusikers und seine Mutter war ein berühmtes Groupie. Strikes seltsamer Status in der Welt der Berühmtheiten bringt ihn mit Lulas berühmten Freunden zusammen, während seine Verbitterung über die ganze Szene ihm hilft, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind.

Das zentrale Rätsel wird wie das Rätsel eines verschlossenen Raumes dargestellt: Soweit man weiß, war Lula allein in ihrer Wohnung, und niemand konnte das Gebäude betreten, in den dritten Stock gelangen, sie aus dem Fenster stoßen und zurück in die Lobby fliehen, ohne vom Sicherheitsdienst oder den anderen Mietern gesehen zu werden. Einer dieser Mieter behauptet jedoch, Lula vor dem Sturz mit jemanden streiten gehört zu haben – was aufgrund der schalldichten Barrieren zwischen ihnen unmöglich sein dürfte. Es ist nun an Strike, das Geheimnis zu lüften und herauszufinden, was in dem Gebäude vor sich ging.

Die Antwort ist nicht sonderlich überraschend, aber das Rätsel ist so kompliziert, dass man trotzdem gespannt darauf ist, wie er sich auflösen lässt.

Rowling packt die sich entspinnende und äußerst geradlinige Erzählung ein einen klobigen und übermäßig beschreibenden Stil, den man nicht mögen muss, vor allem dann nicht, wenn man am Ende weiß, dass mindestens die Hälfte des Romans aus roten Heringen besteht. Aber gerade deshalb ist er so facettenreich in seiner Wahrnehmung. Strike widmet sich wirklich jeder einzelnen Figur in dialoglastigen Befragungen. Vielen Lesern erscheint der Roman wohl deshalb zu lang, weil so viele gegenwärtige Romane des Genres zu sehr auf ein schnelles Tempo und ständige Wendungen bedacht sind.

Was ebenfalls auffällt ist, dass Lula, obwohl sie bereits mehrerer Monate tot ist, als die Geschichte beginnt, nicht einfach nur jene Leiche ist, wegen der die Handlung beginnt, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut. Sie erwacht zum Leben, wie es bei vielen Opfern nicht der Fall ist.

Ein weiterer Teil des Charmes dieses Buches besteht aus der Dynamik der ungleichen Welten zwischen Cormoran und seiner neuen Assistentin. Hier setzt Rowling den Entwicklungszug der Serie an, den sie in den folgenden Bänden weiter entwickeln wird.

Hier geht’s zur Fan-Seite, die sich mit den Romanen und der TV-Serie beschäftigt.

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    Bevor wir ins Geschehen hüpfen – möglichst Spoilerfrei, obwohl sich das nicht gänzlich vermeiden lässt – noch ein kleiner Nachtrag zum Autor selbst. Wer ist Jim Butcher überhaupt?

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