Der letzte Sündenesser

Wenn Teile der Kulturgeschichte über die Zeit hinweg von Generation zu Generation geflüstert werden, verändern sich die Einzelheiten der Erzählung jedes Mal ein wenig – die Bedeutung verschiebt sich, wird manchmal verschleiert oder geht ganz verloren – bis die Geschichte ein köstliches Gewirr aus Tatsache, Erfindung und Magie ist.

Die Folklore der Sündenesser ist die geflüsterte Variation eines Spiels, das wir als „Stille Post“ kennen, und irgendwie trifft das auf alles zu, was früher einmal geschehen sein soll. Wir kennen es nur aus Erzählungen und unserer Imagination, die uns dabei hilft, die Dinge in unterschiedlichen Variationen ständig neu zu gestalten. So auch hier.

Schottisches Begräbnis
Schottisches Begräbnis im 19. Jahrhundert: The Print Collector/Print Collector/Getty Images

Die Einzelheiten dieses walisischen Brauchs sind schwer zu ergründen. Fast alle Informationen, die wir haben, stammen aus einer Handvoll Quellen, von denen bereits einige aus zweiter Hand stammen und eine über dreihundert Jahre alt ist. Der Mangel an Zeugnissen beruht auf dem heidnischen Charakter des Sündenessens; Menschen in einer christlichen Kultur waren eher zurückhaltend, ihre Teilnahme an einem „ketzerischen“ Brauch zu dokumentieren. Einer der wenigen Berichte aus erster Hand stammt von einem Mann namens Matthew Moggridge, der seine Beschreibung des Sündenessens auf einer Sitzung der Cambrian Archaeological Association im Jahr 1852 vorstellte:

„Wenn ein Mensch starb, schickten die Freunde nach dem Sündenesser des Viertels, der bei seiner Ankunft einen Teller mit Salz auf die Brust des Verstorbenen legte und auf das Salz ein Stück Brot. Dann murmelte er eine Beschwörungsformel über das Brot, das er schließlich aß und damit alle Sünden des Verstorbenen verzehrte. Nachdem er dies getan hatte, erhielt er sein Honorar von 2 [Schilling] und 6 [Pence] und verschwand so schnell wie möglich aus dem Blickfeld der Allgemeinheit … er war in der Nachbarschaft zutiefst verhasst – er wurde als Ausgestoßen angesehen – als jemand, der unwiederbringlich verloren war.“

So wie wir es verstehen, war das Sündenessen zwar eine freiwilliger Tat, aber eben doch eher so, wie es auch freiwillig ist, durch Armut zu einer unerwünschten Arbeit gezwungen zu werden. Außerdem scheint sie sowohl von Frauen als auch von Männern praktiziert worden zu sein. Der letzte Sündenesser soll 1906 in Shropshire gestorben sein, aber es gibt Hinweise darauf, dass dieses Ritual in Lateinamerika wieder aufgetaucht ist, wenn auch mit dem Aspekt der postmortalen spirituellen Heilung und nicht ausgründen einer Armut, die es den Familien unmöglich machten, die teuren Ablassbriefe der katholischen Kirche zu kaufen.

Historiker bringen das Sündenessen mit dem alten britischen Brauch in Verbindung, bei Beerdigungen Wohlhabender ein Stück Brot an die Armen zu verteilen und dadurch für den Verstorbenen zu beten. Sicherlich gibt es in Europa und darüber hinaus eine ganze Reihe von Totenbräuchen, die mit Essen zu tun haben, insbesondere mit dem Verzehr von Brot oder Kuchen.

Hunderte von Jahren lang engagierten trauernde Familien auf den Britischen Inseln also einen mittellosen Fremden, der kam, um mit der Familie zu trauern. Aber er tat mehr als das. Er kam, um die Sünden des Verstorbenen zu fressen. Manchmal taten die Sündenesser dies, indem sie Brot aßen, das auf die Brust oder das Gesicht des Toten gelegt wurde. In anderen Fällen aßen sie Speisen, die einfach über den toten Körper gehalten wurden.

In allen Fällen aber wurden die Sündenesser für ihren Dienst nur spärlich bezahlt. Und obwohl sie die Sünden von den Toten „entfernten“ – und auf sich nahmen – wurden sie allgemein verachtet. Wer also waren diese Sündenfresser und was genau war ihre Aufgabe?

Niemand weiß genau, wo und wie das Konzept des Sündenessens entstanden ist. Möglicherweise geht der Brauch auf die jüdische Tradition zurück, die Sünden in eine Ziege fahren zu lassen, die dann geschlachtet wurde. Eine Sündenziege oder ein Sündenbock ist im Wesentlichen jemand, der freiwillig oder unfreiwillig die gewalttätigen oder anderweitig sündigen Handlungen eines anderen auf sich nimmt. Es kann auch vorkommen, dass jemand ungerechterweise die Schuld für etwas auf sich nimmt, das er oder sie nicht getan hat, und in gleicher Weise bestraft wird. Sündenesser waren die ultimativen Sündenböcke, die Sünden, die sie nicht begangen haben, und die Bestrafung für diese Sünden auf sich zogen, sowohl in dieser Welt als auch in der kommenden.

Die Symbolik der Ziege reicht bis in die Antike zurück, wo sie in den Mythologien und Ritualen von Zivilisationen wie den Ägyptern, Griechen und Römern eine wichtige Rolle spielte. In diesen Kulturen wurde die Ziege mit Fruchtbarkeit, Überfluss und Stärke in Verbindung gebracht. Ihre Verbindung mit dem Gott Pan, der halb Mensch, halb Ziege war, verfestigte ihre Verbindung zur natürlichen Welt und zu den Urinstinkten, all dessen also, was die Kirche als das Böse bezeichnete.

Unabhängig von seinen Ursprüngen verbreitete sich das Ritual des Sündenessens bereits im 17. Jahrhundert. Damals wurden die Sündenesser häufig zu ihrem seltsamen Dienst aufgefordert. Ein Mann strich durch die Gassen und suchte gezielt nach jemandem, der kaum eine andere Wahl hatte. Es mag anfänglich vielleicht wie eine freundliche Geste ausgesehen haben. Du bist arm und ich kann dir helfen, zumindest für heute dein Brot zu verdienen. Ja, du wirst geächtet werden, aber ist das nicht allemal besser als auf der Straße zu verhungern?

Selbstverständlich stimmte der Fremde zu, was hatte er zu verlieren? Sünden kümmerten ihn nicht, denn obwohl er versucht hatte, ein redliches Leben zu führen, war er in der Gosse gelandet, durch pures Pech und nicht durch eine göttliche Strafe. Vielleicht aber hatte er bereits so viele Sünden durch seine Laster auf sich geladen, dass es um etwas mehr davon nicht mehr ankam. Also wurde er in das Haus des Verstorbenen gerufen. Dort gab die Familie dem Sündenesser seine karge Bezahlung und führte ihn schließlich zum Leichnam.

Britisches Begräbnis
Eine Darstellung eines britischen Begräbnisses um 1795.

Es gab aber auch Sündenesser, die sich bereits auf diese Arbeit spezialisiert hatten. Sobald der Tod eingetreten war, lief jemand durch das Dorf, um den Sündenesser zu finden. Schon diese Aufgabe war nicht einfach, denn der Sündenesser durfte niemandem in die Augen sehen, da er sonst die ewige Verdammnis über denjenigen bringen würde, der ihn erblickte. Aber gerade daran, dass die sich stets unauffällig verhielten und nicht einfach mit erhobenen Haupt auf der Straße saßen, konnte man sie teilweise erkennen. Und falls man sich irrte, hatte man immerhin ein klimperndes Argument in seiner Tasche.

Im Wesentlichen tauschte der Sündenesser seine eigene Seele gegen das bisschen Geld ein, das er mit dem Sündenessen verdiente. Er oder sie nahm die Sünden so vieler Menschen auf, dass die ewige Verdammnis gesichert war. Dieses Konzept war im Mittelalter und darüber hinaus nicht das einzige Beispiel für Menschen, die ihre Seele gegen materiellen Gewinn eintauschten; die Faust-Legende handelt von einem Mann, der seine Seele an den Teufel verkaufte, um ein weiteres Jahr auf Erden zu leben. Man glaubte, dass Hexen ihre Seelen an den Teufel verkauften, um dafür magische Kräfte zu erhalten. Das Besondere an dem Tauschgeschäft des Sündenessers war, dass er oder sie einem anderen Menschen den Eintritt in den Himmel ermöglichte.

Wenn der Sündenesser das Haus des Verstorbenen betrat, brachte man ihm einen Schemel, auf dem er sitzen konnte, während er das verfluchte Mahl aß. „Ich gebe dir jetzt Erleichterung und Ruhe“, sagte der Sündenfresser dann. „Komm nicht mehr auf unsere Gassen und Wiesen. Und für deinen Frieden verpfände ich meine Seele. Amen.“ Danach jagte die Familie den Sündenfresser oft mit Stöcken und viel Geschrei aus dem Haus und beschimpfte ihn. War ein Geistlicher in der Nähe, musste man vorsichtig sein, denn denjenigen, die sich an der Sündenesser-Kultur beteiligten, drohte stets die Hinrichtung, schließlich bedrohten sie den lukrativen Ablasshandel.

Warum wurde jemand überhaupt zum Sündenfresser?

Als die Reiseschriftstellerin Catherine Sinclair im 19. Jahrhundert die walisische Grafschaft Monmouthshire besuchte, bemerkte sie, dass bei vielen örtlichen Beerdigungen Sündenesser anwesend waren. Wer waren sie? Die meisten waren arm, Bettler oder Alkoholiker – Menschen, die für ein wenig Geld und eine Mahlzeit fast alles tun würden. Doch dafür wurden sie von der Gesellschaft geächtet.

Verarmt und mit der Last der Sünden anderer beschwert, waren sie gezwungen, allein zu leben, meist in versteckten oder abgelegenen Häusern oder Gassen. Sündenesser mussten sehr vorsichtig sein, weil ihre Arbeit jederzeit von der Kirche entdeckt werden konnte. Doch nicht jeder passt in dieses Schema.

Auf dem Friedhof von Ratlinghope liegen die Überreste des letzten bekannten Sündenessers, Richard Munslow, der 1906 starb. Zu seiner Zeit ließ er die Praxis kurzzeitig wieder aufleben, allerdings nicht aus Verzweiflung, sondern aus Trauer. Als Landwirt besaß Munslow etwa 70 Hektar Land. Er verlor vier seiner Kinder, drei davon innerhalb einer Woche, was ein plausibler Grund dafür war, dass er sich dieser Praxis zuwandte – in der Hoffnung, Sünden und Dunkelheit anderer zu lindern. Er war auch der einzige Sündenesser, dem eine eigene feierliche Beerdigung gewährt wurde. Im Jahr 2010 wurden 1.000 Pfund gesammelt, um sein Grab zu restaurieren. So ironisch es auch sein mag, die Praktizierenden wurden durch Munslow endlich mit gebührendem Respekt verabschiedet.

Auch wenn der letzte Sündenesser 1906 starb, zeigt die Praxis des Sündenessens etwas Faszinierendes an menschlichen Ritualen. Auch heute noch ist das Essen ein wichtiger Bestandteil der Trauerbewältigung. Es gibt Traditionen, die dem Sündenessen sehr ähnlich sind. In China zum Beispiel werden die restlichen Sünden oder Verfehlungen eines Verstorbenen manchmal rituell auf Nahrungsmittel übertragen, die dann von der Familie verzehrt werden. Und im frühen 20. Jahrhundert sollen Familien in Bayern einen „Leichenkuchen“ auf den Verstorbenen gelegt haben, der dann von den nächsten Verwandten verzehrt wurde.

Andere Kulturen haben das Essen auf subtilere Weise integriert. In Italien essen die Trauernden Kekse in Form von Knochen und Organen, die so genannten ossi di morti oder Knochen der Toten. In Deutschland endet eine Beerdigung oft mit einem Leichenschmaus. Meist wird dabei Zuckerkuchen gegessen. Alles in allem bleibt das Sündenessen eine faszinierende, merkwürdige und überraschend tiefgründige Tradition. Sie sagt viel darüber aus, wie Menschen mit dem Tod und dem Leben danach umgehen.

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