Stephen King Re-Read: tot.

Alte Sendung aus dem „Phantastikon-Podcast“

The Waste Lands ist vollgepackt mit literarischen Referenzen und Elementen der Popkultur, die von 1960 – 1980 reichen. Das Problem, das immer wieder der Heyne-Verlag selbst ist, liegt bereits im Titel – tot. -, der somit bereits den ersten Hinweis auf T. S. Eliot (The Waste Land, dt. “Das wüste Land”) ausmerzt, bzw. von vorneherein weder beachtet und wahrscheinlich nicht einmal darum weiß. Etwas Ähnliches schreibe ich natürlich fast vor jedem bei Random House erschienenen Roman, aber für Stephen King dürfte Heyne als Verlagshaus schon immer ein unglücklicher Umstand gewesen sein.

In diesem Buch erfahren wir mehr über Ka, das Ka-tet und der Suche nach dem Turm. Hier macht die Heldengruppe ordentlich Strecke, auch wenn dazwischen noch das letzte Mitglied nach Mittwelt gezogen werden muss.

Und damit begrüße ich euch zu einer weiteren Ausgabe in unserem Stephen-King-Multiversum. Es geht um den dritten Band der Saga vom dunklen Turm, den Mittelpunkt in Stephen Kings Schaffen.

Roland, Eddie und Susannah (wie Odetta jetzt genannt wird) erholen sich von ihrer Zeit, als sie auf der Suche nach Türen zwischen den Welten am Strand entlang reisten. Bald wird klar, dass Roland langsam den Verstand zu verlieren beginnt, denn er hört Stimmen und ist sich nicht mehr sicher, welche seiner Erinnerungen der Wahrheit entspricht. Unterdessen durchlebt der elfjährige Jake in New York eine ähnliche Krise, denn er ist sich sicher, dass er auf dem Weg zur Schule hätte sterben müssen. Roland und seine Gefährten versuchen nun, Jake in ihre Welt zu ziehen, um das Problem der psychischen Doppelung zu lösen.

Die Rose und der Turm

Diese Doppelung wird – obwohl sie auch Roland betrifft – hauptsächlich in der Figur des Jake Chambers sichtbar, der verloren in New York umher irrt. Immer wieder zieht es ihn dabei zu einem bestimmten Grundstück, das eingezäunt als Baugebiet ausgewiesen ist. Dort treffen wir (mit Jake) – neben dem Turm selbst – auf ein starkes, wenn nicht das stärkste Symbol der Turm-Reihe: Die Rose. Tatsächlich kann man dieses Symbol in ihrer ganzen Macht nur dann richtig zuordnen, wenn man auch die anderen Werke Kings mit einbezieht, was zum Zeitpunkt der Veröffentlichung 1992 noch nicht klar gewesen sein mag.

Tatsächlich stellt die allgegenwärtige Präsenz des Turms in einer Unzahl von Formen einen Gott dar, der kein bestimmtes Geschlecht hat. Obwohl er eigentlich ein Nabel ist, ist er natürlich auch ein Phallus. Ebenso erinnert der durch Rosen verkörperte Turm an eine vaginale Symbolik. Das Vorhandensein in einem Tiger, einem Hund oder einem anderen Tier spielt hierbei auf verschiedene Glaubensrichtungen an, die eine göttliche Präsenz in nicht menschlicher Form darstellen. Und er existiert in allen Welten, verankert das Multiversum an seinem Nabel und weicht dem Gut/Böse-Schema aus. Die Gestalt der Rose ist in der ganzen Reihe genauso wichtig wie der Turm selbst, und King benutzt sie nicht, um die Sünden gegen Gott, sondern um die Sünden gegen Frauen zu untersuchen. Das Rosenfeld, das den Turm umgibt, und die Ecksteine, auf denen er sich erhebt, ruft Ängste vor Kolonialismus, ehelichem Missbrauch und männlich dominanten Gottesdarstellungen hervor.

Es sollte nicht vergessen werden, dass King immer wieder auf dieses Thema zurückkommt. Zu Beginn der 90er Jahre hat er gleich drei Romane mit starken Frauenfiguren im Kampf gegen missbrauchende Männer eingeführt. Das Spiel (Gerald’s Game) und Dolores (Dolores Clairborne) zeigen Protagonistinnen, die darum kämpfen, nicht von Männern dominiert zu werden. Diese beiden Werke laufen parallel zueinander, nicht nur durch eine in beiden enthaltene Finsternis, sondern durch die Stärke und Entschlossenheit der weiblichen Figuren. Und nur drei Jahre danach erschien mit Das Bild, das eigentlich Rose Madder heißt, ein ähnlicher Roman, der im Gegensatz der vorher genannten geschrieben wurde, um ihn mit dem Dunklen Turm zu verflechten. Zwar beginnt King diese Verflechtungen erst im vierten Teil der Serie immer mehr mit seinem Gesamtwerk zu verweben, aber die Hinweise auf die Tatsache, dass im Zentrum von Kings ganzem Lebenswerk der Turm steht, sind von Anfang an gegeben.

In Das Bild wird Rose Daniels solange missbraucht, bis sie eine Fehlgeburt erleidet. Sie flieht schließlich vor ihrem Mann und nimmt ihren alten Namen Rose McClendon an. Die Verbindung zum Dunklen Turm besteht nicht nur in ihrem Namen, sondern in dem Bild, das Rose betritt und sich in einer Welt wiederfindet, die eindeutig Mittwelt ist. Eine Inkarnation von Rose ist später auch die weibliche Kriegerin Rosalita Munoz, der wir in Wolfsmond begegnen. Es sind dies unterschiedliche Inkarnationen der Rose und sie liefern jede für sich die Antwort auf den männlichen Turm. Die in New York von Jake gefundene Form der Rose veranschaulicht die männliche Bedrohung durch Kolonialisierung.

Tatsächlich ist es fast unsinnig, diese Dinge stets nur anreißen zu müssen. Kings Werk als Ganzes ist – von Anfang an – derart vollgepackt mit Reminiszenzen, Verweisen und Metaebenen, dass es geradezu lächerlich und ein Stück weit auch erbärmlich dumm ist, ihn als einen Horror-Schriftsteller darzustellen. Sicher, wenn das Leben an sich der blanke Horror ist, dann stimmt das, und der Durchschnittsleser weiß meist nicht, was er da eigentlich liest. Aber viele, die sich für Kritiker halten, sollten es besser wissen, aber auch sie bekommen nur die Oberflächenstruktur mit. An amerikanischen Universitäten ist die King-Forschung allerdings fortgeschritten und offenbart einen literarischen Gehalt, der im Grunde sensationell ist.

Auch wenn ich hier massiv abschweife, ist die letzte Station des Buches nicht vergessen, die mit einem massiven Cliffhanger schließt. Hier verbindet King die Saga vom Dunklen Turm nicht nur mit unserer Realität sondern auch mit unserer Wirklichkeit (was zwei paar Schuhe sind), indem er uns ein Kinderbuch an die Hand gibt, das wir auch tatsächlich kaufen können: Charlie the Choo-Choo von Beryl Evans. Jake kauft es im Buchladen “Manhattaner Restaurant für geistige Nahrung” von Calvin Tower. King löste die Urheberschaft erst später (als er selbst im Buch auftritt) auf. Tatsächlich ist dieses Buch ein Foreshadowing auf Blaine, den Mono, eine Einschienenbahn, mit der die Heldengruppe die Stadt Lud und auch Mittwelt verlässt, um nach Endwelt zu gelangen. Vorher aber werden wir Zeuge einer handfesten dystopischen Auseinandersetzung in Lud selbst, einer alte High-Tech-Stadt, die in einem jahrzehntelangen Krieg verwüstet wurde. Zwei dominierende Banden – die Grauen und die Pubes – kämpfen um die Vormachtstellung. Ich werde auch diesen Handlungsverlauf nicht spoilern, weil ich davon ausgehe, dass wirklich jeder den Dunklen Turm gelesen hat (obwohl ich weiß, dass es nicht so ist). Das Internet ist voller Nacherzählungen und es ist nicht schwer, der Handlung zu folgen, ohne die Bücher gelesen zu haben.

In der Blaine-Szene, die hier abgebrochen und erst im nächsten Band wieder aufgenommen wird, haben wir es mit zwei Themen zu tun: Rätseln und einer Frage, die viele Fans seit Jahren umtreibt: Warum ist Blaine rosa? Die Rätsel, die Blaine fordert, um die Pilger zu transportieren, sind mit Rolands Vergangenheit verknüpft, genauer der Tradition der Rätselwettbewerbe zum Festtag seiner Kindheit. Der Kirmestag war die einzige Zeit, in der das gemeine Volk die Halle der Großväter in Gilead, dem intellektuellen Zentrum Mittwelts, betreten konnte. Jeder konnte ein neues Rätsel auf eine Schriftrolle schreiben und dieses dann in ein Fass in der Halle legen. Wer die meisten Rätsel richtig erraten hatte, gewann die größte Gans des Landes.

Warum ist Blaine rosa?

Was Blaine betrifft, gibt es einige interessante Spekulationen, von denen ich eine hier thematisieren möchte.

Wir erfahren, dass es tatsächlich zwei Einschienenbahnen gab, die den Bürgern von Lud dienten, bevor ihre Zivilisation zusammenbrach – eine war rosa und die andere blau. Aber als Rolands Gruppe eintrifft, liegt die blaue Einschienenbahn als Havarie im Fluss. Dabei handelte es sich um Patricia. Es ist wichtig zu wissen, dass Blaine eine Art gespaltene Persönlichkeit hat. Während Eddie und Susannah versuchen, mit der Einschienenbahn zu sprechen, wird Blaines dröhnende Stimme von einer anderen unterbrochen, die wie “ein verängstigtes Kind” klingt. Es nennt sich selbst Kleiner Blaine, “Der, den er vergessen hat. Derjenige, den er in den Räumen der Ruinen und den Hallen der Toten zurückgelassen zu haben glaubt”.

Einmal an Bord, verbringt King viel Zeit damit, uns über Patricia zu informieren, was wie eine merkwürdige Nebenbemerkung für ein Detail erscheint, das die Handlung überhaupt nicht bestimmt. Blaine erklärt, wie die blaue Einschienenbahn im Fluss gelandet ist. “Patricia hat den Verstand verloren… in ihrem Fall bestand das Problem darüberhinaus in einer Fehlfunktion der Ausrüstung, nicht nur in seelischer Malaise.” Er beschreibt, wie ein elektrischer Brand “Logikfehler” verursachte, die ihre Persönlichkeitssoftware verrückt werden ließ. Dieses Problem drohte auf die Computer überzugreifen, die auch ihn steuerten, so dass er ihre Programmierung isolierte und sie vom Zentralprozessor abschnitt. Dann beging sie Selbstmord, indem sie bewusst von ihrer Bahn abkam und in den Fluss stürzte.

Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass Blaine lügt.

Der einzige Mono, von dem wir wissen, dass er eine selbstmörderische Ader hat, ist Blaine selbst. Er wird sich selbst und die Ganze Gruppe umbringen, wenn sie ihm kein Rätsel auftischen können. Patricia kennen wir nur aus der Geschichte, die Blaine erzählt. Wir haben also diese seltsame, unzusammenhängende Geschichte von einem unzuverlässigen Erzähler, einer gespaltenen Persönlichkeit mit der eigentlich falschen Farbe für das Geschlecht.

Es sei denn, Blaine war tatsächlich der blaue Mono und Patricia der rosa Mono. Was wäre also wenn, nachdem Blaine anfing, sich verrückt aufzuführen und Patricia versuchte, ihn vom Hauptserver fernzuhalten, er seine Software in die rosa Einschienenbahn hochgeladen hätte? Das würde den kleinen Blaine sehr gut erklären – das ist Patricia (die Stimme einer Frau kann leicht mit der eines Kindes verwechselt werden, wenn man nie ein Gesicht dazu hat). Und ist das nicht genau das, was Blaine tun würde?

Tatsächlich gibt es ein weiteres Beweisstück: Stephen King hat einen Fetisch dafür, die perfekten Namen für seine Figuren zu finden. Er macht sich viele Gedanken darüber. Und hier haben wir die Geschichte von Blaine. Dem Blue Train. Und das ist natürlich der Hinweis auf John Coltrane und sein gleichnamiges Album von 1958. Zugegeben, das wäre ein ziemlich versteckter Verweis, für Nichtjazzfans unauflösbar. Aber das trifft auf viele andere Verweise, die man als Europäer kaum verstehen kann, auch zu.

Um die Wahrheit zu sagen, treffen wir im nächsten Band noch einmal auf die Farbe rosa, nämlich in Form von Merlins Regenbogen. Im Grunde ist die Frage nach der Farbe viel einfacher und nicht weniger King-typisch zu beantworten. Wieder landen wir bei den Prägungen der Geschlechterrollen. Rosa steht für Mädchen, blau für Jungs. Punkt. Die Farbe rosa aber für Gefahr zu verwenden, ist im Grunde ein Protest an diesen tatsächlich idiotischen Pauschalisierungen.

Ähnliche Beiträge

  • Stephen King Re-Read: Susannah

    Deutlich kürzer als „Wolves of the Calla“, ist „Song of Susannah“ ein rasantes Sammelsurium an Verrücktheiten mit dem Hauptziel, den Höhepunkt der Serie vorzubereiten.

    Zusammen mit dem vorherigen ist dieses Buch in einem fast schon irrwitzigen Tempo entstanden. Bis dahin ließ sich King zwischen den einzelnen Teilen sehr lange Zeit, aber zwischen der Veröffentlichung von Glas und Wolfsmond geschah etwas Entscheidendes im Leben des King. Bei einem Spaziergang in der Nähe seines Hauses wurde er von einem Lieferwagen angefahren und so schwer verletzt, dass er das Schreiben aufgeben wollte. Das tat er nicht, er ist einer der wenigen Besessenen, aber er machte sich Sorgen darüber, den Dunklen Turm niemals abschließen zu können, wenn er jetzt nicht dran blieb. Die letzten drei Bücher wurden deshalb in halsbrecherischer Geschwindigkeit geschrieben und veröffentlicht, alle innerhalb von zwei Jahren.

    Mehr lesen „Stephen King Re-Read: Susannah“
  • Jim Butcher: Verrat (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 11)

    Schon immer gab es Gerüchte über einen Verräter im Weißen Rat, und der elfte Band der dunklen Fälle des Harry Dresden beschäftigt sich genau damit. Hier wird uns wieder einmal vor Augen geführt, dass Harry in erster Linie ein knallharter Privatdetektiv ist, was aber keineswegs bedeutet, dass die Fantasy-Elemente zu kurz kommen. Ganz im Gegenteil. Auch in diesem Buch wird das gewohnt hohe Niveau der Reihe gehalten, das seit dem vierten Band praktisch ununterbrochen anhält und sogar noch zunimmt. Allein aus diesem Grund ist es fast nicht zu glauben, dass erst der zwölfte Band als derjenige gilt, der geradezu galaktische Höhen erreichen soll. Wir werden sehen …

    Mehr lesen „Jim Butcher: Verrat (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 11)“
  • Patricia Highsmith: Der Schneckenforscher

    Kabinettstückchen

    Patricia Highsmith bewegt sich ziemlich sicher in ihren psychologischen Kabinettstücken (und natürlich auch im Kriminaldrama, das hier keine große Rolle spielt), und ihre Sprache ist zwar präzise, aber nicht gerade lyrisch. Sie berichtet, anstatt zu beschreiben, und kommt auf Satzebene fast ohne Metaphern aus. Würden sich ihre Figuren nicht ständig in psychologischen Extremen bewegen, könnte man sie als flach bezeichnen.

    Und diese Figuren sind wirklich schwer, wenn nicht unmöglich, zu mögen. Graham Greene nannte die Autorin in seinem Vorwort die „Schriftstellerin der Beklemmung„, und wenn man diese Geschichten genauer studiert, erkennt man, dass sie ein Beispiel dafür sind, wie die weniger angenehmen menschlichen Eigenschaften – wie der Impuls zur Grausamkeit – wichtige Verbindungspunkte zwischen der Figur und dem Leser sein können. Das ist keine tiefgründige Beobachtung, aber die unsicheren, beleidigten, affektierten, unbehaglichen, elenden, ängstlichen, grausamen Figuren kommen nie über diese Eigenschaften hinaus. Sie haben Erfolg oder Misserfolg, meist indem sie töten oder getötet werden, aber sie entwickeln sich nicht durch ihre Erfahrungen. Highsmiths Kurzgeschichten widersetzen sich James Joyces Erwartung einer Erleuchtung: Die Menschen verhalten sich schlecht, und es gibt keine Veränderung ihres Charakters. Keine Verschiebung der Wahrnehmung, keine Wunder der Gnade. Man könnte sagen, dass für Highsmith die Veränderung des Charakters in der Regel auf eine Steigerung der eingekerkerten Fähigkeit hinausläuft. So wie ein Gefängnisaufenthalt eher zu einer fortgeschrittenen kriminellen Ausbildung als zu einer Rehabilitation führt.

    Seltsame Wege

    In „…. geht seltsame Wege“ zerstören zwei ältere Frauen, die es nicht ertragen können, voneinander getrennt zu sein, mit Vergnügen die wertvollsten Gegenstände der anderen – Hattie zerschneidet Alices Lieblingsjacke, ein Geschenk ihrer geliebten Nichte, und Alice rächt sich, indem sie Hatties langen Zopf abschneidet (ihre einzige Eitelkeit). Am Ende gibt es eine Entschuldigung und eine Versöhnung – diese Frauen haben verzweifelte Angst, allein zu sterben, aber jede von ihnen hegt Pläne für weiteren Vandalismus.

    Was mir an Highsmith gefällt, ist ihre Widersprüchlichkeit, ihr Widerstand gegen das Gute im Menschen, ihre Fähigkeit, das Unattraktivste zum Leben zu erwecken. Und selbst wenn man die Eigenwilligkeit in Betracht zieht, die oft mit kreativem Talent einhergeht, war sie eine seltsame Frau. Sie hasste die Menschen notorisch, was man nicht einfach als Asozialität abtun kann; ihre Verachtung glich eher einer tiefen Abneigung. Sie hasste ihre Verwandten (sie verachtete sogar den Begriff Familie), und als Lesbe hasste sie andere Frauen. Überhaupt war sie nicht gerade das Postergirl der Frauenbewegung und in vielerlei Hinsicht politisch unkorrekt. Obwohl sie zahlreiche Affären mit Männern und Frauen hatte, erlaubte sie sich nie so etwas wie eine Beziehung. Sie schien von Lügen und Betrug zu leben und hatte eine Vorliebe für Spielchen, die zur Trennung von Paaren führten. Es überrascht nicht, dass sie allein in einem Krankenhaus starb, ihr Buchhalter war der letzte, der sie besuchte.

    Highsmith – Die Schneckenforscherin

    Zwei der elf Geschichten in diesem Band handeln von Schnecken. Das ist nicht verwunderlich, denn Highsmith war dafür bekannt, dass sie selbst etwa dreihundert Schnecken als Haustiere hielt. Dieses autobiographische Element eröffnet zwar den Band, steht aber als schwächste Erzählung etwas unglücklich am Anfang. Ein Mann beobachtet die wachsende Zahl der Schnecken in seinem Haus mit einer Neugier, die etwas von Voyeurismus hat und schließlich zur Obsession wird.

    Patricia Highsmith gefiel die Tatsache, dass Schnecken geschlechtlich ambivalent sind, dass man Männchen und Weibchen nicht unterscheiden kann. Sie hielt die Tiere nicht nur zu Hause, sondern nahm sie auch auf Reisen mit. Sie versteckte sie in Käsekartons, um sie ins Ausland zu schmuggeln. Manchmal versteckte sie sie auch unter ihren Brüsten. Sie nahm sie mit zu Abendessen, wo sie sich vor den Gästen und dem Essen langweilte (es heißt, sie habe nicht nur Menschen, sondern auch alles Essen gehasst, so dass sie sich möglichst von Zigaretten ernährte). Die Schnecken reisten in ihrer Handtasche, wo sie an einem Salatkopf klebten, und sie machte sich einen Spaß daraus, die anderen zu erschrecken, indem sie sie herauszog und ihre schleimige Spur auf dem Tisch hinterließ.

    Den „Schneckenforscher“ konnte sie zunächst nicht in Druck geben. Ihr Agent teilte ihr mit, die Geschichte sei „zu abstoßend, um sie irgendeinem Verlag anzubieten“. Zwölf Jahre lang lag die Geschichte, die eine Wendung ins Ekelhafte beschreibt, in der Schublade, bevor sie sie einem befreundeten Verleger verkaufen konnte

    „Er war eines Abends in die Küche gekommen, um vor dem Dinner schon eine Kleinigkeit zu essen, und zufällig war sein Blick auf die Schüssel mit Schnecken gefallen, die auf dem Ablaufbrett am Spülstein stand und in der sich zwei Schnecken höchst sonderbar benahmen. Sie standen sozusagen auf dem Schwanzende und schwankten voreinander hin und her wie zwei Schlangen, die von einem Flötenspieler hypnotisiert werden. Gleich darauf berührten sich die beiden Gesichter zu einem Kuss von deutlicher Sinnlichkeit. Mr. Knopper trat näher heran und musterte sie von allen Seiten. Da geschah noch etwas: bei beiden Schnecken erschien auf der rechten Kopfseite ein kleiner Auswuchs, etwa wie ein Ohr. Was er da vor sich sah, war irgendeine Art von Sexualerlebnis, das sagte ihm sein Instinkt.“

    Obwohl Patricia Highsmith eine Vorliebe für sexuell ambivalente Charaktere hat, ist dieses Paarungsritual, das noch näher beschrieben wird, die deutlichste Darstellung des Sexuellen in ihrem Werk. Nach dem Anblick der beiden Schnecken beginnt Knopperts anfängliches Schaudern in sexuelle Besessenheit umzuschlagen und erreicht ein gewisses Extrem, das schließlich zu seinem Untergang führt.

    The Snails

    Die zweite Schneckengeschichte ist eigentlich noch mehr eine Grusel- oder Monstergeschichte als die erste. „Auf der Suche nach X. Claveringi“ erschien zuerst in der Saturday Evening Post unter dem Titel „The Snails“. Bei den Monstern handelt es sich um fünf Meter lange Schnecken, die von Professor Clavering entdeckt werden, der hofft, dass sein Name mit ihnen in Verbindung gebracht wird („Soundso Claveringi“, daher der Titel). Die Übersetzerin Anne Uhde hat hier das „X“ einmal für „Soundso“ und einmal für das „blank“ des Originaltitels eingesetzt: The Quest for Blank Claveringi). Wie bei Knoppert ist sein Verhalten zwanghaft.

    Als der Professor in ein schreckliches Katz-und-Maus-Spiel zwischen Mensch und Schnecke verwickelt wird, kommt das berühmte Spannungstalent der Autorin zum Vorschein. Bemerkenswert ist, dass Highsmith die in ihrem Werk übliche Trope umkehrt. Sie schreibt so oft über die Täter und nicht über die Opfer, und die Angst des Opfers ist hier ebenso faszinierend wie spürbar. Die Schnecken selbst sind berechnende Räuber, die nicht aufgeben und den Professor bis zur Erschöpfung treiben, bis er sich nicht mehr wehren kann. Sie sind gastropodische Versionen von Tom Ripley, klüger und stärker als der dem Untergang geweihte Clavering.

    So furchteinflößend die Riesenschnecken auch sein mögen, die schneckenbesessene Highsmith kann es sich nicht verkneifen, auf ihre Schönheit hinzuweisen, die nur wenige Menschen an einem solchen Geschöpf bemerken. „Er hatte jetzt die linke Seite vor sich“, schreibt sie, „die Seite ohne das Spiralgehäuse. Sie sah aus wie ein pfirsichfarbenes Segel, vom Wind gebläht, und die Sonne malte silbrige und perlmuttschimmernde Flecke darauf, die glänzten und sich hin- und her wanden, als das Riesentier sich bewegte.

    Die beiden Schneckengeschichten in diesem Band sind für sich genommen solide und verdammt ungewöhnliche Schauergeschichten. Liest man sie mit etwas Hintergrundwissen über Highsmith und ihr Problem mit Menschen, kann man Graham Greene leicht zustimmen, der sagte, dass Highsmith über Schnecken mit der gleichen Distanz schrieb, mit der sie Menschen betrachtete.

    Der Schneckenforscher (Eleven Stories)

    „Warten“ ist die zweite Erzählung des Bandes und zeigt Highsmith in ihrer besten neurotischen Form. Es ist die Geschichte eines gestörten Mannes, dessen Enttäuschung in der Liebe eine irrationale Reaktion auslöst, die zu einer grausamen Täuschung führt.

    Besessen von dunklen Themen in ihrem gesamten Werk, wurde auch diese Geschichte stark von einem schmerzhaften Moment in Highsmiths eigenem Liebesleben inspiriert. Nach einer glücklichen Affäre mit der englischen Ärztin Kathryn Cohen während eines Italienurlaubs im Sommer 1949 kehrte Patricia Highsmith nach New York zurück und begann ihr zu schreiben. Jeden Tag wartete sie auf Kathryns Antwort, die nie kam. Ihre inneren Qualen fanden Eingang in die Seiten dieser Geschichte, in der Don von einer Urlaubsromanze mit Rosalind zurückkehrt und ihr in einem Brief mitteilt, dass er sie heiraten möchte. Als sie nicht antwortet, vergewissert er sich, dass der Brief nicht versehentlich bei seinem Nachbarn gelandet ist. Er bricht den fremden Briefkasten auf und findet einen Brief, den eine liebeskranke Frau namens Edith geschrieben hat. Don nimmt die Identität seines Nachbarn an, antwortet Edith und verabredet sich mit ihr an der Grand Central Station. Schließlich antwortet Rosalind und lehnt Dons Heiratsantrag ab. Don ist niedergeschlagen und macht sich auf den Weg zum Hauptbahnhof, um Edith zu treffen.

    „Die Geschichte handelt so sehr von K und mir“, schrieb Highsmith später in ihr Tagebuch.

    Sie wurde erst 1968 im Ellery Queen Mystery Magazine veröffentlicht, bevor sie Teil der vorliegenden Sammlung wurde.

    In der Erzählung „Die Schildkröte“ löst die Tötung des titelgebenden Tieres, das zu einem Eintopf verarbeitet werden soll, einen Muttermord aus. Der junge Protagonist hält die Schildkröte zunächst für ein Geschenk seiner Mutter. Entsetzt über die Tötung und Zerstückelung des Tieres, überkommt ihn der Groll und er ersticht seine Mutter.Es ist nicht verwunderlich, dass der Junge eine besondere Vorliebe für psychologische Bücher hat, darunter Karl A. Menningers „The Human Mind“, denn als Highsmith im Alter von neun Jahren dieses Buch in der Bibliothek ihres Stiefvaters fand, war sie von den Fallgeschichten über psychische Krankheiten und abweichendes kriminelles Verhalten so gefesselt, dass ihre Fantasie für immer von irrationalen Trieben, die zu Gewalt und Selbstzerstörung führen, gefesselt blieb. „Die Schildkröte“ ist eines von vielen Beispielen, in denen Highsmith zeigt, dass ihre besondere Stärke in der Darstellung von Geisteskrankheit liegt. Wie in vielen ihrer Kurzgeschichten herrscht auch in „Die Schildkröte“ eine erdrückende Atmosphäre von Zerrüttung und Verwirrung.

    Eine andere Geschichte in dem Buch, „Als die Flotte im Hafen lag“, beginnt mit einem wunderbaren Satz: „Mit der Chloroformflasche in der Hand starrte Geraldine auf den Mann, der schlafend auf der Veranda lag“. Wir wissen natürlich, dass es in dieser Geschichte kein Happy End geben wird. Der Mann ist Geraldines eifersüchtiger Ehemann, der glaubt, dass sie mit jedem Mann, mit dem sie auch nur den geringsten Kontakt hat, eine Affäre beginnt. Außerdem ist er gewalttätig, so dass sie es als Befreiung empfindet, ihn zu töten. Sie flieht aus dem Haus, in dem sie wie eine Gefangene gehalten wird, ohne zu wissen, dass ihr Mann das Chloroform überlebt hat. Am Ende der Geschichte wird sie von der Polizei aufgegriffen, aber nicht wegen versuchten Mordes angeklagt, sondern als vermisst gemeldet – eine brillante Verdichtung einer schäbigen und tragischen Situation. Bruchstückhaft und in Andeutungen erfahren wir von ihrer Vergangenheit, während die Geschichte voranschreitet. Highsmiths Stil ist von einer beiläufigen Sanftmut geprägt, aber das ist Kalkül, denn sie will, dass wir uns mit dieser verletzten und psychisch instabilen Frau auseinandersetzen, bevor sie das katastrophale Ende herbeiführt.

    1946 gewann die Story „Die Heldin“ über eine gestörte Gouvernante den 0. Henry Award für das beste Debüt, und tatsächlich ist diese kurze Erzählung bereits voll ausgebildet. Hierzu passt die Aussage von Paul Theroux:

    „Highsmiths Genie liegt in der Darstellung des Paradoxons der Fantasie: Erfolge sind nicht das, was sie scheinen. Wo im traditionellen Märchen die Heldin die Kröte in einen Prinzen verwandelt, wird in Highsmiths Fabel der Prinz zur Kröte – der Erfolg ist fast immer tödlich. . . . Die Kombination der besten Eigenschaften des Suspense-Genres mit dem Besten der existenziellen Erzählung spiegelt sich hier – die Geschichten sind in jedem Sinne des Wortes phantastisch.“

    Eine der eindringlichsten Erzählungen des Bandes ist „Auf der Brücke“, das Porträt eines Mannes, der nach einem Trauerfall und einer dadurch ausgelösten Identitätskrise in der Fremde, die ihm doch nicht ganz fremd ist, umherirrt. Obwohl er sich fremd fühlt und es in weiten Teilen auch ist, zieht ihn die Erinnerung an die Zeit seiner Flitterwochen in einem Garten in Italien an. Der Wechsel zwischen vergangener Vertrautheit und anonymer Fremdheit korrespondiert mit einem Selbstmord, den er beobachtet, als er zu Beginn der Erzählung in einem Taxi über eine Brücke fährt. Eigentlich ist der Originaltitel „Another Bridge to Cross“ aussagekräftiger, Patricia Highsmith nannte es eine „tragische Geschichte, die ich aus meinen eigenen Gefühlen heraus geschrieben habe“. Sehr schön zeigt sie hier eine innere Leere, die im Kontrast zur lebendigen Welt steht. Alle Versuche Merricks, das Leben nicht aus den Augen zu verlieren, scheitern, bis er schließlich den Garten nicht mehr verlässt.

  • Black Sabbath

    Zwei Finger, um die Welt zu verändern

    Die Vorgeschichte des Riff-Meisters Tony Iommi, sein Aufstieg zur Legende und sein Einfluss auf die New Wave of Heavy Metal sind in den Annalen der modernen Gitarrengeschichte gut dokumentiert, und wir wissen, dass wahrscheinlich alles anders gekommen wäre, wenn Tony nicht zwei Fingerkuppen an Mittel- und Ringfinger verloren hätte. Für mich ist das immer noch eine der größten Geschichten überhaupt, dass Tonys Arbeit in einer Metallwerkstatt zu einer Musik geführt hat, die zwar schon in den Kinderschuhen steckte, aber erst hier ihren Durchbruch erlebte. Ich habe schon viel darüber erzählt und gerade heute wird oft und gerne bestritten, dass Black Sabbath die erste Heavy Metal Band war. Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Aber grundsätzlich kann man drei oder sogar vier Wellen unterscheiden. Die erste ist der sogenannte Proto-Metal, also all jene, die versuchen, so laut und hart wie möglich zu spielen, aber ohne technischen Fortschritt. Dann haben wir die erste Welle mit Black Sabbath, Deep Purple, Uriah Heep oder Led Zeppelin. Die zweite Welle begann Mitte der 70er Jahre mit Bands wie Judas Priest, Budgie, Rainbow oder Riot, und die dritte Welle schließlich ist das, was wir als NWOBHM kennen. Was wir heute haben, könnte also nichts weniger als eine fünfte Welle sein, aber bisher hat sich noch nichts Wesentliches getan, deshalb sage ich das unter Vorbehalt.

    Black Sabbath Boris Karloff
    Sicher, es war eine Idee, die aus dem gleichnamigen Boris-Karloff-Film stammte, aber es war eine großartige Idee.
    Mehr lesen „Black Sabbath“
  • Jim Butcher: Feenzorn (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 4)

    Wenn man in eine lange Serie eintaucht, die über mehr als zwei Jahrzehnte geschrieben wurde, ist es fast immer eine gute Idee, auf die Ratschläge der Fans der Serie zu hören – vor allem auf diejenigen, die auch die Schwächen ihrer Lieblingsbücher kennen – und die definitiv wissen, wovon sie reden. Hier kommt Feenzorn, der vierte Band der Dresden-Files, ins Spiel. Denn die meisten Fans sind sich einig, dass die Serie mit diesem Band erst so richtig Fahrt aufnimmt.

    Ein schlechter Tag wird schlimmer

    Harry Dresden geht es ziemlich schlecht. Seine Ex-Freundin, die Reporterin Susan Rodriguez, hat die Stadt vor Monaten verlassen, nachdem der Rote Hof sie mit dem Vampirvirus infiziert hat, und Harry arbeitet unermüdlich daran, eine magische Lösung für ihr kleines Vampirproblem zu finden. Ohne Erfolg. Er ist deprimiert. Er hat sich zurückgezogen. Er ist ein verdammtes Wrack, buchstäblich und im übertragenen Sinn.

    Zu Beginn des Buches macht Billy (der Werwolf, den wir in Wolfsjagd kennengelernt haben) Harry die Hölle heiß: Er macht sich über sein Aussehen lustig, über sein selbstgewähltes Exil, über sein Desinteresse an Arbeit oder so etwas Ähnlichem wie Einkommen, über die drohende Zwangsräumung seiner Wohnung und seines Büros und über seine allgemein schlechte Laune. Dann versucht jemand, ihn umzubringen. Mehrere, um genau zu sein. Und es regnet Kröten. Kann Harrys Tag noch schlimmer werden? Ja, und er wird es.

    Mehr lesen „Jim Butcher: Feenzorn (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 4)“
  • Edgar Allan Poes „Der Goldkäfer“

    Edgar Allan Poe wurde von Verlagen und Medien zu einen Synonym für Gruselgeschichten und dunkler Poesie stilisiert, vor allem in Deutschland. Zu seinen Lebzeiten war das allerdings nicht der Fall. Eine seiner bei weitem berühmtesten Geschichten ist eine, die heute weniger bekannt ist: Der Goldkäfer.

    Ich dürfte etwa 11 Jahre alt gewesen sein, als ich diese Geschichte zum ersten Mal las. Vom ersten Augenblick an hat mich die Liebe zu Edgar Allan Poes Leben und Werk erfasst und nie wieder losgelassen.

    Goldkäfer

    Obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist „Der Goldkäfer“ eine Art Detektivgeschichte, mit William Legrand als dem in einer Hütte lebenden amerikanischen Gegenstück zum französischen C. Auguste Dupin in „Der Doppelmord in der Rue Morgue“, „Der entwendete Brief“ und „Das Geheimnis der Marie Roget“ und dem Erzähler als verwirrtem, aber intelligentem Handlanger, der Zeuge des Genies der Hauptfigur wird. Wie Dupin ist auch Legrand der Nachkomme einer alten Familie, der sich an intellektuellen Tätigkeiten erfreut und als Abenteurer nach der Gelegenheit Ausschau hält, einen Teil seines Reichtums wiederzuerlangen. Legrands Erklärung, wie er mit Hilfe von Beobachtung und Logik hinter das Geheimnis von Kapitän Kidds Schatz gekommen ist, weist einige Ähnlichkeiten mit Dupins Methode der Ratiokination auf, und beide zeigen eine Vorliebe dafür, sich auf subtile Weise über andere lustig zu machen, wie etwa den Polizeipräfekten in „Der entwendete Brief“. Auch Legrands Erklärung am Ende hat alle Facetten der Enthüllung eines Detektivs.

    Mehr lesen „Edgar Allan Poes „Der Goldkäfer““