Texturen

Von der Müdigkeit gefesselt,
wie immer kommt der Schlaf
in kleinen Dosen aus der Hecke
neben dem Schaufenster gekrochen.

Es sind Wandgemälde,
oder nein,
es sind bewegliche Texturen,
die unter anderem mit Flöten
etwas anstellen.

Die Hand ist nur das Werkzeug
dieser Miniatur, die sich auf
fremdartige Ornamente einlässt.

Wenn es nicht Heinz ist,
dann ist es keine richtige Tomate

der Brand im Gesicht,
Feuerwerkskörper die Augen, eine
Schüssel voll ersoffener Stubenfliegen.

Letzte Rede

Es mag vorkommen, dass, was
Wir nüchtern und bloß betrachtet
Einen Schritt nur nach links tut,
Um unseren eigenen Standpunkt
Zu verändern. Das scheint sogar
Die Hauptsache aller Bewegung zu

Sein, die mit dem Auge nicht
Zu erkennen ist. Nehmen wir den
Mikrokosmos an, dort eine Wand,
Daran eine Uhr, die durchaus
Ein Erbstück sein kann – und
Wir werden sehen, wie unter

Schiedlich selbst die Rezepte
Ausgelegt werden, die eine wohlschmeckende
Anleitung auf die Zunge vibrieren.
Gefesselt sind die Zutaten nicht
Immer ernst zu nehmen, auch wenn
Sie beteuern, der Wahrheit

Zu entsprechen. Hast du mir
Das sagen wollen, als du das
Mikrophon verschlucktest? Eine Ab
Zweigung ist nicht das Ende eines kühlen
Tages. Wir legen uns nieder in

Das Gras nieder
Mit den Fußspuren
Konnten wir nichts mehr anfangen. Zu
Viel Verschwommenheit in ihrem Gang.

Meister Vollpferd hat ein Ziel

Vom Pfefferminzkwas recht stark betaumelt – so günstig kam ihm heut‘ die Wahrsagerei – stürzte er zunächst in die Hagebutte, ein »verdammichte Hatschepetsche« auf den violetten Lefzen, als es noch einen Stock tiefer ging, was ihn dann endgültig stürzen ließ, die Faust mit widerborstigen Nüsschen gefüllt, die ihn sofort an Ort und Stell‘ bejuckten. In zweifacher Hinsicht oben (weil er ja lag und weil er in die Grub‘ gefallen, die ihm ganz merkwürdig die Nase düngte) wurden lautstark die letzten Verabredungen für die Nacht krakeelt, man wollte sich sputen, der Sonne zuvor zu kommen, die sonsten durch die dürren Holzstreben der abgefaulten Läden dem Zecher gern ins vom Lid kaum getrutzte Auge piekst.

Ein Stündlein noch, vielleicht auch zwei – der Nachtwächter wär‘ für nüchterne Ohren klar, wenn auch sich trollend, noch zu hören – dann stünd‘ der Tag wie ein zyklisch heimsuchender Creditor und vergessen wär‘ das Vergessen, mit dem man sich heut‘ beschäftigt hat. Die einen schleppten sich dann aufs Feld, die anderen zum Prachern und wieder andere fläzten sich, dickberingter Augen zum Trotz, in die Beamtenstube, um das tägliche Quint Qual und Pein in das Volks zu kotzen. À propos kotzen : wie der Meister Vollpferd das so denkt, merkt er seinen Kragen warm bespuckt, denn in der Dunkelheit, da kann man sagen, was man wilt, macht er sich in der gauchigen wässrigen Erde recht gut als ebensolche. Ihm dreht die Welt »jetzt erkenn‘ ich dich, ventus contortus et rotatus, jetzt ist das Standbild still, und wie du mir erscheinst, so bist du«. Hachje, es naht sich schon der nächste und speit ihm auf die juckend‘ Hand. Der Alchimist schafft es nicht, sich zu rappeln, erkennt aber, während er versucht, dem Pfuhl zu entkommen, und ihm der verbrauchte Hirsebrei in die Manteltasche läuft, gefurzten (oder gerülpsten – wer kann das jetzt noch sagen?) Ingwer, etwas Nelke hockt darauf, Muskat, Galant, Kardamom und Zimt. Das will ihn also nicht trügen, man hat eine feine Küche hier beieinander. Schon ist er auf seinen Vieren, die Säufer schon weitergezogen, setzt‘ sich doch beinahe eine Dirn auf seinen Steiß, um das Wasser abzuschlagen. Mit einem gellenden »der Boden lebt« fährt ihr’s dann aus der Blase, aber nicht im Sitzen. »Ich werde die Zukunft erfinden«, sagt der Meister Vollpferd mit einem anständigen Krächzen, »ich werde sie so gestalten, dass niemand von euch – nein, überhaupt kein Mensch! – es sich im kühnsten Weindelir erdenken kann! Ich – jawohl ich – sorge für das Ende der Geschichte!« Wo man also in lustiger Torkelei den Alchimisten aus der Schissgruob steigen sieht, trollt man sich bald, weil man ihn für einen Dämon hält, der, wie bekannt, auf Abtritten erscheint.

2

Da kam ins Dorf einer, den hatte man von weit her geholt, der trank viel und verströmte den Geruch einer angesengten Ziege, die in ihrem eigenen Kot verging. Seine Angewohnheit, morgens mit einem angstvollen Luftsprung zu erwachen, das Schwert gezückt, die Augen weit aufgerissen, sprach sich schnell durch den Mund der Wirtin Gildema herum, bei der er unterm Dachstuhl hauste, bevor er ins Schloss hinüberzog. Die Landbevölkerung erschauerte, denn auch wenn ein Solcher im Stande sein soll, für den Markgrafen Friedrich Metall zu transmutieren, muss man davon gehört haben, dass solche Leute Kinder fressen (man denke an den Gilles de Rais). Sollte so einer Einzug halten dürfen in diesem schönen Gebürg, sich unter den Hiesigen bewegen, ratend, rätselnd, wo er den Honig hinschmieren wollen würde, wenn der Ofen bei 300 Grad gähnte und den Braten forderte? Der da so ankam, nannte sich Meister Vollpferd, gerade weil er einen ganzen Eimer leeren konnte – man möcht‘ nicht nachdenken, was da drinnen. Und so ging die Mär, dass er die jungen Weibsen um ihren Urin bat, dass denen bald der Schädel platzen musste vor Rötung. Wirr redete der außerdem:

    »Eins, und es ist zwei; und zwei und es ist drei; 
    und drei und es ist vier; und vier und es ist drei; 
    und drei und es ist zwei; und zwei und es ist eins.«

Als der Meister aber einmal den gebrochenen Haxen des Bauern Wiegand wieder richtete, verstummte bald der Hohn und man stellte ihm den Urin in Milchkannen vor die Tür.

Es ist eine grundlegende Erfahrung, die man machen kann, nämlich dass die Lebenden nicht wissen dürfen. Die Wenigen, die dennoch wissen, sind von jeglicher Gesellschaft ausgeschlossen; Wissende, ja Weise, sind den Toten näher. Deshalb sind die Menschen aufgrund ihrer schier unbegreiflichen Dummheit nicht eigentlich zu verurteilen. Man meide sie besser, wenn man es kann. Gelingt das nicht, spiele man mit ihnen wie mit einer jungen Katze. Das erfrischt die Muskulatur.

Flammenhaar

ich sah
und Rausch betrank sich dann
gefühlt blieb Erde trocken, doch
der Sinn
schwand mit dem Leben

einst fror
ein Stein mit seiner Brut
und log
das Alter an, will mich
zur Feuerstelle quälen
ein Tropfen
Flammenhaar

ich sah
ein Knirschen folgte mir
zerbrochen
und dann dir

der Sprung
und Elegien pfeift
wer diesen Ort benennt

Was es ist

Haben wir keine Stadt, vielleicht weil wir
die konzentrischen Kreise noch nicht bilden können,
müssen wir den Grundstein ausgraben. Kabel
Fernsehen kostet Aufpreis, Ventilator, Hand
Tuch, Bettzeug sind umsonst. Willkommen!

Das Unmenschliche besteht im Schein der
Freiheit; nur wenn du glaubst, bist du
wirklich ein Gefangener. Sie machen dich
glauben, darauf wette ich

an ihr Geld an dich als Individuum. An

deinen Nutzen außerhalb der Sklaverei, die
so kompliziert ist, dass du dir nichts dabei
denken musst, wenn du ihnen auf den Leim gehst.

Wir haben eine Sprache, aber keine Sprache
allein taugt dazu, die Welt zu verstehen. Ent
weder du benutzt alle Sprachen oder du erfindest
das, was an einer einzigen Sprache fehlt :

Rondo

Spielt mit den Lumpen der
Ausgezogenen, um das
Fürchten zu lernen : sie, die

Kleider pflückt in ihren Korb,
darin sich Taubenfedern unterhalten,
ein schönes Gespräch davontragen.

Der Sackhüpfer kreuzt von links,
leistet sich Vorschub, entwischt in
den köchelnden Thermen, wieder

aufersteht als Seifenblase eines Tages
im Mai, zerplatzt an den Fingern
derer, die Kleider pflücken. In ihren Korb.

Qualität der wilden Macken

Subkultur. Nur wenn man sich unsichtbar
Oder Unscheinbar macht, fährt man mit.

Zunächst sitzt ein Kleid auf einer Bank,
Angezogen von Füßen, die von Schuhen nicht
Eingekesselt
(es ist etwas Seltsames an
Füßen, sie erweitern das
Geschlecht).

Die Landschaft ist ein Streifen mit der
Zunge, aber mit den Füßen auf der Erde,
Auf der Bank und dem Kleid,
Erkannten dich die Glockenblumen wieder.

Thorns Bouquet

wo ihr jetzt zu den Windmühlen gelangt
& die Wassermenschen jagt mit Sonar
verachte ich euch tiefer, wünsche euch
die Schrecken jedes einzelnen Fluchs
jeder einzelnen schwarzen Gallsaft=Lippe
aller Zeiten
alle Qualen

es ist der falsche Jasmin, der diesen
Wachtraum verursacht, in dem die
Erkenntnis steckt, daß der Mensch in
seiner Seele eine Welt vergangener
Existenzen trägt

vom fetten Wahn wie
Trauben springen
ein ausge-
peitschter Wurm peitscht hinternlästig
nie näher an den Traum, man
gelangt nie näher hin zum Staub

Momentane Argumente

Argumente in einem verkleideten Raum
passen sich den Wänden an, täuschend echt
stechen sie aus der Ummantelung, unfähig, sich
zurückzuhalten. Ihr Blut ist mit dem
Messer verwandt. Geräusche kommen und gehen,
verabschieden sich mit Handschlag. Die
Souveränität ist ihnen anzusehen.

Außerhalb der Umfriedung treibt ein Spiel
sein Unwesen, hängt Gartentüren aus und
beschmiert sie mit abgelaufenem Senf. Nichts
könnte schöner sein als der Schock des kalten
Wassers nach einer durchwachten Nacht,
ohne Kuckucksuhr, ohne Okular, kurz : ganz
auf die Sache eingeschworen.

Das pataphysische Problem

dieser endgültigen Welt schien man ausgeliefert zu sein, dieser ein-für-allemal-Unbeständigkeit, diesem Hervorbrechen der Ungewißheit, des steten Wandels, Gylfaginning nennt es die Edda, χάος nannten es die Griechen in ihrer alten Sprache, die heute nur noch ein leeres Gefäß ist und an die Zeit der humanistischen Bildung erinnert, an Schulpforta, dem Gotischen Haus, dem Neugotischen Haus und dem einstigen Kälberstall, in dieser Welt ruhst du nun aus, oh mein Haupt, tat tvam asi, schaust der endgültigen Welt etwas in die umherschweifenden, das heißt: irren Augen, und freust dich, labst dich am Bach dort an der Mutterbrust, eine Weile zumindest, bis du groß und stark wie eine vollgesogene Zecke von alleine abfällst, du findest darin Calcium, Makrophagen, Wasser, Spurenelemente, Lipasen, Phosphor und Kohlehydrate, das ist mehr als dich später erwartet, wenn die H-Milch erfunden sein wird
(das pataphysische Problem)
wir wissen genau was drin ist, solange wir daran lutschen, haben wir keine Worte dafür, sobald wir die Worte gefunden haben, verschwinden im gleichen Atemzug die Geschmacksknospen für das, was wir schmeckend ausdrücken wollen