Die rote Frau / Alex Beer

Es ist ganz klar: Der historische Kriminalroman hat Vorzüge, die mich stets dann begeistern können, wenn die Lebendigkeit der gewählten Epoche voll ausgebildet ist. Man mag an dieser Reihe vielleicht die etwas naive Sprache der Autorin bemängeln, aber ihren historischen Kontext kann man nur herausheben.

Es gibt beileibe viele Autoren, die sich nicht anders zu helfen wissen und deshalb einen Infodump betreiben müssen, um Informationen an den Leser weiterzugeben (für mich immer ein gutes Argument, das Buch zu beenden und den Autor niemals wieder zu konsultieren), aber auch wenn mir – insbesondere die Sprache – anfänglich etwas zu einfach erschien, schmälert das die unterhaltsame Qualität von Beers Büchern keineswegs und sie macht diese Kleinigkeit mit all ihren anderen Finessen wieder wett. Oder vielleicht ist es ja gerade dieser einfache Stil, der die Imagination überhaupt erst beflügelt – Stoff für einen anderen Artikel.

Mir hat der erste Band zumindest so gut gefallen, dass ich nicht nur die vier Emmerich-Bände lesen werde, sondern auch ihren Isaak Rubinstein. Im “zweiten Reiter” war es dann auch lediglich die hektische und überstürzte Auflösung, die das Gesamtbild vielleicht etwas getrübt hat. In der “roten Frau” wird diese allerdings noch spektakulärer. Interessanterweise empfinde ich den Roman aber etwas ausgewogener in seinem allgemeinen Tempo, das ja ohnehin in dieser Reihe keine Wünsche offen lässt; Abschweifungen sind überhaupt nicht vorhanden, so dass man wirklich wie der Blitz durch die Seiten fegt.

In “Die rote Frau” klappert Emmerich viele rote Heringe ab, um alle infrage kommenden Täter vorzuführen, die den Stadtrat Fürst ermordet haben könnten. Tatsächlich muss der Kommissar nur der Schnur folgen, auf der alle Informationen aufgereiht hängen. Doch diese Schnur haben seine Kollegen von der Abteilung “Leib & Leben” im Wien von 1920 gar nicht erst gesehen.

Emmerich umgibt auch hier die Atmosphäre des Einzelgängers, der noch immer Obdachlos in einem Männerwohnheim untergebracht ist. Man folgt ihm gerne, wie er sich Regeln wiedersetzt ohne eigentlich ein Regelbrecher zu sein, wie er um seine nackte Existenz kämpft, die an einem seidenen Faden hängt. Sein Antrieb ist weniger die Gerechtigkeit selbst, auch wenn die ihn trotzdem interessiert, wissend, dass die Welt ein Scheißhaus ist, sondern seine “Familie”, die ihm im “zweiten Reiter” durch einen Kriegsrückkehrer “gestohlen” wurde. Und dieser Familie geht es ganz und gar nicht gut, weil aus dem Rückkehrer im Krieg ein anderer Mensch geworden ist, der nicht für seine Familie sorgen kann, die abgemagert vor der Suppenküche ansteht. Emmerich will das natürlich ändern, aber dazu muss er sich erst einmal selbst auf die Reihe bekommen – und so verbindet sich dieser übergeordnete Erzählstrang, der im ersten Buch beginnt, mit genau diesem Vorhaben, erst einmal seine eigene Position zu festigen. Die nämlich hat sich nicht verbessert, obwohl er endlich bei der Kriminalpolizei gelandet ist, und, verachtet von seinen Kollegen, nur Tipparbeiten zu erledigen hat.

Der Fall Fürst gilt als abgeschlossen, ein armer Hund, der ebenfalls im Obdachlosenheim lebt, wird fälschlicherweise als Täter inhaftiert. Andere Obdachlose setzen Emmerich in Kenntnis, dass Peppi, so der Name des Unglücklichen, das gar nicht gewesen sein kann, weil er den Stadtrat Fürst verehrte und einigen Grund für seine tiefe Dankbarkeit haben dürfte. Natürlich hätte Emmerich selbst gerne an diesem großen Fall mitgewirkt, stattdessen soll er den vermeintlichen Fluch an einem Filmset untersuchen, dafür scheint er seinen Vorgesetzten gut genug zu sein, aber Emmerich, mit allen Wassern des Elends gewaschen, schlägt die Zusage seines Chefs heraus, beteiligt zu werden, wenn er diesen “lächerlichen” Fall auflöst. Tatsächlich beginnt hier das Räderwerk der Autorin anzulaufen und sie hält das bis zum Schluss auch durch, denn obwohl Emmerich an besagter Schnur entlang tappt, ist es doch seine ganz spezielle Art und Weise, die im besten Fall unkonventionell genannt werden darf, die ihn überhaupt diese Schnur entlang führt.

Dabei bewegt er sich wieder einmal völlig außerhalb jedweder Unterstützung und auch Legalität, nur begleitet von seinem Adlatus Ferdinand Winter, der im Gegensatz zu ihm adliger Herkunft ist (während er eine Waise ist, gefunden an einem Augusttag, weshalb er auch seinen Namen trägt). Der ist hier vielleicht etwas blasser dargestellt als noch im ersten Buch, stellt aber weiterhin den Kontrast zu Emmerich her, folgt seinen ungewöhnlichen Ideen und bewundert seine Gerissenheit sicherlich ein Stück weit. Früher hatte man solche Plätze für Frauenfiguren freigehalten, die allerlei zu ertragen hatten und immer mal wieder entführt wurden, hier ist es nun wiederholt Winter, der etwas einstecken muss – aber keineswegs allein, denn Emmerich ist durchaus bereit, sich auch mal zu prügeln, um an Informationen zu kommen. In dieser Zeit ist es nicht einfach, die Grenze zwischen Ordnung und Gesetz auf der einen Seite und Verelendung und Kriminalität auf der anderen Seite zu ziehen. Die Grenzen verschwimmen massiv, und Beer zeigt das auch mit großem Können, verheddert sich nie im Gewirr zwischen Geschichte und Erzählung.

Die Spuren führen Emmerich hier in einen fast unantastbaren Kreis, einer Gesellschaft, die gehörigen Einfluss hat und einen perfiden Plan verfolgt, die das ungute Kapitel der Eugenik anreißt, die zu dieser Zeit ihre ersten Schritte unter dem Deckmantel der Wissenschaft macht. Noch ist es nicht soweit, noch muss man ganz offiziell “morden”, aber wir alle wissen, wohin diese Wissenschaft schlussendlich führen wird, vor allem, wenn sie sich in den Händen völkischer Revolutionäre befindet.

Tatsächlich ist Alex Beer eine jener Autorinnen, die mit August Emmerich eine geniale Figur geschaffen hat. Für Liebhaber des historischen Kriminalromans ist sie momentan sicher eine der ersten Adressen.

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