Der Schatz des Abtes Thomas / M. R. James

In M. R. James‘ literarischem Universum ist Latein die Sprache der Gelehrten – wer etwas auf sich hält, beherrscht sie fließend. Dies gilt nicht nur für James, sondern erinnert auch an Umberto Eco. Folgerichtig beginnt die Erzählung Der Schatz des Abtes Thomas mit einer umfangreichen lateinischen Passage, die der Antiquar und Gutsherr Mr. Somerton umgehend zu entschlüsseln versucht. Was er dabei entdeckt, ist ihm zunächst nicht völlig klar, doch die Hinweise locken ihn auf die Spur eines verborgenen Schatzes. Diese Schatzsuche führt ihn schließlich in eine ihm fremde Gegend, die den Leser nach und nach enthüllt wird.

Mr. Somerton lebt auf dem europäischen Festland, in der Nähe von Koblenz, und gerät dort in eine bedrohliche Lage. Sein treuer Diener, unfähig, ihm selbst zu helfen, schreibt einen dringlichen Hilferuf an einen befreundeten Pfarrer in England. Dieser erkennt sofort die Dringlichkeit der Situation, nimmt das nächste Schiff und findet seinen antiquarischen Freund in einem entkräfteten, verängstigten Zustand vor. Somerton ist nicht in der Lage, über die Ereignisse zu sprechen, die ihn derart erschüttert haben. Bevor er seine Geschichte erzählt, bittet er den Pfarrer jedoch, eine Aufgabe zu erfüllen, deren Natur zunächst unklar bleibt. Erst nachdem diese vollbracht ist, offenbart er die düsteren Geschehnisse.

Die Handlung entfaltet sich als ein raffiniertes Spiel um den verborgenen Schatz. Rätselhafte Hinweise in Glasfenstern und chiffrierte Botschaften führen schließlich zu einem alten Brunnen, in dessen Tiefe der Schatz ruht. Doch Somertons unbändige Neugier wird ihm beinahe zum Verhängnis. In einer mondbeschienenen Nacht erreicht er das Ziel seiner Suche – und begegnet dem übernatürlichen Hüter des Schatzes. Diese Kreatur, eine albtraumhafte, tentakelbewehrte Erscheinung, greift nach ihm und würgt ihn fast zu Tode. Der Schrecken, den sie ausstrahlt, erinnert stark an Lovecrafts cthulhoide Wesen.

Die Aufgabe, um die Somerton einen Freund bittet, dreht sich darum, den Brunnenschacht wieder zu verschließen, damit sich das Ungeheuer wieder zurückzieht.

Doch die Geschichte endet nicht mit einer klaren Erlösung. Ein Detail bleibt bestehen: Die lateinische Inschrift über dem Brunnen, die Somerton übersehen haben muss, beschreibt ein „scheußliches Geschöpf, das am ehesten einer Kröte gleicht“ und trägt die Mahnung: Depositum custodi – „Bewache das dir anvertraute Gut.“

Diese doppeldeutige Botschaft hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Wer oder was ist hier betraut worden? Ist es der Schatz selbst, der der finsteren Kreatur anvertraut wurde, und wird sie nun, nach der erneuten Versiegelung, zur Ruhe kommen? Oder hat sich das Wesen womöglich an Somerton gebunden? Schon zuvor hatte etwas an Türen gerüttelt und für unruhige Träume gesorgt. Ist die Bedrohung wirklich gebannt – oder wird der Schrecken weitergehen?

Eine zentrale Frage bleibt unbeantwortet: Warum hinterließ Abt Thomas überhaupt Hinweise auf seinen Schatz, wenn dieser so unüberwindbar bewacht wird? Dieses Rätsel verstärkt die unheilvolle Atmosphäre der Erzählung und spielt mit der klassischen Thematik des Verbotenen, das den Menschen dennoch unwiderstehlich anzieht.

Der Literaturwissenschaftler S. T. Joshi bezog sich einmal auf H. P. Lovecrafts Analyse von James‘ Geistergeschichten. Lovecraft beschrieb die Wesen in James‘ Erzählungen als „mager, zwergenhaft und haarig – träge, höllische Nachtgestalten, die zwischen Tier und Mensch stehen.“ Diese Charakterisierung ist nicht unzutreffend, greift aber zu kurz. Tatsächlich verkörpern James’ Gespenster eine tiefere Symbolik: Sie sind primitiv, unzivilisiert und stehen in scharfem Kontrast zu den gelehrten, skeptischen Antiquaren, die James als die höchste Form menschlicher Errungenschaft betrachtet.

Dieser Gegensatz ist besonders in Der Schatz des Abtes Thomas spürbar. Als Somerton dem urzeitlichen Grauen im Brunnen begegnet, schreit er „wie ein wildes Tier“ – ein Moment, in dem die zivilisierende Hülle des gebildeten Menschen abfällt und der instinktive, rohe Schrecken übernimmt. Hier zeigt sich eine fundamentale Einsicht in James‘ Werk: Der Kontakt mit dem Ursprünglichen und Ungezügelten hat das Potenzial, selbst den kultiviertesten Geist zu brechen.

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