Der Tod der Mrs. Westaway

Die britische Autorin Ruth Ware befindet sich in guter Gesellschaft. Ihre Mystery- und Thriller-Romane wurden schon mit Krimiautorinnen des Goldenen Zeitalters wie Agatha Christie, Josephine Tey und Dorothy L. Sayers verglichen. Ihre früheren Romane – Woman in Cabin 10, In einem dunklen, dunklen Wald und Wie tief ist deine Schuld – basieren auf klassischen Krimimustern und handeln von Frauen, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befinden.

Dieses Konzept hat sie im vorliegenden Roman verändert. Hier schreibt sie über eine Protagonistin, die sich absichtlich in eine trügerische Situation begibt. Es geht um Geld und es geht um eine sehr seltsame Erbschaft.

Eine Ode an die gute alte Zeit der Kriminalromane

In dieser modernen, von einer Gothic-Atmosphäre geprägten Spannungsgeschichte unterstreicht Ware ihre ausgeprägte Fähigkeit, Vergangenheit und Gegenwart zu verschmelzen, und liefert einen aktuellen Kriminalroman mit einer tiefen Verbeugung vor großen Klassikern. Von all ihren Titeln ist Der Tod der Mrs. Westaway sicher einer der wirkungsvollsten Reminiszenzen an die glorreiche Zeit der Kriminalromane, denn der Roman bietet nicht nur eine Handlung, die einer Agatha Christie würdig ist, sondern auch eine absolut einnehmende Atmosphäre. Es ist alles da: Familiengeheimnisse und natürlich ein beeindruckendes Herrenhaus. Ruth Ware weiß diese klassischen Motive sehr gut für ihre ureigenen Zwecke zu nutzen; hier ist es der Hauch von Daphne du Mauriers Rebecca, der im Prolog, einer Meditation über Elstern, anklingt.

Wie du Maurier wirft auch Ware Fragen nach dem Wo und Warum auf. Die im Prolog beschriebenen Elstern sind allgegenwärtig und beunruhigend. Ware verweist dort auf „One for Sorrow“, ein traditionelles Kinderlied.

Der Volksmund sagt, dass „die Anzahl der Elstern, die man sieht, darüber entscheidet, ob man Pech oder Glück im Leben haben wird.“

Hal (Harriet) Westaway ist eine Waise, die als Madame Margarida in einem heruntergekommenen Kiosk am Brighton Pier Tarotkarten legt. Sie lebt in unglücklichen Verhältnissen und weiß kaum, wie sie über die Runden kommen soll. Es ist November, die Besucherzahlen sinken, und die Nächte sind kalt und dunkel. Schlimmer noch, sie schuldet einem Kredithai Geld, der ihre Existenz und ihre persönliche Sicherheit bedroht. Dann erhält sie überraschend einen Brief, der ihr eine enorme Verbesserung ihres Lebens verspricht. Ein Anwalt lädt sie ein, nach Penzance zu einer Testamentseröffnung zu kommen.

In den Jahren, seit ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben kam, ist Hal zu einer ziemlich abgebrühten jungen Frau geworden, die hart werden musste, um zu überleben. Ihr Überlebensdrang hat sie dazu gebracht, sich als Hochstaplerin auf den Weg nach Penzance zu machen, denn sie weiß, dass sie nicht die gesuchte Erbin sein kann und hier offensichtlich eine Verwechslung vorliegt. Aber natürlich steckt mehr in dem Brief des Anwalts, als sie ahnt.

Das eigentliche Rätsel hier liegt auf Hal. Was ist ihre Verbindung zu einer Gruppe von scheinbar Fremden, die sie zum ersten Mal auf einer Beerdigung trifft? Hals Leben und ihre Lebensumstände – sowohl vor als auch nach dem Erhalt des Briefes des Anwalts, sind düster, geheimnisvoll und traurig, nur gelegentlich von flüchtiger Freude durchzogen.

Ihr Job ist das einzige, das sie mit ihrer verstorbenen Mutter verbindet – und es ist auch ein Job, der Hal einige sehr wertvolle Fähigkeiten vermittelt hat, die sich bald als nützlich erweisen, als sie sich in die Familie einschleust und behauptet, jemand zu sein, der sie nicht ist.

Wenn man dann noch die geheimnisvolle Atmosphäre und die Intrigen, die Hal mit ihren Tarotkarten auslöst, hinzufügt, hat man ein Rezept für Spannung, die man aufs äußerste genießen kann. Hal mag zwar nicht an die Echtheit ihrer Karten glauben, aber ihre Beziehung zu ihnen – und zu dem Familienerbe, das sie repräsentieren – entwickelt sich und wächst im Laufe des Romans auf effektive und fesselnde Weise. Hals Kartenlesungen sind fast wie Wegweiser durch das ganze Buch, die wichtige Momente in ihrem Leben markieren und sie immer mehr mit ihrer Mutter verbinden.

Es wäre unmöglich, dieses Buch zu besprechen, ohne den absolut tadellosen Sinn für den Ort zu erwähnen, den Ware hier geschaffen hat. Das gotische Herrenhaus, das im Mittelpunkt dieses Buches steht, ist ebenso beeindruckend wie die Geheimnisse, die es birgt. Ware hat es hervorragend geschafft, das Haus zu einem eigenständigen Charakter zu machen, voller Persönlichkeit und beunruhigender Erinnerungen, die ihm eigen sind. Obwohl es sich technisch gesehen nicht um einen Krimi mit einem verschlossenen Raum handelt, sind viele Elemente allerdings genau auf diese Weise arrangiert: Das Buch hat eine begrenzte Anzahl von Charakteren, und es gibt viele Momente, in denen sie relativ abgeschottet von der Welt daran arbeiten, lange verborgene Familiengeheimnisse auszupacken. Es handelt sich nicht um eine gewalttätige oder actionreiche Geschichte, sondern um eine ruhig dahintreibende Erzählung die ihre Energie und Spannung aus der Auflösung der Bande bezieht, die eine dysfunktionale Familie zusammenhalten. Vom Schauplatz über die Protagonistin bis hin zur grüblerischen Atmosphäre: Der Tod der Mrs. Westaway ist eine Paradebeispiel dafür, wie man auch heute noch gute Erzählungen konzipieren kann.

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